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Auf den Spuren Attilas – Die Wiederentdeckung eines historischen Mythos.

Als sich vor Jahren der eiserne Vorhang hob, wurde ein anderer, viel älterer Vorhang sichtbar –  jener, der sich über die asiatische Geschichte Rußlands, genauer über den nomadischen Ursprung seiner Vielvölkerrealität gelegt hat. Heute kommt diese Realität wieder in Bewegung und damit die Erinnerung an die Helden dieser Bewegung, an, Attila, später, auch Tschingis Chan. Unser Autor Kai Ehlers folgt den Spuren dieser Erinnerung im heutigen Rußland.

O-Ton 1:  Klagelied im Bus            1,34

Regie:
Langsam kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, kurz stehen lassen, wieder abblenden.

Erzähler:
Unterwegs an der mittleren Wolga.. Eine kleine Reisegesellschaft, zusammengestellt vom „Twuschwaschischen Kulturzentrum“ in Tscheboksary, befindet sich auf der Fahrt entlang des „Silbernen Ringes der alten tschuwaschischen Geschichte“. Tscheboksary ist die Hauptstadt der tschuwaschischen Republik an der mittleren Wolga. Zusammen mit fünf weiteren autonomen Republiken bildet sie dort einen ethnischen Flickenteppich nicht-russischer Völkerschaften im Herzen der russischen Föderation. Das Lied, das die kleine Reisegesellschaft singt, ist eine uralte tschuwaschische Volksweise. Es beklagt den Verlust der Heimat. Dasselbe Lied empfängt uns an allen Orten, wo uns kleine Komitees in Landestracht erwarten. Die mobile Geschichtskunde ist ein Ereignis, das gemeinschaftlich begangen wird. Früher wäre soetwas als nationalistische Abweichung unmöglich gewesen. Jetzt wird Geschichte erstmals wieder aus tschuwaschischer, nicht aus russischer Sicht erlebt:  Der Ring, den der Bus in drei Tagen erst flußabwärts, dann am anderen Ufer zurück in einem Gebiet von der Größe Süddeutschlands abfährt, beinhaltet eine Reise zu den vergessenen  Städten des mittelalterlichen Bolgarstan, dem Staat der Wolgaubolgaren. Von ihm leiten die heutigen Tschuwaschen ihre Herkunft ab.
…Ende des Liedes, Lautsprecher

Regie:            bei 1,04
Allmählich hochziehen,  kurz stehen lassen und wieder abblenden

Erzähler:
Tajabo, Tikesch, Bolgar, Püler heißen die alten Städte, zu denen die Reise führt. Vergessene Namen. Über 70 befestigte Städte habe es in Bolgarstan in der Zeit vom siebten bis Anfang des dreizehnten Jahrhunderts gegeben, erklärt der Schriftsteller Mischa Juchma, der als Vorsitzender des „Tschuwaschischen Kulturzentrums“ die Reise leitet. Sie wurden von den Bolgaren gegründet, die nach der Niederlage Aittlas auf den katalaunischen Feldern im Jahre 451 dort ein neues Zuhause fanden, nachdem sie vorher als Teil der Hunnen nach Westen gestürmt waren. Es waren stolze Festungen, die die Bolgaren bauten, aber nicht eine davon blieb erhalten, als Anfang des dreizehnten. Jahrhunderts eine zweite nomadische Völkerwelle nach Westen stürmte, die Mongolen:

O-Ton 2: Mischa Juchma            0,35

Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer:
„“Kagda Mongoli prischli….
„Als die Mongolen kamen, war Püler die Hauptstadt unserer Vorfahren. Viele Lieder über den Untergang Pülars sind überliefert, lange, lange Epen. (…) Zar der Tschuwaschen war damals Ultenbyk. Fünfundvierzig Tage hielt er die Stadt. Ultenbyk fiel im Kampf, aber seine Tochter und ihr Mann kämpften noch fast zwei Jahre gegen die Mongolen. Für die Mongolen war das ganz und gar ungewohnt. Die asiatischen Städte, auch die festesten Burgen waren ihnen innerhalb von Tagen zugefallen. Darüber ist bis heute nichts bekannt, es ist fast vergessen; das wird unseren Kindern nicht erzählt.“
… nje goworili sowim djetim“

Erzähler:
Vieles ist nach Mischa Juchmas Ansicht am gängigen westlichen Geschichtsbild zu korrigieren, das sich auf russische Geschichtsschreibung stützt: Nicht die Russen, sondern die Vorfahren der Tschuwaschen, die Bevölkerung Bolgarstans,  hätten das Land gegen die Mongolen verteidigt., erklärt er der Reisegruppe. Die russischen Fürsten waren vereinzelt, sie halfen sich nicht gegenseitig, verrieten einander sogar an die Mongolen. Bolgarstan dagegen war ein einheitliches Reich. Die Mongolen, so Juchma, wußten genau, daß nicht die vereinzelten russischen Fürsten, sondern das vereinigte Königtum Bolgarstan das Bollwerk war, welches sie nehmen mußten, wenn sie auf ihrem Weg nach Westen den Rücken freihaben wollten. So hätten sie ihre Kräfte darauf  konzentriert, die bolgarischen Städte vollkommen dem Erdboden gleich zu machen. Russische Fürsten dagegen seien bereit gewesen, sogar Tribut für die Mongolen einzusammeln. Auf diese Weise habe auch Moskau zur neuen Macht heranwachsen können.
Und nicht nur das! Das neue Moskau wurde bald zur neuen Bedrohung für die verbliebene nicht-russische Bevölkerung. Sie geriet zwischen die Fronten des zerfallenden mongolischen Weltreichs und der mächtiger werdenden Russen.
Bei einer zweiten Fahrt des Tschuwaschischen Kulturzentrums auf das jenseits der Wolga liegende benachbarte Gebiet der autonomen Republik El Mari, dem Siedlungsbereich einer weiteren ehemals aus der Steppe kommenden Völkergruppe, erklärt Michail Juchma:

O-Ton 3:  Marschroute „Mala Kalzo“            1.05

Regie:
Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Etot marschroute nasiwajetsja…
„Diese Reiseroute nennt sich `Kleiner Ring des alten Tschuwaschien“; die Ereignisse auf diesem  Ring gingen im sechzenten Jahrhundert vor sich. Sie waren nicht nur für die Tschuwaschen wichtig, sondern für das ganze zukünftige Rußland. Damals gab es ja noch kein Rußland: Es gab das Moskauer Zarentum; es gab die harten Konflikte zwischen dem Moskauer und dem Kasaner Zarentum, das heißt den Mongolen. Hier waren die Tschuwaschen entscheidend daran beteiligt, wie sich der euroasiatische Kontinent entwickelte. Sie stellten sich zunächst auf die Seite Moskaus gegen die Mongolen, indem sie sich aktiv an der Eroberung Kasans beteiligten und unterstützten so die Expansion Moskaus nach Osten. Aber Iwan der Schreckliche erfüllte das Versprechen nicht, das er den Tschuwaschen gegeben hatte und buchstäblich anderthalb Monate nach der Eroberung Kasans begann ein Krieg der tschuwaschischen Völker gegen das Moskauer Zarentum. Dieser Krieg dauerte zweiunddreißig Jahre.Er wurde mit dem Fall von Tjala entschieden. Diese Stadt werden wir uns heute ansehen. Ihr Name steht für die Kämpfe um die Unabhängigkeit der tschuwaschischen und marizischen Völker.“
… i marizich narodow“

Erzähler:
Was wir nach Ankunft in dem entsprechenden Bezirk der Republik El Mari dann sahen, waren kahle Steilhänge an der Wolga, unter deren Bewuchs nur noch die historische Phantasie zu erkennen vermochte, was sich dort einst abgespielt haben mochte, als Iwan IV. seinen Krieg gegen die Mari, Tschuwaschen, Baschkiren und andere an der Wolga siedelnde Nachkommen ehemaliger Steppenvölker führte, nachdem sie ihm zuvor den Sieg über das mongolische Restchanat Kasan ermöglicht hatten. Als Krönung seines Sieges ließ Iwan den Adel der besiegten Völker verschleppen oder töten. Die übrige – nicht-russische Bevölkerung sah sich in Grenzgebiete gedrängt, wo sie als vorgeschobene Posten des expandierenden Zarenreiches, Kosaken genannt, in halber Unabhängigkeit vom Moskauer Hofe und halb in seinen Diensten lebten. In periodisch wiederkehrenden Abständen erhoben sie sich; in ebendenselben Rhytmen wurden sie blutig niedergeschlagen. Die sog. großen Bauernaufstände des Stenka Rasin  im 17. Jahrhundert, des Jemeljan Pugaschow im 18. Waren sicher auch Unruhen von Bauern; noch mehr aber waren sie Erhebungen nicht-russischer, halbnomadischer Völker gegen den Siedlungs- und Kolonisationsdrang des zaristischen Moskau.

O-Ton 4: Stimmen, Lied            0,46
Regie:
Ton allmählich kommen lassen, kurz stehen lassen, allmählich abblenden

Erzähler:
Beim Treffen im „tschuwaschischen Kulturzentrum“ geht es noch tiefer hinein in die Geschichte:  Mischa Juchma, selbst Restaurator eines fast vergessenen tschuwaschischen Epos über Attila, den „großen Zar der Hunnen“, wie er ihn nennt,  stellt – nach dem geselligen Teil der Versammlung – Fachleute zur tschuwaschischen Geschichte vor.
Da ist zunächst der greise Dichter Alexander Iwanowitsch Terentjew. Er ist von Haus aus Ingenieur, hat aber ein Buch über die Geschichte Tschuwaschiens und – was das Aufregendste ist – eine Ballade über Attila als tschuwaschischen Zaren verfaßt.
Wie kommt ein Ingenier, der eine tschuwaschische Geschichte schreibt, dazu, ein Ballade über Attila zu verfassen? Die Antwort des alten Mannes ist verblüffend:

O-Ton 5: Alexander Terentjew                0,24
Regie:
Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Mnje o pomminannije tolka…
„Nach meiner Einnerung begann die Geschichte Tschuwaschiens mit der großen chinesischen Mauer: Stiller Ozean, China, Altai, danach die kaspische Steppe, das asowsche Meer; dann kommen schon die Bolgaren, noch nicht die Tschuwaschen. Die kommen später  – alles hunnische Geschichte, Attila. Die Bolgaren teilten sich; die einen wandten sich zur Donau, die anderen kamen an die Wolga.“
…na Wolgu“

Und Attila? drängte ich ihn. Wie entstand die Idee, über Attila zu schreiben?

O-Ton 6: Terentjew 2            0,14

Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, bei Imperator hochziehen, wieder abblenden, weiter unterlegen
HIER O-TON ERGÄNZEN AUS BAND 5/A/330: bis Lenin

Übersetzer:
„Tschuwstwo gordostje…
„Das Gefühl des Stolzes! Keine Geschichte – und auf einmal war da ein berühmter Vorfahr! Auf einmal gab es da unseren eigenen Imperator.
…swoi Imperator“

Regie:
Nach Imperator wieder abblenden, unterlegen, nach Erzähler kurz hochziehen, abblenden.

Erzähler:
Jemand anderes habe es ja nicht gegeben,  fügt der dichtende Ingenieur noch hinzu, höchstens noch Lenin. Lenin stamme ja auch aus einer tschuwaschischen Stadt, aus Simbirsk. Er sei selbst zu einem Drittel Tuschwasche gewesen. Er habe versucht, den Tschuwaschen zu helfen, auch gegen Stalin. Auf Lenin seien die tschuwaschischen Intellektuellen natürlich auch immer stolz gewesen.                             …Text…

Regie:
O-Ton kurz hochziehen, danach abblenden

Erzähler:
Prof. Dr. Dimitri Wassili Dimitriwtsch, ebenfalls nicht der Jüngste, ist Dozent an der Fakultät für die mittlere und neuere Geschichte Tschuwaschiens an der Universität von Tscheboksary. Für ihn sind die Hunnen nicht von den Mongolen zu trennen. Sie haben beide dieselbe Wurzel, meint er:  die Völkerwiege des Altai. Sie habe immer wieder die unterschiedlichsten nomadischen Völker hervorgebracht, alle irgendwie ethnisch, sprachlich und kulturell miteinander verwandt. Auf die Frage, warum Attila und später Tschingis Chan so große Siege erringen konnten, antwortet der Professor:

O-Ton 7: Prof. Dimitri Wassili        1,09
Regie:
Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach (erstem) Erzähler hochziehen

Übersetzer:
„O Attileje eschtscho bil… „
Unter Attila gab es das System der kriegerischen Demokratie: Starke militärische Führer, große Nähe zum Volk, Lebensgemeinschaft. Ihre Ausbildung für den Krieg begann schon im Alter von zwei Jahren. Sie waren sehr gute Kämpfer. Sie kannten das chinesische Kriegshandwerk, besonders Belagerungstechniken, sie hatten sogar chinesische Strategen bei sich. Die Hunnen haben ja beständig Krieg mit den Chinesen geführt. Auch ihre Bögen waren den anderen ihrer Zeit überlegen. Mit den Mongolen war es nicht viel anders. Auch sie holten sich viele Kenntnisse von den östlichen Techniken.“

Erzähler:
„Das wichtigste aber“, widerholt der Professor, mehrere Male,  „war ihr starker Zusammenhalt, die kriegerische Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Völker, sowohl bei den Hunnen, als auch später bei den Mongolen. Man war nicht einfach untergeordnet, man stand für ein und dasselbe Ziel, man gehörte zusammen, Unterschiede gab es nicht, kaum feudale Schranken. Nomaden haben zwei Ziele“, faßt der Professor zusammen: „die Herden zu hüten und Kriegsbeute zu machen. Der Krieg gilt bei ihnen als Arbeit. Das ist der Grund, warum sie so gut kämpfen konnten.“
…magli woiewat“

Erzähler:
Damit war ich, mitten in Rußland, ganz in die Geschichte der euroasiatischen Steppenvölker eingetaucht. Ein Weiteres tat noch Mischa Juchma, als er zum Abschied in die Truhe seiner literarischen Schätze griff, um mir das tschuwaschische Epos von „Atil und Krimkilte“ zu zeigen. Bedächtig knüpfte er die Schleifen auf, mit denen das Manuskript eingebunden war und begann feierlich vorzutragen:

O-Ton 8:            0,31
Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, sehr allmählich runterziehen, abblenden

Erzähler:
„Chir chir urolo utrom…

Regie:
Kurz stehen lassen, allmählich abblenden, unterlegen,

Zwölf Heldengesänge hat das Epos: Sie berichten über die Kämpfe der Hunnen mit den Völkern des Westens. Eines Tages entdeckt Attila die blonde Schönheit Kriemhilde unter den von seinen Truppen eingebrachten Gefangenen. Er verliebt sich in sie, wirbt um die Widerstrebende, vergißt alle seine Kriergs-Staats- und Familienpflichten, bis sie schließlich einwilligt, als Nebenfrau in seine Jurte zu ziehen. In der Hochzeitsnacht kommt Attila ums Leben. Es beginnt die Zeit der Verwirrung für die von ihm geführten Völker, die erst mit deren Ansiedlung in den neuen Siedlungsräumen endet.
Auf dem Weg in Mischa Juchmas Heimatdorf Sugut, wo er mir zeigen will, wie die tschuwaschische Tradition und die Erinnerung an Attila heute lebt, habe ich Gelegenheit, Mischa nach weiteren Einzelheiten des Epos zu fragen. In welchem Zustand ist es?

O-Ton 9: Im Auto nach Sugut: über Attila    1995, Band 16 A, 571 – 592

Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Ü*bersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Eta rasrusnjene raskasi…
„Es sind einzelne Gedichte, einzelne Strophen, Prosaerzählungen, ein unzusammenhängender Text. Der allgemeine Inhalt ist ungefähr so: Da wird erzählt, daß Attila anfangs ein guter Herrscher war. Er bemühte sich um das Volk. Später, als er schon viele Völker besiegt hatte, wandelte er sich sehr stark zum Schlechten. Er brachte seinen Bruder um, begann die Gesetze seines Volkes zu mißachten, seine Frau zu beleidigen. Er machte seinen zweiten Sohn zum Lieblingssohn, das heißt zum Erben. Darüber entstand Streit zwischen den  Völkern, die im hunnischen Bund waren. Es entstanden Kämpfe, aber Attila kümmerte sich nicht darum. Er fand Gefallen daran, sich immer aus Neue mit jüngeren und noch jüngeren Frauen zu verheiraten.“
…na maladix genschin“
Erzähler:
Die ganze Zeit? Immer aufs Neue? Wunderte ich mich.

O-Ton 10: Über Attila, Forts.     1995, Band 16 A, 592 – 634

Regie:
O-ton kurz stehen lassen, ab blenden, unterlegen, nach dem Übersetzer hochziehen.

Übersetzer:
„Aha, wsjo wremia…
„Ja, immer aus Neue! Und er feierte die ganze Zeit Feste, statt sich um die Stärkung des Staates zu kümmern. So verlor er seine Mannschaften. Sie verließen ihn. Da entschied einer seiner Verwandten, ihn zu beseitigen. Aber das war nicht möglich, weil Attilas Autorität, auch seine Leibwache groß war. Später verliebte sich dieser Verwandte in Kriemhilde. Als Attila dieses Mädchen sah, forderte er von dem Verwandten, daß er ihm dieses Mädchen abtrete. Der verabredete daraufhin mit Kriemhilde, daß sie Attila täuschen solle, also ihm Liebe verspreche und so weiter. Am Ende kommt es dann so, daß sie zustimmt, seine Frau zu werden. Aber als die Hochzeit war und sie schon in die Gemächer Attilas gehen sollten, sagte sie: Ich liebe dich nicht, ich werde mit deinem Verwandten fortgehen. Über diese Ungeheuerlichkeit regt er sich so auf, daß er stirbt. So die Erzählung. (…618… ) Die Moral des Epos lautet also: Wenn Du ein großer Herrscher bist, dann liebe dein Volk, hilf ihm und fordere es nicht sinnlos heraus. So wird erklärt, warum Attila starb. Er starb, weil er unmäßige Macht wollte, unmäßig alle jungen Frauen haben wollte und unmäßig trank. Es ist eine interessante Lehre, die die Erzählung gibt: Sie rechtfertigt den Verwandten, der ohne Gewalt, auf geschickte Weise mittels der Frau den hart und brutal gewordenen Attila zu beseitigen versteht.“
..ot jestokowa Attila“

Erzähler:
Krimhild hilft, sich von dem Tyrannen zu befreien. Sie zeichnet sich durch Schönheit, Verstand und Glaubwürdigkeit aus. Das ist eine andere Bewertung ihrer Rolle als die, welche sie im Kied der Burgunder zugewiesen bekommt. Auch die Beziehung der Hunnen zu den übrigen Völkern erscheint in etwas differenzierterem Licht:

O-Ton 11: Attila, Forts.     1995, Band 16 A, 640 – 653

Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, ab blenden, unterlegen, nach dem Übersetzer hochziehen.

Übersetzer:
„…(Neuer Ton) Voskowlaetja krassata…
„Der Verwandte Attilas ist der Ansicht, mit den Völkern müsse man in Frieden leben. Aber Attila meint: `Nein, wir sollten die Eroberer sein: Alle sollten sich uns unterordnen!´ So streiten sie sich die ganze Zeit. Attila sagt: `Sie sollen sie unsere Sprache lernen, sie sollen sie sich in unserer Sprache verständigen.´ Der Verwandte sagt: `Nein, wir sollten Übersetzer haben, laß sie doch in ihrer eigenen Sprache sprechen.“ Dieser interessante Streit geht beständig zwischen ihnen ab.“
…swjo wremia idiot“

Erzähler:
Viele Einzelheiten erzählt Mischa Juchma noch. Woher er das alles wisse? Von Babuschka, seiner Großmutter,  antwortet Mischa, wie übrigens auch all die anderen frühen Mythen, Legenden und Erzählungen der Tschuwaschen, ebenso wie die der anderen Völker an der Wolga. Mischas Großmutter war Geschichtenerzählerin im Dorf Sugut:

O-Ton 12: Mischa über seine Großmutter    Band 17, 1995, S. B., 652 – 673

Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, ab blenden, unterlegen, nach Übersetzen hochziehen.

Übersetzer:
„U Babuschke sabiralis…
„Bei Babuschka versammelten sich, als ich noch sehr jung war, die Alten des Dorfes, um sich miteinander zu besprechen. Das war die Gilde der Erzähler. Ich saß zwischen ihnen und hörte zu. Sie stimmten einige Dinge miteinander ab: Hier muß man etwas so, da etwas anders erzählen.; über dieses Dorf muß man das sagen, anders ist es nicht richtig, so geht es nicht! Ich erinnere mich gut an diese Gespräche, die mich sehr beeindruckt haben. Besonders erinnere ich mich daran, wie sie eine Erzählerin aus einem entfernteren Nachbardorf kritisierten, die sagte, daß Ultenbyk gestorben sei. Sie stellten klar, daß man das so nicht sagen dürfe, daß man sagen müsse: Er verschwand; wohin er verschwand, ist nicht bekannt, aber er erscheint manchmal Leuten am Horizont auf weißem Pferd und umgeben von seinen Kriegern, tschuwaschischen Truppen.“
…tschuwaski atrjadi

Erzähler:
Heute ist Michail Juchma selbst Babuschka. So werden Schriftsteller gelegentlich im Volksmund genannt. Die wirkliche Babuschka könne er natürlich niemals ersetzen, wehrt er ab. Sie habe unermeßlich viel mehr gewußt als er, denn sie sei die Bewahrererin des tausendjährigen Wissens. Zwischen ihr und ihm fehle eine ganze Generation, die Kriegsgeneration, die Stalingeneration.  Außerdem habe sie besondere Kräfte gehabt:

O-Ton 13: Mischa über  Babuschka, Forts.         Band 17, 1995, S. B. (703 – 733    )

Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, ab blenden, unterlegen, nach dem Übersetzer hochziehen.

Übersetzer:
„Sie war mehr als nur eine Märchenerzählerin. Sie bewahrte das ganze Erzählgut (…) Sie hatte auch religiöse Aufgaben. In die Kirche konnte sie natürlich nicht gehen, die waren ja niedergerissen. Aber in ihren Erzählungen gab es immer alte tschuwaschische Götter. … Sie kannte alle Götter und Mythengestalten. Aber sie erzählte nicht nur, daß es sie gab, sondern auch wo sie sich aufhielten, auf einem bestimmten Berg, an einem bestimmten Ort. Da waren große Drachen, riesige Schlangen. Und ich fragte: Großmutter, warum gibt es diese Schlangen in unserer heutigen Welt nicht? Und sie sagte: `Das war damals, lang zurück, lange zurück zur Zeit unserer Vorfahren.´  Diese Erinnerung an die alte Natur hat sich bei Großmutter sehr gut erhalten.“
…otschen charascho sakranilas“

Erzähler:
Unter solchen  Gesprächen erreichten wir die kleine Druckerei, in denen die von Mischa aufgeschrieben Geschichten, auch das Epos von Attil und Krimkilte heute in kleine Broschüren gepreßt werden. Im Bleisatz wird hier noch jede Zeile gesetzt – eine Technik, die selbst schon fast zu Vergessen verurteilt ist.

O-Ton 14: Druckerei                Band 16, A, 215

Regie:
Während der letzten Worte langsam kommen lassen, stehen lassen, unterlegen, allmählich abblenden

Sammler, Stimmen, Druckerpresse

Erzähler:
Das Stampfen der Druckerpressen noch im Ohr, komme ich in Nowosibirsk, einer späteren Station meiner Reise zu neuen, überraschenden Blicken hinter den hunnisch-mongolischen Vorhang der russischen Geschichte: 90% Prozent der Namen sibirischer Flüsse, Berge und Landschaften, höre ich, seien mongolischen, tatarischen, turksprachigen oder sonstigen nomadischen Ursprungs. Bei einem guten Bekannten,Juri Gorbatschow, Journalist, Poet und Liedermacher, den ich bei einer früheren Begegnung als gemäßigten russischen Nationalisten kennengelernte, stoße ich auf  eine Überraschung besonderer Art. Ich finde ihn beschäftigt damit, ein Lied über die zu schreiben, die er die neuen Hunnen oder auch die neuen Wikinger nennt. Befragt, wie das zu verstehen sei, antwortete er:

O-Ton 15: Juri Gorbatschow                0,59
Regie:
O-Ton stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Nu, slowa nowi Gunni…
„Nun, das Wort neue Hunnen benutze ich, um die Strukturen des heutigen Verbrechens zu kennzeichnen. Es ist ungefähr so wie bei Tschgis Chan: Es sind Krieger. Nimm die  gut organisierten Brigaden von Schutzgelderpressern, (…) die überall ihre Gelder eintreiben. Sie sind nach dem Prinzip der Kampfgemeinschaften organisiert. Die kann man mit den Wikingern, mit den Hunnen oder mit den Horden Tschingis Chans vergleichen. Das sind Banden, Banditen, Kämpfer, die sich versammeln, um Beute zu machen. Töten ist für sie kein Problem. Die Wikinger hatten ihre Schiffe; danach bestimmte sich die Größe ihrer Brigade. Die Hunnen hatten ihre Jurtengemeinschaft. Heute bilden sich Minibrigaden nach der Menge der Leute, die in ein Auto passen, fünf, sechs Leute und noch ein gewisses Hilfspersonal. Alles nach alten Prinzipien.“

O-Ton 16: Juri, Guitarre            0,28
Regie:
Unter dem Erzähler langsam kommen lassen

Erzähler:
Mit diesen Worten hat Juri zur Guitarre gegriffen, um mir seine neueste Schöpfung vorzuspielen.

Regie:
Nach Erzähler kurz stehen lassen, abblenden Allmählich abblenden

Erzähler:
Prof. Derewianko, Leiter des Instituts für Archäologie der Universität von Novosibirsk, den ich auf Juris Empfehlung hin anschließend aufsuchte, ist gar nicht einverstanden mit solchen neuen Begriffen. Er hält sie für modisches Gerede, Verfälschung der wirklichen Geschichte, Ausdruck der Oberflächlichkeit der neuen Zeit. Sicher seien sie alle Räuber gewesen, so der Professor. Die Wikinger aber seien bezahlte Söldner, dazu noch Händler und von Haus aus seßhaft und bald in die einheimische Bevölkerung integriert gewesen; Hunnen und Mongolen dagegen nomadische Krieger, die sich fremde Völker unterwarfen. Das gelte es strikt zu unterscheiden, betont der Professor, auch wenn die einen wie die anderen tiefe Spuren in der russischen Geschichte hinterlassen hätten. Daß die Tschuwaschen Attila für sich reklamieren, quittiert der Professor mit einem gemütlichen Lächeln: Die Herkunft der Hunnen aus dem nordchinesischen Raum unterliege keinem Zweifel, meint er, ebenso auch die hunnischen Wurzeln der Mongolen. Welche Völker aber im Einzelnen zu den Hunnen gehörten und wie sie sich im Zuge der verschiedenen Wanderungswellen mischten,  könne niemand bisher mit wissenschaftlicher Genauigkeit sagen. Das herauszufinden sei Sache zukünftiger Forschung, findet er. Wichtiger ist ihm, bei aller Gleichartigkeit auch die Unterschiede zwischen der hunnischen und der mogolischen Bewegung herauszuarbeiten:

O-Ton 17:        1,48
Regie:
O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen

Übersetzer:
„Dschweschennije Mongolow…
„Die Bewegung der Mongolen hatte einen anderen Charakterals die der Hunnen. Nach der Bildung des Imperiums durch Tschingis Chan war die mongolische Bewegung schon nicht mehr spontan, wie die hunnische zuvor. Die setzte sich wie ein Schneeball durch die Steppe fort. Die mongolische war bereits auf Eroberung gerichtet, trug klar politische Züge: Die Unterwerfung Nord-Chinas, des Hsi-reiches, das den Westen Chinas beherrschte, die Vernichtung der zentralasiatischen Reiche, schließlich, Ost-, dann Westeuropa. Alles nacheinander. Das zielte bewußt auf Weltherrschaft, wie es das vorher nur unter Alexander von Macedonien und Rom gegeben hatte.“

Erzähler:
Aus heutiger Sicht, so der Professor, müsse man Attila, ebenso wie Tschingis Chan wohl als brutale Tyrannen bezeichnen, doch müsse man zu verstehen versuchen:

Übersetzer:
„Das war jene Welt; das war jene Zeit – die Brutalität, der Mord an Verwandten, die Tötung von Ehefrauen, sogar des Vaters, der Mutter; das alles war üblich in der damaligen nomadischen Welt und nicht nur bei ihnen, auch in der römischen oder der griechischen Zivilisation. Unter dem Aspekt der Weltgeschichte würde ich daher die Rolle der Hunnen, erst recht die der Mongolen nicht vollkommen negativ bewerten. Die Millionen an Toten, die sie hinterließen, sind vom Standpunkt menschlicher Moral nicht zu vertreten, aber in beiden liegt eine gewisse Unausweichlichkeit der Menschheitsentwicklung; das war sozusagen die Rückseite der menschlichen Geschichte. Darin aber, daß das Imperium Tschingis Chans schließlich zwei Welten, die östliche und die westliche, engstens zusammenbrachte, lag natürlich sehr viel Positives.“
…mnoga polaschitelno.“

Erzähler:
Die Hunnen zertrümmerten die römische Welt und schufen so die Voraussetzungen für die Entstehung der europäischen Zivilisation, so der Professor. Hauptsächliche Erben des mongolischen Weltreiches aber wurden die Russen. „Schritt für Schritt“, so der Professor, „vollzog sich unter dem Einfluß der Mongolen die Entwicklung der russischen Staatlichkeit, während Moskau die Herrschaft der Chane weiter und weiter nach Osten zurückdrängte. Mongolisches Tribut- und Gefolgschaftsprinzip, ethnischer Pluralismus bei zentralisierter Führung, Sprache und nicht zuletzt nomadische Mentalität gingen so in das entstehende russische  Imperium ein. Aber nicht nur Mongolen und Russen, nicht nur zwei Ethnien, betont der Professor, zwei Welten trafen so aufeinander, die nomadische und die seßhafte. Der Konflikt zwischen ihnen habe die Geschichte der Menschheit begleitet und sei heute im Begriff neu aufzubrechen.

O-Ton 18: Musik

Regie:
Musik allmählich kommen lassen, nach Erzähler hochziehen, stehen lassen, mit Applaus abblenden

Erzähler:
Damit hat der Professor ein Stichwort genannt, das über die Schwelle des Jahres 2000 hin Gültigkeit haben wird. Wenn es wohl auch keinen neuen Attila oder Tschingis Chan geben wird, so kommt doch mit Sicherheit eine neue Begegnung von Ost und West auf uns zu.

gesendet in:  Bayerischer Rundfunkk, Schulfunk