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Islam – Signal wofür?

Liebe Freundinnen, liebe Freunde

des Forums integrierte Gesellschaft,

Unser letztes Treffen fand in sehr reduzierter Runde statt, weil fast die ganze sonstige Besetzung sich aus unterschiedlichen Gründen entschuldigen musste. Nächstes Mal sind wir hoffentlich wieder vollzählig – plus, plus, plus.

Nichtsdestoweniger war das Treffen fruchtbar in Bezug auf die Klärung der Fragen, die wir des Weiteren behandeln wollen. Ein knapper Rückblick auf die Schwerpunkte der letzten Treffen mag für das Verständnis des kommenden Themas nützlich zunächst sein. Unten findet Ihr das neue Thema und den Termin:

Wir setzten mit der Frage ein, wofür das verstärkte Aufkommen des Islam in der globalen Auseinandersetzung heute ein Signal sein könnte. Die bloße Erklärung, dass „der“ Islam nach „dem“ Kommunismus die Stelle des für die eigene Identitätsbildung der westlichen, amerikanisierten Welt notwenigen Feindbildes einnehme, reicht aus unserer Sicht nicht aus. Der Islam, in welcher Konsequenz auch immer vertreten, hat, solange er überhaupt als Islam vertreten wird, der sich auf den Koran als letzte Wahrheit bezieht, den Charakter einer „letzten Warnung“ Gottes, Allahs, zu den durch die jüdischen und christlichen Propheten offenbarten Glaubenswahrheiten zurückzukehren – wenn der der Mensch nicht der ewigen Verdammnis und dem ewigen Feuer anheimfallen will. Der Islam tritt in seinem Grundverständnis als letzte, unabweisbare Reform alt- und neutestamentarischer Offenbarung auf. Allah fordert  - zum letzten Mal – Unterwerfung unter seine längst erlassenen und wieder vergessenen Gebote – wer nun immer noch nicht hören will, muss später fühlen. Sofern jemand sich zum Koran als dem „offenbarten  Wort Gottes“ bekennt, will und muss er daher die „Ungläubigen“ von dieser endgültigen Botschaft überzeugen – wie auch immer, sei es freiwillig oder mit Gewalt. Ein Ausweg kann nur in Resignation liegen – wenn der gläubige Muslim gegenüber dem „Ungläubigen“ aufgibt sich um dessen seelische Rettung zu kümmern. Diese Grundsituation gilt für jede Form des Islam, auch den aufgeklärtesten – sofern er sich, was jeder Islam tut, auf den Koran als Gottes unmittelbares Wort bezieht.

Mit dieser Skizze lasse ich unseren Ansatz  stehen, ohne dass damit alle Fragen beantwortet wären, versteht sich. So ausgerüstet konnten wir jedoch zur nächsten Frage übergehen. Sie lautete: Auf welcher Grundlage konnte sich nach Auftreten des Islam die Hegemonie eines des muslimischen Kulturraumes ausbilden, der die Weltgeschichte über sechs/sieben Jahrhunderte prägen und dominieren konnte. Diese Frage führte uns  tiefer in den Charakter des Islam hinein, nämlich im Wesentlichen zu der Tatsache, dass der von dem Reformator Mohammed gestiftete Islam  die vom Christentum vorgenommene Trennung von Staat und Kirche rückgängig macht, ebenso wie die vom Christentum entwickelte Dreieinigkeit Gottes, die Mohammed als Rückfall  in Vielgötterei, also „Götzentum“ missverstand und daher mit der Forderung nach der Anerkennung der Einheit Gottes, Allahs, als Alleinigem und Einzigem bekämpfte. In dieser Forderung nach Allah als dem EINZIGEN kam Mohammed in der Zeit nach dem Auseinanderfallen des römischen Reiches einem Zeitbedürfnis nach Sicherheit, Einheit und Heimat der damaligen Menschen nach, in der sich. In der Einfachheit der Glaubensanforderungen, die sich im Prinzip in der Anerkennung dieser Einheit Gottes erschöpft, konnte sich zugleich die tatsächliche Vielfalt dieser nachrömischen Welt regenerieren und in weiten Strecken in die Fußstapfen des zerfallenden römischen Reiches treten. Auch dies sind nur Annäherungen an die Frage nach dem Wesen dieses Kulturraumes, die weiterer Vertiefungen und Erweiterungen bedürfen.

Wir setzten aber im dritten  Treffen trotzdem mit einer frischen Frage an, nämlich: Welches sind die Ursachen für die Ablösung des muslimischen Kulturraumes durch die Entstehung der christlich-abendländischen Hegemonie im Laufe des 13. und 14. und 15. Jahrhunderts? Ganz sicherlich sind sie nicht nur, nicht einmal ursächlich in den Kreuzzügen des 12. und 13. Jahrhunderts zu suchen; sie sind Ausdruck und Verstärkung einer bei ihrem Aufkommen bereits stattfindenden Kräfteverschiebung, obwohl diese Kriege verstärkend zu den Kräfteverschiebungen beigetragen haben. Die Ursachen fanden wir eher in inneren Problemen des islamischen Kulturraumes, also etwa in der Überdehnung des Einheitsanspruches, dem die tatsächliche Pluralität des vereinnahmten Raumes in stark voneinander unterschiedene geografische, ethnische und kulturelle Facetten des Glaubens entglitt. Anders als die christliche Welt entwickelte die muslimische ja keinen Papst als höchste geistliche Autorität der weltlichen Macht, so dass Staat und Kirche auch getrennt voneinander existieren konnten, sondern weltliche und geistliche Macht waren im Kalifat vereint – allmächtig, solange der Kalif an der Macht war, aber dem Auf und Ab der Völkerbewegungen und politischen Veränderungen unterworfen, wenn der Kalif schwächelte. Eine entscheidende Rolle für den hegemonialen Stafettenwechsel zwischen dem muslimischen Kulturraum und dem christlich-abendländische  Raum des damaligen Europa dürften im Übrigen die Einfälle der Mongolen im 13. und 14. Jahrhundert gespielt haben, die den asiatischen Teil des muslimischem Kulturraumes unterwarfen, das westliche Europa jedoch, obwohl militärisch von ihnen besiegt, nicht besetzten. Dabei gingen die Kreuzkrieger sogar noch Bündnisse mit den Mongolen ein. Im Zuge der so skizzierten – für damalige Verhältnisse – globalen Bewegung trat das Abendland das kulturelle Erbe des islamischen Kulturraumes an, der seinerseits zuvor den persischen und griechischen zusammengeführt hatte. Hier gibt es  noch sehr viel zu forschen, was auch für das heutige Verhältnis von  „Westen“ und islamischer Kultur von Bedeutung sein dürfte.

Fragestellung für das nächste Treffen am Samstag, d. 23.10. 2010

Ab 15.00 Uhr Sammeln. Schmausen und Plauschen; ab 17,00 Uhr Debatte.

Wie schon die letzten Male in der Jurte.

Vor dem Hintergrund der so skizzierten Schritte – Dominanz des islamischen Kulturraumes über die christlich-jüdischen nach römischen Gemeinden, abgelöst durch die Dominanz des christlich-abendländischen Europa über den vorherigen muslimischen Raum – wollen wir beim nächsten Treffen folgender Frage nachgehen:

Ist eine andere als eine Dominanzbeziehung zwischen Islam und den anderen monotheistischen Religionen möglich? Anders ausgedrückt: Sind muslimische „Paralellgesellschaften“ im Bereich anderer Religionen, umgekehrt christliche, jüdische oder sonstige „Paralellgeselschaften“ im muslimischen Kulturraum möglich und/oder wünschenswert?

Zu dem Thema kann selbstverständlich ausser dem, was schon zu unseren letzten Treffen als Text angegeben war auch Herr Sarrazin mit  Erkenntnisgewinn (wenn vielleicht auch nicht unbedingt mit Vergnügen) gelesen werden.

Außerdem kann ich Euch die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Gazette“ (auch im Web) empfehlen, die sich mit der Frage des Islam sehr umfassend auseinandersetzt; dort findet sich unter vielen anderen recht interessanten Artikeln auch ein Text von mir.

Seid herzlich gegrüßt, Kai Ehlers

Schlagwörter: Bund, Christentum, Ethik, Götzendiener, Islam, Krise, Mohammed, Monotheismus, Religion, Rom