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Babuschkas Töchter (Teil 1) Überlebensgemeinschaften – Frauensache

Besetzung:
Zitator, Sprecher, Übersetzer, Übersetzerin
Aussprache: Alle russischen Namen und Begriffe sind in phonetischer Umschreibung wiedergeben.
Anmerkung zu den O-Tönen:
Die Länge der O-Töne ist exakt angegeben. Zähleinheit ist 4,5 sec. pro Zeile plus 4,5 Sec. für die Auf- und 4,5 Sekunden für die Ausblendung. Die Töne sind so geschnitten, dass Anfang und  – wenn am Schluss aufgeblendet werden soll dann auch – das Ende in der Regel für jeweils mindestens 4,5 Sekunden den (fett) angegebenen Textanfängen oder Textenden entsprechen. Evtl. Schnittstellen ( in denen Übersetzung und Ton nicht mehr wortidentisch sind) liegen in der Mitte der Töne. Abweichungen von diesem Schema sind besonders angegeben.

Anfang und Ende der O-Töne weich auf- und abblenden, bitte

Länge des Manuskriptes: 20.000 Zeichen (einschl. Leerzeichen)

Freundliche Grüße

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de

Babuschkas Töchter (Teil 1)
Überlebensgemeinschaften – Frauensache.

Vortext:
Russland ist in tiefem Wandel begriffen. Alte Strukturen lösen sich auf, neue sind noch nicht wieder entstanden. Eine Minderheit der Bevölkerung badet in neuem Reichtum, die Mehrheit kämpft um das tägliche Überleben. Jahr für Jahr prognostizieren Statistiker den endgültigen Zusammenbruch des krisengeschüttelten Landes – Jahr für Jahr bleibt er aus. Wie ist das möglich? Eine Antwort auf diese Frage bekommt man nicht aus den Statistiken, nicht von Ökonomen, auch nicht von der Regierung. Man bekommt sie bei Russlands Frauen.
Man bekommt sie von einer Frau wie Rita Gurjewa. Sie lebt in Tscheboksary an der Wolga. Eigentlich ist sie Puppenschauspielerin, vornehmlich für Kinder, an einer städtischen Bühne; zur Zeit ist sie beschäftigungslos, da die Stadt kein Geld hat. Ihr Mann ist ebenfalls arbeitslos. Die beiden Kinder, zehn und vierzehn Jahre alt, gehen zur Schule. Rita beschreibt ihren Alltag so:

O-Ton 1:         0,31
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Übersetzerin:
„Na srawnennije…
„Im Vergleich zum letzten Jahr ist es schlechter geworden; mit dem Geld war es besser, mit der Schule war besser. In diesem Jahr ist es sehr schlecht. Von meiner Arbeit bekomme ich so gut wie kein Geld. Das bisschen, das ich bekomme, reicht nicht einmal für die Miete. Wir leben nur von der Datscha.“
…na schot etawa.“

Erzähler:
Die Datscha – das sind fünfhundert Quadratmeter Land dreißig Kilometer außerhalb der Stadt, wo Rita im Frühjahr Kartoffeln, Kohl, Mohrrüben, Gurken und anderes gepflanzt hat, um die Familie durch den Winter zu bringen. Aber selbst für die Fahrt zur Datscha reicht das Geld oft nicht; nicht für den Bus und schon gar nicht für ein Auto. Da muss der Bruder helfen, die Schwägerin, die Großmutter; da helfen auch mal die ausländischen Gäste, die ein bisschen Geld ins Haus bringen. Bei solchen Gelegenheiten schleppt Rita – schwer bepackt mit Rucksack, Eimern und Taschen -  Kartoffeln, Wurzeln oder Gemüse gleich für mehrere Wochen mit in die Stadt. Einen Teil davon, gesteht sie verlegen, hat sie dieses Mal gleich auf dem Markt verkauft, um wenigstens etwas Bargeld zu haben:

O-Ton 2: Rita, Forts.         0,40
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Übersetzerin:
„Lachen, tschesna gawarja…
„Nun, ehrlich gesagt, ich muss Schulden abtragen. Aber es war natürlich peinlich. Verkaufen! Die Leute kennen einen ja. Hallo, guten Tag! Wie geht´s? Ach, Mohrrüben verkaufst Du? Eigentlich muss es nicht peinlich sein, es ist ja aus eigener Arbeit. Aber man hat doch seinen Beruf! Das ist schwer. Mir kamen sogar die Tränen. Aber dann habe ich mich zusammengenommen. So oder so ist es deine Arbeit, sagte ich mir, beruhige dich.“
…setim, Flüstern..“

Erzähler:
Kolja, Ritas Mann, ist kaum zu Hause. Rita kümmert sich um die Wohnung, die Kinder, die Datscha. Auch die Einquartierung der Gäste besorgt  sie. Wenn Kolja zu Hause ist, zieht er sich ins Schlafzimmer zurück. Sie ist Organisatorin, Ernährerin und Seele der Familie.
Wie Rita geht es vielen Frauen, deren Männer arbeitslos sind oder die so wenig verdienen, dass die Familien davon nicht leben können. Die Datscha, oft auch nur ein kleines Stückchen Land am Stadtrand, in den Dörfern der Hausgarten werden von ihnen bewirtschaftet. Oft sind es die Großmütter, welche die Gärten bearbeiten oder auch bei Wind und Wetter mit den Kleinkindern draußen wohnen. „Datschniki“ bearbeiten dreiviertel aller russischen Kartoffelanbauflächen; darauf werden 80% aller Kartoffeln geerntet. In speziellen Krisengebieten, etwa dem Kohlerevier Kussbass, das innerhalb weniger Jahre von einem der wohlhabendsten zum sozial schwächsten Gebiet Russlands wurde, ist die Ausnahme bereits zur Regel geworden. Gefragt, wie sich die Situation für die Frauen verändert habe, antwortet Natalja Dadom, Ehefrau eines Bergarbeiters, seit kurzem selbst auch beruflich tätig als regionale Beraterin in dem für Russland neuen Beruf des Polit-Consulting :

O-Ton 3: Natalja Dadom                                         0,59
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Übersetzerin:
„Ho! snajesch…
„Die Situation hier im Kemerowo Gebiet hat sich grundlegend verändert: Bergarbeiter – das war früher Vater und Ernährer. Heute bekommen die Ernährer noch nicht einmal den Lohn vom Vorjahr. Aber die Familie muss leben! Das Überleben lastet daher heute vollkommen auf den Frauen. Bei mir ist es, dank meines Mannes, ein bisschen anders gelaufen. Wir saßen auch ohne Geld, aber nie ohne Hoffnung. Dass wieder etwas kommt. Wolodja konnte Geld ranschaffen; er brachte Fleisch, brachte Lebensmittel, ich musste nie raus. Aber in meinem ganzen Bekanntenkreis tragen fast überall die Frauen die Last; sie sind alle verantwortlich für das Überleben der Familie, alle! Die Männer kommen mit der Situation nicht zurecht, sie trinken, sie laden die Verantwortung voll und ganz den Frauen auf.“
…na dschenschinu.“

Erzähler:
So stellt Natalja die Situation dar, als ihre zwölfjährige Tochter und ihr Mann zuhören; wenig später, ohne Tochter und ohne Mann, dafür in der Gesellschaft zweier Freundinnen aus dem nahen Nowosibirsk, die eine Ärztin, die andere Psychotherapeutin, auch sie verheiratet, auch sie Mütter, findet Natalja andere Worte. Nun könne sie freier sprechen, erklärt sie:

O-Ton 4: Natalja Dadom, Forts.                         1,32
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Übersetzung:
„Prosta ja…
„Ich sehe mich heute damit konfrontiert, dass die Frauen nicht nur für sich etwas tun, sondern auch noch die Männer stimulieren müssen. Zum Beispiel in meiner Familie musste ich ziemlich kämpfen, nun sagen wir nicht kämpfen, sondern geschickt manövrieren, meinen Mann irgendwie dahin zu bringen, endlich rauszugehen, um Geld zu verdienen. Es gab Augenblicke, wo es effektiv nichts zu essen gegeben hätte, wenn ich nicht losgezogen wäre, um etwas zu besorgen. Aber Geld ranzuschaffen, ist seine Sache, das habe ich ihm klar gemacht. Wenn er nicht ein Stück Fleisch in die Familie bringt, dann wird es kein Fleisch geben. Meine Freundinnen waren erst schockiert, als ich ihnen sagte, wie ich es mache, aber dann sahen sie auch, dass es so richtig ist, dass man den Mann erst auf den Weg bringen muss. Jungs werden heute nicht richtig für die Familie erzogen. Niemand zeigt ihnen, wie sich ein echter Mann in der Familie verhalten muss. Ich habe es in der Schule gesehen, wo ich gearbeitet habe, da gibt es viele Familien, in denen die Väter einfach nicht anwesend sind; für das Überleben der Familie ist allein die Mutter verantwortlich.“
…tolka matj.“

Erzähler
Befragt, was sie unter einem „echten Mann“ verstehe, antwortet sie:

O-Ton 5: Natalja Dadom, Forts.                           0,27
Regie: Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
„Nu, mnje kaschetsja…
„Nun, ich weiß ja nicht, wie die Familie  bei Ihnen aufgebaut ist, aber unser Leben wird sich noch lange darauf ausrichten, dass der Mann der Ernährer ist, obwohl es im Leben real genau umgekehrt ist.: Die Ernährerin ist die Frau.“
… skladewitsja padrugomom.“

Erzähler:
Herrschende patriarchale Ideologie und Realität klaffen auseinander. Daran lässt Natalja keinen Zweifel. Ihrer doppelten Redeweise, die für Mann und Tochter eine andere Realität beschreibt als im Kreis ihrer Freundinnen, ist sie sich voll bewusst. Sie begründet ihre Vorgehensweise mit den Verhältnissen, die ihr keine andere Wahl ließen:

O-Ton 6: Natalja Dadom, Fortsetzung                            0,37
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Übersetzerin:
„Vot eta situatia…
„Es ist so: Viele Männer stimmen im Prinzip zu, aber es gibt einige Spielregeln, gibt bestimmte soziale Rollen, die sind sehr scharf aufgeteilt. Wenn Du diese Regeln verletzt, dann wirst du bestraft und zwar sehr brutal. Wenn ich in der männlichen Welt, in der ich mich seit kurzem bewege, mein weibliches Wesen einbringen will, dann geht das nicht, dann wird man dafür sehr schmerzhaft geprügelt: Entweder du spielt nach deren Regeln oder du spielst überhaupt nicht!“
… wa-absche.“

Erzähler:
Die beiden Freundinnen Nataljas stimmen ihren Ausführungen vorbehaltlos zu. „Im Grunde schleppen wir die Männer mit durch“, meint die Ärztin, „wenn ich könnte, würde ich mich heute sofort scheiden lassen.“ „Wenn du dem eigenen Mann solche Dinge sagst“, ergänzt die Psychologin, „beginnt ein offener Krieg. Und Krieg“, setzt sie kühl hinzu, „endet üblicherweise mit Mord.“ Das könne doch niemand wollen.
Natalja schließt diesen Disput über die richtige Taktik mit den Worten:

O-Ton 7: Natalja Dadom, Fortsetzung                                0,47
Regie: Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzerin:
„Ty snaesch…
„Mir scheint, dies ist nicht der Weg der Schwäche, es ist der Weg der Selbsterhaltung, der Versuch, die Familie zu bewahren. Man kann ja über alles mögliche reden, Freiheit, überhaupt demokratisches Leben, aber man muss auch die Situation von großen und kleinen Städten berücksichtigen. Und wenn es in Großstädten normal sein mag, geschieden, allein zu leben, so ist das in der Atmosphäre einer kleinen Stadt sehr unangenehm. Da ist es besser, die Familie zu erhalten. Das Kind kann man nicht allein lassen. Man muss eben für viele Dinge bezahlen. So ist das.“
…486 …nada platitj.“

Erzähler:
Frauen tragen nicht nur die Hauptlast der Krise, sie sind auch stärker und klüger als die Männer, das kann man von vielen russischen Frauen heute hören. Selbst in Perm, einer Gegend Russlands kurz vor dem Ural, wo sonst viele Uhren langsamer laufen als an der weltoffenen Wolga oder in im krisengeschüttelten Kussbass, sind solche Ansichten durchaus Standard. Und nicht nur das, in Perm, kann man auch Begründungen hören, warum das so ist: Galina Britwina, Leiterin eines städtischen Kulturhauses, die sich mit anderen Permer Frauen zur aktiven Bewahrung russischer Kultur zusammengeschlossen hat, eröffnet ihren Besuchern sanft, aber bestimmt:

O-Ton 8: Galina Britwina                  0,47
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Übersetzerin:
„We dannije situatije…
„Nun in der gegebenen Situation haben sich die Grauen gewissermaßen ermannt, sind reifer geworden. Sie haben die Männer auf den zweiten Platz verwiesen: Sie zeigten sich in moralischer Hinsicht als die Stärkeren, sie haben den stärkeren Willen, sie sind überlebensfähiger als die Männer. Das sage ich nicht als Theoretikerin, sondern als Praktikerin. Aus der Beobachtung unter Nächsten, Verwandten und Bekannten ergibt sich für mich so ein Bild, dass das zukünftige Russland ein Land der Frauen sein wird.“
…Mnje kaschetsja.“

Erzähler:
Die russischen Männer seien ebenfalls stark und auch klug, versichert Frau Britwina in dem Bemühen, Russland nicht in schlechtem Lichte erscheinen zu lassen; Jedoch, schränkt sie dann vorsichtig ein, fehle ihnen die Weisheit der Frauen. Unter Weisheit versteht Frau Britwina:

O-Ton 9: Galina Britwina, Forts.                               0,33
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Übersetzerin:
„Eta, vidit nemnoschitschka…
„Ein kleines bisschen weiter zu sehen, in der Schachsprache ausgedrückt, um einige Züge weiter, in der Sprache des Lebens, um einige Jahre weiter: Nach vorne schauen in die Zukunft, Situationen vorhersehen und Auswege finden, wenn die Situation schwierig wird. Wenn es kritisch, wenn es schwierig wird, leichtere Wege finden.“
…bolje lochki.“

Erzähler:
Frauen, so die Kulturorganisatorin, hätten diese Fähigkeiten von Natur. Damit, findet sie, sei doch eigentlich alles gesagt. Eine ältere Mitarbeiterin des Kulturhauses, Maya, die in das Gespräch hineinplatzt, ist nicht so zurückhaltend. Heftig auf das Mikrofon eindrängend, führt sie Frau Britwinas Gedanken fort:

O-Ton 10: Maya                                    0,29
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Übersetzerin:
„Jenschina at priroda…
„Hören Sie! Die Frau ist von Natur aus Mutter. Schon in ihren Genen liegt der Zug zum Bewahren, Leben zu stiften, Kinder zu behüten, das Volk fortzupflanzen. Das ist ein genetischer Code. In der heutigen Situation, in der die Männer schwach werden, hütet die Frau diesen Code und strebt nach Verwirklichung ihrer Funktion. Das ist Natur.“
… eta priroda.“

Erzähler:
„Sehen Sie doch die politische Situatuion!“ fährt Maya fort. Die Männer hätten faktisch die führende Rolle verloren. Das kein offener Kampf,  aber:

O-Ton 11: Maya, Forts.                                0,26
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Übersetzerin:
„No dschenschina…
„Die Frauen sind stärker: Unter den Intellektuellen, in der Medizin, in den Wissenschaften, Ökonominnen, Ingenieurinnen, fast in allen Berufen haben sie starke Positionen und als Politikerinnen sind sie weiser, weil sie menschlicheren Bezüge zum Leben haben, weil sie voraussehen. Das ist angelegt: schützen, bewahren.“
… uberetsch.“

Erzähler:
Nach dieser flammenden Parteinahme für die Überlegenheit der Frau, wie Maya sie versteht, lässt auch Frau Britwina ihre Zurückhaltung etwas fallen und schließt das Gespräch einem Scherz. Natürlich sei das nur ein Witz, lacht sie, aber im Prinzip stimme sie dem schon zu:

O-Ton 12: Galina Britwina, Forts.         0,17
Regie: Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Übersetzerin:
Lachen, „Eta schutka…
„Unsere Männer stammen vom Affen ab. Die Frauen aber kommen aus dem Kosmos. Sie wurden von Gott erschaffen. Deshalb sind die Frauen bei uns so.“
…takije.“

Erzähler:
Bei Frau Subotta, Dichterin und Gründungsmitglied einer „Partei der russischen Ethik“ wird das, was Frau Britwina noch als Scherz relativiert, zum patriotischen Ernst. Nach Ansicht der Dichterin stellen sich im aktuellen Überlebenskampf der russischen Bevölkerung jene traditionellen Beziehungen von Männern und Frauen wieder her, die Russland als Imperium hätten groß werden lassen. In Russland sei immer der Mann verehrt worden, erklärt sie, aber nicht alles sei so, wie es scheine. Das Geheimnis der russischen Seele liege in dem Satz:

O-Ton 13: Dichterin Subotta                                       0,35
Regie: Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen,  nach dem Spruch bei „povernjot“ vorübergehend hochziehen, danach abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen

Übersetzerin:
„Muschina galawa…
„Der Mann ist das Haupt, die Frau ist der Hals, wohin der Hals will, dahin beugt sich der Kopf.“
…povernjot.“

Erzähler:
„Es ist bei uns nicht möglich, dass der Mann nicht das Haupt ist“, fährt sie fort. „Wenn die Frau sich in der Familie zum Haupt macht, dann wird es dort kein Glück geben, niemals. Die Frau unterwirft sich dem Mann, sexuell, im Alltag, in der Erziehung der Kinder; sie sagt, `Papa hat Recht´, aber sie sagt es so fein und so weise, dass Papa genau das tut, was nötig ist.“
…kak nada.“

Erzähler:
Die Überzeugung von der weiblichen Fähigkeit das Überleben zu organisieren nimmt bei Frau Subotta, einen militanten Charakter an:

O-Ton 14: Dichterin Subotta, Forts.                            0,60
Regie: Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Erzähler:
„At towo schto…
„Weil es für die Frauen immer sehr schwer war in Russland, wurden sie stark. Sie hatten das Sagen in Haus und Hof. Aber auch die Erziehung der Jungs zu Männern hängt damit zusammen. Es war immer so, dass der Junge irgendwann aus dem Haus musste und Blut vergießen würde, um die Familien, das Land zu schützen. Die Frauen mussten die Jungs darauf vorbereiten und selbst Haus und Hof  halten, wenn die Männer fort waren oder ganz auch ganz fort blieben, weil sie fielen. Heut ist es wieder so: Ohne kriegerische Fähigkeiten, ohne Erziehung zum Patriotismus kann Russland nicht existieren. Dieses riesige Territorium zieht immer andere an, die nicht genug Land haben. Deshalb wird es immer Blutvergießen geben. Deshalb müssen unsere Jungens kriegerischen Geist haben.
…dolschen bit boizowski duch, tak.“

Erzähler:
Von der bloßen Organisation des Alltags,  über die Bewahrung der Kultur bis zur Stärkung des Patriotismus reicht die Skala der Aktivitäten, in denen sich die Frauen Russlands heute als die Kraft erweisen, welche das Überleben der Bevölkerung trägt. Man muss nicht die politischen Ansichten einer Frau Subotta teilen, die den Frauen die Erziehung zum Patriotismus zuweist, man muss nicht den Kulturorganisatorinnen Perms zustimmen, welche die Frauen zu alleinigen Trägern des Lebens erklären, man muss auch die Datschengärten nicht zum alleinigen Überlebensgrund hochstilisieren, man muss nur erkennen, dass in allen drei Elementen eines als gemeinsamer Kern steckt: die Familie und in ihr die Frau als die Kraft, welche die Familie zusammenhält.
Vor diesem Hintergrund bekommen die Erkenntnisse jener Soziologen und Ökonomen Russlands ihre Bedeutung, welche die Frage, warum die russische Bevölkerung trotz langandauernder Krise bisher nicht hungert, neuerdings mit dem Hinweis auf den „informellen“ oder wie sie sagen „expolaren“ Charakter der russischen  Wirtschaft beantworten und die Regierung auffordern, diese Elemente zu stärken:

O-Ton 15: Dr. Nikulin, Ökonom                    0,52
Regie: Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Nasche isledowannije…
„Unsere Untersuchungen zeigen, dass in der Realität Russlands im ländlichen Bereich eine Symbiose zwischen kleinen und Großen Betrieben besteht. Es gibt ein gewisses Konglomerat aus Familienwirtschaft und Großbetrieb. Und ich denke, dass der Hauptweg der Entwicklung im agrarischen  Bereich die innere Reorganisation der Symbiose zwischen Keinem und Großem ist. Erfolgreich arbeiten eben diese Betriebe, die sich bemühen, eine solche Symbiose zu entwickeln. Es ist die organische Symbiose zwischen Familie und Betrieb, auch wenn das sehr schwierig ist.“
…chtja otschen trudna.“

Erzähler:
Ob diese neuen Erkenntnisse der Soziologen die russische Regierung mehr überzeugen als die bisherigen Privatisierungsrezepte des Internationalen Währungsfonds, bleibt abzuwarten. Würden die Verantwortlichen in der Regierung auf sie hören, dann wären sie in der Lage, die mächtigste Kraft ihres Landes für eine Gesundung des Landes zu mobilisieren: Millionen Frauen, die am Wohl und der Entwicklung ihrer Kinder und der Erhaltung ihrer Familie interessiert sind.

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de