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Krasnojarsk – Modell für ein neues Rußland? Auf den Spuren des Krisenmanagers Alexander Lebed

Vortext:
In Rußland beginnt ein Wahlkampf besonderer Art: Die Sommerkrise des Jahres 1998 hat die politische Ablösung des jetzigen Staatspräsidenten Boris Jelzin eingeleitet. Doch nicht nur ein neuer Präsident, auch eine Alternative zum politischen Kurs Boris Jelzins wird gesucht. Einer der möglichen Kandidaten, der ehemalige General Alexander Lebed, führt seine Alternative, die eines starken Staates, seit kurzem als Gouverneur von Krasnojarsk vor.
Kai Ehlers hat sich vor Ort umgeschaut, was das bedeutet.

O-Ton 1: Glocken von Osianko            0,56
Glocken….

Regie: Langsam kommen lassen, frei stehen lassen, unterlegen.

Erzähler:
Politischer Alltag Krasnojarsk. Ein Spätsommertag in Osianko, einem Dörfchen am Ufer des Jenessej nur wenige Kilometer vor der Stadt. Hier lebt der Schriftsteller Viktor Astawjew, einer der radikalsten Vertreter der „russischen Idee“ unter den zeitgenössischen russischen Autoren.
Passend zum „Tag der Literatur und der Bibliothek der russischen Provinz“ wird in seinem Heimatort eine von ihm gestiftete Kirche, ein Holzbau im altrussischen Stil, feierlich eingeweiht. Wer sich zum Krasnojarsker Kulturleben zählt, ist vertreten. Dazu viele Gäste aus anderen Regionen. Ebenso die Dörfler aus der Umgebung. Der General-Gouverneur, wie Alexander Lebed hier genannt wird, und seine Frau Inna sind ebenfalls erschienen. Nach dem Besuch der Kirche versammelt man sich am Ufer des Flusses vor der früher schon von dem Dichter gestifteten Bibliothek, einem Wunderwerk altrussischer Kultur. Nach freundlicher Begrüßung durch Inna Lebed spricht der Gouverneur selbst:

O-Ton 2: Alexander Lebed, live            1,03
„Dorogie Drusja….

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Liebe Freunde, in der heutigen Zeit teilen sich die Menschen in zwei ungleiche Teile; der größere Teil hofft auf Wnder. Das ist schon in Ordnung, denn anders kann man das Leben heute nicht ertragen. Ein kleinerer Teil aber, ruhig, klar, nimmt die Dinge in die eigene Hand. Vor vier Jahren hat Viktor Astawjew diese Biliothek hier gegründet. Auf solches Zeichen sibirischen Nationalbewußtseins kann man nur stolz sein. Jetzt hat er diese schöne Kirche gestiftet. Sie steht an einem Ort, wo Menschen gut und menschlich leben. So ist es richtig. Das sollte man allen zugänglich machen, die heute unter den materiellen Verhältnissen leiden. Eine große Treppe sollte man hier vom Jennessei herauf bauen, damit alle kommen und das sehen können. Das Wichtigste ist das Vertrauen in sich selbst, die Gewißheit, daß nach einem Winter 1941 auch ein Fühjahr 1945 folgt. Mit Gott dann!“
….c bocham“, Beifall

Erzähler:
Die Versammelten zeigen sich zufrieden mit dem Auftritt des Gouverneurs. Roman Solnzew, Vorsitzender des Krasnojarsker Schrifstellerverbandes, der mir tags zuvor noch seine Skepsis mitgeteilt hatte, ist voll des Lobes:

O-Ton 3: Roman Solnzew        0,26
„Nu, konjeschno choroscho…

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen,  nach Übersetzer kurz hochziehen, nach Lachen abblenden

Übersetzer:
„Na klar ist das gut. Da tritt einer auf, mit dessen Hilfe dieses Fest hier zustande kam. Er selbst half; seine Bewegung „Ehrlichkeit und Heimat“ half. Das ist eine erste große Sache für die Kultur; hoffen wir, daß es nicht die letzte ist. Wir hatten das nicht erwartet. Wenn alle Militärs sich mit Kultur, Poesi  und Kunst befassen würden. Das wäre vortrefflich.“
…eta bila prekrasna.“

Eine Mitarbeiterin Solnzews findet den Vorschlag des Gouverneurs, eine Treppe vom Jenessei ins Dorf hinauf zu bauen, eher beängstigend:

O-Ton 4: Sekretärin des Schriftstellerverbandes        0,22
„Jesli Tschelowjek…“

Regie: Allmählich unter Übersetzerin kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen, abblenden

Erzählerin:
Das  bedeute doch nichts anderes, meint sie schaudernd, als daß die Menschen, die jetzt dort am Ufer wohnten, umgesiedelt und das Ufer betoniert werden müßte; gräßlich, daß jemand die Macht bekommen könne, ganz Rußland mit solchen Vorstellungen zu überziehen.
„Andererseits“,  tröstet sie sich, „hat er eine sehr milde Frau. Mag sein, daß sie auf ihn Einfluß nimmt.“ Ihre Begleiterinnen stimmen ihr zu.
…na jewo powlejat“, Stimmen

Die Dorfbewohner sind einfach ergriffen und selbst  wo ihre Sorgen durchschlagen, überwiegt doch die Hoffnung, die der neue Gouverneur in ihnen erweckt:

O-Ton 5: Alte Frauen        0,44 (2X22)
„Nadeschda est? Gong…

Regie: Kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen,  nach Erzähler hochziehen und mit 2. Frau verbinden

Erzähler:
Gut, daß die Kirche gebaut wurde, findet eine Frau: Gut, daß der Gouverneur persönlich gekommen sei, um sie einzuweihen. Sie habe ihn zwar nicht gewählt, aber jetzt glaube sie doch, daß durch ihn etwas besser werden könne.

Regie: kurz hochziehen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Erzähler:

„Nein, alles wird schlechter“, meint eine andere. Doch auch für sie ist Lebed ein guter Mann. Gut, wie er in Transnistrien Frieden gemacht habe, gut auch in Tschetschenien. Was er jetzt in Krasnojarsk erreichen könne, müsse sich aber erst zeigen. Das, betont sie, sei ihre ganz persönliche Meinung.
… moja mnenje,“ Glocke

Erzähler:
Und der Gouverneur zeigt sich. Er weiß, was er dem Volk schuldig ist. Während in Moskau um eine neue Regierung gefeilscht wird, während der Rubel stürzt und die Preise hochpreschen, zieht er unter dem Motto  „Hundert Tage seit der Wahl“ öffentliche Bilanz aus den ersten drei Monaten seiner Amtszeit. Ausführlich spricht er im örtlichen Fernsehen:

O-Ton 6: Lebed-TV        0,50
„Samie bolnoie wapros…

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Erzähler:
„Das Problem des Lohnes ist gelöst“, versichert Alexander Lebed. Im Gebiet Krasnojarsk werde gezahlt. Für Pensionen gelte das Gleiche. es Verzögerungen höchsten von vier bis sechs Tagen. Dem Produktionstillstand rücke man im Gespräch mit den Unternehmen zu Leibe. „Wenn der Wille zum rechten Denken vorhanden ist“, erklärt der Gouverneur, „können alle Schwierigkeiten überwunden werden.“ Auf Rußland erstrecke sich der Einfluß dieses Willens noch nicht, aber für die Bevölkerung des Krasnojarsker Gebietes wirke er sich bereits in einer Verbesserung ihrer Lage aus. „Die Ernte im Gebiet ist eingebracht“, so Lebed, „die Schulen werden eröffnet, die Alten hungern nicht und werden nicht hungern, die Preise für Brot, Butter und Fleisch bleiben durch staatliche Kompensationen stabil.“
… produktami petannije”

Erzähler:
Was unter dem „Willen zum  rechten Denken“ zu verstehen ist, erfahre ich am nächsten Tag bei Sergei Scherkow, einem agilen Mann mittleren Alters, bei dem ich mich nach dem Wahrheitsgehalt von Lebeds Angaben erkundige. Andrej Scherkow muß es wissen; er hat soeben als neuer Chef des Krasnojarsker Pensionsfonds sein Amt angetreten.

O-Ton 7: Chef des Pensionsfonds        0,26
„Pensi sa Awgustje…

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Erzähler:
„Ja, die Pensionen wurden gezahlt“, bestätigt Scherkow, ganz so wie Lebed es gesagt habe. Wie das möglich sei? Krasnojarsk befinde sich in einer günstigen Lage: Entwickelte Industrie, Produkte, für die es Nachfrage im Ausland gebe wie etwa Nickel; darüberhinaus sei sie die Wirtschaft im Gebiet Krasnojarsk so vielseitig zusammengesetzt, daß sie bei einer vernünftigen Politik, wie Lebed sie jetzt machen könne, beste Entwicklungschancen habe:
449 …Dwigilcja i tagdali.“

Erklärung:
Meinem Erstaunen über diesen verblüffenden Optimismus begegnet er mit einer noch verblüffenderen Offensive:

O-Ton 8:         0,39
„Nu, vidite, Kak…

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Nun sehen Sie, das ist wohl genau der Grund, warum man mich hierher geholt hat. Ich sehe die Dinge sehr grundsätzlich. Ich sehe, wo man etwas machen kann und wo nicht: Wenn nicht gezahlt wird, gibt es natürlich reichlich Möglichkeiten von Sanktione, aber ich habe ein anderes Herangehen an die Betriebe, ein komplexes. Wenn ich hier sehe, daß uns ein Holzkombinat nicht bezahlt, und da zahlt ein Zelluslosekombinat nicht, dann überlege ich, wie man beide zusammenbringen kann, um ihnen zu helfen. Und da ich eine reiche Fantasie und reiche Erfahrung habe, fällt mir in der Regel dazu etwas ein.“
594 ..mne udajotsja.“

Erzähler:
Das Bewußtsein: „Wir räumen auf“ treffe ich bei allen an, die ich in den Wochen meines Krasnojarsker Aufenthalts in der Nähe Alexander Lebeds  kennenlerne. Da ist zum Beispiel Roman Ignatow, in dessen „Kwartir“ ich während meines Aufenthalts wohnen kann. Roman ist dreiundzwanzig Jahre alt. Er ist in Nowosibirsk zuhause, wo er einen Videoladen aufgebaut hat. Er unterstützte Alexander Lebed in der Organisation seiner krasnojarsker Wahlkampagne. Jetzt ist er Leiter der Kontrollkomission, welche die Durchführung der Erlasse der Gebietsadministration zu überwachen hat. Romans junge Frau blieb in Nowosibnirsk zurück.
Wie er so plötzlich in die Politik gekommen ist, kann Roman selbst nicht beantworten. Aber eins ist für ihn klar:

O-Ton 9: Roman Ignatow        0,22
„ Nu prosta, w Prinzipje…

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Alexander Iwanowitsch hatte gar keine andere Chance. Er hatte die Möglichkeit, in diesem Gebiet anzutreten, einer starken, reichen Region, die sich jetzt im Verfall befindet, und sie zu entwickeln. Hier hat er die Möglichkeit zu zeigen, daß er das kann. Das stärkt erstens seine Popularität und bringt zweitens großen Nutzen für ganz Rußland; drittens gibt es eine Plattform für den nächsten Kampf ab, den um den Sessel des Präsidenten.“
…presidentskaje kreslje.“

Erzähler:
Roman öffnet mir den Weg in die Administration. Alexander Lebed ist gut bewacht. Ohne „Propusk“, eine Zugangserlaubnis, kommt niemand in das Gebäude der Bezirksverwaltung. Eine weitere Kontrolle ist am Eingang zu dem Flügel im dritten Stock zu passieren, in dem Alexander Lebed mit seinem Kommando residiert. Dieser Stil hebt sich kaum von dem ab, was man heute aus den Etagen der Moskauer Macht kennt, allerdings erheblich von anderen Städten in der Region, etwa Nowosibirsk. Einmal durch die Kontrolle hindurch, erinnern Klima und Gesprächsbereitschaft allerdings eher an die Tage der frühen Perestroika als an das Hauptquartier eines Generals. Bereitwillig antwortet man auf alle Fragen.
Erste Auskünfte erhalte ich von Wladimir Poluschin, dem anerkannten Biografen Lebeds. In der neuen Administration betraute Alexander Lebed ihn mit der Leitung der Kulturverwaltung. Poluschin charakterisiert seinen, wie er sagt, Freund und Vorgesetzten, mit den Worten:

O-Ton 10: Wladimir Poluschin        0,33
„Alexander Iwanowitsch…
Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Alxander Iwanowitsch ist der Kapitän. Kapitän ist der Mensch, der die Situation beherrscht. Das Leben stellte Alexander Iwanowitsch an kritische Punkte, wo er Entscheidungen treffen mußte.
… Er selbst sagt: „Ich bin Spezialist für Krisenlagen.“ Jetzt brauchen wir gerade einen solchen Spezialisten für Krisenlagen. Denn was in Rußland seit 1917 geschah und was heute geschieht, ist eine Schande.“
684, …kuschunswenno“.

Erzähler:
Krasnojarsk ist für Wladimir Poluschin ein Modell. Krasnojarsk sei das Herz Rußlands, begründet er:

O-Ton 12: Poluschin, Forts.        0,40
„Sserze w etom smislom…

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Herz in dem Sinn, daß es schon vom Territorium her viermal so groß ist wie Frankreich. Fast wie ein Staat im Staate. Aber es geht nicht um Abtrennung. Im Gegenteil, hier kann man zeigen, wie man die Ausplünderung, auch die durch Moskau, stoppen und eine elementare Ordnung herstellen kann. Das bedeutet, eine Diktatur des Gesetzes zu errichten. … Der Mensch muß klar wissen: Gesetz ist Gesetz. Er hat kein Recht es zu brechen. Wenn es unserem Kommando hier gelingt, diese elementare Ordnung herzustellen …. dann kann Krasnojarsk der Punkt der Umkehr in der Geschichte Rußlands werden, an dem eine echte Wende vom Bolschewismus und anderen Ismen in Richtung eines zivilisiertem Staates erfolgen kann.“
… gossudarstwom.“

Erzähler:
Beiläufig fällt hier der Name Pjotr Stolypins. Stolypin versuchte die Modernisierung Rußlands Anfang des Jahrhunderts mit einer gewaltsamen Agrarreform zu erzwingen, durch die er einen unternehmerischen Mittelstand schaffen wollte. Alexander Lebed sprach lobend von Pinochet, der Chiles Wirtschaft wieder in Gang gebracht habe. Sind dies die Vorbilder der „elementaren Ordnung“, die Lebed und sein Kommando im Sinn haben?

Erzähler:
Da müsse man differenzieren, antwortet Poluschin ohne jede Verlegenheit. Die wirtschaftlichen Erfolge seien doch unbestreitbar.  Den politischen Weg Pinochets aber könne Lebed niemals beschreiten:

O-Ton 11: Poluschin        0,44
„Eta wot drugaja strana…

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Übersetzer:
„Dieser Weg ist für Rußland nicht möglich, weil Rußland in der Zeit des Bolschewismus mehr als 100 Millionen Menschen verloren hat. Wenn jetzt blutige Kämpfe inszeniert werden, dann ist das das Ende für Rußland. Das versteht Alexander Iwanowitsch sehr gut. Und von daher wird er keinen Pinochet oder vergleichbare andere kopieren ….
Sehen Sie doch: 1991 war Lebed am weißen Haus – er ließ nicht zu, daß es Tote gab; in Transnistrien stoppte er den Konflikt, der viel Blut kostete; in Tschetschenien  beendete er das sinnlose Morden. Nein, nein, Alexander Iwanowitsch ist doch gerade der Mensch, der an all diesen heißen Punkten dafür eintritt, daß nicht blutige, sondern friedliche Lösungen der Probleme gefunden werden.“
…rischennije waprossow.“

Erzähler:
Eine besondere Variante fügt eine Mitarbeiterin Poluschins, jung und selbstbewußt, ebenfalls erst seit kurzem im Amt, diesem Bild ein paar Tage später hinzu, als sie ihre Beziehung zu Alexander Lebed mit den Worten beschreibt, ihr gefalle dessen patriotische Richtung, und dann fortfährt:

O-Ton 12:         0,26
„Kagda bili wibori…

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Übersetzerin:
„Als dann vor zwei Jahren die Präsidentenwahlen kamen, da war für mich sofort klar, daß Alexander Iwanowitsch mein Präsident ist. Er gefällt mir einfach als Mann. In Rußland gibt es zur Zeit sehr wenige starke, gesunde Männer, an denen sich die Augen einfach freuen können. Ich bin Frau im ganzen Sinne des Wortes und ich schätze Männer wegen ihrer männlichen Würde. Er ist starker Mann, ein Führer.“
…tschelowjek, on lider“

Erzähler:
Zur Beantwortung weiterer Fragen verbindet man mich aus der Administration heraus mit der Lebed-Bewegung. Das sind die Delegierten der „Republikanischen Volkspartei“ und die Aktivisten der Bewegung „Ehrlichkeit und Heimat“. Gleich neben der Administration haben sie ihr Stabsquartier eingerichtet. Igor Sacharow, ein junger Mann, ehemaliger Offizier, hat hier das Kommando. Hier geht es entschlossen zu. er soll der Wahlsieg Alexander Lebeds in politische Bewegung umgesetzt werden. Handeln ist angesagt. Zwei Ventilatoren sorgen für frische Luft.
Umso bemerkenswerter, wie der junge „Kommandir“ den zivilen Charakter der Bewegung und der eigenen Person in den Vordergrund stellt:

O-Ton 13:         0,44
„Djla w om schto, mi borilis..

Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Erzähler:
Im Wahlkampf, erzählt er, hätten sie als lebendiger Organismus etwas Metallischem, der Maschine des Staates gegenübergestanden. Es sei ein ungleicher Kampf gewesen, meint er:

Übersetzer:
„Aber am Ende war es uns gelungen, den Mythos aufzubauen, daß wir in der Lage sind, die Maschine von innen anzugreifen. Es war uns gelungen, deutlich zu machen, daß der Mensch in dieser Maschine nur ein Schräubchen ist; bei uns dagegen ist der Mensch eine Persönlichkeit – Fahrer, Chef einer Abteilung, Chef des Wahlkampfstabes, jeder!“
…isberateli staba.“

Erzähler
„ür Lebed sei jeder Mensch wichtig“ fährt der „Kommandir“ fort, „Lebed ist mit jedem zu reden und von jedem zu lernen.“ Auf dieses Lob Lebeds folgt die verblüfffende Wendung:

O-Ton 14:         0,22
„Ja skasal, Lebed mnje…

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Übersetzer:
„Aber Lebed ist keine Ikone für mich. Ich bin kein Fanatiker. Meine Ikone ist Rußland, danach meine Familie, kann sogar sein, erst meine Familie und dann Rußland. Wenn man das heute sagt, wird das von vielen nicht akzeptiert und wer so denkt oder so fühlt, tut das noch mit Scham. Das ist natürlich nicht richtig, aber so üblich. Es wird wohl noch einige Generationen brauchen.“
…neskelki pakalanije“

Erzähler:
„Nicht mehr Soldat, aber noch kein Bürger“ – auf diese Formel bringt der „Kommandir“ sein gegenwärtiges Lebensgefühl. Seine bürgerlichen Träume nähren sich aus seiner Dienstzeit in Deutschland. Mit Wärme spricht er von der Kindlichkeit, welche die Deutschen sich bewahrt hätten. Ja, so eine entspannte Art. Alexander Lebed ist für ihn die letzte Hoffnung, einen solchen wie die Deutschen Weg auch für Rußland einschlagen zu können. Die Aufgaben, die nach der Wahl Lebeds zum Gouverneur für die mit ihm verbundene Bewegung daraus folgen, beschreibt der „Kommandir“ so:

O-Ton 15: Igor Sacharow        0,25
„Glawnije sadatsche…

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Übersetzer:
„Für die Struktur, die jetzt aufgebaut werden muß, ist die Hauptaufgabe, Lebed dabei zu helfen, sein Programm zu verwirklichen. Im Prinzip geht es darum, beständig Einfluß auf die Verwaltungsstrukturen zu nehmen, auf der Ebene der Mitarbeiter, der Exekutive, bei Chefs von Abteilungen usw. usf., wo immer es möglich ist. Auf dieser Basis können dann Wahlkampagnen gemacht werden, sei es für lokale Wahlen, sei es für die des Präsidenten.“
…presidjent i tag dali.“

Erzähler:
Wie man die Chancen einschätzt, dieses Programm zu verwirklichen, also Krasnojarsk tatsächlich zum Modell eines künftigen Rußland zu machen, erläutert ein weiterer Igor im Stabsquartier der Bewegung. Er wurde mir als „unser Ideologe“ vorgestellt:

O-Ton 16: „Ideologge“ Igor        0,55        „Nu, mi otschen nadejimcja..

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Übersetzer:
„Nun wir hoffen natürlich sehr, daß es so wird. Aber um das zu realisieren,muß noch sehr, sehr viel gemacht werden. Bedauerlicherweise sind all die Pläne und Maßnahmen, die wir hatten, alle sehr stark von der allgemeinen Finanzkrise Rußlands betroffen. Und so werden wir einiges korrigieren müssen. Wir können die Zeit, die wir brauchen, um das Modell zu verwirklichen, jetzt schon gar nicht mehr genau angeben. Aber wir hoffen natürlich auf ein Ende der Krise. Dann können wir wir Mitte 99 schon einiges realisiert haben. Der Plkan, wie er auf der letzten Sitzung der Partei angenommen wird, ist sehr einfach: Wir müssen ganz Rußland zeigen, wie man in einem einzelnen Subjekt der Föderation Ordnung herstellen kann, Ordnung in allen Sphären: In der Wirtschaft, in der Politik, das heißt in den Beziehungen zwischen Partei und Regierung, und besonders, in den Organen der Verwaltung.  Diese sehr große Aufgabe steht vor Alexander Lebed und seiner Bewegung. Ich denke, wir werden sie erfüllen. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
…wapros tolka wremeni.“

Erzähler:
Hauptproblem sind nach Igors Darstellung die „Giganten. Das sind jene Mammutbetriebe für zigtausende Beschäftige, die heute als totes Erbe als der Sowjetzeit stillstehen und verrotten. Niemand weiß, was mit ihnen geschehen soll. Weniger problematisch sei die Entwicklung von Mittelbetrieben:

O-Ton 17:  Ideologe, Forts.    Band 27, B, 490
„Bce problemi

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Übersetzer:
„Um die Vorhaben Alexander Lebeds zu entwickeln, braucht es vor allem aber stabile politische Verhältnisse, damit nicht nur die Bevölkerung der Macht vertraut, sondern auch die Partner, Partner innerhalb Rußlands, außerhalb, also Länder der ehemaligen Union und die Lände des Westens, des Ostens usw.  Bei den Dingen, die jetzt bei uns vorgehen, investiert hierher niemand. Die Situation wird sich erst ändern, wenn eine stabile Macht antritt, die ein verläßlicher Partner ist. Solange das nicht so ist, geht es abwärts.“
… i budit rasruschatsja.“

Erzähler:
Ein grelles Licht auf den Kern des Lebedschen Programms wirft ein Besuch bei der gerade in Gründung befindlichen Lebed-Jugend. Man findet sie im fünften Stock im Hotel „Tourist“, einer der ersten Adressen in Krasnojarsk.
Anders als in den kleinen Amststuben der Administration, anders auch als in den engen Räumen, in denen sich die Aktivisten von Bewegung und Partei drängeln, riecht es in dieser Etage nach Geld: Elegante Geschäftsräume, reichlich mit nagelneuer Elektronik bestückt, modische junge Männer, wie man sie in den letzten Jahren im Kreise des illegalen „bisness“ zu sehen gewohnt ist. Was ist das für eine Jugend? Was spielt sich hier ab?

O-Ton 18:    0,45
„Mi natschinajem…

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Übersetzer:
„Wir beginnen aus eigenen Mitteln“,  erklärt Nikolai Werner, der mir ein Interview im Chefzimmer gewährt. Fünfunddreißig Jahre ist er alt, erfolgreicher Unternehmer. Wir, das ist eine Gruppe junger Leute, die in den letzten Jahren zu Geld gekommen sind. Sie haben sich zusammengeschlossen, um Lebed zu unterstützen; jetzt wollen sie ihren Einfluß auf ganz Rußland ausweiten. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Jugend aus den Fängen der Sucht und des Verbrechens zu befreien, ihr Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu zeigen und sie wieder an geistige Werte, vor allem russische Kultur heranzuführen:
„Wir fragen heut nicht“, faßt Nikolai Werner schließlich das Programm seiner Organisation zusammen, „wir machen Vorschläge, was man tun kann. Wir schlagen vor, der Schmied des eigenen Glückes zu werden“
..mechka gaworja.“

Erzähler:
Die Organisation einer Lebed-Jugend, das wird auf dieser Edeletage klar,  ist der Versuch, Jugendlichen, die bisher im kriminellen oder halbkriminellen Mileu hängenblieben, einen legalen Weg zu politischer Verantwortung und wirtschaftlichem Erfolg zu ermöglichen. Dahinter schimmert die Absicht Alexander Lebeds hervor, Korruption und Mafia zu bekämpfen, indem er sie legalisiert und in die politische Verantwortung zieht.

O-Ton 19:  Unterwegs mit der Bewegung             0,20            Radiomusik im Auto…

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Erzähler:
Wenige Tage später verschafft mir „Kommandir“ Igor die Gelegenheit, die Arbeit der Bewegung außerhalb von Krasnojarsk zu studieren. Im leeren Kulturhaus eines kleinen Ortes, wo wir einen Zwischenhalt machen,  erlebe ich meine erste Überraschung. Auf die Frage, ob sie mit dem neuen Gouverneur zufrieden sei, antwortet eine der dort anwesenden Frauen:

O-Ton 20: Alte im Kulturhaus        0,10        „Nu, Kak skasatj…

Regie: Ton kurz stehen lassen, abblenden,  allmählich abblenden

Übersetzerin:
„Nun, wie soll ich es sagen: Bisher hat er sich noch mit nichts offenbart. Aber die Pension zum Beispiel hält man zurück hier bei uns.“

O-Ton 21: Unterwegs, Forts.         0,17
„Kakoi Odnoschennije…

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Erzähler:
Draußen dasselbe Bild: „Lebeds Versprechungen sind nur Worte“, klagt der Alte. Woanders habe man die Preiserhöhungen gestoppt, nicht so bei ihnen.
…abblenden

Erzähler:
In einem finsteren Seitenräumchen des riesigen Kulturhauses hat eine soeben entstehende Ortsgruppe ihr Büro eingerichtet. Was sagt ihr Leiter, ein ehemaliger Soldat, zu dem Widerspruch zwischen Lebeds Angaben zur Pension und den Klagen der Ortsansässigen?

O- Ton 22:         0,34
„Nu, ja snaju…

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Übersetzer:
„Nun, ich weiß, daß die Verzögerungen nicht groß sind. Davor, buchstäblich für Juli, August gab es keine Verzögerungen. Alles war normal. Aber was zur Zeit in Moskau vorgeht, hat sich hier wohl niedergeschlagen.“
… bil, nemnoschka“.

Erzähler:
Ich verstehe: Auch der entschlossenste Krisenmanager mit einem ausgesuchten Team von Spezialisten ist heut nicht in der Lage, den Dschungel der Filzokratie vor Ort zu durchbrechen. „Es bleibt uns nichts anderes“, so der Vorstand, „als die örtliche Bürokratie mit politischen Mitteln zu überzeugen Mit Lebed können wir es vielleicht schaffen. Wir vertrauen ihm. Er ist der Einzige, mit dem es möglich ist, Rußland wieder auf die Beine zu stellen.“
…moschno rossije vestits.“

Erklärung:
Eine Überraschung ganz anderer Art erwartet uns tags darauf in Podjessewo, einem kleinen Flußhafen am Jenessei nördlich von Krasnojarsk.
Zu Sowjetzeiten war Podjossowo eine sogenannte „Basis“. Hier wurden Kriegsschiffe repariert; ein Raumhafen war angegliedert; gut 5.000 Menschen lebten hier gut versorgt in militärischer Abgeschiedenheit.
Heut rostet die Basis vor sich hin, der Raumhafen ist zur Hälfte stillgelegt, Arbeitslosigkeit ist in die ehemals wohlhabende Ortschaft eingezogen.
In den Räumen der örtlichen Administration empfangen uns fünf Uniformierte, das „Aktiv“ der örtlichen Lebed-Bewegung. Sie nehmen die Informationen aus Krasnojarsk wie militärische Instruktionen entgegen. Ungeachtet der Anwesenheit eines westlichen Beobachters erörtern sie, wie  aus ihrer Sicht zur Rettung Rußlands vorzugehen sei:

O-Ton 23: Uniformierte in Podjossowo        42,5            „Moskwa korrumpirowaani…
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Übersetzer:
„Moskau ist eine korrumpierte Stadt. Auf keines der Moskauer Organe ist Verlaß. Sie sind Gegner, Feinde unserer Gesellschaft. Dann die Investitionen: Der Internationale Währungsfond  plündert das Land aus zusammen mit dem Präsidenten und seiner Umgebung, bestimmte Leute, Minister. Von denen ist nichts zu erwarten; das ist doch alles total korrumpiert. Es muß etwas geschehen, aber was? Bürgerkrieg? Wollen wir nicht. Militärdiktatur? Ich bin dafür. Je eher, desto besser. Aber Bürgerkrieg brauchen wir nicht, nicht dieses Blut. Über Pinochet haben wir gesprochen. Ich denke, das war ganz in Ordnung, wie er es gemacht hat. Er klärte die Situation, übergab die Macht danach dem bürgerlichen Präsidenten. Wieso können wir es in Rußland nicht auch so machen?“
…vesti w Roccije

Erzähler:
„gor, der Ideologe,  in dessen Begleitung ich fahre, müht sich während der Fahrt zu nächsten Gruppe, den schlimmen Eindruck zu mildern:

O-Ton 24: Komissar Igor    0,23
„Nu, na tschot Pinotscheta…

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Übersetzer:
„Was Pinochet betrifft, so kam das mehr aus dem Gefühl. Letztlich fühlt jeder bei uns, daß Pinochet, auch wenn er die Wirtschaft geordnet hat und die Macht dann einem Präsidenten übergab, dies doch nur auf sehr blutigem Wege machte. Das unterstützt natürlich niemand von uns. Das kommt nur so aus dem Herzen, wie man bei uns sagt, wenn man derart gequält wird, hier vor Ort.“
… na mestach“

Erzähler:
Die nächste Gruppe in Lesnisibirsk, einer Stadt am Jenessei, die von der Holzverarbeitung lebt, schlägt genau in die andere Richtung aus. Igor hat sie als „Volksfrontgruppe“ angekündigt. In der Tat erinnert die Runde, in die wir nun kommen, stark an die wilden Versammlungen der ersten Perestroikajahre. Nur eines ist anders: der spürbare Wille zu einer gemeinsamen Disziplin.

O-Ton 25:         0,27
Regie: Kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler wieder hochziehen

„Da ich regieren soll“, so der zur Wahl des Vorsitzenden vorgeschlagene Kandidat in seiner knappen Wahlrede, „werde ich regieren. Alles geht über mich. Wenn ihr damit einverstanden seid, wählt mich.“
Nach kurzer Debatte wird er gewählt und die Tagesordnung nimmt ihren Lauf: Wahl eines Büroleiters; Wahl einer Person, welche die Verbindungen zur Verwaltung hält. Fragen werden diskutiert, beschlossen, zur Ausführung delegiert. Als die Frage auftaucht, wie man sich gegenüber den für den gewerkschaftlichen Protesttag angekündigten Streiks verhalten soll, erhebt sich Igor, der sich bis dahin nicht eingemischt hatte, und trägt vor, was im Umkreis von Alexander Lebed dazu beschlossen wurde:

O-Ton 26: Komissar Igor        0,23            „W aktie protestow…

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Übersetzer:
„An den Protesttaktionen nimmt die Bewegung „Ehrlichkeit und Heimat“ als eine der wichtigsten Initiatorinnen und Organisatorinnen teil und wird, wo es möglich ist, versuchen, sie zu führen. Denn wo die Mehrheit der Bevölkerung ihren Unwillen über das ausdrückt, was  bei uns vorgeht, da muß unsere Bewegung nicht nur teilnehmen, sondern diese Bewegung leiten“.
… eto dweschennije.

Erzähler:
Gefragt, ob er nicht Angst habe, daß Lebed zu stark werden könnte, betont der frischgewählte Vorstand:

O-Ton 27: Vorstand in Lesnisibirsk            0,27
„Mi dumajem…
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Übersetzer:
„Wir meinen, die Frage ist nicht: Lebed, sondern wer auf Lebeds Richtung  einwirkt. Er entscheidet nicht allein, es entscheidet sein Kommando. In unserem Glauben heißt es: Vorsehung Gottes. Es wird so, wie Gott es will. Das ist eine Frage von Gut oder Böse. Kommt es so, kommt es so, kommt es anders, kommt es anders. Aber wir hier bemühen uns, die Sache im Namen des Guten zu entscheiden.“
557 …dobra; Lachen
Erzähler:
Am 7. Oktober sah man Alexander Lebed in Krasnojarsk an der Spitze von 20.000 Menschen gegen die gegenwärtige Moskauer Politik demonstrieren. Gleichzeitig meldete er seinen Anspruch als Kandidat für die Präsidentenwahlen an. Der Weg Pinochets, so viel ist klar, ist das nicht. Ob es aber der Weg einer unblutigen Erneuerung werden kann, ist eine offene Frage. Das hängt in der Tat nicht allein von Alexander Lebed ab.