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Warum Russland nicht verhungert – Russlands andere, extrapolare Ökonomie.

Seit über einem Jahrzehnt wird in Russland privatisiert. Es entwickelt sich aber nicht, was sich nach dem Willen der westlich orientierten Reformer entwickeln sollte. Zwar gibt es inzwischen Privateigentum, aber die kollektiven Strukturen leben weiter; zwar gibt es einen Markt, er funktioniert aber nicht nach den bekannten Gesetzen des westlichen Kapitalismus. Kritiker sprechen von „Kapitalismus im Übergang“, von Chaos und Mafia. Eine Dauerkrise hat das Land erfasst. Die Mehrheit der Bevölkerung leidet und ächzt – der immer wieder vorhergesagte endgültige Zusammenbruch aber ist bisher trotz all dem ausgeblieben. Neuerdings sind russische Ökonomen zu hören, die diesen Zustand Russlands nicht als Schwäche, sondern als Spezifikum ihres Landes zu beschreiben versuchen. Wortführer dieser Richtung ist Teodor Schanin, Professor der Ökonomie. Als Rektor einer „Hochschule für Wirtschaft und Soziales“ in Moskau und zugleich langjähriger Professor für Ökonomie an der Universität von Manchester in England ist er der Kopf eines wissenschaftlichen „joint venture“, das russische Realität und westliche Methodik in einem neuen Forschungsansatz zu verbinden versucht.

Teodor Schanin hat soeben einen umfangreichen Band mit Forschungen zum Stichwort einer „Informellen Ökonomie“ in Russland  herausgegeben. Auf die Frage, wie er dazu gekommen sei, antwortet er:

O-Ton 1: Teodor Schanin 2,30

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Übersetzer:

„One has to begin…

„Man muss mit einem Paradoxon beginnen: Das Paradox besteht in der sozialen und wirtschaftlichen Existenz der Mehrheit der Menschen Russlands. Nach den meisten offiziellen Statistiken ist die Produktion innerhalb von zehn Jahren auf mehr als die Hälfte gesunken. In der Landwirtschaft ist es sogar noch schlimmer. Aufs Ganze gesehen, ging die Wirtschaft um die Hälfte zurück. Der Niedergang ging einher mit einer Polarisierung: Die Reichen wurden reicher, die Armen ärmer. Unter solchen Bedingungen müsste theoretisch gesehen die Hälfte der Russen hungern, die Versorgung in den meisten russischen Provinzen müsste zerstört sein, die Kinder müssten barfuss und ohne Schulunterricht herumlaufen etc. Wenn Sie aber hinkommen – nicht nach Moskau, das ist sowieso eine Insel – sondern in die Provinzen, dann funktioniert das gesamte soziale System, die Schulen arbeiten, mit unterbezahlten oder ganz unbezahlten Lehrern, aber sie arbeiten, die Polizei operiert, sie operiert nicht gut und sie ist korrupt, aber sie operiert, alle Dienste funktionieren und es gibt keine Anzeichen von Hunger – und Hunger ist nun einmal eins der wenigen Dinge, die extrem schwierig zu verstecken sind. Es ist klar, dass man in jeder Gesellschaft einen gewissen Prozentsatz von marginalisierten Menschen findet, die Paupers sind, aber die findet man auch in New York. Diese Armen, diese Obdachlosen usw. sind ein Problem, sie sind aber nicht das spezielle Problem unserer Gesellschaft. Das Problem ist, dass diese russische Gesellschaft in einem viel schlechteren sozial-wirtschaftlichen Zustand sein müsste, als sie es nach dem, was wir von staatlichen und nicht-staatlichen Statistiken wissen, tatsächlich ist. Der einzige Weg zu erklären, was da geschieht, ist anzunehmen, das es da eine Komponente gibt, die in unserer Analyse fehlt. Ich denke, diese Komponente die entdeckt wurde, lange bevor die Russen darauf  kamen, ist das, was als informelle Wirtschaft definiert wurde.“

…informal economy.“

Erzähler:

Er selber, fügt er hinzu, spreche lieber von extrapolar. Entdeckt, wie der Professor es nennt, wurde die Komponente der informellen Wirtschaft in Ländern der sog. Dritten Welt, in Afrika, in Südamerika, in Indien und Asien. Aber auch im Westen, etwa in Italien wurden Elemente dieser Wirtschaftsweise aufgedeckt. Im Wesen geht es, so Prof. Schanin, um sozialwirtschaftliche Strukturen von Bauernwirtschaften, die sich in industriellen Gesellschaften oder in Sektoren von ihnen wiederfinden. Das gilt natürlich besonders für ein Land wie Russland, das zu Zeiten der Revolution von 1917 noch zu 80% landwirtschaftlich strukturiert war, das noch jetzt zu über 50% dörflich, ja teilweise sogar nomadisch lebt, wobei von den 50% städtischer Bevölkerung über dies hinaus noch gut die Hälfte von direkten Beziehungen zum Dorfe oder zum Kleingartenbesitz auf dem Lande lebt.

Gefragt, was man sich unter einer „informellen“ Wirtschaft vorzustellen habe, antwortet Professor Schanin:

O-Ton 2: Prof. Schanin, Forts.                1,50

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Übersetzer:

„It is an economy…

“Das ist eine Wirtschaft, die nach anderen Prinzipien arbeitet als die kapitalistische, aber auch als die Staatswirtschaft: Eine Wirtschaft, bei der das Ziel eher im Überleben besteht als in der Akkumulation von Kapital; entsprechend geht es oft eher um eine Maximierung des Nutzens der Arbeit, als um eine Maximierung von Profit. Es ist ein System, in dem der formelle Aspekt des Systems, die legale Struktur, eine weitaus geringere Rolle spielt als Verwandtschaft oder ethnische Beziehungen, wo die Durchsetzung von Verträgen, die in normalen kapitalistischen Ländern durch Gesetz, Gerichte und Polizei vollzogen wird, in einer sehr anderen Art vor sich geht. Die Durchsetzung erfolgt zum Beispiel durch Loyalitäten innerhalb der Familie, über Gefühle der Verantwortung gegenüber der ethnischen Gemeinschaft: „Ein Asari benimmt sich nicht so!“ oder so ähnlich. Die ganze Logik des Funktionierens ist eine andere. Dieses System verbirgt sich bis zum Punkt des Verschwindens, es ist teilweise schwarze Wirtschaft, es ist eine Wirtschaft, die sich den Steuern entzieht oder auch graue Wirtschaft, von der man nicht recht weiß, ob sie steuerlich erfasst werden sollte oder nicht. Noch wichtiger aber ist: Es ist verborgen, weil nicht die richtigen Fragen gestellt werden. Der beste Weg, Dinge nicht zu erkennen ist nun einmal, nicht nach ihnen zu sehen, analytisch verstanden.“

…not to look for them, analyticly.“

Erzähler:

Was Prof. Schanin jetzt theoretisch zu erfassen sucht, ist für russische Praktiker, also Manager, Geschäftsleute, Wirtschaftsbürokraten schon lange Realität. Sie unterscheiden zwischen westlichem Modell der Reform und „realer Wirtschaft“. Jussef Diskin etwa, Assistent des Direktors am „Institut für sozial-ökonomische Probleme des Bevölkerung“, welches regelmäßige Untersuchungen für die russische Zentralbank durchführt, zugleich auch Manager bei „Sib-Neft“, einer der großen Ölkonzerne des Landes, erklärt schon vor dem großen Bankenkrach im April 1997 im Ton größter Selbstverständlichkeit:

O-Ton 3: Jussef Diskin 1,11

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Übersetzer:

”Nu, jesli goworits stroga…

“Streng gesagt haben wir keinen Kapitalismus erhalten. Kapitalismus, das hieße doch vor allem erst einmal Chancengleichheit im wirtschaftlichen Handeln, mindestens formal. Dafür sind gleiche Rechte des Eigentums unabdingbar. Das gibt es bei uns nicht, das ist offensichtlich! Bei uns ist das Recht auf Eigentum an die politische Macht gekoppelt. Aber was noch wichtiger ist: In der sowjetischen Zeit war Geld nicht das einzig Entscheidende und heute ist es immer noch so: Nach wie vor fährt man fort mit dem Austausch von Naturalprodukten, lebt man von Gärten und Höfen. Wenn heute aus dem Budget nicht gezahlt wird, wenn der Lohn nicht gezahlt wird, dann heißt das alles nur eins: dass es heute immer noch unheimlich viel feudale Überbleibsel in unserer Wirtschaft gibt“

…rossiski ekonomiki.“

Erzähler:

Feudale Überbleibsel – damit ist gemeint: Keine vollkommene Geldwirtschaft, kein funktionierender Lohn-Ware-Kreislauf, kein offener Markt, auf dem sich Individuen als Käufer und Verkäufer begegnen, stattdessen Regelung des Lebens – Arbeit, Versorgung, Kultur – in den eng gezogenen Grenzen patriarchaler sozialer oder ethnischer Beziehungen. Einen tiefen Einblick in diese Struktur liefert der Wirtschaftsriese  „Gasprom“, auf deutsch: der Gas-Gewinnungs-Komplex. Ausgerechnet in den Strukturen dieses international organisierten russischen Multi, der 35% des Weltgasaufkommens kontrolliert und verschiedene Niederlassungen in  westlichen Ländern hat, treten heute die Elemente der von Diskin beschriebenen Verhältnisse besonders deutlich zutage. Sergei Sergejewitsch, ein leitender Mitarbeiter des Konzernes, skizziert das Finanzgebaren des Multis, stellvertretend für die russische Wirklichkeit, mit den Worten:

O-Ton 4: Sergej Sergejewitsch, „Gasprom“                            0,36

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Übersetzer:

„Idjot wechselej..

„Verrechnungen laufen über Wechsel, über gegenseitige Verschuldung, über einfachen Warenaustausch oder auch über primitivsten Austausch von Privilegien, also etwa: `Wir veranlassen den Leiter dieser oder jener Branche loyal gegenüber der Administration zu sein und sie berechnet uns weniger Steuern.´ So treten alle auf. Gasprom ist keine Ausnahme.“

…nje isklutschennije.“

Erzähler:

„Gasprom“ gilt im Lande geradezu als Synonym für informelle Strukturen: Er ist die undefinierbare Mischung zwischen privaten und öffentlichen Interessen. In ihm wird informelle Wirtschaftsweise exemplarisch erkennbar. Zu seiner Beschreibung greift Sergej Sergejewitsch sogar zu Begriffen Teodor Schanins:

O-Ton 5: Sergejewitsch, Forts.                                                 0,35

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Übersetzer:

„Prinzipje wy prawi…

„Im Prinzip haben Sie recht, obwohl in Gasprom auch andere Gesetze wirken. In den unteren Schichten der Bevölkerung überlebt man ja vielfach auf Grund dessen, was der englisch-russische Ökonom Teodor Schanin, glaube ich, trans- oder extrapolare Ökonomie genannt hat, also eine Wirtschaft, die außerhalb der klassischen Schemata liegt.“

…schema

Erzähler:

Viele kleine Gruppen, fährt Sergej fort, auf dem Dorf, in der Familie, ganze Zusammenhänge von Familien, Clanverwandte usw. könnten nur durch gegenseitige Hilfe überleben. Menschen in der Provinz, die Kinder in Moskau haben, überlebten nicht mit Geld, sondern mit den Produkten, welche die Kinder ihnen brächten. Umgekehrt unterhalte eine Gruppe Verwandter Garten, Kühe, Schweine, arbeite rund um die Uhr, nur damit ihre Kinder in Moskau eine Ausbildung erhalten könnten. Dies alles funktioniere großenteils ohne Geld. „Gasprom“, obwohl ein internationaler Konzern, sei wohl Teil dieser Struktur:

O-Ton 6: Sergejewitsch, Forts.                                                  0,40

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Übersetzer:

„Schto kassajetsja…

„Was die transnationalen Aktivitäten betrifft, so handelt Gasprom wie eine normale, europäische, westliche Korporation. Was Gasproms Beziehungen zu den Regionen angeht und zu konkreten Menschen, so sind seine Unternehmen zwar nur indirekt Teil der `extrapolaren Wirtschaft´, aber über diese Beteiligung ist Gasprom doch gezwungen, sich den russischen Besonderheiten anzupassen.“

…rossiskuju spezifiku.“

Erzähler:

Mächtigen theoretischen Beistand erfährt die Moskauer Schule Teodor Schanins durch Tatjana Saslawskaja, Stichwortgeberin der neuen nachsowjetischen russischen Soziologie. Aus der von ihr begründeten Nowosibirsker Schule war bereits Anfang der 70er Jahre des eben zuende gegangenen Jahrhunderts zu hören, die Wirtschaft Russlands werde sich irgendwie zwischen Kapitalismus und Sozialismus in neuen, nicht gekannten Formen entwickeln. In einem ihrer ersten Bücher,  unter dem deutschen Titel „Die Gorbatschow-Strategie“, schrieb sie 1988:

Zitatorin:

„Das beschriebene System stellt eine Art Hybridprodukt aus dem zentralisierten planwirtschaftlichen und marktwirtschaftlichen System dar, wobei es sich um einen spezifischen, veränderten Markt handelt, in dem nicht mit klassischen Begriffen wie Ware, Qualität und Preis operiert wird, sondern mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, auf die Produktionsbedingungen des Partners einzuwirken.“

Erzähler:

Allen diesen Positionen, wie ungewöhnlich sie für westliche Ohren, wie provokativ sie für die westlich orientierten russischen Reformer bereits klingen mochten, war jedoch noch eines gemeinsam, die Beurteilung der Situation als Mangel, als vorübergehende Erscheinung, als Zustand, der früher oder später in ein entwickelten Marktsystem übergehen oder sich doch mindestens den westlichen Modellen angleichen müsse. Frau Saslawskaja sprach – nach Abwendung von Michail Gorbatschow und in offener Kritik an Boris Jelzin – Mitte der 90er sogar von einem „Monster“, das einen kriminellen Staat und eine kriminelle Gesellschaft hervorgebracht habe.

Mit Teodor Schanin gehen russische Analytiker nun dazu über – theoretisch – die Unfähigkeit Russlands zur glatten Übernahme westlicher Modelle nicht mehr als nur als Versagen, sondern als einen Schritt zu einer anderen, eigenständigen Entwicklung zu begreifen.

Entsprechend weist Professor Schanin daher inzwischen Fragen danach, wie es zu der „informellen Wirtschaft“ kommen konnte, als ärgerliche und irreführende Dummheit zurück:

O-Ton 7: Prof. Schanin, Forts.                                           2,08

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Übersetzer:

„Well, first I think…

„Nun, zunächst glaube ich, dass die Formulierung „es kam von etwas“ nicht sehr nützlich ist. Die Idee, die hinter dieser Frage steht, ist doch die Vorstellung, dass es eine Krise gegeben hat und dass sich diese Formen als Ergebnis dieser Krise entwickelt haben. Die Frage kommt nach dem Motto: Gib uns einen Tag, an dem diese verdammte Sache anfing! – Und dann war es natürlich, als Gorbatschow anfing dumm zu werden, oder vielleicht nicht Gorbatschow, sondern jemand anders, Jelzin und seine Leute: sie haben eine schreckliche Unordnung hervorgebracht, sodass wir jetzt diese vielen Methoden haben, wie Leute unterwegs sind, merkwürdige Dinge tun, um zu überleben usw.

So ist es aber nicht. Tatsächlich ist es so, dass informelle Wirtschaft schon vorher in der Sowjetunion und davor schon im zaristischen  Russland existierte. Sie hatte unterschiedliche Namen und sie hatte unterschiedliche Formen. Jeder Russe kennt „Blat“, Beziehungen. Zu Sowjetzeiten gab es ein russisches Sprichwort, sehr wichtig: „Blat wische Sownarkoma“; auf deutsch, Beziehungen stehen über dem „Obersten Rat der Volkskommissare“. Die Alltagsmacht auf dem Land, heißt das, war „Blat“, nicht die Partei. „Blat“ ist der informelle Weg, wirtschaftliche Probleme außerhalb der offiziellen Wege zu lösen. Ohne „Blat“ wäre die sowjetische Regierung kollabiert, denn „Blat“ hat sehr viele Probleme gelöst, so wie die informelle Wirtschaft sehr viele Probleme löst. Es ist wichtig zu begreifen, dass informelle Wirtschaft nicht einfach irgendeine grauenhafte Situation ist, in der die Menschen sich befinden. Es ist eine Methode, eine ganzer Satz, ein ganzes System von Methoden, dringende Probleme zu lösen, um das Leben für Menschen erträglich zu machen, die andernfalls doch verhungern würden.“

…otherwise would starve.“

Erzähler:

Folgerichtig möchte Prof. Schanin Kennzeichnungen wie Schattenwirtschaft, graue Wirtschaft, Mafia, die bisher zur Beschreibung der Wirtschaft Russlands benutzt wurden, selbst die der  „realen“ und der „informellen“ Wirtschaft, obwohl sie ihm selbst immer noch wieder unterlaufen, als unzureichend hinter sich lassen. Sie alle, so Prof. Schanin, wiederholten immer nur die Beschreibung des Mangels. Auch der Begriff des „informellen“ beinhalte letztlich nur die Negation formellen, staatlichen, lasse aber keine eigene Struktur erkennen. Schon im gewählten Begriff, den man wähle, müsse erkennbar werden, dass es bei dem, was sich heute in Russland entwickele, nicht um eine mangelhafte, unentwickelte, demnächst überwundene, sondern um eine andere Wirtschaftsweise gehe:

O-Ton 8: Schanin, Forts.                                                     2,06

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Übersetzer:

„My termin is…

“Mein Begriff ist „expolare Wirtschaft“. Ich habe es so gesagt: Die meisten Wirtschaftsweisen, die wir kennen, basieren auf zwei Modellen; das eine ist das der kapitalistischen Wirtschaft, Markt usw.Wir kennen dieses Modell sehr gut, denn das ist es, was wir an unseren wirtschaftlichen Fakultäten überall auf der Welt unterrichten. Das zweite Modell ist die Staatswirtschaft. Das kennen wir weniger, aber wir kennen es doch immerhin. Die Erfahrung der Sowjetunion hat uns reichlich viel darüber gelehrt. In der ganzen Welt neigt man dazu zu sagen, es ist entweder so oder so oder irgendeine Mischung dazwischen und man kann alle Länder der Welt entlang einer Skala zwischen diesen Extremen auflisten, die klare Modelle sind. Wenn es eine Krise einer mehrheitlich marktorientierten Wirtschaft gibt, dann stützt der Staat, wenn die Staatswirtschaft nicht läuft, dann geht es anders herum. Zur Zeit leben wir in einer Phase, in der die Krise der Staatswirtschaft eine Wirtschaft des freien Marktes fördert, aber in einer ganzen Reihe von Ländern kann man bereits eine Rückbewegung beobachten. So hat man Pole und Pendel als ein Modell! Das sieht alles extrem einfach aus, es ist aber auch alles, was wir in unserem Verständnis von Wirtschaft haben. Mein Punkt ist, dass der größte Teil der realen Wirtschaft von wirklichen Menschen, die ihr Leben in dieser oder jener Weise führen, außerhalb dieser Pole verläuft,  außerhalb dieses Pendel und außerhalb dieser Skalen. Man muss sie nicht irgendwo unterbringen – vielleicht mehr Markt oder vielleicht mehr Staat? Nein, sie ist anders, sie passt nicht in dieses Modell. Und weil sie nicht in dieses Modell passt, sehen die Menschen sie nicht.“

… people don´t see it.“

Erzähler:

Kern der von Prof. Schanin beschriebenen Wirtschaftsweise sind jene russischen Verhältnisse, die Russlandreisende üblicherweise als folkloristische Absonderlichkeit Russlands wahrnehmen: Überbordende Gastfreundschaft, Großzügigkeit bis zur Verschwendungssucht, Unfähigkeit mit Geld umzugehen. Hinter der folkloristischen Fassade aber wird der Mechanismus deutlich, nach dem die „extrapolare Wirtschaft“ funktioniert:

O-Ton 9: Schanin, Forts.                                                             2,34

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Übersetzer:

„It´s economy favours…

„Es ist wirtschaftliche Gefälligkeit, man tauscht nicht Waren, was immer eine Art Markt ist, oder Geld, man tauscht Gunst: Ich tue dir einen Gefallen, ich bin Kartenverkäufer im Theater; ich bin Dir gefällig, Karten für das Theater zu bekommen; Du hilfst du mir, meine Tochter in die Universität zu hieven, in die sie gehen möchte. Es ist oft sehr viel komplizierter, es ist natürlich nicht nur gegenseitige Gefälligkeit zwischen zwei Menschen, es ist oft ein System von gegenseitiger Gefälligkeit zwischen Dutzenden von Menschen, von denen jeder irgendetwas an jeden gibt. Es wäre aber auch nicht richtig, dies als Markt der Gefälligkeiten zu bezeichnen, denn Markt ist ein Vorgang, bei dem es ein Äquivalent gibt, über das man Dinge austauscht, nämlich Geld. So ist es nicht. Es ist ein nicht-äquivalenter Austausch, denn Du selbst bestimmst, was äquivalent ist; du selbst sagst: Eine Karte für einen Platz in der Universität. Es gibt keine Gelddefinition davon; du weißt nicht, ob es korrekt ist. Es spielt keine Rolle, ob es gleichwertig im Sinne von Geld ist – man tut dir einen Gefallen, du tust einen Gefallen, du tauscht einen Gefallen; so läuft das. Die ganze Gesellschaft ist so unterwegs. Und wie ich sagte, wie nannten es „Blat“. Es gab sogar einen speziellen Namen „Tolkatsch“, deutsch vielleicht : Schieber, für den Menschen, der „Blat“ benutzte , um die Fabrik zum arbeiten zu bringen. Heute hat sich ein Großteil des „Blat“ in Geldaustausch verwandelt; an die Stelle von „Blat“ ist Bestechung getreten, also wenn man jemanden illegal Geld gibt. Aber expolare Wirtschaft wurde nicht durch die russische Krise geschaffen und wird nicht verschwinden, wenn sie zuende ist.“

… will stop.“

Erzähler:

Expolare Wirtschaft, so Prof. Schanin ist eine symbiotische Wirtschaft. Sie verbindet Kapitalismus und Sozialismus, Staatswirtschaft und nicht-staatliche Formen der Wirtschaft, Groß-Betriebe und Familienwirtschaft, bäuerliches und industrielles Arbeiten miteinander. Vor allem aber ist sie kein theoretisches Modell, sondern Ausdruck gewachsener Kultur, Geschichte, Mentalität und besonderer Gemeinschaftsstrukturen der Völker und Länder:

O-Ton 10: Schanin, Forts. 1,39

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Übersetzer:

„It´s a relationship…

„Es ist die Beziehung, die durch Werte definiert ist, durch Konzeptionen von Ästhetik, von Eigentum usw. – was eben Kultur ist. In diesem Sinne wird die Übertragung und die Funktionalisierung dieser Formen durch kulturelle Muster verstärkt. Das ist der Grund, warum verschiedene extrapolare Wirtschaftsweisen verschieden ablaufen. Ich meine, selbst wenn ähnliche Probleme existieren und wenn vergleichbare Anstrengungen unternommen werden, nimmt die expolare Wirtschaftsweise in verschiedenen Ländern verschiedene Form an. In einer Gesellschaft, die streng familistisch ist, in der die Familie also einen extrem hohen Wert besitzt, läuft sie auf die eine Weise, in Gesellschaften die sehr viel individualistischer sind, wird sie anders ablaufen. In Russland gibt es Gruppen, ethnische Gruppen, nicht Russen, die nach familistischen Prinzipien organisiert sind und wenn jemand dazukommt, der nicht da hineinpasst, also kein Verwandter ist, dann wird er zum Verwandten gemacht. Entweder man heiratet ihn oder er wird zum Verwandten definiert: `Er ist wie ein Neffe für mich´, sagen die Leute. `Er ist wie ein Bruder für mich.´ Was tun sie? Sie nehmen ihr kulturelles Modell und packen die Dinge dort hinein. Diese Struktur der Definitionen hilft den Menschen, eine informelle Wirtschaftsweise zu betreiben.

…to do informal economy.“

Erzähler:

Eine allgemeine Renaissance der „Obschtschina“, der traditionellen russischen Dorfgemeinschaft, wie sie von vielen russischen Patrioten erwartet wird, hält Prof. Schanin allerdings für illusorisch. Als Lebenszusammenhang, der staatliche Verwaltungseinheit und dörfliche Hilfsgemeinschaft zugleich war, habe sie die Interessen von oben mit denen von unten zum gegenseitigen Nutzen verbunden. Das sei der Entwicklung extrapolarer Wirtschaftsformen sehr förderlich gewesen. Die Zwangskollektivierung während der Sowjetzeit, neuerdings die Privatisierung habe dieses Gleichgewicht zerstört:

O-Ton 11: Schanin, Forts.                        1,10

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Übersetzer:

„To which extent the peasants…

„In welchem Maße bäuerliche Gemeinden zusammen leben, ist eine offene Frage. Es gibt keinen Zweifel, dass das in einigen Gebieten so ist. Meine eigenen Studien in Kuban, also Süd-Westrussland zeigen, dass die Kommunen in den kosakischen Regionen dort sehr stark sind und starken Einfluss auf ihre Mitglieder nehmen und sie arbeiten in der Form der lokalen Kolchosen, also kollektiven  Bauernwirtschaften. Es nennt sich nicht Kolchose, es nennt sich ein Aktiengesellschaft-Dorf, das ist die Form, die es gegenwärtig annimmt, aber es ist exakt dasselbe: Gesellschaft mit beschränkter Haftung oder Genossenschaft, das macht keinen Unterschied, es läuft. Das entwickelt sich teils wegen der Krise so, teils wegen der demografischen Situation, dass nur noch alte Leute im Dorf sind. Als Einheit der gegenseitigen Hilfe ist die Obschtschina jedoch gestorben.“

…unites people operating together.“

Erzähler:

Wichtiger für die Herausbildung extrapolarer Wirtschaftsweisen als die traditionellen Gemeinschaftstrukturen ist nach Teodor Schanins Ansicht der Globalisierungsprozess, der heute auch Russland erfasst hat. Er lasse nicht nur in Russland, sondern überall auf der Welt Elemente der extrapolaren Wirtschaft entstehen:

O-Ton 12: Schanin, Forts. 1,19

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Übersetzer:

„Well, there is no doubt…

„Es gibt keinen Zweifel daran, dass es ein Wachstum globaler Verbindungen gibt. Es gibt auch, aus meiner Sicht, keine Zweifel daran, dass dieser Prozess Nachteile für mehr als die Hälfte der Menschheit bringt. Informelle Wirtschaften sind kein Produkt der Krise, aber die Krise entwickelt sie. Ich glaube, dass Globalisierung und globale Wirtschaft weitere Krisen hervorruft, weil sie Polarisierungen einführen. Die Globalisierung führt dazu, dass es immer mehr Orte, Räume, Lebenszusammenhänge gibt, die ohne Geld auskommen müssen. Es entstehen Inseln der Globalisierung und die Zahl dieser Inseln nimmt zu und wird weiter zunehmen. Der einzige Weg, um das Anwachsen dieser Inseln zu verringern, die ausgeschlossen sind vom allgemeinen Wohlstand,  besteht darin, die Globalisierung zu stoppen.“

…stop globalisation.“

Erzähler:

Dies sei möglich, setzt er hinzu, weil die Globalisierung an ihren eigenen inneren Widersprüchen in die Krise komme.

Untermauerung seiner Ansichten wachsen dem Professor aus der von ihm geleiteten „Hochschule für Wirtschaft und Soziales“ zu. Sie schickt ihre Absolventen zu  Feldforschungen für längere Zeit direkt in die Untersuchungsgebiete, Sowchosen, Kolchosen – kollektiven Landwirtschaftsbetrieben – Fabriken, Städten, Regionen.

Da ist zum Beispiel der junge Alexander Nikulin, der soeben von halbjährigen Studien aus dem Süden Russlands zurückkehrt. Er berichtet über Experimente im Gouvernement Saratow, wo die Administration versucht hat, die Privatisierung im Agrarbereich durch große Auktionen voranzutreiben, in denen der Bevölkerung Land zum Kauf angeboten wurde – es kaufte niemand. Der Masse der Landbevölkerung fehlt sowohl das nötige Geld als auch die Motivation. Private Bauern sind unter den heutigen Bedingungen Russlands nur in Ausnahmen existenzfähig. Was dagegen um sich greift, sind Formen der Integration von Familien- und Großwirtschaft. Anders als sein abgeklärter Lehrer, der sich mit Prognosen zurückhält, wagt der junge Nikulin daher eine Perspektive zu formulieren:

O-Ton 13: Alexander Nikulin                  1,26

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Übersetzer:

„Mnje predstawlajetsja…

„Ich stelle mir vor, dass für Russland heute das Modell Tschejanows aktuell ist. Tschejanow ist der große Agrarsoziologe des zwanzigsten Jahrhunderts, der eine Theorie der wirtschaftlichen Kooperativen ausgearbeitet hat. Das ist die Theorie der Kombination des, sagen wir, Individuellen mit dem Kollektiven, wenn einzelne Persönlichkeiten in bestimmte kollektive Prozesse eingebunden sind. Das ist nicht einfach die wundersame Obschtschina. Der Idee der Obschtschina, wie sie von vielen russischen Nationalisten ausgemalt wird, stehe ich skeptisch gegenüber. Aber was ich doch in der Wirklichkeit sehe, ist eine äußerst effektive und äußerst produktive Kombination zwischen Persönlich

-Familärem und Großbetrieblich-Kollektivem. Das ist tatsächlich so. Und entsprechend den geografischen oder ökomischen Entwicklungsbedingungen kann es sehr viele solche Kombinationen geben. Die entstehen gegenwärtig spontan in Russland und sie arbeiten. Die Aufgabe der Wissenschaftler, die Aufgabe der Politiker besteht darin, sie zu studieren, über sie nachzudenken und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich wirklich vernünftig zu entwickeln. Das

erscheint mir als ein sehr perspektivreicher Weg.“

..otschen perspektivno putj.“

Erzähler:

Wohin sich das Blatt tatsächlich wendet, ist offen. Regierung und Internationaler Währungsfond, an dem auch unter Wladimir Putins Führung die russische Politik ausgerichtet wird, sind an den Erkenntnissen über den expolaren Charakter der russischen Wirtschaft, so Teodor Schanin, nicht interessiert; sie orientieren auf kurzfristige Gewinne. Was die Menschen betrifft, die tatsächlich unter der Krise leiden, so sind sie damit beschäftigt, ihr Überleben zu organisieren. Die Wirklichkeit, scheint es, muss ihre eigene Überzeugungskraft entfalten. Da bleibt nur die Hoffnung, dass die Wirklichkeit letztlich stärker ist als alle Modelle.