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Das neue Russland – Glasnost adè?

Kai Ehlers,  Publizist, Email: info@kai-ehlers.de  Website: www.kai-ehlers.de   Datum:
Rummelsburger Str. 78, D – 22147 Hamburg,  Tel/Fax: 040 / 64 789 791  (64 821 60 priv.)
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Mein Zeichen: 000620glasnost adee fertig

Das neue Russland – Glasnost adè?

Besetzung:
Zitator, Sprecher, Übersetzer, Übersetzerin

Aussprache: Alle russischen Namen und Begriffe sind in phonetischer Umschreibung wiedergeben, ein Unterstrich kennzeichnet die Betonung.

Anmerkung zu den O-Tönen:
Die Länge der O-Töne ist exakt angegeben. Zähleinheit ist 5.sec. pro Zeile plus 5 Sec. für die Auf- und 5 Sec. für die Ausblendung. Die Töne sind so geschnitten, dass Anfang und Ende in der Regel für jeweils mindestens 5 Sec. den (fett) angegebenen Textanfängen oder Textenden entsprechen. Evtl. Schnittstellen ( in denen Text und Ton nicht wortidentisch sind) liegen in der Mitte der Töne. Abweichungen von diesem Schema habe ich besonders angegeben.

Töne bitte alle leicht an- und abblenden

Falls Kürzungen notwendig sein sollten, schlage ich vor:
1.    Kleine Variante: O-Ton II,16 und den davor stehenden Erzähler: „Die neue Präsenz…“
2.    Große Variante: O-Ton 16, II plus Erzähler, dazu noch O-Ton 17, II sowie den zwischen O-Ton 16. II und 17, II stehenden Erzähler.

Freundliche Grüße

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de

Das neue Russland – Glasnost adè?

Russlands neuer Präsident Wladimir Putin macht internationale Schlagzeilen – allerdings nicht unbedingt zu seinen Gunsten. In letzter Zeit sind es vor allem, nicht gerechnet die Meldungen über die Fortdauer des Krieges in Tschetschenien, die Aktionen gegen die Medien, mit denen der neue Herr des Kreml von sich reden macht: Auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes 1999 waren es die Jubelberichte für den neuen starken Mann, verbunden mit Diffamierungskampagnen gegenüber seinen politischen Gegnern, die ins Auge stachen. Im Februar 2000 war es die provokative Verschleppung des Kriegsberichterstatters Sergej Babizkis, die mit Wissen des neuen Präsidenten geschah. Im April 2000 überfiel eine Horde Maskierter die Büros des Medienkonzerns „Mediamost“, zu dem der regierungskritische Fernsehsender NTW, „Radio Moskau“ und die Zeitung „Sewodnja“ gehören. Lürzlich sorgte die Verhaftung des Eigentümers der Mediamost, Wladimir Gussinskis, für internationale Proteste. Sind die Zeiten von Glasnost für Russland endgültig vorbei? Dieser Frage geht unser Autor Kai Ehlers mit einer Skizze der letzten Monate nach.

I, O-Ton 1: Presseausstellung, Verkaufsstand    1,10
Regie: O-Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, am Schluss hochziehen und verblenden mit Bobby zwei, O-Ton 1

Erzähler:
(Musik, Lied…
Moskau. Organisierte Fröhlichkeit am Ausstellungs-Stand der „Komsomolskaja Prawda“. Kein halbes Jahr ist es her, da fand sich alles, was im Medienbereich Rang und Namen hat, zur großen Medienmesse auf dem zentralen Moskauer Ausstellungsgelände ein. Es heißt immer noch „WDNCHA“, auf deutsch „Ausstellung der volkswirtschaftlichen Errungenschaften der UdSSR“. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die schmutzigen Kampagnen zur Duma-Wahl über das Land schwappten, demonstrierte die Stadt Moskau eine Woche lang Pressevielfalt.
Hier, am Stand der „Komsomolskaja Prawada“, dem auflagenstärksten Boulevardblatt Russlands, werden Luftballons und T-Shirts mit dem Namenszug der Zeitung verteilt. Per Video kann man sich selbst singen hören. Junge Frauen agitieren mit Lobliedern auf die Zeitung. Eine von ihnen nimmt sich eifrig des ausländischen Besuchers an:

II, O-Ton 1: Gespräch mit Redakteurin am Stand    0,46
Regie: O-Ton ganz stehen lassen, am Schluss allmählich ausblenden

Redakteurin, O-Ton deutsch: Hier haben wir eine Ausstellung. Das ist eine Ausstellung – natürlich wissen Sie das – „Presse 2000“. Unsere Zeitung ist die größte Zeitung in Russland. Wir haben Mehrheit in Moskau, und auch in Russland. Deshalb haben wir eine interessante Zeitung, die schon im nächsten Jahr fünfundsiebzig sein wird…“
Nach dem Stichwort „wird“ langsam ausblenden

Erzähler:
Von Problemen mit der Pressefreiheit will man an diesem Stand nichts hören. Auf Fragen zum schmutzigen Wahlkampf antwortet die junge Frau:

II, O-Ton 2: „Komsomolskaja Prawda“, Forts.    0,34
Regie: O-Ton ganz stehen lassen, am Schluss allmählich ausblenden

Redakteurin, O-Ton deutsch:
„Wir sind keine staatliche Zeitung, wir sind selbstständig. Wir erzählen in unserer Zeitung alle Nachrichten. Wir gehören zu keiner Partei und wir schreiben das, was für die Leute interessant ist. Was Politik betrifft: Wir haben verschiedene Meinungen, viele Leute kommen zu uns…“
Bei Stichwort „zu uns“ langsam ausblenden

Erzähler:
Und nicht nur das:

II, O-Ton 3: „Komsomolskaja Prawda“, Forts.    0,31
Regie: O-Ton ganz stehen lassen, am Schluss leicht abblenden

Redakteurin: O-Ton deutsch
„Es ist auch interessant, dass wir unseren Chefredakteur selbst wählen. Und das Kommando entscheidet, wem wir unsere Emotionen, unsere Möglichkeiten in der Zeitung geben oder nicht. Es ist nicht käuflich. Einer kann kommen und sagen, ich bezahle das und das. Aber wir werden das nicht schreiben, wenn wir nicht einverstanden sind.“
…einverstanden sind.“
Erzähler:
Die organisierte Munterkeit am Stand der „Komsomolskaja Prawda“ verweist alle Klagen über den Verlust der Pressevielfalt in den Bereich von Vorurteilen. An anderen Ständen ist es nicht anders: Ein paar Gänge weiter, einträchtig zwischen der „Iswestija“ auf der einen, der liberalen „Njesawissimaja Gazjeta“ auf der anderen und der vaterländischen „Sowjetskaja Rossija“ gegenüber kann man auf den Stand von „Kommerssant“ stoßen. „Kommerssant“, zu Zeiten der Perestroika und während der Jelzin-Ära, als unabhängiges Wirtschaftsblatt hoch angesehen, wurde im Zuge des Wahlkampfes von Wladimir Beresowski, dem finanziellen Sponsor der Jelzin-Familie und Förderer Wladimir Putins aufgekauft. Von vielen wurde dies als Signal für das Ende der Pressefreiheit in Russland verstanden, mit der Vorgänge wie die Eingliederung der „Sewodnja“ in die Most-Gruppe Gussinskis, die Übernahme der „Literaturnaja Gasjeta“ durch die Luschkow-Gruppe und andere vergleichbare Ereignisse mehr ihren Höhepunkt fänden. Aber auch am Stand des „Kommerssant“ gibt man sich nach wie vor frei:

II, O-Ton 4: Am Stand von „Kommersant“    0,58
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Wir sind hier, um weitere Leser für unser Blatt zu werben und dafür, dass unsere Leser sehen, dass wir uns an dieser Ausstellung beteiligen, dass wir lebendig sind. Dies um so mehr, als es Gerüchte gibt, dass unser Blatt an Herrn Beresowski verkauft wurde und unsere Sache sich dadurch verschlechtere. Tatsächlich hat der Verkauf an Beresowski keinerlei Veränderungen für das Blatt gebracht, insofern er am Status unseres Hauses nichts geändert hat. Wir sind nach wie vor eine unabhängige Zeitung. Auch wenn Beresowski die Mehrheit unserer Aktien besitzt, bleiben wir eine unabhängige Presse, im Kern unabhängig.“
…njesawissimi pressi.“

Erzähler:
Das klingt alles sehr munter. Wer noch die grauen Kioske der späten Sowjetunion erinnert, wähnt sich bei dieser Ausstellung „Presse2000“ mitten im Leben. Die weit über hundert Stände, welche die riesige Halle füllen, vermitteln den Eindruck eines blühenden Pluralismus.
Was tatsächlich innerhalb der Blätter geschieht, die 1999 in den Monaten vor und während der Wahl aufgekauft wurden, schildert Jefim Berschin, langjähriger Redakteur der „Literaturnaja Gasjeta“, die ein ähnliches Schicksal erlitt wie der „Kommerssant“. Seine Begründung, warum er soeben, schweren Herzens, seine langjährige Tätigkeit bei der Zeitung aufgegeben hat, klingt bitter:

II, O-Ton 5: Jefim Berschin    0,42
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Potamu schto literaturnaju…
„Weil Leute die Zeitung gekauft haben, die deren Tradition nicht verstehen, nicht verstehen, wie sie früher war, wie sie heute und morgen sein sollte. Man hat die Besten rausgeworfen, weil sie störten, weil sie nicht wollten, wie sie sollten. Im Ergebnis hat man die Zeitung zerschlagen. Sie ist keine literarische Zeitung mehr. Eine eigene Konzeption für die Zeitung haben sie aber auch nicht, weder wirtschaftlich noch kulturell.
…twortschestwa soderschannije.“

Erzähler:
Sie – das ist im Fall der „Literaturnaja Gasjeta“ eine Moskauer Finanzierungskompanie, hinter der Bürgermeister Lyschkow steckt. Mit den neuen Eigentümern zu reden, so Jefim Berschin,  habe sich als zwecklos erwiesen. Ein Jahr lang habe er gekämpft. Schließlich habe er aufgegeben, nicht zuletzt weil er keine Mitkämpfer gefunden habe. Die Mehrheit seiner ehemaligen Kollegen habe sich ihren Widerstand durch hohe Lohnversprechungen abkaufen lassen. „Und so wie bei uns“, schließt Jefim Berschin,“ ist es auf der gesamten Linie“:

II, O-Ton 6: Jefim Berschin, Forts.     0,56
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Typitschna, c`Iswestija…
„Mit der `Iswestija´ ist es genau dasselbe. Dort haben sie das Team innerhalb eines Jahres zweimal gewechselt. Gekauft wurden sie von der ONEXIM-Bank, irgenwelchen Ölfirmen, Lukoil, glaube ich. Dann wurden sie wieder verkauft. Überall derselbe Vorgang. Beim Fernsehen ist es ähnlich: Was haben wir da? RTR – russisches Staatsfernsehen, dann NTW, das Gussinski gehört und schließlich, ebenso privat ORT, Beresowski. Der einzige unabhängige Kanal ist der  `Kanal der Kultur´, aber der ist so arm, hat keine Reklame; da kriegen die Leute auch keinen Lohn.“
…nje polutschajut.“

Erzähler:
Redakteur Berschin spricht aus, was sich hinter der Fassade der Ausstellung „Presse 2000“ verbirgt. Die Medienlandschaft Moskaus zerfällt in privatwirtschaftlich gesteuerte Clans. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Sendern, Zeitungen, auch Zeitschriften oder Verlagen müssen sich dem entweder beugen oder selbst in die Privatwirtschaft gehen, das heißt sich eine  neuen Job suchen.
Noch deutlicher als in der persönlichen Beobachtung des Redakteurs Jefim Berschin wird das in der „Öffentlichen Expertise“ welche die „Stiftung Glasnost“ zusammen mit der „Russischen Journalistenunion“ und einigen kleineren Rechtshilfegruppen auf einer Veranstaltung während der Ausstellung vorstellte. In ihr sind die Ergebnisse einer langfristig angelegten  Studie niedergelegt, in welcher die Lage der regionalen Medien Russlands entlang von drei Kriterien untersucht wird: Freiheit im Zugang zu Informationen, Freiheit bei der Herstellung und Freiheit der bei Verbreitung von Informationen. Die wichtigste Erkenntnis, welche die Experten bei der Vorstellung der Expertise, zu ihrem Bedauern vor fast leerem Saal, allen anderen Ausführungen vorausstellten, lautete:

II, O-Ton 7: Vortrag zur „Öffentlichen Expertise“    0,21
Regie: O-Ton stehen lassen, abblenden, unterlegen, in der Mitte O-Ton anhalten, danach weiter, am Ende hochziehen

Übersetzer:
„Wywod perwie…
„Schlussfolgerung eins: der Unterschied zwischen den Subjekten der Föderation in Bezug auf das Niveau der Pressefreiheit und der Menschenrechte erwies sich als so gewaltig, dass man im Grunde davon sprechen kann, dass in Russland – in einem Lande also (!) -  neunundachtzig verschiedene politische Regimes tätig sind.“
… regimow.“

Erzähler:
Die USA etwa, führt der Redner aus, unterscheide sich, was die Verwirklichung von Rechten zur Freiheit der Presse und der Person betreffe, von Polen weniger als St. Petersburg von Moskau, ganz zu schweigen von anderen Gegenden Russlands, etwa Baschkortastans an der Wolga oder Tscheljabinsk`s hinter dem Ural und anderen Verwaltungsbezirken. Deren Administrationen hätten es gar nicht erst für nötig befunden, auf die Anfragen zu reagieren. „Sie sind einfach ein schwarzes Loch auf der Landkarte der Information und der Freiheit der Medien“, schleßt der Redner.    Erst nach dieser Feststellung geht er zu einer Bewertung der eigentlichen Ergebnisse über. Die fällt allerdings nicht erfreulicher aus:

II, O-Ton 8: „Öffentliche Expertise“, Forts.    0,53
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Übersetzer:
„Jesli gaworit o…
“Was die staatliche Unterstützung anbetrifft, so hat die erdrückende Mehrheit der Subjekte der Föderation ihre eigene, ganz besondere Art entwickelt, die im Ergebnis der Idee der staatlichen Unterstützung, wie sie in den Gesetzen der Föderation niedergelegt ist, vollkommen widerspricht,.“

Erzähler:
Im Verwaltungsbezirk von Kirow beispielsweise, so der Redner, habe die Administration die Unterstützung der örtlichen Presse direkt von deren Eingliederung in die städtischen Unternehmen abhängig gemacht. In anderen Regionen laufe es ähnlich. „Im Kern“, schließt der Experte, „läuft es also genau umgekehrt wie es soll! Du hältst die Tasche auf, die wirst einer von uns  – dann unterstützen wir dich.“
…tebja paderschim.“

Erzähler:
Nicht nur in Moskau, heißt das, sondern in ganz Russland zerfällt die Medienlandschaft in regionale Fürstentümer, in  wirtschaftliche oder politische Clans. Alexej Simonow, Vorsitzender der Moskauer „Stiftung zum Schutz von Glasnost“, und Mit-Initiator der Expertise, antwortet auf die Frage, wie er angesichts dieser Entwicklung heute seine Aufgabe als Beschützer der Pressefreiheit verstehe, mit einem sarkastischen Bild:

II, O-Ton 9: Alexej Simonow     0,46
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, in der Mitte O-Ton kurz anhalten, weiter unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„U nas wasnikla…
„Bei uns hat sich eine absolut paradoxe Situation ergeben. Im Prinzip gibt es in Moskau nichts mehr zu schützen. In Moskau kann man nur noch die Idee beschützen. Warum? Früher gab es klare Linien, da standen sich die Macht oben und die Presse unten gegenüber, da konnte man kleine Anmerkungen schreiben, dass die Macht die Presse nicht unterdrücken solle und ähnliches. Aber jetzt sind es vier Mächte – stellen Sie sich vor, da stehen vier Gruppen von Feuerwehrleuten, die mit ihren Wasserspritzen aufeinander einschlagen – und Sie stehen dazwischen und versuchen jemanden zu helfen trocken zu bleiben. Das ist die Situation.
…wot situazije.“

Erzähler:
Die vier Gruppen, von denen Alexej Simonow spricht, sind die vier großen Sender: er regierungskritische NTW Gussinskis, der regierungsnahe ORT Beresowskis, der Regierungs-Sender RTR sowie der Moskauer Kanal der Luschkow-Gruppe und die zum jeweiligen Clan gehörende Presse sowie Radiosender.  Die Schlachten, welche die vier Clans sich während der Dumawahl lieferten, bezeichnet Alexej Simonow als schmutzig, ineffektiv und absurd. Mit dem Verlust von Pressefreiheit habe das jedoch nicht viel zu tun. Schon der Begriff der Pressefreiheit sei auf Russland nicht anwendbar. Überhaupt führe jeder Vergleich mit dem Westen nur in die Irre.

II, O-Ton 10: Simonow, Forts.                                        0,54
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Djela wklutschajetsja w´tom…
„Die Sache ist liegt so, dass alle diese Vergleiche Ihrer Situation mit der unseren absolut unzutreffend sind. Die Situation wird ja nicht nur durch Aufteilung der Macht charakterisiert, sondern auch durch die Zusammensetzung ihrer Inhaber, deren Erziehung, deren Bildung, deren Mentalität, deren Fähigkeit oder Unfähigkeit zum Dialog usw.
Ihr im Westen seid mit dem Dialog aufgewachsen, keinem leichten, wenn man die Beziehung BRD-DDR bedenkt, aber doch einem normalen, wir dagegen mit siebzig Jahren Totalitarismus und überhaupt unserer russischen Geschichte. Das ist eine vollkommen andere Erfahrung.
…drugoi oput.“

Erzähler:
Alexej Simonow ist kein Satiriker von Beruf,  auch kein Russophile, der auf die Unvergleichlichkeit des russischen Wesens pocht. Er ist ein   aufgeklärter Westler, der Russland auf den Weg der Demokratie bringen möchte. „Die Stiftung zum Schutze von Glasnost“,1991 mit europäischen und amerikanischen Geldern gegründet und seitdem vom Ausland finanziert, entwickelte sich zu einem wichtigen demokratischen Kontrollorgan des neuen Russland. Im ersten tschetschenischen Krieg war die „Stiftung Glasnost“ Drehscheibe des Medienwiderstandes gegen den Krieg. Sie dokumentierte nicht nur die Übergriffe der Staatsmacht gegen die freie Berichterstattung, sie unterstützte mit Broschüren wie „Journalisten an heißen Punkten“ und anderen Ratgebern die Arbeit der Reporter vor Ort. Selbst vor der Ausgabe von Gasmasken für den Einsatz der Reporter an der Frontlinie schreckte Simonows Büro nicht zurück. Simonows Urteil ist also das eines Insiders, der weiß, wovon er redet. Wie kommt ausgerechnet er zu der Aussage, der Begriff Pressefreiheit sei auf Russland nicht anzuwenden und es gäbe nichts mehr zu beschützen?
Die Antwort Simonows auf diese Frage verblüfft: Zunächst beklagt er den moralischen Niedergang der Medien seit dem Ende des tschetschenischen Krieges und der darauffolgenden Wiederwahl Boris Jelzins zum Präsidenten im Jahr 1996. Vieles habe sich seitdem verändert:

II, O-Ton 11: Simonow, Forts.    1,43
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Ismenilas otschen mnoga…
„Der erste Krieg fand statt, als die Presse im Aufwind war. Ohne die Presse wäre das Volk kopfüber auch in den Krieg gestürzt. Damals war die Presse von der Macht getrennt, sie widerstand der Macht, sie erlaubte ihr nicht, bis ans Ende und bis zum Absurden zu gehen. Heute haben wir eine andere Presse; ihr moralischer Zustand ist vollkommen anders. Das ist das Eine. Und dann: Die moralische Verfassung der Gesellschaft verschlechtert sich insgesamt. Ohne die Presse einen nationalen Konsens für den Krieg zu erzielen, war damals nicht möglich. Heute ist das möglich und es gibt kaum einen Politiker, der nicht die nationale Karte spielt. Und schließlich Drittens: 1994, 1995 war, bitte sehr, Tschetschenien noch ein anderes Tschetschenien. Damals konnte man wirklich glauben, dass Tschetschenien um seine Freiheit kämpft. Als aber Raub, Banditismus und Geiselnahme dort Alltag wurden, habe ich selbst den Journalisten abgeraten, dort noch zu arbeiten. Es war lebensgefährlich, es hatte keinen Sinn, das waren schon keine Informationen mehr, sondern Heldentaten, um die es dort ging. Kurz, Tschetschenien hat auch das Vertrauen der journalistischen Gemeinschaft verloren.“
…saobschestwa tosche.“

Erzähler:
Nach dieser Klage über den moralischen Verfall der letzten Jahre fährt Alexej Simonow dann jedoch fort, der Grund für die Entwicklung, die eigentliche Ursache für die heutigen Probleme mit der Presse lägen allerdings nicht in der Tagespolitik, sondern in den prinzipiellen Verhältnissen Russlands, die sich von denen des Westens diametral unterschieden:

II, O-Ton 12: Simonow, Forts.     1,17
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, abblenden

Übersetzer:
„Nu, snatschit nasche situazije…
„An unserer Situation wäre im Grund nichts besonders erschreckend, wenn es so etwas wie eine annehmbare gesunde Wirtschaftlichkeit der Massenmedien gäbe. Ich will sagen, es könnte alles so sein, wie es ist, wenn nur die Teilnehmer dieser Informationsschlachten ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen würden und nicht durch Geschenke, die sie erhalten.“

Erzähler:
Nicht die Ausrichtung der Medien an Marktinteressen ist aus Simonows Sicht das Problem, sondern im Gegenteil, die Missachtung und Unterlaufung dieser Interessen durch die traditionellen russischen Strukturen. Erfolg oder Misserfolg von Redaktionen, so Simonow, müsse doch vom Leser, vom Hörer oder vom Zuschauer abhängen. Dann könnte es Oligarchen geben. Kein Problem, sie würden sich gegenseitig Konkurrenz machen. Das wäre normal, kein Grund sich zu fürchten:
…nje pugajet.“

Erzähler:
In Russland aber gelte das Gegenteil, dort hänge, betont Alexej Simonow, die absolute Mehrheit der Redaktionen von den jeweiligen Geldgebern ab. Anders als im Westen und anders als es in einer Demokratie sein sollte:

II, O-Ton 13: Simonow, Forts.                                           0,45 Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Wasche gasjeta..
„Ihre Zeitungen, also die im Westen, wenn sie nichts mehr einbringen, werden entweder verkauft oder der Redakteur und  das Kollektiv, die es nicht packen, werden ausgewechselt. Oder die Zeitung wird geschlossen. Äußerlich ist alles wie bei Ihnen, aber im Kern eben nicht, denn im Kern sind 90% westlicher Zeitungen rentabel. Bei uns dagegen bringen 90% der Zeitungen keinen Gewinn! Und mehr noch: wenn in der Provinz rentable Zeitungen erscheinen, werden sie von allen gehasst.“
…nenavidjet wsje.“

Erzähler:
„Werden von allen gehasst“, das bedeutet – werden von allen Obrigkeiten, lokalen wie regionalen, mit Lizenzverweigerung, mit der Steuerpolizei und Ähnlichem unter Druck gesetzt. Das Ergebnis, so Simonow, sind Redaktionen, die durchweg käuflichen Gefälligkeitsjournalismus betreiben. Das Schlimmste aber liege darin,, schließt Simonow, dass unter den Monopolisten, welche die Redaktionen auf diese Weise von sich abhängig machten, der Staat der allergrößte Monopolist sei. Er besitze 40% der Aktien aller Zeitungen. Was dabei herauskomme, sei nicht einmal totalitär. Es sei einfach absurd.

II, O-Ton 14: Meeting            1,53
Regie: O-Ton kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, verschiedentlich zwischendurch hochziehen, am Ende ganz hochziehen, verblenden

Erzähler:
„Musik, Prawdu a Babizka…
Nur wenige Monate später ist diese Einschätzung, so pessimistisch sie ist, bereits überholt: Die „Wahrheit über Babizki“ fordern die Demonstranten dieser Moskauer Kundgebung. Die inzwischen von Wladimir Putin geführte russische Regierung, nicht mehr zufrieden mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Medien, ist zu offener politischer Einschüchterung übergegangen: Am 15. Januar wurde der Kriegsberichterstatter des „Radio Liberty“, Sergej Babizki in Grosny wegen angeblich unzureichender Papiere festgenommen Babizki verschwand spurlos für mehrere Wochen. Die Militärische Führung warf ihm Kollaboration mit tschetschenischen Truppen vor. Mitte Februar wurde er in einer spektakulären Geheimdienstaktion, die dem Fernsehen per Video zur Veröffentlichung zugespielt wurde, gegen tschetschenische Gefangene ausgetauscht. Sein Aufenthaltsort blieb aber weiter unbekannt. Babizki war der einzige Reporter, der es zu der Zeit noch wagte, hinter den russischen Linien selbstständig zu recherchieren und mit seinen Berichten die Propaganda der Regierung über die angeblich saubere antiterroristische Aktion in Tschetschenien Lügen zu strafen.
Etwa zweihundert Menschen sind gekommen um Auskunft über den Verbleib von Babizki zu fordern:

I, O-Ton 2: Kundgebungsredner    0,18
Regie: O-Ton verblenden, kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, während des ausklingenden Beifalls mit Erzähler einsetzen

Erzähler:
„Menschen sind frei, wenn sie innerlich frei sind“, erklärt der Redner. „Dafür sind wir hier. Ein freier Mensch, der für viele heute ein Symbol des Widerstandes geworden ist, ist Andre Babizki.“
…Babizki“, Beifall

Erzähler:
Der Beifall aus den Reihen der Kundgebung ist dem Redner sicher.
Im Büro der „Stiftung Glasnost“ ist die Stimmung gedrückt. Die Stiftung hat sich gespalten. Den Chef Alexej Simonow hat eine schwere Krankheit niedergeschlagen. Oleg Panfilow, als unermüdlicher Dokumentarist bis dahin tragender Bestandteil der Stiftung, hat sich im Streit von Simonow getrennt. Die Stiftung ist aktionsunfähig, Ein Ausdruck der Situation. Finster kommentiert Panfilows die Ereignisse um Babizki:

II, O-Ton 15: Oleg Panfilow    0,54
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Nowi russki…
„Die neue russische Tragödie heißt Putin, Ja, wenn ich sehe, wie Journalisten schon nach dieser kurzen Zeit der Regierung Putins arbeiten, dann muss ich sagen, dass die russische Presse eine Tragödie durchlebt. Eine Tragödie durchlebt sie nicht nur deshalb, weil ein neuer Mensch, sondern weil eine neue Ideologie an die Macht kam, die im wesentlichen auf die alte sowjetische Ideologie gegründet ist. An die Macht kommen Leute mit KGB-Erfahrung und mit einer Haltung den Journalisten gegenüber wie zu Zeiten des KGB.
…vremion KGB.“

Erzähler:
Die neue Präsenz der alten Strukturen, so Oleg Panfilow, sei bereits während der Wahlkampagne sichtbar geworden, besonders aber im Verlauf des zweiten tschetschenischen Krieges:

II, O-Ton 16: Oleg Panfilow    0,55
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Schurnalisti…
„Die Journalisten sind in diese Lage verfallen, weil die Generale am Ende begriffen haben, wer den ersten tschetschenischen Krieg gewonnen hat. Das waren nicht nur die Tschetschenen; eine große Rolle dafür, dass der Krieg eingestellt wurde, spielten vielmehr die Journalisten. Sie zeigten der ganzen Welt, wie dieser Krieg ablief, die Bombardierungen, die Repression, den Terror der Spezialtruppen. Die Generale haben begriffen, dass der zweite Hautfeind neben den Tschetschenen die Journalisten sind und sie tun alles, damit die Journalisten nicht selbstständig dort arbeiten können.“
…eta journalisti.“

Erzähler:
Dafür, so Oleg Panfilow, sei der Fall Babizki der Indikator; er sei aber auch Indikator dafür, dass die Mehrheit der Journalisten die neue Linie bereits akzeptiert habe. Was denn, bitte sehr, davon zu halten sei, wenn ganze 200 von 20.000 Moskauer Journalisten dem Aufruf zu einer Kundgebung folgten? Nur wenige Zeitungen erlaubten sich eine eigene Meinung, so etwa die „Nowaja Gasjeta“, die „Moskowski Nowosti“ oder „Sewodnja“; die meisten diffamieren Babizki als Verräter. Echten Widerstand gebe es nur aus den Menschenrechtsgruppen und von  Seiten einiger Liberaler. Noch könnten sie ihre Kritik vorbringen:

II, O-Ton 17: Oleg Panfilow    0,35
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Paka u nich jest…
„Zur Zeit können sie das mit Hilfe der einzigen Fernsehgesellschaft Russlands, NTW, die ihnen diese Möglichkeit gibt und mit Hilfe einiger Rundfunksender wie „Echo Moskaus. Es gibt auch noch einige westliche Radiosender wie „Radio Liberty“ oder Deutschlandsender, die allerdings nur wenige Leute hören.“
…ludej.“

Erzähler:
Andrej Babizki selbst sieht sich als Held wider Willen. Am 1. März 2000 kann er sich dem Versuch entziehen, ihn mit falschem Pass über die Azerbeidschanische Grenze abzuschieben. Seitdem lebt er frei, aber ohne Papiere und unter unbestimmter Anklage in Moskau. Er muss sich verfügbar halten und darf die Stadt nicht verlassen.
Er fühle sich persönlich eingeengt, erklärt er Ende April bei einem Gespräch zu Haus in seiner Wohnung. In Bezug auf Wladimir Putin gibt er sich jedoch, allen Erfahrungen zum Trotz,  ganz gelassen. Wladimir Putin ist für ihn ein kulturloser Emporkömmling, der nicht wisse, was wer wolle; er werde die Presse nicht anrühren. Die werde von selber jeden Tag schlechter. Die Zeit des  Kommunismus, fasst Babizki seine Sicht der Lage zusammen, sei glücklicherweise vorbei:

II, O-Ton 18: Sergej Babizki      0,59
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Eta wlast nje stawit
„Diese Macht zielt nicht auf unmittelbare Vernichtung von Menschen wie die Kommunisten oder Faschisten. Sie nutzt dieselben Methoden der Regierung, aber nicht logisch, nicht konsequent, nicht per Doktrin, der sie folgen würde. Sie bewegt sich noch, sucht noch, ist noch nicht als Doktrin formuliert. Sie ist auf der Suche nach einer passenden und ihr selbst verständlichen Ideologie., aber sie kann sie nicht finden und nicht danach handeln. Ich denke, dass ist eine rezessive Bewegung, die kann fünf Jahre dauern, zehn, fünfzehn. Aber dann wird das schon eine ganz andere Situation sein, eine ganz andere Art der Kontrolle, ein ganz anderes Leben. Das ist dann eine wesentlich freiere Situation, natürlich.“           …swabodna situazia, konjeschna.“

I, O-Ton 3: NTW-Programmusik      1,19
Regie: Verblenden, O-Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen

Erzähler:
Mitte Juni schlägt das Pendel erst einmal zur rezessiven Seite aus: Wladimir Gussinski, Besitzer der Media-Most wird  verhaftet, nachdem wenige Wochen zuvor bewaffnete Spezialkommandos bereits die Büroräume des Medien-Konzerns überfallen und durchwühlt hatten. Wladimir Gussinski wird vorgeworfen, sich im Zuge der Privatisierung Millionenvermögen durch Schiebung widerrechtlich angeeignet zu haben. Die Nachrichten verstehen es als Schlag gegen die Presse. Wladimir Putin, zu der Zeit zu einem Besuch in Deutschland, erklärt, er wisse von Nichts:

II, O-Ton 19: Wladimir Putin    0,26
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, in der Mitte Ton anhalten, weiter unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Sakonnom totschna…
„Im Gesetz ist genau, klar und konkret die Sphäre der Kompetenzen des Präsidenten der russischen Föderation erklärt; die Leitung der Generalstaatsanswalt fällt nicht unter diese Kompetenz. Ich bin nicht unbedingt davon überzeugt, daß die Staatsanwaltschaft so eine Maßnahme wie Arrest ergreifen musste. Aber ich habe auch keine Veranlassung anzunehmen sagen, dass sie ungesetzlich gehandelt hätte.“izkis und danach des Polizei-Überfalles auf die Büros der Media-Most den Eindruck zu erwecken, alles vollziehe sich streng nach Gesetz. Jefgeni Kisseljow, Chef-Kommentator des NTW kommentiert in der von ihm geführten wöchentlichen Sendung „Itogi“, Ergebnisse diese Vorgänge mit den Worten:

II, O-Ton 20: Jefgeni Kisseljow     0,48
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, Ton in der Mitte anhalten, weiter unterlegen, hochziehen

Übersetzer:
„Wosrasschajus…
„Um noch einmal auf die Staatsanwaltschaft zu kommen, möchte ich folgendes ergänzen: In der Geschichte des zurückliegenden Jahrhunderts gab es ein epochales Ereignis: Die Nürnberger Prozesse. Dort wurde ein fundamentales Prinzip niedergelegt: Das Vorliegen eines kriminellen Befehls enthebt die Ausführenden nicht der Verantwortung. Daran möchte ich die Staatsanwälte erinnern, die jetzt bei uns ungesetzliche Durchsuchungs- und Haftebefehle ausstellen und absurde Anklagen erfinden. Sich hinter einem Auftrag des Vorgesetzten oder einem Anruf aus dem Kreml zu verschanzen wird nicht gelingen; man wird sich verantworten müssen, früher oder später.“
…posna.“

Erzähler:
Jewgeni Kisseljow schließt mit der Mahnung, sich der Lehren der deutschen Weimarer Republik zu erinnern:

II, O-Ton 21: Jefgeni Kisseljow     1,35
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

„Übersetzer:
„Njemzi tejelo…
„Die Deutschen durchlebten die Niederlage des ersten Weltkrieges, den Zusammenbruch des imperialen Kaiserreiches: Inflation, Hunger, soziale Spannungen, Krise, die dazu führte, dass die Eliten glaubten, nur noch die starke Hand könne Deutschland aus dem Zusammenbruch führen. – Und bei uns? Niederlage im kalten Krieg, Zusammenbruch des sowjetischen Systems, Zerfall der UdSSR, wirtschaftliche Krise Anfang der 90ger, Inflation, politische Konflikte, Schießereien im Zentrum Moskaus, Panzer gegen das Parlament, der erste Tschetschenische Krieg, die Krise des 17. August 1998 – und genau wie damals in Deutschland verlangt die Gesellschaft nach der starken Hand, auch um den Preis der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten. Die Masse der russischen Elite ist bereit, die Macht in die Hand der lange geschmähten 3. Macht zu legen, Das sind nicht die Kommunisten, das sind nicht die Liberalen, das sind die Pragmatiker mitsamt den früheren Geheimdiensten, die bereit sind, von den Liberalen die Freiheit des Eigentums und von den Kommunisten die blutige Unterdrückung der Bürgerrechte zu übernehmen. Nur könnte es sein, dass wir alle sehr viel dafür bezahlen müssen.“
…doroga saplatit“, Musik
Erzähler:
In dieser Mahnung trifft der Kommentator des NTW sich mit unterschiedlichsten Leuten, die von dem bisherigen Sponsor Wladimir Putins, Boris Beresowski, bis hin zu zum prinzipiellen Gegner Wladimir Gussinskis, dem Chef der Kommunisten Gennadij Szuganow reichen. Sie alle äußern die Befürchtung, dass von von Wladimir Putin heute propagierte „Diktatur des Gesetzes“ morgen mit einem Gesetz zur Ermächtigung eines neuen Diktators enden könnte.
Noch sind solche Befürchtungen nur Befürchtungen. Drei Tage nach seiner Verhaftung war Wladimir Gussinski wieder auf freiem Fuß. Aber schon brachte die Staatsanwaltschaft weitere Namen potentieller Opfer der von ihnen beabsichtigten Säuberungsaktionen ins Spiel. Schon liegt ein neues Gesetz zur Erweiterung der Kompetenzen der Staatsanwaltschaft vor, nachdem gerade eben erst das System der gewählten Gouverneure durch vom Kreml eingesetzte Verwalter ersetzt wurde. Die von Wladimir Putin angestrebte Rezentralisierung des Staates nimmt erkennbare Züge an. Die Zeichen in Russland stehen auf Sturm. Die Angriffe auf die Presse sind nur Vorläufer davon.