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Putins Wahl: Russland auf dem Weg zu sich selbst?

Besetzung:

Zitator, Sprecher, Übersetzer, Übersetzerin

Aussprache: Alle russischen Namen und Begriffe sind in phonetischer Umschreibung wiedergeben, ein Unterstrich kennzeichnet die Betonung.

Anmerkung zu den O-Tönen:
Die Länge der O-Töne ist exakt angegeben. Zähleinheit ist 5.sec. pro Zeile plus 5 Sec. für die Auf- und 5 Sec. für die Ausblendung. Die Töne sind so geschnitten, dass Anfang und Ende in der Regel für jeweils mindestens 5 Sec. den (fett) angegebenen Textanfängen oder Textenden entsprechen. Evtl. Schnittstellen ( in denen Text und Ton nicht wortidentisch sind) liegen in der Mitte der Töne. Abweichungen von diesem Schema habe ich besonders angegeben. (Manche Töne könnten trotzdem auf Grund der Tatsache, dass ich erst schneiden musste, bevor ich schreiben konnte, etwas zu lang sein; da bitte ich Sie um Regulierung.)

Freundliche Grüsse

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de

Putins Wahl:
Russland auf dem Weg zu sich selbst?

Wladimir Putin, ist, wie vorauszusehen, neuer Präsident Russlands. Mit 52,52 Prozent aller abgegebenen Stimmen hat er die Erwartungen all derer auf sich vereinigt, die Russland retten, die ihr Land wieder als bestimmendes Mitglied der Völkergemeinschaft sehen wollen. Der neue Präsident hat kein Programm veröffentlicht, wenn es aber nach den verstreuten Äußerungen geht, die er auf dem Weg vom stellvertretenden zum rechtmäßig gewählten Präsidenten hinterlassen hat, soll Schluß sein mit dem Kopieren westlicher Reform-Vorstellungen, soll Russland seinen eigenen, russischen Weg zwischen Marktwirtschaft und traditionellem kollektiven Lebens- und Wirtschaftsformen finden. Gibt die Wahl Wladimir Putins den Startschuß für Russlands Rückkehr zu sich selbst? Was wäre darunter zu verstehen?
Unser Autor Kai Ehlers geht dieser Frage in Gesprächen mit russischen Ideologen, Politikern und Analytikern nach.

Regie: Aufbruchstimmung,
Musikalische Einführung aus Studiomaterial (Bethovens 5.)
Ton ausreichend stehen lassen, abblenden, unterlegen, allmählich abblenden

Zitator: (getragen)
„Die Erfahrung der 90 Jahre bezeugt eindrucksvoll, dass eine erfolgreiche Erneuerung unseres Heimatlandes  nicht erreichbar ist, wenn abstrakte Modelle und Schemata aus ausländischen Lehrbüchern auf den russischen Boden übertragen werden. Es bringt auch wenig, wenn die Erfahrungen anderer Staaten mechanisch nachgeahmt werden. Jedes Land – und Russland ist keine Ausnahme – muss seinen eigenen Erneuerungsweg finden. Wir haben dabei noch keine großen Erfolge erzielt. Erst in den letzten ein, zwei Jahren sind wir auf unseren eigenen Weg der Umgestaltung, auf unser eigenes Modell gestoßen“

Erzähler:
Das verkündet ein Text, den der soeben gewählte Präsident Wladimir Putin per Internet verbreiten ließ, nachdem er durch den durch den überraschenden Rücktritt Boris Jelzins in der Neujahrsnacht des Jahres 2000 zum provisorischen Staatspräsidenten aufgerückt war.
Und weiter hieß es zur Begründung:

Zitator:
„Es ist eine Tatsache, dass in Russland immer eine Neigung zu kollektiven Formen der Lebensgestaltung über den Individualismus dominiert hat, dass paternalistische Stimmungen in Russland tief verwurzelt sind. Die Mehrheit der Bevölkerung verbindet die Verbesserung ihrer Lage nicht mit eigenen Anstrengungen, mit Initiative und Unternehmungslust, sondern vielmehr mit der Hilfe und der Unterstützung des Staates und der Gesellschaft.“

Erzähler:
Aus der Verschmelzung dieser Traditionen mit den „universellen, allgemein menschlichen Werten“, so die Erklärung weiter, entstehe eine neue russische Idee. Ihr Kern: Die Verbindung von Privateigentum und Patriotismus.
Wie der jetzt als Präsident bestätigte Wladimir Putin den Patriotismus stärken will, hat er in Tschetschenien vorgeführt. Wie er Patriotismus und Privateigentum versöhnen möchte, ließ er bis heute offen. Seine Äußerungen dazu  blieben auf Kommentare zur Tagespolitik beschränkt. Am deutlichsten wurde er bisher bei seinem besuch in der sibirischen Hauptstadt Irkutsk. Vor Studentinnen und Studenten antwortete er dort auf Fragen nach seinem Programm:

O-Ton 1: Wladimir Putin    0,17
Regie : O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, zum Schluß hochziehen, ausblenden

Übersetzer:
„Lubaja Programma dolschna…
“Jedes Programm, gleich welches, muss – nicht mit Steuern oder Ausgaben, sondern mit der Entwicklung von moralischen Werte des Staates beginnen.“
… gossudarstwa, Gemurmel.“

Erzähler:
Zur Frage der Beziehungen von Zentrum und Regionen beschied er sein junges Publikum und damit die Bevölkerung vor den Fernsehschirmen:

O-Ton 2: Wladimir Putin, Forts.     0,40
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, in der Mitte ca. 20 sec. Aussetzen, wieder unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Rossija, ana…
„Russland entwickelte sich als Zentralstaat  und genau dadurch hat es existiert: Deshalb hatten wir den Zarismus, danach den Kommunismus und jetzt den Präsidenten. Natürlich müssen wir eine solche Gesellschaft und eine solche Form der Verwaltung begründen, dass sie das Wichtige, dass sie die Demokratie nicht abwürgen, denn ohne innere demokratische Prozesse kann es keine vollwertige Entwicklung von Staat und Gesellschaft geben. Aber bei all dem muss es ein eindeutiges Institut geben, dass die Rechte und die Freiheit der Bürger garantieren kann, unabhängig von ihrer sozialen Lage, ihrer wirtschaftlichen usw. Das kann nur das Institut des Präsidenten sein.“
… Präsidenta.“

Erzähler:
Zum gefflügelten Wort avancierte Putins mahnung, die er vor der Strategiekommission aussprach, welche sein Programm ausarbeiten soll:

O-Ton 3: Wladimir Putin, Forts.    0,15
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, ausblenden

Übersetzer:
„Pomnitje…
„Erinnern Sie sich daran, die Diktatur des Gesetzes ist die einzige Diktatur, der wir uns unterwerfen müssen. Der Verlust der Rechtsordnung führt zu Chaos und Grenzenlosigkeit.“
…bespredelju.“

Erzähler:
Den starken Staat und die Demokratie – beides will Wladimir Putin fördern. Russland will er stärken – und zugleich mit der NATO versöhnen. Ja, er scheute sich nicht, vor laufenden Kameras der BBC einen russischen NATO-Beitritt für möglich zu erklären.
Größten Beifall im Lande selbst bekommt Wladimir Putin nichtsdestoweniger von patriotischer Seite – so etwa von Alexander Dugin. Dugin ist einer der aktivsten Ideologen dieses Lagers, seinem Selbstverständnis nach Geopolitiker des Euroasiatismus, der die Welt in einem Grundkonflikt zwischen Russland und Amerika begreift. Zu Zeiten der Perestroika galt Alexander Dugin als nationalistischer Extremist, inzwischen ist er als Berater des kommunistischen Dumapräsidenten Selesnjow ins Zentrum der Macht aufgerückt. Alexander Dugin ist von Wladimir Putins Machtantritt geradezu begeistert:

O-Ton 4: Alexander Dugin     0.53
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, ausblenden

Übersetzer:
„Putin eta…
„Putin – das ist ein gigantischer Erfolg meines Projektes. Was heißt: meines Projektes? Das heißt nur, ich gewissermaßen eine historische Konstante verdeutliche: Zu einem gewissen Zeitpunkt bestanden in der Gesellschaft zwei Ideologien, die alte ausgehende kommunistische, und die genau entgegengesetzte feindliche liberale, westliche. Notwendig war, eine dritte Variante zu erdenken, einen dritten Weg. Um diesen dritten Weg zu ersinnen, musste man frei sein vom sowjetischen, aber auch vom westlichen Dach. Solche Leute hatten Seltenheitswert. Man hatte entweder eine sowjetische Bildung oder gleich das Gegenteil. Aber ich war einer von diesen Leuten und jahrelang habe ich um die Verwirklichung dieses Projektes gekämpft. Jetzt sehe ich die Resultate.“        …resultatow.“

Erzähler:
Mit Selesnjow, mit verschiedenen Ministern, mit Militärs habe er über lange Jahre gearbeitet, erzählt Dugin. Der Krieg in Tschetschenien habe jetzt Erklärungen gefordert. Doch kein Modell, weder das altsowjetische, noch das liberal-westliche sei imstande, Begründungen zu liefern, warum dieser Krieg geführt werden müsse. Die Sichtweise des Euro-Asiatismus dagegen könne das leisten. Der Euro-Asiatismus liefere die Begründung, warum separatistische Prozesse unbedingt beendet werden müssten.

O-Ton 5: Dugin, Forts.     0,39
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Ssetschas w mirje…
„Zur Teit entwickelt sich eine beängstigende geopolitische Situation: Es entsteht eine unipolare Welt unter vollkommener Herrschaft der USA. Die einzige Struktur, die dem nach geopolitischen Gesetzen widerstehen kann, ist die Erde Russlands. Wenn wir unsere russische Erde an der Peripherie verlieren, verlieren wir unsere Möglichkeit, eine planetare Alternative zu bilden. Wir verraten auf diese Weise nicht nur unsere historische Mission, sondern hindern auch noch andere Völker, Europa, Asien, eine freie Wahl zwischen dem atlantischeschem Modell und anderen zu treffen.“
…kakoito inoi.“

Erzähler:
Der Wahabitismus, wie er sich gegenwärtig in Tschetschenien zeige, so Dugin weiter, sei eine kriegerische Einflussnahme des Atlantismus, so wie alle anderen separatistischen Prozesse, die mit der Auflösung der Sowjetunion begonnen hätten. Die Bildung eines einheitlichen euro-asiatischen Zusammenhangs sei deshalb nicht nur Aufgabe Russlands, sondern aller Länder des euroasiatischen Kontinents. Sie müssten Russland bei dem Bemühen um einen einheitlichen Raum unterstützen, wenn sie es begriffen. Europa allerdings sei dazu momentan nicht in der Lage, denn es stehe selbst zu sehr unter amerikanischem Einfluss.

O-Ton- 6: Dugin, Forts.     0,18
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Liberatia…
„Die Befreiung Europas, die Entwicklung eines europäischen Bewußtseins, ist ebenfalls eine euro-asiatische Aufgabe: Wir müssen Europa nach Europa zurückbringen! Dafür müssen wir zweifellos stark und mächtig werden, unser strategisches Potential entwickeln und dann aus einer Position der Stärke mit den USA reden.“
…Amerika.“

Erzähler:
Der tschetschenische Krieg ist in Dugins Augen nur ein Teil des großen Konfliktes zwischen Amerika und Russland:

O-Ton 7: Dugin. Forts.    0,57
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer
„Ta woina…
„Dieser Krieg ist ein Krieg zwischen Amerika und Russland, so wie es der in Afghanistan war; so wie die Sprengung des Warschauer Vertrages eine diplomatische Provokation von innen war; so wie die Abspaltung einzelner Staaten der GUS eine Fortsetzung des Krieges zwischen Amerika und Russland oder auch zwischen maritimer und territorialer Zivilisation ist. Es ist wie ein ewiger punischer Krieg, sagen die Geopolitiker. Jeder Konflikt auf der Welt von einigem Umfang, selbst der auf den Phillippinen, der um das Kosovo sowieso, ist – auch nach der Auflösung des sowjetischen Blocks – eine Fortsetzung dieses Krieges  der Kontinente, der Zivilisationen oder, wenn man so will, zwischen Amerika und Russland.“
…i rossije.“

Erzähler:
Aber nicht nur Patrioten vom Zuschnitt Alexander Dugins, auch die Kommunisten zeigen sich angezogen von dem Kurs, den Putin zwischen Patriotismus und Privateigentum steuern will. Der Kurs entspricht der Linie, die sie ihrer zehnjährigen Opposition der Privatisierungspolitik Boris Jelzins entgegengehalten haben: Patriotismus, starker Staat, Rettungs Russlands vor dem Ausverkauf an das Ausland. Putins Einschwenken auf diese Linie stürzt die Kommunistische Partei allerdings in Abgrenzungsprobleme. Andrej Filippow. Beauftragter für Internationale Beziehungen in der DUMA-Fraktion der Kommunistischen Partei, fasst das in die Worte:

O-Ton 8: Andrej Filippow    1,15
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
“Nu dela w`tom…
“Das Problem ist – für den einfachen Beobachter unserer Politik muss es gegenwärtig so scheinen, als ob Szuganow und Putin das Gleiche sagen. In Putins Aufsatz vom Anfang des Jahres glaubte man die KPRF zu hören: dieselben Worte! Er sagt: Staatlichkeit – wir auch; er sagt: Imperium –wir auch. Wenn er redet, braucht man nur einfach zu sagen: Szuganow, Buch soundso, Seite soundso. Klar, Putin versteht die gegenwärtige Situation, die gegenwärtige Stimmung und hat sehr viele Losungen von uns übernommen.
… Losungi.“

Erzähler:
Eine andere Sache sei, fährt Filippow fort, dass der Inhalt ein anderer sei, dass den Worten keine Taten entsprächen: Nichts höre man bei Putin vom Kampf mit der Korruption, nichts von der Überprüfung der kriminellen Auswüchse der Privatisierung. Entscheidend werde schließlich die Frage des Verkaufs von Grund und Boden sein. Putin spreche sich dafür aus, obwohl er doch wisse, dass das nicht akzeptiert werden könne. Zu tief seien die historischen Wurzeln der gemeinschaftlichen Nutzung des Bodens. „Alle diese Fragen“, so Filippow, „werden für Putin das Examen werden.
Ähnlich sehen es auch die Anhänger Alexander Lebeds. Auch sie sehen ihre Losungen, mit denen Alexander Lebed bei der letzten Präsidentenwahl Dritter wurde, von Wladimir Putin vereinnahmt. Der Bedeutungsverlust Alexander Lebeds ging soweit, dass sie weder als Partei an den Duma-, noch in der Person Lebeds an den Präsidentenwahlen teilnahmen. Wladimir Kuschnirenko, Vorstandsmitdlied der lebedschen Bewegung „Ehrlichkeit und Heimat“ wie auch der „Republikanischen Volkspartei“ tröstet sich allerdings mit dem Gedanken:

O-Ton 9: Wladimir Kuschnirenko    1,19
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Moschno bila…
„Man kann reichlich Beispiele bringen, wie Lebeds Losungen von anderen Parteien übernommen wurden. Das zeigt ja eigentlich nur die Progressivität unseres Führers, der solche Linien vorlegt. Und er hat ja auch nicht nur Worte gemacht. Er kann heute konkrete Beispiele vorweisen, dass er die richtigen Grundlagen gelegt hat. Aber es scheint eine Besonderheit unseres Führers zu sein, andere Politiker dadurch zu überragen, dass er die Dinge vorhersieht, dass er die Möglichkeit besitzt, dass er die Fakten kennt, um die Entwicklung zu prognostizieren.“

Erzähler:
Die Zeit werde kommen, da Putin an seine Grenzen stoßen werde. In diesem Punkt stimmt Wladimir Kuschnirenko mit den Erwartungen der Kommunisten vollkommen überein. Dann werde man auch Alexander Lebed wieder rufen, der über entsprechendes Auftreten verfüge, so Kuschnirenko „für Taten in diese oder jene Richtung.“
…naprawlennije.“

Erzähler:
So viel ist sicher: Kernfragen der weiteren russischen Entwicklung stehen an, die nicht durch nationalistische Propaganda, auch nicht durch Fortsetzung des Krieges gegen die Tschetschenen gelöst werden können: Das ist die Frage der Überprüfung der Privatisierung und, wenn nötig, der Korrektur ihrer kriminellen Ergebnisse. Das ist die Privatisierung von Grund und Boden, die seit 1991 immer wieder am Einspruch der Duma und der regionalen Parlamente gescheitert ist. Das ist die Frage, was mit den sogenannten natürlichen Monopolen geschehen soll. Gemeint sind damit vor allem GASPROM, der Gigant der Gasverwertung, RAOUES, der allrussische Energiekonzern und die Eisenbahn. An dem Versuch, auch diese Monopole zu privatisieren, sind Regierungen Boris Jelzins in den letzten Jahren mehrfach gescheitert. Gegenwärtig gibt es Anzeichen dafür, dass die Clans, die Boris Jelzin gestützt haben, einen erneuten Anlauf zur Aufteilung dieser Monopole und zur Freigabe des Kaufs und Verkaufs von grund und Boden unternehmen wollen. Statt einer Versöhnung von Privatkapital und Patriotismus, heißt das, steht eine Verschärfung des Konfliktes zwischen Staats- und Gemeinschaftsinteresse und dem Interesse der Oligarchen bevor. Wie Wladimir Putin diesen Konflikt mit friedlichen, demokratischen Mitteln entwickeln will, ist vollkommen offen.
Entsprechend skeptisch bis verschreckt sind die Erwartungen der demokratischen und liberalen Teile der Gesellschaft. Auf die Frage, was er unter Wladimir Putins Ankündigung eines „eigenen russischen Entwicklungsweges“ verstehe, antwortet Valentin Otskotski, Präsident des „Moskauer Schriftstellerverbandes“, Gallionsfigur der West-orientierten schriftstellerischen Intelligenz Moskaus:

O-Ton 10: Valantin Otskotski    1,19
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Ja litschna…
„Ich glaube nicht an einen besonderen russischen Weg. Meiner Ansicht nach kennt die Welt bei aller Vielfalt doch nur zwei hautsächliche Wege: den Weg in Richtung Demokratie, von geringer entwickelter zu höher entwickelter Demokratie und den Weg der totalitären Gesellschaft. Der ganze sogenannte besondere Weg Russlands, der vor dem liegt, reduziert sich darauf, dass Russland ein totalitärer, ein imperialer Staat war – die Besonderheit Russlands war die der Selbstherrschaft! Darüberhinaus gab es nichts Besonderes. Wenn jetzt nach einem besonderen Weg Russlands geschrien wird, dann wird das bloß eine Wiederholung dessen, was war.
Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass die westliche Demokratie schon das Beste sei. Aber wie Churchill sagte: Etwas Besseres hat die Menschheit bisher nicht erdacht. Gehen wir also den demokratischen Weg. Das ist kein besonderer, das ist der allgemein menschliche Weg.“
…obsche put.“

Erähler:
Einen neuen Totalitarismus, eine faschistische Diktatur befürchten Valentin Otskotski und mit ihm die Mehrheit der westorientierten Intelligenz, zu der auch Jegor Gaidar, Boris Nemzow, Sergej Kirijenko und andere der früher so genannten „Jungen Radikalreformer“ gehören.  Während alterfahrene Dissidenten, junge antifaschistische Aktivisten oder einfach unorganisierte Radikaldemokraten sich auf einen außerparlamentarischen Kampf gegen die von ihnen befürchtete Diktatur einstellen, gehen die Führer der liberalen Bewegung jedoch auf Schmusekurs mit dem neuen Mann im Kreml. Sie hoffen immer auf neue Impulse für die von ihnen nach wie vor geforderten radikalen Reformen. Eine klare Alternative zu Wladimir Putin bildet allein „Jabloko“, die Partei des Mannes, der den dritten Platz bei der Präsidentschaftswahl vom 24. März einnahm. Grigorij Jawlinski forderte schon während der Dumawahl im Dezember die Einstellung des Krieges in Tschetschenien, genauer die Reduzierung des Krieges auf die auch von „Jabloko“ für unumgänglich erachtete „antiterroristische Aktion“. Noch kurz vor dem Termin zur Präsidentenwahl solidarisierte er sich öffentlich mit einem Meeting der Kriegsgegner.
Auf die Frage, ob er eine antiwestliche Politik von Wladimir Putin erwarte, antwortet Alexejew Melnikow, Abgeordneter der Partei „Jabloko“ und Assistent Grigorij Jawlinskis:

O-Ton 11: Alexejew Melnikow    1,22
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Übersetzer:
„Ja dumaju…
„Ich glaube, dass die Politik Russlands gegenüber dem Westen schärfer werden wird unter Herrn Putin, aber ich denke nicht, dass Schärfe ein Synonym für Vernünftigkeit ist. Ich halte Herrn Putin nicht für einen erfahrenen Politiker. Es ist sehr gut möglich, dass Putin einige sehr ernsthafte Fehler gegenüber dem Westen machen wird. Anzeichen einer isolationistischen Politik gibt es bereits.“

Erzähler:
Allerdings, fügt der Abgeordnete hinzu, werde dieser Isolationismus nicht allein durch subjektive Ursachen diktiert, sondern auch durch die Fehler, die der Westen in seiner Beziehung zu Russland mache. Einer seiner schwereren Fehler sei der Krieg im Kosovo.
…Kosovo.“

Erzähler:
Gelassen reagiert die konservative Mitte auf den neuen Mann im Kreml.     Im Hauptquartier von „Vaterland“, der Parteizentrale des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow, der im Dumawahlkampf auf  Platz drei verwiesen wurde, wartet man ab. Hier versammeln sich die politischen Kräfte, die in Russland „zentristisch“ genannt werden – Personen und Organisationen, die ohne besonderes eigenes Programm an einer stabilen bürokratischen Macht interessiert sind, gleich, wer sie repräsentiert.
Das ist der Moskauer Bürgermeister und seine Verwaltung samt den Resten der regionalen Nomenklatura, die nach der Wahlniederlage Juri Luschkows im Dezember nicht aus dem Bündnis „Vaterland – das ganze Russland“ abgesprungen sind. Das sind Übertreter aus der ehemaligen „Partei der Macht“, „Unser Haus Russland“. Das sind die neuen gewerkschaftliche Kräfte wie die „Moskauer freien Gewerkschaften“ oder die allrussische „Union der Arbeit.  Das sind kleine Gruppen wie die „Sozialistische Volkspartei“, die Juri Luschkows „Vaterland“ als Kollektivmitglieder beigetreten sind.
Nur ein müdes Lächeln für den neuen Kurs Wladimir Putins hat Wassili Lipitzki, Chef der „Sozialistischen Volkspartei“. Er bekleidet jetzt den Rang eines „Assistenten des Politsowjets“ in der Organisation „Vaterland“:

O-Ton 12: Wassili Lipitzki    0,48
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„My snajem…
„Ja, wir sind mit dem Text bekannt, auf den Sie sich beziehen. Er trägt einen sehr allgemeinen Charakter. Es fällt mir schwer, darin irgendwelche konkreten Bedingungen zu finden, die man diskutieren könnte. Das sind, sagen wir, alles sehr schöne Wünsche, kaum etwas, über das man streiten könnte. `Wir gehen unseren Weg´ – nun gut, alle Länder gehen ihren Weg; das ist ziemlich klar. Gleichzeitig findet man Ausführungen zur Globalisierung, auch zur nachindustriellen Gesellschaft. Das sind auch wieder so allgemeine Dinge, die man nicht diskutieren kann. Das Wichtigste ist: Was ist mit diesem eigenen Weg gemeint? Das ist mir nicht klar.“
…ne jasna.“

Erzähler:
Russland sei ein Land mit sehr unterschiedlichen Bedingungen, fährt Wassili Lipitzki fort, für das man kein allgemeines Programm aufstellen könne. Da müsse alles nach Ort, Zeit und Bedingungen konkret entschieden werden. Zudem, wenn man schon von eigenem Weg reden wolle, die „besonderen russischen Methoden“ berücksichtigen, die in diesem Lande üblich seien.
Gefragt, was er denn darunter verstehe, wenn er doch einen eigenen russischen Weg nicht sehe, antwortet Wassili Lipitzi:

O-Ton 13: Forts. Lipitzki    0,32
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Übersetzer:
Lacht “U nas…
„Bei uns ist die Trennung von Politik und Geschäft nicht so sehr erkennbar wie in Europa. Und so eine Situation wie sich zur Zeit in Deutschland rund um die CDU entwickelt, ist einem Russen, nicht nur Beobachtern der politischen Elite, absolut unverständlich. Wenn man Politik macht, muss man Geld nehmen. Das ist die Lebensnorm.“
…norma schisni.“

Erzähler:
Und unvermittelt sehr ernst, setzt er hinzu:

O-Ton 14:    0,43
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, bei 0,24 vorübergehend hochziehen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Predstawtje sebje…
„Stellen Sie sich vor  Putin würde beginnen, wenn er als Präsident freie Hand hat, den Kampf gegen die Korruption zu führen. Bei unseren Bedingungen wäre das ein neues `36, denn wenn für alle gleiche Kriterien gelten würden, dann müssten alle dran glauben. Dann würde in Russland einfach keine politische Elite mehr übrigbleiben.“

Erzähler:
D a s  sind die Besonderheiten, lacht er, diese Art des Kampfes wird Russlands noch in die Zukunft  begleiten wird.
… budusche“, lachen

Erzähler:
Geradezu aufreizend wirk die Ruhe, die der Analytiker Wjatscheslaw Nikonnow, in der Beurteilung des „putinschen Fiebers“, wie er es nennt, an den Tag legt. Nikonnow ist Chef eines „Fonds für Politik, versteht sich selbst als konservativ. Der Krieg in Tschetschenien werde vorbeiziehen, meint er. Dessen Ausgang sei für die zukünftige Entwicklung ohnehin nur von peripherer Bedeutung. Solche Kriege hätten Russland durch seine ganze Geschichte hindurch begleitet. Ja, Russlands Geschichte bestehe aus solchen Kriegen. Worüber rege man sich also auf; die Führung dieses Krieges bedeute nur die Rückkehr zur Norm. Aus Wjatscheslaw Nikonnows Sicht ist Wladimir Putin eine auswechselbare Figur in einem objektiv unvermeidbaren Prozess:

O-Ton 15: Wjatscheslaw Nikonnow    0,45
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„U Putina njet…
„Putin hat kein Konzept. Er hat nichts von russischem Weg oder dergleichen gesagt. Für mich ist allerdings klar, dass es das westliche Entwicklungsmodell für Russland nicht geben wird. Russland hat ein paar spezieller Besonderheiten, sowohl im nationalen Charakter, als auch im wirtschaftlichen System und in der Geografie, durch die es sich vom Westen sehr unterscheidet. Das ist hinreichend bekannt. Klar ist, dass es hier bei uns immer ein großes Ausmaß staatlicher Einmischung, dass es Staatswirtschaft geben wird. Russisch – das heißt: Bürokraten mischen sich ins Geschäft! Das ist es. In dieser Hinsicht hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts bei uns nicht viel geändert.“
…rasniza“, lacht
Erzähler:
Was in den Erklärungen Wladimir Putins über Kollektivismus gesagt werde, sei ebenfalls Unsinn. „Es geht um korporative Strukturen“, so Nikonnow, „nicht um Kollektivismus“:

O-Ton 16: Nikonnow, Forts.    0,58
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Korporativism, konjeschna..
„Korporativismus ist natürlich kein Kollektivismus, von dem immer die Rede ist, also dieses angebliche kollektive Bewusstsein. Umgekehrt: Russland ist ja gerade ein sehr individualistisches Land. Bei uns sagt man oft, wir hätten den Kollektivismus aus dem Osten und die Arbeitsliebe aus dem Westen. Ich denke aber eher, aus dem Westen haben wir den Individualismus, das Einzelgängertum, aus dem Osten den Despotismus. Despotismus auf individueller Grundlage – das ergibt eine einzigartige Mischung. Sie ist dem westlichen Menschen wenig verständlich. Mit Sicherheit aber gibt es keine puritanische protestantische Arbeitsethik in Russland und wird auch keine geben. Es ist ganz offensichtlich, dass es hier andere Spielregeln geben wird.“
…prawili igri.“

Erzähler:
Russland ist nicht Europa, konstatiert Wjatscheslaw Nikonnow, allerdings auch nicht Asien:

O-Ton 17: Nikonnow, Forts.     0,15
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Rossije eta…
„Russland ist nicht Osten und nicht Westen – Russland ist Russland. Es liegt auch nicht irgendwie zwischen etwas – es ist eine eigene Zivilisation, die sich von östlicher und westlicher unterscheidet und so wird es auch in Zukunft sein.“
..i tak budit.“

Erzähler:
Russlands Eigenes, das kann man nach diesen Ausführungen des konservativen Analytikers ergänzen, ist seine besondere Lebens- und Arbeitsorganisation, die östliche und westliche Einflüsse, die Individualismus und Despotismus miteinander verbindet. Darin sind sich alle einig., Kommunisten, Anhänger Lebeds bis hin zu den Liberalen. In der Sowjetunion war es das Arbeitskollektiv, das als Sowchose oder Kolchose, als Fabrik- Lern- oder Forschungskollektiv das gesellschaftliche Leben bestimmte. In ihm waren Arbeitswelt und außerbetriebliche Realität untrennbar miteinander verwoben. Unterschiedlich sind allein die Bewertungen dieser Tatsache: Im Privatisierungsprogramm Boris Jelzins von 1991 wurde diese korporative Grundorganisation des Alltags als „schädlicher Kollektivismus“ zur Ursache der Krise und zum Hauptgegner Fortschritts erklärt und seine Auflösung verordnet. Die Mehrheit der Gemeinschaftsbetriebe und der damit verbundenen Lebenszusammenhänge erwies sich jedoch als resistent, versank unter dem Druck der forcierten Privatisierung allerdings zunehmend in arbeitsunfähiger Lähmung.
Kritiker der beschleunigten Privatisierung wiesen daher in den letzten Jahren immer wieder daraufhin, dass dieser Grundstruktur Beachtung geschenkt werden müsse, wenn die Reformen sozialen Bestand haben sollten. So etwa  Boris Kagarlitzki, einer der jüngeren Reformsozialisten.
Es gebe einen Aspekt der früheren sowjetischen Strukturen,  erklärte er schon bald nach Beginn der Schockprivatisierung, der immer wieder vergessen werde: Die Gemeinschaft der sowjetischen Arbeitskollektive:

O-Ton 18: Boris Kagarlitzki    1,22
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
“Schto takoje..
„Was ist ein sowjetisches Arbeitskollektiv? Das ist im Grunde die alte zaristische Bauerngemeinschaft mit Gemeineigentum, russisch: Obschtschina, nur ausgerichtet auf die Notwendigkeiten der industriellen Produktion. Im Zuge der schnellen Industriealisierung wurden die Bauern aus dem Dorf in die Stadt geworfen, und in der Stadt begannen sie sich sehr schnell nach fast den gleichen Prinzipien zu organisieren; der Staat selbst ist so organisiert. Für den Staat ist das bequem. Das ist kein westliches Proletariat, aber auch nicht das mythische Proletariat der sowjetischen Ideologie. Das gibt es sowieso nicht. Das ist die normale russische Nachbarschaftsgemeinschaft, aber organisiert rund um die industrielle Produktion. Dies umsomehr als man darumherum wohnt: Um die Fabrik herum entsteht die Stadt! Der Staat befaßt sich damit, die Betriebe zu verwalten und die Betriebe verwalten die Leute. Deshalb gibt es bei uns keine bürgerliche Beziehungen zwischen dem Staat und seinen Untertanen und der Untertanen untereinander. In den Betrieben wirkt eine wechselseitige paternalistische Verantwortung: So schaut die Administration auf die Disziplin, und der Arbeiter müht sich um gute Arbeit usw.”
…i tagdali.“

Erzähler:
Heute, so Boris Kagarlizkii, zeichne sich von der Basis und von den Regionen der russischen Föderation her eine Reorganisation der Obschtschina-Strukturen ab. Blanker Überlebensdruck bringe diese Entwicklung hervor. Bloße Existenznot zwinge die Menschen, sich für die Erhaltung ihrer Betriebe und der darauf basierenden außerbetrieblichen Gemeinschaftsstrukturen einzusetzen, deren weiterer Zerfall sie sonst in absehbarer Zeit dem Hunger preisgeben werde. Die Politik Wladimir Putins, meint Kagarlitzki, treibe diese Entwicklung voran:

O-Ton 19: Kagarlitzki, Forts.            1,27
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Übersetzer:
„Na samom delje…
„Im Kern“, kommentiert Kagarlitzki die neueste Entwicklung, „hilft Putin den Linken.“ Einerseits grabe Putin der Kommunistischen Partei Russlands das Wasser ab, indem er sie als überflüssiges Anhängsel seiner eigenen Politik erscheinen lasse, andererseits stärke die von ihm weiter favorisierte Privatisierung und seine weitere Orientierung am marktwirtschaftlichen Modell die sozialen Spannungen unter Jugendlichen, in den Regionen und nicht zuletzt in der Arbeiterschaft, die um den Erhalt ihrer Betriebe kämpfe. Mehr noch, die Ablösung des liberalen Jelzin durch den Zentralisten Putin sei sogar ein Zeichen dafür, dass die herrschenden Kreise, eine schärfere politische Gangart gegen die Bevölkerung einzuschlagen beabsichtigtene.
…bolje schoski.“

Erzähler:
Man muss nicht Boris Kagarlitzkis Hoffnungen auf  die Entstehung einer linken Alternative teilen, um zu erkennen, dass seine Kennzeichnung der „Obschtschina“ als die Zelle, in Wladimir Putins Politik ihre soziale Wirkung zeigen wird, die gegenwärtige Situation am rationalsten beschreibt. Man muss andererseits auch nicht die düsteren Prognosen Alexander Dugins auf zukünftige Konfrontationen zwischen Russland und dem Westen oder die Befürchtungen des liberalen Lagers vor einem Diktator Putin teilen. Gerade in Russland, noch mehr im Russland der gegenwärtigen Transformationsphase, wird vieles heißer gekocht, als es gegessen wird. Das wird nicht zuletzt deutlich, wenn gerade die schärfsten Gegner der putinschen Kriegspolitik ausdrücklich davor warnen, Putin zu dämonisieren. So etwa Ludmilla Alexejewa. Als Präsidentin der russischen Helsinkigruppen, die sich die Verteidigung der Menschenrechte gegen russische Soldateska in Tschetschenien zur Aufgabe setzt, weiß sie, mit wem sie es zu tun hat. Sie antwortet auf die Frage, ob Putin sich vom Westen abwenden werde:

O-Ton 20: Ludmilla Alexejewa                0,59
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzerin:
„Wy snaetje…
„Wissen Sie, das ist nicht möglich. In der alten Welt war das möglich, in der heutigen schon nicht mehr. Die Welt hat sich sehr globalisiert, die Grenzen sind heute sehr durchlässig. Ich denke, in der heutigen Welt würde selbst Stalin das nicht mehr schaffen. Und Putin – ich dämonisiere ihn nicht. Ich glaube nicht, dass er es kann und deshalb denke ich, dass er es auch nicht will. Es ist zu dumm, einfach zu dumm. Russland kann ohne die Welt nicht existieren, weder wirtschaftlich noch psychologisch.“
…psychologitschskom.“
Erzähler:
Nach kurzem Zögern fügt Frau Alexejewa noch hinzu:

O-Ton 21: Ludmilla Alexejewa, Forts.    0,55
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzung:
„Na swoi abrasnom…
“Und was den eigenen Weg betrifft: Wir gehen doch alle unseren eigenen Weg! Natürlich werden wir nie so sein wie Deutschland oder Frankreich. Wir sind ja nicht Deutschland oder Frankreich, wir sind Russland. Ist Holland so wie Frankreich? Ist Spanien so wie Schweden? Nein! Also werden wir auch nicht gleich sein. Jedem den seinen Weg! Aber wir sind alle auf dem Weg der Menscheit. Dazu kommt: Russland ist ein europäisches Land. Ja stimmt, wir sind um siebzig Jahre verspätet. Aber wir kommen wieder. Und sehen Sie doch diesen kleinen, zarten Putin. Kann der uns denn diesen Weg verstellen? Nein, selbstverständlich.“

Erzähler:
Vermutlich, wäre noch zu ergänzen, will Wladimir Putin es auch tatsächlich nicht, denn eine Eigenheit Russlands gilt heute vor allen anderen: Ohne die Hilfe reicherer Staaten, ohne die Einbindung in die globale Völkergemeinschaft kann Russland seine Probleme des Übergangs aus der sowjetischen in eine zeitgemässe gesellschaft nicht lösen. Darin liegt die Hoffnung, dass auch der von Wladimir Putin jetzt propagierte eigene Weg Russlands nicht zum Dauerkrieg, sondern  zur Herausbildung demokratischer Regeln einer offenen Gesellschaft auf Grundlage der traditionell gewachsenen korporativen Verhältnisse führt.

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de