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Babuschka und ihre Töchter – neue Kraft oder alte Rolle der Frauen?

Rußland befindet sich in einem tiefen Umbruch. Er macht auch vor der Beziehung zwischen Männern und Frauen nicht halt. Die Frauen bewältigen die Hauptlast des Alltags. Damit liegt die Krise vor allem auf ihren Schultern. Werden sie damit tiefer in alte Rollen gedrückt oder wachsen ihnen neue Kräfte und neue Möglichkeiten zu?

Kai Ehlers berichtet aus dem Lande.

O-Ton 1: Platzmusik, schneller Tanz        1,20
Regie: O-Ton langsam kommen lassen, kurz stehen lassen, nach Erzähler hochziehen, danach allmählich abblenden

Erzähler:
Platzkonzert im zentralen Kulturpark in Nowosibirsk, Tag des Wissens. Es wird gefeiert. Jungen und Mädchen aller Altersstufen haben sich vor der Bühne versammelt, viele der Jungen im Anzug, die kleineren Mädchen mit Schleifen, die älteren in hellen Blusen und Rock, manche auch in Hosen, alle aber sonntäglich und modisch herausgeputzt. Bereitwillig folgen sie den Aufforderungen des Animateurs zum Gruppentanz vor der Bühne. Einige Jungen sind zur Bühne hinaufgeklettert und tanzen vor aller Augen um die Wette. Die Mädchen agieren aktiv, selbstbewußt, schon die jüngsten Teenies geben sich betont weiblich, nicht selten geradezu kokett. Selbst neugierige Fragen eines Ausländers bringen sie nicht aus der Fassung. Der Tag des Wissens ist für sie ein tolles Fest! Einfach Klasse! Früher habe es das nicht gegeben!

Regie: kurz hochziehen, allmählich abblenden

Mein Begleiter, Pawel, praktizierender Psychologe, hat seine siebenjährige Tochter zu dem Konzert geführt. Er kann seine Überraschung nicht verbergen:

O-Ton 2: Psychologe        0,22
Regie: O-Ton kommen lassen, kurz stehen lassen, runterziehen, unterlegen, am Ende hochziehen, ausblenden

Übersetzer:
„Ja udiwlon…
„Ich bin verblüfft, so etwas war nicht möglich, als wir jung waren. Daß da Jungs und Mädchen gemeinsam in einem Kreis gehen, Hand in Hand und daß sie dann so offen da tanzen. Das ist eine vollkommen andere Generation. Ich bin sehr verblüfft. Oij, schau! Wie das losgeht.“
… chaditje na galowje…

Erzähler:
Pawel hat recht. Wer Festtage dieser Art aus Sowjetzeiten kennt, muß erstaunt sein über die Ungezwungenheit, mit der Jungen und Mädchen sich heute öffentlich begegnen. Wächst eine Generation mit neuen Vorstellungen heran?

O-Ton 3: Kinder, Klasse, Stimmengewirr         0,32
Regie: O-Ton kommen lassen, kurz stehen lassen, unterlegen, nach Erzähler abblenden,

Erzähler:
In der Schule Nr. 10, ebenfalls in Nowosibirsk suchen wir nach einer ersten Antwort auf diese Frage. Die Schule, obwohl keine der neuen privaten Anstalten, hat den Ruf, besonders gut und modern zu sein.
Ohne Scheu  geben die Mädchen der Klasse 9 Auskunft über ihre Beziehung zu den Jungs. Der inzwischen oft zitierte Ausspruch „Bei uns gibt es keinen Sex“, den eine empörte sowjetische Teilnehmerin bei einer der ersten einer TV-Brücken Ende der 80ger zwischen Rußland und dem Westen seinerzeit prägte, entlockt ihnen nur ein fröhliches Lachen:

O-Ton 4: Mädchen, Lachen        0,58
Regie: O-Ton kommen lassen, bis „Studpid“ stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler (bei 0,28) vorübergehend hochziehen, abblenden, unterlegen, hochziehen, ausblenden

Erzähler:
Lachen…
„Im Englischen gibt es dafür ein Wort: Stupid!“, faßt eins der Mädchen die Meinung aller zusammen: „Natürlich gibt´es das.“ Sie meint Sexualität. „Man spricht nur nicht darüber.“

Regie: bei „…nje gaverjat“ vorübergehend hochziehen

Erzähler:
Im übrigen, beeilen sich die Mädchen zu betonen, sei ihre Beziehung zu den Jungs aber eine völlig andere als in Amerika. Bei ihnen könne ein Junge ein halbes Jahr oder auch ganzes mit einem Mädchen gehen, ohne daß mehr als Freundschaft zwischen ihnen sein müsse und ohne daß der Junge deswegen angemacht werde, „als Versager oder so.“ Ja, führt eins der Mädchen aus, sie habe kein Interesse an einem Jungen, der nur ihren Körper wolle. Die anderen stimmen ihr zu. Ein Mädchen sollte weiblich sein, finden sie, der Junge sollte sie beschützen. Das sei seine Aufgabe als Mann.
… peregat djewuschku.“

Erzähler:
Gefragt, ob sich in solchen Ansichten nicht die Klischeés widerholten, über die sie gerade so gelacht hätten, antwortet eines der Mädchen:

O-Ton 5 Mädchen, Forts.         0,50
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler
kurz hochziehen, abblenden

Übersetzerin:
„Setschas ja saglasna…
„Heute, darin stimme ich zu, sind Frauen nicht unbedingt von Männern abhängig. Auch für Rußland gilt: Jede Frau kann heut leicht dreimal soviel verdienen wie irgendein Mann. Das ist kein Geheimnis, vorausgesetzt, es gibt überhaupt Arbeit. Das ist aber nur die wirtschaftliche Seite. Trotz allem braucht die Frau als Mutter doch jemanden um sich, der sie stützt, vor allem in den ersten sechs, sieben Jahren.“

Erzähler:
Früh heiraten also? Gott bewahre, wehren die Mädchen ab, nicht vor fünfundzwanzig. Erst das eigene Leben aufbauen! Früher habe man viel zu früh geheiratet. Ihre Eltern zum Beispiel. Die hätten sich damals einfach keine Sorgen über die Zukunft gemacht. Sie hätten ja in einem sowjetischen Land gelebt, in dem noch von keinen Reformen die Rede gewesen sei. Heute dagegen müsse man sich erst einmal wirtschaftlich absichern. Dann komme alles andere.
…materialna i..“

Erzähler:
Weibliche Aufgaben, männliche Aufgaben? Platz der Frau? Was verstehen die Heranwachsenden darunter? Bei einer weiteren Gesprächsrunde in einer der Parallelklassen, an der auch zwei Jungen teilnehmen, meint ein Mädchen:

O-Ton 6: zweite Mädchenrunde        0,23
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Übersetzerin:
„Mnje kaschetsja, we naschem stranje…
„Mir scheint, in unserem Land ist die Emanzipation geringer entwickelt als in anderen Ländern, wie etwa in Europa oder noch mehr in Amerika. Zur gleichen Zeit gelten die Frauen bei uns aber mehr. Nicht, daß sie mehr Wert wären, aber man begegnet ihnen mit Verehrung, milder, nicht so schroff wie den Männern. Aber natürlich hat da auch jeder Erwachsene seine eigene Art.“
…prostupki sami.“

Erzähler:
Eine anderes Mädchen aus der Runde ergänzt:

O-Ton 7: Mädchen, Forts.         0,30
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Nu, prosta ransche…
„Nun, früher, in den letzten siebzig Jahren war die Frau einfach sehr beladen. Sie wurde in eine Reihe mit den Männern gestellt. Sie mußte Leistungen vorweisen – ja, wie ein Mann, dieselbe Arbeit, manchmal sogar schwerer. Jetzt müht sie sich einfach darum, wieder auf ihren echten weiblichen Platz zu kommen, gleichzeitig aber gleichberechtigt zu sein. Doch eben nicht auf allen Gebieten: Sie will keine Schienen mehr verlegen, sie will etwas Interessantes tun. Sie braucht ja wohl genauso viel Freiheit.“
… stolka sche.“

Erzähler::
Auf nochmaliges Nachfragen, was denn der echte weibliche Platz sei, antwortet eines der Mädchen schließlich:

O-Ton 8: Mädchen, Forts.         0,59
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin (bei 0,22) kurz hochziehen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Übersetzerin:
„Nu, wot, napremjer tschas…
„Nun, heute suchen viele Frauen Arbeit: Einige versuchen, ihre Ziele ohne Hilfe von Männern zu erreichen, andere, wenn die Familie etwas wohlhabender ist, können, aufhören zu arbeiten und sich zu Hause mit den Kindern beschäftigen, wenn es die familiären Verhältnisse erfordern. Das ist heute möglich.“

Regie: bei …vasmoschnost“ zwischendurch hochziehen

Erzähler:
Möglich ist das, seit die Arbeitspflicht aufgehoben ist, welche die Frauen, ob sie wollten oder nicht, nach anderthalbjähriger Schonfrist wieder an den Artbeitsplatz brachte. „Frauen nehmen sich heute das Recht selbst am Steuer zu sitzen, Ingenieure, Direktoren zu sein und doch als Frauen verehrt zu werden“, ergänzen die anderen Mädchen noch. Die Jungen schweigen. Sie haben den Ausführungen ihrer Mitschülerinnen offenbar nichts hinzuzufügen. „Die Frau“, stellt eines der Mädchen schließlich fest, „ist ja effektiv die Herrin des Hauses, die Herrin der Familie; es geht nicht an, sie so stark zu belasten.“
… silna nagruschatj.“

Erzähler:
Im Direktorenzimmer, bei einer Tasse Tee, wird schnell klar, daß die Ansichten der Neunklässlerinnen über Frauen und Männer keine zufälligen sind. Sie entspringen vielmehr den tiefsten Überzeugungen Natalja Raslawzewas, ihrer Direktorin, die mit Beginn der Reformen die Leitung der Schule übernommen hat. Das Verhältnis von Jungen und Mädchen hat für sie im Schulunterricht oberste Priorität::

O-Ton 9: Direktorin der Schule Nr. 10        1.03
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Besoslowna, swoij  rabote my…
„Selbstverständlich widmen wir dieser Frage große Aufmerksamkeit. Ohne das geht es überhaupt nicht. Wir wollen die Frauen fraulich machen und die Männer männlich. Die Sache ist doch,  die Welt wurde so interessant: Frauen gehen in Männerkleidung, haben sich die harten Manieren von Männern angewöhnt. Das muß man nicht bekämpfen, das muß nicht sein. Jeder muß schließlich seine persönliche Entwicklung machen. Aber wir führen doch ein spezielles Programm durch; darin gibt es die Fächer Kosmetik, Pflege des Kindes, Frisierfragen, Kulinarien. Das heißt, wir begreifen natürlich sehr gut, daß letztlich nur die Familie Männer und Frauen erziehen kann. Wenn ein Mann typische, erniedrigende Haltungen gegenüber Frauen in seiner Familie erlebt, dann gehen daraus in der Regel keine gut erzogenen Männer hervor. Die Schule hat deshalb eine riesige Bedeutung für die Korrektur der Werte. Ich habe viele Beispiele dafür. Nur eins: Wenn die Knaben hier in die Schule kommen, dann erzieht die Lehrerin sie so, daß sie beim Hineingehen in die Klasse den Mädchen die Tür aufhalten. Also, mit solchen sanften Schritten versuchen wir die Verehrung für die Frauen anzulegen.“
… odnaschennije genschin.“

Erzähler:
Sexualkunde ist für Frau Raslawzewa selbstverständlich, ebenso wie Koedukation. Die Direktorin ist eine Verfechterin der Koedukation. Trotzdem sind die entsprechenden Fächer für Jungen und Mädchen zum Teil getrennt. Natürlich, findet Frau Raslawzewa. Natürlich? Warum?

O-Ton 10: Forts. Direktorin        0,42
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Potamuschto we schkolje…
„Weil in der Schule Kinder verschiedenen Alters sind. Und um ein Gespräch mit ihnen über Sexualität zu entwickeln, müssen sie erst vorbereitet werden. Man muß die natürliche Scham achten, welche die Kinder erst einmal
mitbringen. Danach kann man ihnen sagen: Das ist normal, daß ihr euch mit sexuellen Fragen beschäftigt, darüber nachdenkt, den Mädchen den Hof macht; das ist das Leben. Wir sprechen sehr oft hier bei uns – in den höheren Klassen auch im Fach Philosophie, das ich selbst gebe – über den Menschen, über die Seele, über die Lage der Gesellschaft. Natürlich sprechen wir zuallererst darüber, damit fange ich sogar an, daß der Mensch ein biologisches Wesen ist, und zweitens, daß es Männer und Frauen gibt. Denn das ist doch so ein Unterschied, physiologisch, geistig, moralisch, ein so gigantischer Unterschied.“
… gigantskaja rasniza.“

Erzähler:
Im Rußland, so skizziert Frau Raslawzewa die Lage, sind die Männer die Chefs. Die eigentlichen Träger der schöpferischen Energie aber sind die Frauen, und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen, außer in der Politik, im Militär und in der Wirtschaft. Letzteres ist nach Ansicht der Direktorin aber nur noch ein Tribut an die Tradition. In Wirklichkeit seien die Frauen auch auf dem Gebiet der Wirtschaft heute besser:

„O-Ton 11: Direktorin, Forts.        0,22
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen

Übersetzerin:
„Potamuschto ja snaju…
„Ich weiß doch, daß Frauen die verständigeren Chefs sind. Sie bringen die Dinge in der Regel zu Ende, sie sind sehr genau. Sie gehen aufmerksamer mit den Menschen um als die Männer. Und heute, in diesem krisenhaften Zustand der Gesellschaft, bei dieser Geldnot, bei diesen sozialen Problemen, spielt die Beziehung zum Chef eine gewaltige Rolle.
… imejet agromni snatschennije“

Erzähler:
Frau Raslawzewas Begründung für ihre Sicht der Dinge kommt sanft aber bestimmt:

O-Ton 12: Direktorin, Forts.         0,34
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen,nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„My swje jenschnini…
„Wir Frauen schaffen die Schönheit, die Harmonie zwischen den Menschen. Die Frauen denken oft, ihre Aufgabe bestünde darin, den Mann umkrempeln, wenn sie sich begegnen. Ich sage meinen Mädchen immer: Umkrempeln geht nicht – aber korrigieren kann man sie Doch korrigieren mit Milde, mit Liebe, mit Mitleid. Die Frau muß ihm die Augen öffnen für die Seiten des Lebens, die den Mann veredeln, sie muß ihm zeigen, wo er sich gut verhalten hat, damit er sich in Zukunft weiter so verhält. Kann auch sein, daß sie Probleme lösen muß, dem Mann zeigen muß, daß er stark und energisch ist.“
… tscho on silni o napori.“

Erzähler:
Zwei Hauptprobleme sieht die Direktorin: Zum einen könne man heute oft hören, daß die Männer unfähig seien, kein Geld mehr nach Hause brächten, überhaupt, keine Männer mehr seien, sondern Waschlappen. Objektiv stimme das natürlich, bedauerlicherweise, zu Hause, wie auch im Staat.
Die Statistiken, die Frau Raslawzewa dazu zitiert, stützen solche Sichtweise. Obwohl Frauen die ersten sind, die bei Rationalisierungen vor die Tür gesetzt werden, ist es doch so, daß viele Männer heute nicht mehr in der Lage sind, die Familien zu ernähren. Diese Familien leben vom Einkommen der Frauen, die noch Arbeit haben oder einfach nur von deren Improvisationsgeschick. Wie könne sich der Mann da noch als Herr der Familie fühlen? fragt die Direktorin. Für den Staat gelte dasselbe. Für die Frau aber öffne sich der Käfig, in dem sie vorher gelebt habe. Dennoch, so Frau Raslawzewa, möchte sie, daß ihre Mädchen anders denken:

O-Ton 13: Fortsetzung Direktorin        0,24
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

„Übersetzerin:
„Ja by chatila…
„Ich möchte daß sie, die unterschiedliche Stellung von Männern und Frauen in der Gesellschaft wirklich verstehen. Sie müssen begreifen, daß Männer die schwere Arbeit nicht einfach so auf sich nehmen, weil es eben so ist, sondern daß sie es aus Achtung für die Frauen tun, daß sie es tun, damit die Frau in einer behaglichen, ruhigen Welt leben kann. Das ist sehr wichtig. „
… eta otschen waschna.“

Erzähler:
Ein zweites großes Problem sieht Frau Raslawzewa in dem, was sie die Feminisierung der Gesellschaft nennt:

O-Ton 14: Fortsetzung Direktorin        0,40
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Nu. I wtaroje…
„Wir haben ein gigantisches Problem der Feminisierung in unserer heutigen Gesellschaft, weil die Jungs von der ersten bis zur letzten Klasse von Frauen erzogen und ausgebildet werden. Stellen Sie sich eine Familie ohne Vater vor: Die Mutter ist zu hause, der Junge lebt beständig im Rahmen weiblicher Stimmungen; wenn dann noch Hysterie dazukommt, dann ist das Leben nur noch schwer. Was wird aus Ihm? Er versteht das Leben nur gefühlsmäßig, wie Frauen. Er verliert seine Männlichkeit. Er beginnt, Probleme wie Frauen zu entscheiden. Ich sehe meine Aufgabe darin, dafür zu sorgen, daß auch die Jungs ihr Ich entdecken, daß sie wissen: Ich kann etwas schaffen! Nicht nur Geld, überhaupt! Das ist auch sehr wichtig.
…tosche otschen waschna.“

Erzähler:
Wie vorher schon ihre Schülerinnen, kann auch Frau Raslawzewa in den Rollen, die sie Männern und Frauen zuweist, keine Wiederholung alter Stereotypen erkennen. Man könne lange darum herum reden, meint sie. Natürlich müsse man heute nicht mehr so scharf zwischen männlichen und weiblichen Arbeiten unterscheiden wie früher, eher gehe es um menschliche oder unmenschliche Arbeiten. Letztlich aber gebe es doch eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, die nicht wegzudiskutieren sei:

O-Ton 15: Forts. Direktorin        0,22
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Nje, kak prawilna…
„In der Regel ist es doch so, daß die Frauen nicht nur die Kinder bekommen, sondern sie auch aufziehen; Behaglichkeit und Ruhe der Familie stellt die Frau her. In diesem Sinne unterscheiden wir eben doch. Das ist vor allem ein natürlicher Faktor, versteht sich.“
…prirodni Faktor, konjeschna.“

Erzähler:
Die Schule, faßt Frau Raslawzewa ihre pädagogische Mission am Schluß dieses langen Gespräches zusammen, solle selbstverständlich die Menschen nicht nur zu Männern oder Frauen, sondern zu Persönlichkeiten erziehen, das heißt, konkretisiert sie, zu Menschen, die in der Lage seien, in der Gemeinschaft zu leben. Und leise, fast wie für sich selbst fügt sie hinzu:,

O-Ton 16: Direktorin, Schluß        1,09
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, nach Übersetzerin zwischendurch hochziehen, abblenden, unterlegen, am Schluß hochziehen, ausblenden

Übersetzerin:
„No, wmestje tjem…
„Aber damit verbunden unterstreicht die russische Geschichte immer wieder vor allem die ursprüngliche Bedeutung des Weiblichen und des Männlichen.
Dem können wir nirgendwohin ausweichen und wir werden das auch in Zukunft betonen, denn darin ist vermutlich so etwas wie ein Geheimnis der russischen Nation verborgen. Diese Weiblichkeit, diese Mutterschaft werden wir wahrscheinlich immer mehr als andere Völker betonen.
Ich weiß nicht, ob das gerecht ist oder nicht, aber ich fühle sogar, daß es sehr wichtig ist, die Männer darin zu erziehen. Und es geht nicht an, die Erziehung zum Menschen von der Erziehung zu Männern und zu Frauen zu trennen. Noch leben wir nicht in einer Gesellschaft, wo man nur Knöpfe drücken muß. Wir müssen sogar neu anfangen. Aber alles was wir jetzt versuchen, können wir nur auf dem weiblichen Ursprung aufbauen.“

Regie: Vorübergehend hochziehen

Erzähler:
Andernfalls, so Frau Raslawzewa, drohe die Tatsache, daß der Mann nicht mehr in der Lage sei, die Familie zu ernähren, dahin zu führen, daß die Familie zerfalle und die Gesellschaft sich brutalisiere – Egoismus, Mafia, Krieg.
Sie sei ja selbst eine Frau, die frei und selbstbestimmt arbeiten wolle, schließt Frau Raslawzewa, aber lieber verzichte sie auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, wenn dadurch der Mann seine Rolle als Ernährer der Familie wieder wahrnehmen könne, denn nur so sei eine stabile Familie und damit eine Stabilität der Gesellschaft erreichbar.
…s pomoschi arusche.“

Erzähler:
Als spiegelverkehrt mag dieses Verständnis von Emanzipation Menschen des Westens erscheinen: Was westliche Frauen als das Ärgste empfinden,  Verdrängung vom Arbeitsplatz, Rückzug  auf Kinder und Küche, das betrachten russische Schulen heute, und das sind vor allem Frauen, als Chance für die Wiedergewinnung der echten weiblichen Bestimmung. Das gilt nicht nur für staatliche Schulen. Das gilt ebenso, wenn nicht noch in mehr, für die Vielzahl privater Ausbildungsstätten. Das neue Bildungsideal ist der junge Mann, der in den Frauen seiner Umgebung die eigene Mutter oder die zukünftige Mutter seiner Kinder verehrt. Die junge Frau wird dazu erzogen, diese Verehrung entgegenzunehmen.

O-Ton 17: Frauenkongress        67
Regie: O-Ton langsam kommen lassen, Gesang kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, mit Applaus abblenden

Erzähler:
„Musik…
Aber nicht nur in den Schulen, sondern überall, wo Frauen sich versammeln, erklingt derselbe Grundton. Hier singt, auf einem Frauenkongress, ebenfalls in Nowosibirsk, der Frauenchor „Slavian“. In diesem Lied geht es um die Kraft der Liebe, welche das Leiden überwindet. Auf solchen Kongressen versammeln sich Frauen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Die Teilnehmerinnen kommen aus Resten ehemaliger oder auch aus neuen staatlichen Frauenorganisationen, vor allem aber kommen sie aus neuen Selbsthilfeinitiativen. Eine ganze Welle von Kongressen gebe es in den letzten Jahren, meint eine Frau enthusiastisch. Sie greifen Themen auf, die früher marginalisiert oder vollkommen tabu waren. So gibt es Gruppen für geschlagene Frauen oder für sexuell mißbrauchte behinderte Mädchen. Religiöse Gruppen setzen sich für eine moralische Erneuerung ein. Auch junge Unternehmerinnen beteiligen sich an dem Kongreß, unter ihnen Kosmetikerinnen, die den anwesenden Frauen Mut machen wollen, ihre weiblichen Vorzüge im Beruf und Alltag bewußter einzusetzen.
… Applaus, Foyer

O-Ton 17: Frauenkongreß        1,23
Regie: O-Ton (mit Applaus) langsam kommen lassen, kurz stehen lassen, abblenden kurz vor Beginn der gesungenen Teils hochziehen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Erzähler:
„Beifall, Daragije drusija…
Die Initiatorin, Leiterin des größten örtlichen Kulturhauses, begrüßt die Frauen. Sie dankt der UNESCO für deren Unterstützung. In ihrem Lied besingt sie die Kraft der Frauen aller Länder, sich zusammenzuschließen.

Regie: beim Stichwort „…Ja otschen blagodarju“ hochziehen, Singen kurz stehenlassen, abblenden

Erzähler:
„Was kann uns verbinden?“ fragt sie dann und erklärt:

Übersetzerin:
„Es ist die Liebe zu allen, die Kraft zum Mitleiden; es sind unsere Kinder. Und es ist wohl so, daß nur wir, wir Frauen, unsere Männer retten können. Aber nicht mit Gewalt. Es geht nach dem alten russischen Sprichwort: `Der Mann ist der Kopf, die Frau ist der Hals, wohin der Hals sich wendet, dahin muß der Kopf folgen.´ Wir sind hier in allen Altersstufen, ältere, mittlere, junge. Wir wollen in diesen Tagen viel an Erfahrungen zwischen Töchtern, Müttern und Großmüttern austauschen.“

Regie: Rede zwiscchendurch hochziehen

Erzähler:
Mit langem Beifall zeigen die rund dreihundert anwesenden Frauen, wie sehr ihnen diese Worte aus dem Herzen gesprochen sind.

Regie: Mit Beifall abblenden

Erzähler:
Eine der Mitorganisatorinnen ist Marina Tjasto. Sie ist Leiterin der Auslandskontakte in der staatlichen Verwaltungsfachhochschule in Nowosibirsk, einer der hochangesehen Kaderschmieden der neuen Bürokratie. Frau Tjasto ist eine kämpferische Frauenrechtlerin. Sie ist häufig im Westen. Aber klar setzt sie sich vom Feminismus westlicher Prägung ab. Nicht nur als gleichberechtigter Kumpel, als Frau möchte sie geachtet und verehrt werden. Nach den zwei Tagen, die gefüllt waren mit Vorträgen, Arbeitsgruppen und Liedern, zieht sie folgende Bilanz:

O-Ton 18: Marina Tjasto        0,60
Regie: O-Ton kurz stehen lasssen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin kurz hochziehen, wieder abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, ausblenden.

Übersetzerin:
„My polutschili, to schto my chatili…
„Wir haben bekommen, was wir wollten. Ohne Hysterie, ohne Geschrei. Frauen haben sich versammelt, die bereit waren, miteinander zu sprechen. Alle hatten ihre Freude, konnten sich austauschen, gegenseitige Hilfe vereinbaren. Und das reicht uns. Wir haben diesen Prozess angestoßen, aber wir wollen, daß er konstruktiv läuft, schrittweise, evolutionär, ohne Krisen und Kämpfe. Wir kämpfen nicht gegen die Männer. Wir wollen nichts zerstören. Es reicht bereits, es ist ja schon alles zerstört! Wir wollen unsere weibliche Energie konzentrieren, um die Krise zu überwinden. Wir wollen jetzt bewahren, was noch ist, es stärken und Neues aufbauen. Dann wird es gehen.“

Regie: zwischendurch hochziehen

Erzähler:
„Wir wollen die Männer nicht beherrschen. Wir wollen nicht ihre Chefs, sondern gleichberechtigte Partner sein“ setzt Frau Tjasto noch hinzu. Viele Männer verstünden das nicht. Einige gäbe es jedoch. „Wenn wir solche Männer finden“,  lacht sie, „dann arbeiten wir mit ihnen zusammen.“ Dafür müßten die Frauen aber natürlich mit allen reden, um herauszufinden, mit wem das möglich sei oder mit wem nicht.
… gadjatsja ile nam ili njet.“

Erzähler:
Auf dem flachen Lande wird sichtbar, wie die von Frau Tjasto und vielen anderen geleistete Aufbauarbeit der Frauen im Alltag aussieht.

O-Ton 19: Kulturhaus in Borodino        0,41
Regie: O-Ton aufblenden, stehen lassen bis zum “Sri, Sri, Sri“ des Lasers, abblenden unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Erzähler:
„Doch, wydoch, Atmen…
Einatmen, ausatmen, heißt es hier. Mit Laserakupunktur wird Trinkern ein Block gesetzt, der sie für ein, zwei oder drei Jahre am Trinken hindert. Neunzig Prozent der Trinker sind Männer. Alkoholismus ist hier in Rußland eine Männerkrankheit. Die neue Zeit treibt viele Männer noch tiefer in den Suff als früher, andererseits verlangt sie Nüchternheit für den hart gewordenen Kampf um die wenigen guten Arbeitsplätze. Die Frauen sind es, die ihre Männer, Brüder, Väter massenhaft zu Entziehungskuren bringen, welche Ärzte aus den nahen Städten nach neuesten, aus Amerika eingeführten Methoden anbieten.
… Nächste Atem- und Laserfolge

Erzähler:
Während die Männer der Reihe nach die Behandlung über sich ergehen lassen, sind von den Frauen draußen verhaltene, aber doch unmißverständliche Kommentare zu hören:

O-Ton 20: Frauen von Alkoholikern        0,32
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Erzähler:
„Nu jestestwenna…
„Nun, wahrhaftig!“, sagt diese Frau stockend: „Auf den Frauen bleibt alles hängen. Der Mann weicht in den Alkohol aus. Die Frau hat die Arbeit.“
Nach einigem Zögern kann man von ihr erfahren: Sie selbst arbeitet tagsüber in der Fabrik, abends hat sie die Kinder. Sie macht das Haus, die private Wirtschaft, den Garten, die Datscha. Jetzt hat sie ihren Mann überredet, sich behandeln zu lassen. Sie wirkt müde. Trotz allem hofft sie, daß eine Änderung möglich ist. „Man möchte es einfach glauben“, sagt sie.
284 …chotschitsja verit

Erzähler:
Andere Frauen, die es sich draußen vor der Tür auf dem Boden bequem gemacht haben, sind nicht so zurückhaltend:

O-Ton 21: Frauen von Trinkern        0,32
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Erzähler:
„Pjut, mnoga pjut …
„Fünfundneunzig Prozent unseres Dorfes hängen an der Flasche“,  meint eine der Frauen. Von denen,  fährt sie fort, hätten laut Statistik siebzig Prozent geisteskranke Kinder. „So ein Dorf ist das bei uns“, fährt sie fort. „Da brauchen wir eine Psychologin an der Schule, weil eine normale Lehrerin da nicht mehr arbeiten kann“.
Fünfundneunzig Prozent, schränken die anderen Frauen ein, sei sicher extrem, aber achtzig Prozent sei auf den Dörfern sicher normal.
… eta totschna.“

Erzähler:
Kein Wunder finden sie: Bei den Zeiten! Schon früher habe es das Problem gegeben, aber jetzt habe sich die Situation doch noch sehr verschlechtert:

O-Ton 21: Frauen von Trinkern, Forts.        0,45
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Übersetzerin:
„Da uchutschela…
„Früher gab es eine gewisse Angst. Wenn du da einen, zwei Monate nicht auf der Arbeit erschienen bist, hat es Strafen gegeben. Wenn du heute nicht kommst, fliegst du raus. Man vergißt dich. Du bist für niemanden nutze. Wenn dann Familie da ist, dann wird es schwierig. Da sind die Kinder.

Erzähler:
„Wir waren es ja gewohnt, gesagt zu bekommen, was wir tun sollen“, ergänzt eine andere Frau. „Nun stehen wir da, wissen nicht wohin. Und im Dorf da gibt es keine Kultur, keine Abwechslung. Da ist die Flasche das einzige Vergnügen. Einige kommen damit zurecht, andere nicht.“
… schto to nje moschet.“

Erzähler:
Über die Frage, wer die Hauptlasten dieser Situation trage, brechen die drei Dörflerinnen in herzliches Lachen aus.

O-Ton 22: Frauen von Trinkern, Forts.         0.35
Regie: O-Ton langsam kommen lassen, bei Lachen hochziehen, kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Erzähler:
Lachen, …
„Na was denn!? Kartoffeln, den Garten, die Kinder, den Mann, mein Gott, eben alles, das machen wir“, sagt eine,  „Frauen, Mütter und  Großmütter“, ergänzen die anderen, „Männliche und weibliche Arbeit“, setzten sie hinzu.  Und es ist nicht klar, ob sie das als Kritik oder als Feststellung unabänderlicher Tatsachen meinen. „O je, wir wissen natürlich, daß man besser leben kann, zum Beispiel bei euch in Deutschland. Aber hier. Wohin sollen wir gehen? Wir werden so leben, wie wir immer gelebt haben.“
… Lachen

Erzähler:
In der Familie haben die Frauen das Kommando. Wohl den Familien, ob vollständig oder nicht, die darüberhinaus noch eine Babuschka, die Großmutter haben. Babuschka versorgt die Kinder, während die Mütter arbeiten. Babuschka lebt, solange es die Witterung erlaubt, auf der Datscha, wo sie die Grundversorgung der Familie durch Anbau von Kartoffeln, Kohl und anderem sichert. Manch eine der Alten ist mit ihrer Pension, obwohl deren Höhe selbst kaum nennenswert ist, sogar noch der Finanzier der Familie. Frauen, muß man dazu sagen, werden auch in Rußland im Schnitt älter als Männer. Die Familie wird so zur Notgemeinschaft, die von Frauen geführt wird. Sie ist der letzte Halt in einer auseinanderfallenden Gesellschaft.
Wie ist diese Rolle der Frau zu bewerten? Irina Golgowskaja ist eine von den Frauen, die dieser Frage auch theoretisch zu Leibe rücken. Frau Golgowskaja,  selbst Mutter von zwei Kindern, ist leitende Ärztin einer neuen psychoanalytischen Klinik in Nowosibirsk. Sie möchte die Mutter, die große Mama, das Matriarchat in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen rücken. Die Notwendigkeit dafür begründet sie mit ihren Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag. Im Hintergrund läuft der Kühlschrank der Klinikküche:

O-Ton 23: Psychoanalytikerin                        0,47
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Ja smotrila…
„Ich schaute in die umgebende Welt, ich schaute mich selbst an; ich untersuchte die äußere Welt und die innere, das heißt, ich schaute meine Patienten an, meine Freunde, die Gesellschaft um mich. Dabei stieß ich auf unbeantwortete Fragen, undurchlässige Wände. Zäune! Dahinter fand ich das Wort: Mutter, überall Mutter, Mama, Matj! Es gibt dieses Verständnis bei uns: `Matj´, große Mutter. Mir fiel auf, daß es um uns herum sehr vieles gibt, das sich von dort herleitet. Die Menschen lassen die Gedanken daran nicht zu, es ängstigt sie, aber es ist so. Es ist wie die Luft, die uns umgibt. Und so kam mir Wort Matriarchat in den Sinn. Ich habe es nicht theoretisch abgeleitet, ich habe nur auf einmal begriffen, daß wir in einer patriarchalen Welt leben, die in Wahrheit aber matriarchal ist. Ja, im Grunde haben wir ein Matriarchat bei uns, aber formal ist ein Patriarchat darauf aufgebaut.“
… a formalna patriarchat

Erzähler:
Doch auch die Analytikerin setzt nicht auf Konfrontation. Unter «Matj“ Mutter, versteht sie nicht nur die Frau, die Mutter oder die Babuschka. Unter Matj versteht sie weibliche Bildung, Gestaltung, weibliches Verständnis der Welt überhaupt. Und im übrigen gehe es nicht etwa darum, das Patriarchat durch das Matriarchat zu ersetzen:

O-Ton 24: Fortsetzung Psychoanalytikerin                0,48
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen, bei „eta schenskaja wsjo“ ausblenden

Übersetzerin:
„Ja wdrug ponila…
«Mir ist klargeworden, daß das Unterbewußtsein weiblich ist, ganz und gar weiblich. Darüber liegt das Schema unseres Staates, der Welt, der von Menschen gebauten Strukturen, das männliche Element. Das ist Ausrichtung, bewußte Erziehung. Wir leben in jenem unterbewußten Weiblichen, in welchem wir uns vor der patriarchalen Welt verstecken. Das ist so, um überhaupt überleben zu können, denn das Unterbewußte ist Leben und Tod in einem Punkt. Wenn es überwiegt, gibt es Chaos, gibt es Schrecken. Mit der bewußten Erziehung kann man überleben. So lebt die Menschheit an der Grenze zwischen diesen beiden Zuständen. Von unseren ersten Vorfahren zu den heutigen Menschen führt so ein Weg mit Hilfe des Geistes; der Geist ist rein männlich, auch Gott ist eine männliche Bildung, Natur, Kreatur, Träume, Fantasie, Kinder, das alles ist weiblich».
… eta schenskaja bsjo

Eine gesunde Entwicklung, so Frau Golgowskaja, könne es nur geben, wenn die Gewalt dieser Urbeziehung erkannt und aus der Konfrontation eines Entweder Oder zu einem neuen, freieren Verständnis vom Menschen herausgebracht werde.

O-Ton 25: Ausklang                                1,15
Regie: O-Ton langsam  kommen lassen, unter dem Erzähler allmählich ganz hochziehen, kurz frei stehen lassen, allmählich abblenden

Erzähler:
Ob in solchen Erkenntnissen die Möglichkeit liegt, den Pendelschlag von der sowjetischen Gleichmacherei zur nachsowjetischen Differenzierung, von einer Leugnung der Weiblichkeit also zum Weiblichkeitskult, unbeschadet zu überstehen und daraus auch noch neue Perspektiven zu gewinnen, ist eine offene Frage. Von ihrer Beantwortung, das ist gewiß, wird die Zukunft Rußlands abhängen und vielleicht sogar mehr als nur diejenige Rußlands.