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Russlands multizentrale Strategie

Besetzung:

Sprecher, Übersetzer, Übersetzerin

Aussprache: Alle russischen Namen und Begriffe sind in phonetischer Umschreibung wiedergeben.

Anmerkung zu den O-Tönen:
Die Länge der O-Töne ist exakt angegeben. Zähleinheit ist 4,5 sec. pro Zeile plus 4,5 Sec. für die Auf- und 4,5 Sec. für die Ausblendung. Die Töne sind so geschnitten, dass Anfang und  – wenn am Schluss aufgeblendet werden soll, dann auch – das Ende in der Regel für jeweils mindestens 4,5 Sec. den (fett) angegebenen Textanfängen oder Textenden entsprechen. Evtl. Schnittstellen ( in denen Übersetzung und Ton nicht mehr wortidentisch sind) liegen in der Mitte der Töne. Abweichungen von diesem Schema sind besonders angegeben.

Gesamtzeichen:
Gesamtlänge der O-Töne:

Kürzungsmöglichkeiten (der Priorität nach)

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Freundliche Grüße
Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de

Russlands multizentrale Strategie

O-Ton 1: TV-Nachrichtensendung        2,27
Regie: O-Ton kurz stehen lassen,  unter dem Einführungstext vom ersten Satz an allmählich kommen lassen, danach (bei 0,50, Tusch) vorübergehend hochziehen, mit Sprecherin abblenden, unterlegen, am Ende hochziehen, abblenden

Die Welt befindet sich in einer Übergangssituation. Die bipolare Ordnung, die das letzte Jahrhundert bestimmte, gehört der Vergangenheit an. Die Auflösung der Sowjetunion hinterließ ein geschwächtes Russland, eine orientierungslose GUS, dafür eine gestärkte USA, ein wachsendes Europa und die Osterweiterung der NATO. Neue Mächte melden sich zu Wort: Indien, Pakistan, Iran, Südostasien, Südafrika, Südamerika, China. Eine neue Ordnung entsteht. Wie wird sie aussehen? Unipolar unter Führung einer Weltmacht, multipolar, erneut bipolar? Welche Rolle wird das von Wladimir Putin geführte Russland darin einnehmen?

Regie: bei Tusch hochziehen, mit Sprecherin abblenden, unterlegen

Erzähler:
Tagesnachrichten im NTW, dem unabhängigen russischen Fernsehen: Irans Präsident Muhammad Chatami in Moskau. Demonstrativ setzt der neue Mann im Kreml außenpolitische Zeichen. Vereinbarungen über Lieferung russischer Raketen für den Iran, Unterstützung des iranischen Atomprogramms durch Russland, weitere Lieferverträge über konventionelle Waffen Russlands an den Iran sind nur die auffälligsten Vereinbarungen, die getroffen werden. Langfristig geht es um mehr: Es geht darum, so ist selbst den Kommentaren dieser eher westlich orientierten Fernsehstation zu entnehmen, die  westlichen Stereotypen vom Schurkenstaat Iran zu durchbrechen, der von den USA beanspruchten Vorherrschaft in Mittel- und Südasien etwas entgegenzusetzen. Es sei Zeit, darin stimmen alle Kommentare überein, das amerikanische Embargo gegen den Iran zu durchbrechen und Russlands Flanke nach Mittelasien wieder zu öffnen, nachdem entsprechende Schritte gegenüber China und Korea bereits erfolgt seien. Ölgeschäft, Gleichberechtigung auf dem internationalen Rüstungsmarkt, Stärkung der strategischen Situation Russlands und des Iran zum gegenseitigen Nutzen, Stabilisierung des kaspischen Raumes. Das sind die Vokabeln, die in dieser Sendung fallen. Tenor: Wir sind immer noch eine Großmacht; und wenn Großmacht sich heute wirtschaftlich definiert, gibt es keinen Grund, warum wir uns an dem Geschäft nicht beteiligen sollten.
… targowle.“ Tusch

Erzähler:
Mit der Intensivierung der Beziehungen zum Iran, Amerikas Intimfeind Nummer eins, mit Kontaktaufnahme zu Korea, mit Intensivierung der Beziehungen zu Peking antwortet Wladimir Putin demonstrativ auf die Pläne für den Aufbau eines Nationalen Raketen-Abwehrschirms, die von dem neuen US-Präsidenten George Busch zur Zeit  forciert werden. Dem Werben Wladimir Putins nach Osten entsprechen gleichzeitige Vorschläge von ihm an die Europäische Union, sich mit Russland gemeinsam um den Aufbau eines Abwehrschirms zu bemühen. Die Zielrichtung dieser Politik ist klar: Russland versucht, das internationale Bündnissystem in Bewegung zu bringen, das entgegen den Hoffnungen, die sich Michail Gorbatschow Ende der 80er bei seinem Zugeständnis zur deutsch-deutschen Einigung machte, ganz auf die Vorherrschaft der USA und der NATO eingeschwenkt ist. Westliche Strategen sind beunruhigt. Westliche Militärs beobachten argwöhnisch Putins neuen Kurs Wladimir Putins in der russischen Sicherheitspolitik. Besondere Beunruhigung löste die Verabschiedung eines neuen Sicherheits- und eines neuen Militärkonzeptes kurz nach dem Amtsantritt Wladimir Putins aus. In umfänglichen Untersuchungen, Tagungen und Schulungen versucht man sich Klarheit zu verschaffen, was der Kurs Russlands für die europäische, für die westliche Sicherheit zu bedeuten hat.
In einer dieser Untersuchungen, einer Schrift des deutschen „Forschungsinstituts für internationale Politik und Sicherheit“ mit dem Titel: „Russische Sicherheits- und Verteidigungspolitik unter Putin“, werden das alte und das neue außenpolitische Konzepte unter dem Gesichtspunkt der multinationalen Orientierung verglichen. Der Autor ist Hannes Adomeit. Mit Sympathie charakterisiert er das aus Michail Gorbatschows „Neuem Denken“ entstandene Konzept der russischen Außenpolitik, das während der Jahre der Präsidentschaft Boris Jelzins galt:

Zitator:
„Das alte Konzept enthielt  Formulierungen, die schon damals dem `patriotischen Konsens´ entgegenstanden und die insbesondere von einem großen Teil der Militärführung abgelehnt wurden. Die Entstehung einer multipolaren Welt wurde als dominante Entwicklungsrichtung in den internationalen Beziehungen bezeichnet. Militärische Macht in der Weltpolitik spiele zwar weiterhin eine wichtige Rolle, politische, wirtschaftliche , wissenschaftliche- technologische, ökologische und informationstechnische Faktoren gewönnen aber zunehmend an Bedeutung. Die Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands hätten derzeit keinen militärischen Charakter, sie seien vielmehr hauptsächlich innerer Natur und gründeten auf wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und kulturellen Problemen. Sogar die nukleare Abschreckungsfähigkeit Russlands wurde in diesen Zusammenhang gestellt.“

Erzähler:
Die Herausbildung einer multipolaren Ordnung, in der Russland neben den USA, China, Europa und anderen Ländern der ehemaligen Kolonialgebiete eine unter mehreren Großmächten ist, die gleichberechtigt miteinander Frieden und Sicherheit in einer sich ökologisierenden Welt garantiert – das ist der Kern dieser Vorstellung. Derartige, „für das außenpolitische Establishment Moskaus ungewohnt vernünftige und klare Formulierungen“, so der Autor des Berichtes weiter, seien im neuen Sicherheitskonzept nicht mehr enthalten. Seit dem NATO-Einsatz in Kosovo betone Russland zwar weiterhin seine multipolare Orientierung, sehe diese aber durch militärische Machtpolitik, vor allem seitens der USA, gefährdet. Die neue Konzept setze andere Schwerpunkte:

Zitator:
„Im ersten Kapitel `Russland in der Weltgemeinschaft´ heißt es nun, , die Bedeutung  militärischer Faktoren in der internationalen Politik sei grundlegender Natur. Ein Kampf zweier sich gegenseitig ausschließender Tendenzen zeichne sich ab: Dem Trend zur Mulitipolarität auf der einen Seite stehe das Streben gegenüber, `eine Struktur der internationalen Beziehungen zu schaffen, die auf der Dominanz der entwickelten westlichen Länder unter Führung der USA beruht.´ Dieses Dominanzstreben ziele auf die `einseitige Lösung von Schlüsselproblemen vor allem mit militärischer Gewalt und unter Umgehung grundlegender Normen des Völkerrechts“.

Erzähler:
Aus Sicht der westlichen Strategen ist dies ein Rückfall in die Logik des Kalten Krieges, die Schlimmes erwarten lasse. Allerdings, so dieselben Quellen, dürfe man sich in der russischen Politik nicht an Wortlaute von Konzepten oder Programmen klammern. Allein zum neuen Sicherheitskonzept habe es fünfzehn (15!) Entwürfe verschiedener Institutionen gegeben, die alle in Details voneinander abwichen und sich für den Außenstehenden letztlich zu einem undurchsichtigen Knäuel verstrickten. Mehr noch, schließlich widerspreche die neue Militärdoktrin sogar noch der letzten Variante des Sicherheitskonzeptes. Zwar skizziere auch die Militärdoktrin in ihrem Entwurf erneut Unipolarität und Multipolarität als die beiden heute herrschenden Trends der Weltpolitik. Zwar stelle sie fest, dass Unipolarität sich auf die Dominanz einer Supermacht, nämlich der USA, gründe und auf die Lösung von Schlüsselfragen der Weltpolitik durch militärische Gewalt, während Multipolarität auf gleichen Rechten der Völker  und Nationen beruhe, auf Achtung  eines Gleichgewichtes der Nationalinteressen  von Staaten und der Anwendung grundlegender Normen des Völkerrechtes. Es werde auch festgestellt, dass Russland nur letztere Tendenz als legitim betrachte. „In der Endfassung aber“, so die westlichen Strategen verblüfft, also in der verabschiedeten Form der Militärdoktrin, „ wurde die negative Wertung der Vereinigten Staaten ersatzlos gestrichen.“ Was praktisch gelte, sei unklar. Russland Orientierung, heißt das, bleibt für den Westen offen.
In der Sprache der Militärs klingt das so:

Zitator:
„In der Außen- und Sicherheitspolitik Putins ist im Vergleich zu Jelzin – zumindest in den letzten Jahren seiner Amstzeit – ein größerer Pragmatismus und größere Flexibilität im Verhältnis zum Westen zu bemerken. Das kann für den Westen sowohl vorteilhaft als auch nachteilig sein. Pragmatismus erfordert, sich mit dem Westen zu arrangieren, das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und der NATO zu normalisieren. Diesen Erfordernissen zu genügen ist bereits Teil von Putins Agenda.  Infolgedessen gibt es wieder verbesserte Chancen einer Zusammenarbeit zwischen dem Westen und Russland. In der Rüstungskontrollpolitik und bei der Friedenssicherung in Europa. Hier liegen die Vorteile für den Westen. Die Nachteile liegen darin, dass Putin die im Moskauer sicherheits- und außenpolitischen Establishment gängigen Vorstellungen und die unter Jelzin für den Westen entwickelte Sicht der `nationalen Interessen Russlands teilt, diese Interessen aber geschickter und wirksamer vertritt.“

Athmo-1: Musik, Moderatorin, Glas naroda        1,55
Regie: O-Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden unterlegen, (bei 0,49, Moderatorin mit Stichwort „Glebowski) vorübergehend hochziehen, unterlegen, am Schluss hochziehen, mit Beifall verblenden

Erzähler:
Verwirrt sind auch die innenpolitischen Beobachter, verwirrt ist die Bevölkerung. Hat Wladimir Putins Politik nun zu einer besseren Wahrnehmung der nationalen Interessen, zu einer Stabilisierung der nationalen Konsenses in Russland geführt oder nicht? Öffnet er Russland weiter zum Westen oder nicht? Macht er die Menschenrechte zum Maßstab seines Handelns oder nicht?
Zu dieser Frage sind die widersprüchlichsten Positionen zu hören. So kürzlich in der Sendung „Das Auge des Volkes“, der populärsten politischen Fernseh-Talkshow Russlands. Unter der Frage, „Wohin treiben wir?“ diskutieren politische Experten untereinander und mit dem Publikum:

Regie: bei 0,49 zum Stichwort “Gleboswski“vorübergehend hochziehen, unterlegen, hochziehen, verblenden

Einer der Experten ist Gleb Pawlowski, Leiter eines „Fonds für effektive Politik“, der auf undurchsichtige Weise als eine Art überparteiliche graue Eminenz des Kremls tätig ist; sein Kontrahent ist Sergej Darienko, der sich während der zurückliegenden letzten Wahlkämpfe einen Namen als Schmutzschleuder der Nation gemacht hat. Anfangs agitierte er zugunsten der von Wladimir Putin inspirierten Partei „Einheit“, nach deren Wahlsieg zugunsten Wladimir Putins selbst. Jetzt haben sich  die  Fronten verkehrt: Der überparteiliche Gleb Pawlowski ergreift Partei für den Präsidenten: Der habe Russlands Nationalgefühl stabilisiert, meint er. Wladimir Putins ehemaliger Fürsprecher sieht seinen vormaligen Liebling inzwischen als Wegbereiter einer auf Russland zukommenden Katastrophe einer nationalsozialistischen Diktatur:

O-Ton 2: Gleb Pawlowski                  0,53
Regie: O-Ton kurz frei stehen lassen, abblende, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, abblenden, dem Übersetzer unterlegen, danach hochziehen

Erzähler:
„Ja dumajau schto…
Gefragt, welche Auswirkungen Wladimir Putins Linie auf die Außenpolitik habe, speziell auf Russlands Beziehung zu Europa, witzelt Fond-Chef Pawlowski zunächst provokant: Das sei deren Problem. Auch für Amerika gelte das, setzt er hinzu.
Dann kommt er zur Sache:

Regie: Nach Abklingen des Beifalls und ersten Worten vorübergehend hochziehen. Nach den Stichworten „Ja swjo wremeni…“ abblenden, unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer obvervoice:
„Ja swjo wremeni…“
„Ich höre von Politikern immer Klagen, Klagen. Aber es passiert doch etwas Phantastisches: Ein nationales Russland ist widererstanden! Unsere Politiker hängen immer noch der Sowjetunion nach, aber Russland ist aus der Sowjetunion doch schon seit zehn  Jahren herausgewachsen! Die Union hat sich damals mit Amerika herumgeschlagen; da gab es Probleme, aber jetzt!? Jetzt gibt es Russland! Jetzt müssen wir aufbauen – auf unserem eigenen freien Boden ein freies Land. Wie kann es sein, europäisch?
… moschet bit, ewropeski?.“

Erzähler:
Unbeantwortet lässt er die Frage im Raum stehen. Sergej Darienko greift sie auf, entwirft aber ein vollkommen anderes Bild:

O-Ton 3: Sergej Darienko, Journalist              1,54
Regie: O-Ton kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer overvoice:
„Ja dumau schto…
„Ich denke selbstverständlich, dass wir erstens Russland verloren haben – die Hälfte, ja, mehr als die Hälfte hinsichtlich der Quantität,  die Hälfte der Bevölkerung. Die Sowjetunion hatte immerhin vierundzwanzig Millionen Quadratkilometer, jetzt sind es siebzehn Millionen. In Bezug auf die Qualität haben wir noch entschieden mehr als nur die Hälfte verloren. Das ist für mich ganz offensichtlich. Und wenn wir Russland weiter so heruntermachen, dann schrumpfen wir auf eine Handvoll Leute, auf das Maß einer Schildkröte. Es ist ganz offensichtlich, dass wir uns heute nicht in Richtung Europa bewegen. Ich denke, wir sollten das tun, aber dafür müsste die Macht politische Parteien unterstützen, statt sie zu vernichten, auch wenn das dem politischen Rating schadet, dafür sollte sie die Öffentlichkeit unterstützen und nicht vernichten, sollte ein solches unbequemes Instrument wie die Presse ertragen, und nicht vernichten, dann können wir vielleicht in fünfundzwanzig Jahren in die europäische Gesellschaft gehen. Aber heute, heute sitzen wir da und fragen uns: Was tun wir während dieser fünfundzwanzig Jahre? Statt uns auf Europa hin zu bewegen haben wir jetzt eine absolute Zustimmung für einen Führer Putin, das Volk verlangt nach einem Führer und die ganze Entwicklung geht in Richtung eines Nationalsozialismus, meine Herrschaften! Putin selbst kann kein solcher Führer werden, aber die Kräfte, auf, die er sich jetzt stützt, die er heranzieht, die Welle, die da entsteht, die wird ihn beiseitespülen.“
…smojet Putin, ponimaetje?.“

Erzähler:
So extrem wie die Vorgaben der Exponenten, so uneinheitlich sind die Positionen des Publikums: Gehen wir den europäischen Weg? Gehen wir den asiatischen? Gehen wir einen eigenen russischen Weg zwischen den beiden Polen? Ein klares Meinungsbild kommt nicht zustande. Schließlich formuliert ein Teilnehmer den kleinsten gemeinsamen Nenner in unnachahmlich russischer Weise:

O-Ton 4: Publikum                     0,47
Regie: O-Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer overvoice:
„Ossobene demokratie tolka…
„So etwas wie Demokratie gibt es nur in einer Hinsicht bei uns: Wir haben einzig die Chance, die Hoffnung, in drei Jahren, in sieben, in elf Jahren etwas zu ändern. Heute gibt es nichts! Heut gibt es nur Putin – und der weiß nicht wohin. Deshalb sammeln sich um ihn herum Abenteurer, die ihm die phantastischsten, unsinnigsten Ideen vorschlagen, dümmliche Politiker. Ja, dümmliche Politiker schaffen heute bedauerlicherweise eine extrem unstabile Situation, extrem gefährlich. Aber um zu verhindern, dass das Schlimmste geschieht,  muss man ein System zur Stützung Putins aufbauen.“
…sderschit Putinu.“

Erzähler:
Mit Wodka die Trunksucht bekämpfen, hieße das. Nicht ausgeschlossen, dass dieses alte russische Rezept tatsächlich anschlagen könnte. Aber was hieße, Putin zu stützen? Das ist die viel entscheidendere Frage. Wladimir Putin selbst verkündete bei seinem Antritt in einer Erklärung, die er über Internet verbreiten ließ,  Patriotismus und Privatisierung verbinden zu wollen. Nach Jahren des mechanischen Nachahmens fremder Modelle müsse Russland nun seinen eigenen Weg gehen. Worin aber, außer dem Aufbau eines starken Staates, dieser eigene Weg bestehen soll, wurde auch aus diesem Credo nicht klar. Seitdem wechselt antiwestliche Rhetorik mit prowestlicher; imperiale Gesten, die an das Gebaren der alten Supermacht erinnern, folgen auf Bekenntnisse zu multipolaren Optionen, der demonstrativen Installierung des Starken Staates als Mittel der nationalen Politik folgen eher zurückhaltende Aktivitäten. Außer Pragmatismus lässt sich darin keine Linie erkennen.
Wer verstehen will, ist auf Vergleiche mit Vorgängern Wladimir Putins angewiesen. Solche Vergleiche finden sich in der Aufarbeitung der Geschichte der Perestroika. Interessante Hinweise gibt die US-amerikanische Osteuropa-Expertin Angela Stent, die sich, obwohl im politischen Planungsstab des US-Außenministeriums tätig, um eine objektive Analyse bemüht. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Rivalen der Geschichte“, in dem sie die russische und die deutsche Situation nach der Wende vergleicht, schreibt sie:

Zitatorin:
„1996 gründete Boris  Jelzin eine Kommission , die Vorschläge erarbeiten sollte, worin die neue Nationalidee Russlands besteht. Dies mag jemanden, der aus einem Land mit einer wohlfundierten Außenpolitik kommt, vielleicht merkwürdig erscheinen, aber es spiegelte die gegenwärtige Realität. Russland besaß keine nationale Idee. Nach dem Zerfall der Sowjetunion steckte es in einer tiefen Krise, als es entscheiden musste, wie seine Außenpolitik künftig aussehen sollte. Einerseits wurde es der internationale Erbfolger der Sowjetunion, Erbe des ständigen Sitzes der UdSSR im UN-Sicherheitsrat, des größten Teils ihrer Streitkräfte, ihrer außenpolitischen Institutionen – und ihrer Schulden. Andererseits unterschieden sich Rußlands Positionen und Interessen sehr von denen der Sowjetunion, und seine außenpolitischen Ziele machten einen grundlegenden Wandel durch. Das neue Russland hatte auf Ideologie und Mission der UdSSR verzichtet und besaß nicht mehr deren globales Potential.“

Erzähler:
Die größte Herausforderung, so Frau Stent weiter, besteht für Russland  darin, eine neue Identität als nicht imperiale, große Regionalmacht finden zu müssen, deren Interessen nicht durch ideologische Faktoren bestimmt sind. Darin ist ihr zuzustimmen: In ihrem Bemühen, mit dieser Realität fertig zu werden, wandten sich Russlands Eliten zunächst ihrer Geschichte zu, doch weder das Zarenreich noch die Rückwendung zur Sowjetunion lieferten den Boden für nicht-imperiale Impulse einer nationalen Erneuerung.
Ein „Element historischer Kontinuität“ aber fand auch Frau Stent im Richtungsstreit um Russlands Orientierung zwischen Asien und Europa. Im 19. Jahrhundert waren es die Slawophilen und Westler, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Euroasiatiker und Bolschewiki. Nach der Wende aktualisieren sich solche Positionen in dem Gegensatz von „Atlantizisten“ und „Eurasiern“, also in den vornehmlich an den  USA orientierten Liberalen und den anti-amerikanischen ausgerichteten Konservativen.
In diesem Richtungsstreit findet Frau Stent Erklärungen für die russische Außenpolitik. Sie schreibt:

Zitatorin:
„Russlands erster Außenminister, Andrej Kosyrew, ein ehemaliger sowjetischer Diplomat, verkörperte diese russische Zwiespältigkeit. Als er im Dezember 1995 zurücktrat, wurde er sowohl von den Westlern als auch von den Eurasiern kritisiert. Von 1992 bis 1995 vertrat er eine `atlantizistische´, prowestliche Orientierung. Zum ersten mal seit Jahrhunderten trat Russland nicht mehr für ein alternatives internationales System ein, sondern hatte die westlich dominierte Ordnung mit ihren Spielregeln akzeptiert. Doch dann pochte Kosysrew immer nachdrücklicher auf Russlands Recht auf eine Einflusssphäre in den ehemaligen Sowjetrepubliken.“

Erzähler:
Andrej Kosyrew wurde  im Januar  1996 durch Jewgeni Primakow abgelöst, einen altgedienten Diplomaten sowjetischer Schule. Jewgeni Primakow repräsentierte einen veränderten Konsens der russischen Politik, eine Synthese aus „atlantizistischen“ und eurasischen Positionen, die Russlands Beziehung zum Westen neu zu bestimmen suchte, indem es Russland erneut als Brücke zwischen Asien und Europa definierte. Das Eingreifen der NATO im Kosovo, insbesondere ihre Selbstmandatierung durch Umgehung Russlands und Chinas in der UNO, aktualisierte diese Positionen zu dem erklärt anti-amerikanischen Kurs, wie er sich auch in den Entwürfen der neuen Sicherheitskonzepte und der Militärdoktirn niederschlug.
Jefgeni Primakow nahm im Dezember 1999  – damals noch Gegenkandidat zu Wladimir Putin für die bevorstehende Präsidentenwahl – selbst eine Wahlveranstaltung in Moskau zum Anlaß, um kritische Fragen westlicher Journalisten nach dem tschetschenischen Krieg mit Kritik am Westen, speziell den USA, zu kontern:

O-Ton 5: Jewgeni Primakow als Wahlkämpfer                    0,51
Regie: O-Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer overvoice:
„Meschte stjem…
“Bei der Gelegenheit möchte ich noch sagen: Ich war kürzlich in Deutschland, auch in Litauen. Ich kenne daher die Stimmung zu dieser Frage direkt, habe außerdem sehr viel über die Reaktionen des Westens auf die Ereignisse in Tschetschenien gelesen, speziell auch die der amerikanischen Sender hier studiert. Ich muss sagen: Ich habe den Eindruck, dass der Westen in dieser Angelegenheit auf Revanche für die Ereignisse im Kosovo setzt und uns deshalb tödlicher Vergehen beschuldigt. So geht es aber nicht! Es muss ein gleiches Herangehen geben, kein Messen mit zwei unterschiedlichen Standards bei Ereignissen auf der internationalen Arena.“
…meschdunarodnii areni.“

Erzähler:
„Revanche“ – mit diesem Vorwurf erschien ein seit Michail Gorbatschow nicht mehr gebrauchter Terminus wieder im politischen Vokabular russischer Politiker, allerdings in neuer Bedeutung: Russland sieht sich als Sachwalter der neu entstehenden multipolaren Weltordnung, deren Entstehung vom Anspruch der USA auf alleinige Weltherrschaft gefährdet wird. Im  Lager des gemäßigten Patriotismus, der sog. zentristischen Kräfte, wird diese Position zu der Zeit sehr vorsichtig, aber unüberhörbar formuliert.
Ein Vertreter dieser Kreise ist Pjotr Fjedossow, politischer Berater beim Vorsitzenden des Konfödereationsrates der russischen Föderation. Er meint:

O-Ton 6: Pjotr Fjedossow, Berater im Föderationssowjet      0,55
Regie: O-Ton frei stehen lassen

Pjotr Fjedossow, deutsch, original:
„Ich halte diese Huntingtonische Idee von mono-multipolaren Welt für sehr interessant, wo er sagt: Es gibt nur eine Supermacht und mehrere Großmächte, die Supermacht ist auf diese Großmächte angewiesen, die Großmächte sind in der Endkonsequenz daran interessiert, die Supermacht nicht alleine schalten und walten zu lassen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man das anerkannt hat. Während die Supermacht, sagt er, daran interessiert ist, in jeder Region die jeweilige hegemoniale Macht unter Druck zu setzen, durch die Unterstützung der inneren zentrifugalen Prozesse, und durch die Unterstützung des jeweiligen Konkurrenten. Japan gegen China, Argentinien gegen Brasilien, Großbritannien gegen das deutsch-französische Tandem, Ukraine gegen Russland etc.“
…Russland  etc.“

Erzähler:
Die Supermacht, die alles bestimmen will, die aber von Pjotr Fjedossow nicht beim Namen genannt wird, sind selbstverständlich die USA. Nicht so zurückhaltend wird derselbe Sachverhalt zur gleichen Zeit im radikal-patriotischen Lager beschrieben, das sich mit dem Wechsel des politischen Konsenses aus der politischen Randlage ins Zentrum der Politik vorrücken sieht.
Einer von ihnen ist Alexander Prochanow, Herausgeber der größten und einflussreichsten national-patriotischen Wochenzeitung „Sawtra“, morgen. Prochanow war 1993 einer der führenden Köpfe der nationalen Front, welche die Auflösung der Duma durch Boris Jelzin mit Waffengewalt zu verhindern suchte; bei den Duma- und Präsidentenwahln 1999/2000 war er Bündnispartner der Kommunistischen Partei. Er erklärte nach Wladimir Putins Sieg:

O-Ton 7: Alexander Prochanow                    1,40
Regie: O-Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer overvoice:
„Putin jawlajetsja…
„Putin ist die Reaktion auf den Jelzinismus. Jelzinismus, das war blinde Nachahmung des Westens. Wenn Putin diesen Weg weitergeht, dann bleibt von Russland nur noch Staub. Vielleicht erweist Putin sich als Agent des Westens. Das schließe ich nicht aus. Dann bleibt nichts von Russland. Wenn Putin aber Selbstachtung hat,  wenn er Egoist ist, jung, ein richtiger Politiker, wenn er ein richtiger Russe ist, dann versucht er auf diesen Ruinen der russischen Gesellschaft ein neues Gebäude aufzubauen und dann wird er nicht in den Spuren des Westens gehen. Dann wird er bei den internationalen Beziehungen zwischen multipolaren Potentialen der Welt balancieren und sie stärken: Südliches Korea, chinesische, indische Entwicklung, naher Osten, islamische Welt, ja! Nach Europa wird Putin sich im besonderen wenden, namentlich um Deutschland wird er sich kümmern, weil Deutschland die Alternative zu Amerika ist. Sie ist gewissermaßen noch maskiert, existiert aber. Deshalb denke ich, Putin wird ein wendigerer Mensch sein als Jelzin und seine Umgebung, sein Kommando, die FSBler, die KGBler, also die Geheimdienste, sind fähig, das Land wieder auf den Boden nationaler Interessen zu stellen.“
…interessach wstranje.“

Erzähler:
Das genaue Gegenteil erwarteten die bei den letzten Wahlen unterlegenen Liberalen. Alexander Melnikow etwa, Assistent des Vorsitzenden der mit knapp 6% eben noch in die Duma gerutschten Partei „Jabloko“, erklärt kurz nach der Wahl Wladimir Putins:

O-Ton 9: Alexander Melnikow                    1,03
Regie: O-Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer, overvoice:
„Ja dumaju schto…
„Ich denke, dass die Politik Russlands unter Herrn Putin in bezug auf den Westen schroffer wird. Aber ich halte Schroffheit nicht für ein Synonym von Vernünftigkeit. Ich halte Herrn Putin nicht für einen erfahrenen Politiker und deshalb ist es sehr gut möglich, dass er eine Reihe von Fehlern machen wird in den Beziehungen Russlands zum Westen. Ich denke, es gibt Hinweise für einen Isolationskurs. Die Stimmung dafür ist generell in der Gesellschaft vorhanden; sie wächst bedauerlicherweise nicht allein und nicht vor allem durch Aktivitäten unserer Leute, etwa Herrn Putins, sondern wesentlich auch durch die Fehler, die von Seiten des Westens gegenüber Russland  gemacht werden, oder auch von der Europäischen Union. Ich denke, einer der schärfsten Fehler ist der Krieg im Kosovo.“
…woina NATO w Kosovo.“

Erzähler:
Inzwischen haben sich die Fronten zwischen der NATO und Russland wieder etwas entspannt. Keine der genannten Erwartungen ist eingetreten: Wladimir Putin hat sich nicht als Agent des Westens enttarnt, aber ebenso wenig als Antiwestler. Auch Erwartungen, der neue Präsident werde die Länder der GUS mit neo-imperialen Ambitionen bedrängen, sind bisher nicht eingetreten. Wladimir Putin hat lediglich die ohnehin schon laufenden Annäherungen zwischen Russland und Weißrussland intensiviert. Auch die Beziehungen Russlands zu China, in den Monaten des Kosovokrieges und in den ersten Monaten der Präsidentschaft Wladimir Putins als strategisches Bündnis gegen die Vorherrschaft der USA in den Vordergrund gerückt waren, sind wieder aus den Schlagzeilen der Tagespresse verschwunden. In Kreisen derer, die sich in Russland berufsmäßig mit diesen Fragen beschäftigen, gibt man sich realistisch. Gefragt, ob er einen Sinn in der multizentralen Option der russischen Politik sehe, insbesondere auch der strategischen Partnerschaft zwischen China und Russland und ihr eine Chance gebe, antwortet Alexej Maslow, Professor für chinesische Geschichte und Politik an der Universität für Völkerfreundschaft in Moskau und zugleich Berater der Regierung in Fragen der China-Politik:

O-Ton 9: Alexej Maslow, Chinaspezialist                1,48
Regie: O-Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden unterlegen, am Ende hochziehen

Übersetzer, overvoice
„Eta dwa waprossow…
„Das sind zwei Fragen: eine Chance zu haben oder einen Sinn zu haben. Hat sie einen Sinn? Ja, in einer polyzentristischen Welt liegt ein Sinn. Die Chance ist dagegen nach meiner Ansicht nicht sehr hoch. Was ist eine polyzentristische Welt? Sie gründet sich auf zwei Postulate: Das erste Postulat lautet: Alle Länder achten ihre gegenseitige Identität und richten ihre Anstrengungen nicht darauf, diese Identität zu zerstören. Das zweite Postulat ist: Die alle Länder in einer gerechten Welt gleichermaßen über wirtschaftliche, politische und militärische Ressourcen verfügen, die ihnen ihre Identität garantiert. Wenn diese Punkte erfüllt sind – dann ja. Das würde einen Sinn im Rahmen der UNO machen, wenn wir uns gegenseitig als gleichberechtigt achten. Aber die Erfahrung zeigt, dass heute jedes Land, welches über entscheidende größere Macht verfügt, andere bedrängt. Das war so mit der Sowjetunion in Afghanistan, das sind die Operationen der USA heute praktisch überall in der Welt. In der wirklichen Welt haben die schönen Worte von der Gleichberechtigung der Schwachen und der Starken keine Gültigkeit. Von daher kann man sehen: Heute gibt es gleichberechtigte Potentiale zwischen großen Imperien, USA, China, Russland, die fast gleich sind. Auch wenn Russland sich in einer Dauerkrise befindet, verfügtes doch über Atomwaffen und riesige Ressourcen. Das macht eine Entwicklung möglich.“
150 …Raswiwatsja.“

Erzähler:
Atomwaffen und riesige Ressourcen als letzte Reserve, um für ein Gleichgewicht zwischen den großen Imperien Russlands, Chinas und der USA zu sorgen? Neue Konfliktlinien, statt demokratischer Formen der Kooperation in der UNO und anderen globalen Gremien?  Bleibt also nichts von dem „Neuen Denken“, mit dem Michail Gorbatschow die bipolare Welt Mitte des letzten Jahrhunderts in Bewegung brachte? Es scheint so! Aber so paradox es klingt: Eben darin liegt vermutlich der Keim für die weitere Entwicklung einer multipolaren Ordnung. Wenn nämlich die bipolare Welt in eine Ordnung übergeht, in der sich eine Mehrzahl großer Mächten einander im Gleichgewicht halten, dann ist das der Ansatz dafür, dass eine multipolare Ordnung nicht nur in Worten beschworen wird, sondern sich in der Realität praktisch entwickelt.