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„Priemstwo“ – Russlands Annäherung an sich selbst

Besetzung:

Erzähler, Übersetzer

Aussprache: Alle russischen Namen und Begriffe sind in phonetischer Umschreibung mit Betonungsangabe wiedergeben.

Anmerkung zu den O-Tönen:

Die Länge der O-Töne ist exakt angegeben. Zähleinheit ist 4,5 sec. pro Zeile plus 4,5 Sec. für die Auf- und 4,5 Sec. für die Ausblendung. Die Töne sind so geschnitten, dass Anfang und  – wenn am Schluss aufgeblendet werden soll, dann auch – das Ende in der Regel für jeweils mindestens 4,5 Sec. den (fett) angegebenen Textanfängen oder Textenden entsprechen. Evtl. Schnittstellen (in denen Übersetzung und Ton nicht mehr wortidentisch sind) liegen in der Mitte der Töne. Abweichungen von diesem Schema sind besonders angegeben.

4 Athmos (Musik)  und 10 O-Töne – in zwei Einheiten nach einander (A und B zum Verblenden) auf dem Band.

Zur Musik:

Ich stelle mir vor, daß Sie die Musik-Athmo so einspielen, daß der Refrain (der ein Beitrag zum Inhalt des Stückes ist) jeweils in der Aufblendung steht, d.h. am Anfang müssten Sie schauen, wie viel Vorlauf sie nehmen wollen, damit der Ton beimrefrain aufgeblendet werden kann.

Bitte die Schlüsse der O-Töne weich abblenden

Freundliche Grüße

Kai Ehlers

www.kai-ehlers.de

Länge: 27.131  Zeichen

„Priemstwo“ –

Russlands Annäherung sich selbst

Athmo 1: Lied von Juri Ljosa: Lang ist der Weg                 2.08.02

Erzähler:

Von schönen Träumen der Kindheit, mit denen er davonschwimmen kann, singt Juri Ljosa. ,

Regie: Zwischendurch hochziehen zum Refrain, dann allmählich abblenden, unterlegen, hochziehen

Erzähler:

„Nu, i pust, budit ni lochki…

„Wenn auch mein Weg nicht leicht sein wird“, heißt es in dem Refrain, „treibt doch mein Floß weiter dahin. Und das ist auch nicht so schlecht.“ Das Lied trifft die russische Befindlichkeit von heute:  Die Krise ist schwer zu ertragen, aber die Träume von einem besseren Russland leben doch fort. Wer auf langen Strecken fährt, hat diese Kassette ganz sicher im Sortiment.

Regie: Vorübergehend hochziehen, allmählich abblenden

Erzähler:

Einer der aktivsten Träumer dieser Art ist Igor Tschubajs, Professor für Philosophie Russlands an Moskaus Universität für Völkerfreundschaft. Er arbeitet dort seit Jahren an der Wiederbegegnung Russlands mit sich selbst. Igor Tschubajs ist zugleich ein Beispiel für Russlands Zerrissenheit. Sein Bruder ist jener berüchtigte Anatoly Tschubajs, der als verantwortlicher Minister für Privatisierung zu einer der meist gehassten Figuren der neuen russischen Führung wurde. Er gilt als prinzipienloser Kopist des Westens, der auch sich selbst reichlich bedient hat.

Im ständigen Clinch mit seinem Bruder engagiert Igor Tschubajs sich seit Anfang der 90er für eine Erneuerung des russischen Selbstverständnisses zwischen Modernisierung und Tradition. Er sucht diesen Weg in der Akzeptanz der eigenen, russischen Geschichte. „Russland auf dem Weg zu sich selbst“, heißt eines seiner letzten Bücher. Es erschien 1998. „Priemstwo“, zu deutsch Akzeptanz oder auch Kontinuität, lautet sein Stichwort. Im Sommer 2000 erschien ein Sammelband unter diesem Titel, in dem die Ergebnisse einer internationalen Konferenz zu dieser Frage dokumentiert werden. Eine Bewegung bilde sich unter dieser Fragestellung heraus, erklärt Igor Tschubajs. Sie bekomme für Russland eine ähnliche Bedeutung wie seinerzeit die Frankfurter Schule für Deutschland oder die Wiener Schule für Österreich. In ihr wachse so etwas heran wie eine neue Philosophie Russlands.

Gefragt, was das sei, eine Philosophie Russlands, antwortet er:

O-Ton 1: Igor Tschubajs                                                      1.38.46

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Philosophia Rossii…

„Die Philosophie Russlands, um es ganz knapp zu sagen, ist die Analyse der Schlüsselwerte, die es bei uns gab. Generell ist Russland in vielem spezifisch. In gewisser Hinsicht erinnert es an Frankreich: In Frankreich fand 1789 die bürgerliche Revolution statt: Das Frankreich von 1789 und jenes nach 1789, das sind verschiedene Staaten. Die absolute Mehrheit aller Länder hat eine ungebrochene Geschichte, eine Kontinuität; in Frankreich ist die Geschichte zerrissen, in Russland auch, allerdings nicht räumlich wie in Deutschland während der Teilung, sondern der Zeit nach. Russland wurde der Zeit nach zerrissen: Russland vor 1917 – das ist ein Staat; ein vollkommen anderer ist Russland nach 1917; 1991 brach dann die Sowjetunion, brach das sowjetische System der Werte zusammen, die kommunistische Idee und seit zehn Jahren formen wir nun schon so eine Art neuen Staates, ohne zu wissen, was für ein Staat das ist. Die Philosophie Russlands ist die Analyse der Werte, die es im historischen Russland gab, dem Russland des Oktober. Damals nannte sich das die „Russische Idee“.  Es ist die Analyse der Werte, die es in der Sowjetunion gab: Was ist die kommunistische Idee, die kommunistische Ideologie und warum kam anstelle der russischen Idee die kommunistische? Das ist ja nicht zufällig. Das muss man verstehen. Indem man versteht, was die Russische Idee ist, indem man versteht, worin ihre Krise bestand, indem man versteht, warum an ihrer Stelle die kommunistische Idee kam und die kommunistische Ideologie, kann man aus dieser Entwicklung erkennen, was eine neue russische Idee sein kann.“

… russkaja idea.“

Erzähler:

Es war Dostojewski, der den Begriff der „Russischen Idee“ prägte, erklärt Igor Tschubajs. Danach schrieben alle bedeutenderen russischen Philosophen über die Russische Idee, Solowjow, Berdjajew usw., aber keiner bestimmte genau, was das sei. Ihre Methode, so Igor Tschubajs, war die der philosophischen Spekulation. Er versuche jetzt systematisch an das Problem heranzukommen, indem er Forschung auf vier Gebieten betreibe: Studium der russischen Geschichte, Analyse russischer Sprichworte, Analyse russischer Gedichte des 19. Jahrhunderts und schließlich Aufarbeitung der russischen Philosophen, die über die Russische Idee geschrieben hätten. So komme er zu drei Grundwerten, die für die russische Identität bestimmend seien:

O-Ton 2: Igor Tschubajs                                                     0.60.16

Regie: O-Ton (die deutschen Worte) kurz frei stehen lassen, nach Übergang zu Übersetzung abblenden, Sprecher setzt ein, O-Ton unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

Originalton Deutsch, dann weiter Russisch…

„Das ist die Verbreitung, die Ausweitung des Staates, die imperiale Politik, die im 14. Jahrhundert unter Iwan Kalita begann. Vom Moskauer Fürstentum, wo wir uns jetzt befinden, begann die Herrschaft zu expandieren. Diese Expansion kam bis nach Alaska, bis nach Finnland, bis nach Mittelasien, das heißt, die Russen brachten das größte Imperium in der Welt zusammen. Man kann sagen: Das war ein großer Erfolg; viele Völker haben das angestrebt, aber nicht allen gelang die Gründung eines solch großer Herrschaftsbereichs. Das ist das Erste. Das Zweite ist: Ein wichtiger Grundbestandteil der russischen Idee ist die russische Rechtgläubigkeit, die prawoslawische Kultur, die russische orthodoxe Kirche.

Der dritte Grundwert ist der Kollektivismus der Obschtschina, das sind die die auf die alte russische Bauerngemeinschaft zurückgehenden Gemeinschaftstraditionen. „Alle Russen des vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts“, so Igor Tschubajs, „lebten in Obschtschinas, Gemeinschaften, und waren Kollektivisten. Das also ist die `Russische Idee´: Das Sammeln russischer Erde, die Orthodoxie und der Kollektivismus der Obschtschina.“

i obschini Kollektivism.“

Erzähler:

Zar, Kirche und Dorfgemeinschaft des alten Russland bildeten eine Einheit, wie sie effektiver nicht sein konnte. In Zar und Kirche verband sich das schier grenzenlose Land mit seinen zahllosen Völkern zu einer zentral geführten Einheit; die selbst verwalteten, aber dem Gutsherrn, dem Landesfürsten, letztlich dem Moskauer Hof verantwortlichen Dorfkollektive sorgten für die Umsetzung des einheitlichen Willens im täglichen Leben. Die Kirche gab ihren Segen dazu, indem sie die gemeineigentümliche Ordnung der Obschtschina zu der von Gott gewollten Form des Lebens erklärte. Den Bauern gab die Obschtschina Schutz, dem Moskauer Hof die Möglichkeit, den Willen des Verwaltung bis in die letzten Winkel des wachsenden Imperiums zu tragen, ohne sich mit den einzelnen „Seelen“, wie der Zar seine Untertanen nannte, befassen zu müssen. Diese Grundlagen, die das Leben des ganzen Landes bestimmten, so Igor Tschubajs, kamen am Ende des neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in die Krise. Es war eine Zeit der stürmischen Entwicklung auch für Russland:

O-Ton 3: Igor Tschubajs                                                      1.20.21

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Nietzsche i Dostojewski…

„Nietzsche und Dostojewski beschäftigten sich zur gleichen Zeit mit der Krise des Christentums, Nietzsche bei Ihnen im Westen, Dostojewski hier bei uns in Russland.  Nietzsche formulierte: An stelle des alten, kommt ein neuer Über-Mensch, freie Moral anstelle der alten Moral. Die imperiale Politik hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts vollkommen erschöpft. Weiter zu expandieren war nicht möglich. Die orthodoxe Kirche schwankte und der Kollektivismus der Obschtschina begann zu zerfallen. Die Stolypinsche Reform am Anfang des 19. Jahrhunderts orientierte auf private Hofwirtschaft. Kollektivismus gab es in Russland, weil die natürlichen Bedingungen so waren, dass alle einander helfen mussten, um zu überleben und alle Einkünfte wurden gleich gemacht. Am Anfang des Jahrhunderts tauchte neue Technik auf, neues Saatgut, neue Anbaumethoden, so dass das gemeineigentümliche Gleich-Machen schon nicht mehr interessant war. So zerfiel die Einheit von Kollektivismus, Imperium und Kirche. Das Land brauchte dringend eine Reformation – was aber kam, war die Revolution. Darin liegt die russische Tragödie, darin liegt das russische Elend.“

… w etom russiskaja beda.“

Erzähler:

Nicht nur Russland kam in die Krise. Ganz Europa, so  Igor Tschubajs, durchlebte gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine Ideen- eine Identitätskrise – die Krise des Christentums. Zweitausend Jahre, so der Professor, war das Christentum das Fundament der Welt, war Gott war das Maß der Dinge – nun gab es ihn nicht mehr, jedenfalls nicht mehr verbindlich. Das hatte Folgen – für Russland allerdings andere als für den Westen:

O-Ton 4: Igor Tschubajs                                                      60,01

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

Jesli ransche swjo…

Wenn man früher alles durch Gott entschied, nun aber kein Gott mehr da war, so brauchte man jetzt einen neuen starken Regulator: So entstanden die totalitären Regimes – in Italien Mussolini, Hitler in Deutschland, Franko in Spanien, Lenin in Russland. Das sind alles Zeugen eines Prozesses. Europa verlor seine Identität, verlor seine Regeln. Einer der Aspekte des zweiten Weltkrieges war, dass zwei Mutanten zusammenstießen, Stalin und Hitler. Stalin siegte – aber die Erfolge des Sieges genießt der Westen, wo das abartige  Regime  vernichtet wurde. Europa erhielt Demokratie; im Westen brach das ganze unnormale System zusammen, bei uns aber ging das noch fünfzig Jahre lang weiter. Solange wir diese Identitätskrise nicht überwinden, neue Werte finden, die alten, ursprünglichen wider errichten oder reformieren werden wir unsere Probleme nicht lösen.“

…swoi problemi.“

Erzähler:

Vier Wechsel der Werte habe es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, erklärt Igor Tschubajs: Vom christlichen Kontinuum zum Totalitarismus, vom Totalitarismus zur Demokratie, von der Demokratie zum Globalismus. Obwohl selbst Aktivist der demokratischen Bewegung, die den ungeduldigen Boris Jelzin als Vollstrecker einer radikalen Liberalisierung auf den Thron hob, hat Igor Tschubajs mit der dritten Stufe, dem Übergang zur Freiheit, wie er es nennt, die größten Probleme. Sie gehe heute, meint er, ins Extrem der haltlosen Beliebigkeit, in Russland bis an die Grenze der Selbstvernichtung. Auf die Frage, mit welchen zeitgemäßen Inhalten die drei Grundsäulen der russischen Idee unter solchen Umständen modernisiert werden könnten, antwortet er:

O-Ton 5: Igor Tschubajs                                                      1.15.00             

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, verblenden

Übersetzer:

„A kakoi atwjet…

„Also, welche Antwort? Ich denke `Priemstwo´ ist eine Antwort. Mag sein, dass es Menschen gibt, die etwas prinzipiell Neues ausdenken, ich glaube, dass die religiöse Idee eine Modernisierung braucht; die kann in den Formen der der zeitgenössischen Kultur beschrieben werden. Wenn wir das nicht tun, dann werden wir sehr unruhige, nicht vorhersagbare Folgen zu tragen haben, denn dann werden wir überhaupt alles zugrunde richten: Kultur, Natur, uns. Nietzsches Meinung, dass aus dem alten Menschen der neue Übermensch ohne Gott hervorgeht, war, meine ich, ein großer Fehler. Dostojewski hat das in Russland alles sehr stark gefühlt. Einer seiner Helden, aus den `Brüdern Karamasow´, sagt: `Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt´. Das ist dieser Satz, der heute vielfach wiederholt wird. Nur würde ich es heute anders sagen: `Wenn es keinen Gott gibt und alles erlaubt ist, dann wird es keinen Menschen mehr geben!´ Wir glauben, wir hätten Gott beiseite geworfen – wir haben uns selbst beiseite geworfen, wir vernichten uns selbst.“

…Sebja unitschtaschajem.“

Athmo 2 – Musik                                                                  1.00.10

Regie: Musik verblenden, hochziehen, kurz stehen lassen, allmählich unter dem Erzähler ausblenden

Erzähler:

Eine Erneuerung der angeschlagenen russischen Identität ist notwendig – darin sind sich alle einig. Aber wie? Im Wahljahr 1996, nach dem ersten tschetschenischen Krieg, der Russland in eine tiefe Identitätskrise stürzte, rief Boris Jelzin zu einem öffentlichen Wettbewerb für die Entwicklung einer neuen nationalen Idee auf. Der Erfolg war mäßig. Das Projekt blieb stecken. Statt einer nationalen Idee kam der zweite Krieg in Tschetschenien unter Wladimir Putin.  Kein Wunder, kommentiert Igor Tschubajs, eine neue russische Identität lasse sich nicht von oben dekretieren, sie müsse an der Logik der russischen Geschichte in breiter Debatte auf der Basis der Vorarbeit von Spezialisten aller Gebiete herausgearbeitet werden:

Den aktuellen Stand des Problems skizziert er so:

O-Ton 6: Igor Tschubajs                                                      2.15.00             

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Besoslowna sewodnja…

„Es ist klar, dass Russland diese Werte heute nicht hat, dass es keine eigene Idee hat. Nach der Auflösung der Sowjetunion, nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Idee, haben das natürlich alle begrüßt. Ich selbst war lange Mitglied in der Demokratischen Bewegung, habe mit der Partei gekämpft usw. Das Problem ist ja aber nicht, dass die alten Regeln zerstört wurden, sondern dass es keine neuen gibt und dass die Demokratie keine Demokratie ist: Demokratie – das sind normale Regeln, moralisch, historisch erprobt. All das gibt es bei uns nicht; wir haben keinerlei Regeln. Und in dieser Situation hat Russland vier Varianten, seine Identität wiederherzustellen, vier verschiedene Wege. Erstens: Dieses neue Russland kann einfach eine Neuausgabe der Sowjetunion werden. Zweitens: Das neue Russland kann seine ganze Geschichte beiseite werfen und den Westen kopieren. Das ist die `Union rechter Kräfte´ meines Bruders Anatoly. Aber ich glaube ihnen kein Wort: Sie sagen das eine, denken das zweite und tun das dritte. Nur formal kann man den Westen kopieren. Das ist pervers, lächerlich. Wir haben eine Geschichte von zwölf Jahrhunderten, das ist einer der ältesten Staaten der Welt.  Wie kann der einfach seine Geschichte wegwerfen.

Der dritte Weg ist eine Sammlung aus allem: ein bisschen Wiedererrichtung der UdSSR – gerade eben hat man bei uns ein Denkmal für Andropow aufgestellt – ein bisschen Kopie des Westens – Wir haben jetzt einen „Meir“, Bürgermeister, einen „Präsidenten“, ein „Weißes Haus“ – und schliesslich ein bisschen vom alten Russland. Aber so kann man sich nicht bewegen; das ist alles sinnlos. Das einzige, was aus meiner Sicht, akzeptabel ist – die vierte Variante – das ist der Weg der Kontinuität, von „Priemstwo“, der Weg der Akzeptanz, der Wiedervereinigung mit der eigenen Geschichte.“

…. putj samawossedejeninije.“

Erzähler:

Wiedervereinigung mit der eigenen Geschichte, das heißt für Igor Tschubajs: Reformen müssen an gewachsenen Strukturen anknüpfen, die Modernisierung des nachsowjetischen Russland muss sich mit den Fähigkeiten von gestern verbinden. Neue Impulse sind nur möglich durch Aufarbeitung des Alten. Eine vollkommene Wiederherstellung der alten Werte, so Igor Tschubajs, sei selbstverständlich nicht möglich, natürlichmüsse Erneuerung stattfinden, Weiterentwicklung. Für die drei Säulen der russischen Idee sieht er das so:

O-Ton 7: Igor Tschubajs                                                      1.50.00             

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Wot, saberannije semel…

„Also, das Sammeln der Erde: Die Expansion hat sich erschöpft, daher ist die Logik der Geschichte, dass die quantitative Entwicklung in eine qualitative übergehen muss. Das muss geschehen: Wenn das quantitative Wachstum sich erschöpft hat, dann muss das qualitative Wachstum beginnen. Jedes Kind beginnt als Kleinkind, wächst dann zwanzig Jahre und danach wächst es nicht mehr physisch, sondern intellektuell. Russland hat nun einen Punkt erreicht, an dem es sich physisch nicht weiter ausdehnen kann. Deshalb geht es nicht um neue Landnahme, nicht um neue Waffen, sondern darum, von quantitativem Wachstum zum qualitativen zu kommen. Wir müssen nicht die Armee verbreitern, nicht die Flotte weiter ausbauen. Natürlich braucht man eine Armee. Ich glaube nicht, dass die Armee überflüssig ist, aber ihr Platz ist begrenzt. Gebraucht wird dagegen Kommunikation; Straßen, Verbindungen, Wissenschaft, neue Technologien, Kultur, Kunst, Bildung, Medizin, das sind die wichtigsten Dinge. Man muss das Haus weiter ausbauen. Im größten Haus der Welt hat man nur die Wände aufgestellt, nun muss es auch von innen eingerichtet werden. Man muss vom Rohbau zum Ausbau voranschreiten. Nicht nötig in Tschetschenien Krieg zu führen, nicht nötig, Afghanistan zu besetzen, nicht nötig, unsere Divisionen in Tadschikistan zu stationieren, nicht nötig weiter zu expandieren, sondern sich mit allen zu befreunden. Nötig mit allen zu sprechen, damit der Frieden auf dem eigenen Territorium garantiert wird, innerhalb der eigenen Grenzen, und das eigene Land auszubauen.“

…swoju stranu.“

Erzähler:

Auch  die alte Einheit von Kirche, Staat und Gemeinschaft ist nicht wieder herstellbar, zumal das orthodoxe Christentum heute mehr noch als vor 1917 nur eine unter mehreren Religionen ist, die um die russischen Menschen werben. Islam, Buddhismus und in großen Teilen des Landes naturreligiöse Vorstellungen nicht-slawischer Völker sind ebenso Teil der russischen Identität. Auch die sowjetische Moral der nicht-kirchlichen, sozialistischen Ethik ist nach siebzig Jahren tief in der Bevölkerung verankert. Für die Wiederbegegnung mit der Religiosität bedeutet das:

O-Ton 8: Igor Tschubajs                                                      2.10.01             

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Wtaraja sostablajeschi…

„Zum zweiten Grundwert, der Orthodoxie: Wie soll es mit der Orthodoxie laufen? Natürlich ist die Frage der Religion eine sehr persönliche Frage. Unmöglich zu sagen, ihr müsst alle prawoslawisch, also orthodox christlich werden. Das geht nicht. Aber was ist die Orthodoxie, wenn wir sie nicht aus der Sicht der Religion, des Glaubens, des Atheismus betrachten, sondern aus dem der Kultur, der Kultorologie? – Die Orthodoxie ist ein System der Werte! Für den Buddhisten ist das Wichtigste die Einheit mit der Natur, die Erkenntnis seiner selbst als Teil der Welt. Für den Protestanten ist das Wichtigste die Aktivität, die Tätigkeit, die Arbeit, die Mühe, die Arbeitsmoral usw. Für den orthodoxen Christen ist das Wichtigste die Moral, das Wichtigste ist das sittliche Verhalten. Es heißt, in Russland habe es keine entwickelten Gesetze gegeben – hat es sehr wohl. Die Sowjetunion war ein nicht rechtsstaatlicher Staat; im historischen Russland dagegen gab es Rechte, gab es Gesetze. Die Rechte spielten bei uns allerdings niemals die Rolle, die sie zum Beispiel in Deutschland heute spielen oder in Amerika. Nicht deswegen, weil wir nicht entwickelt waren, sondern deshalb weil bei uns sehr viele Fragen über die Sittlichkeit gelöst wurden: Die Leute sprachen einfach miteinander, trafen Abmachungen und fertig. Wenn wir also wollen, dass Verbindungen zu unseren eigenen Traditionen wieder hergestellt werden, der eigenen Kultur, dann ist der Punkt nicht, dass alle gläubig sein müssen, der Punkt ist, dass das Wichtigste bei uns die höhere Geistigkeit ist, die Spiritualität, die Sittlichkeit: Geld ist sehr wichtig, aber es steht nicht an erster Stelle. Das Wichtigste ist, ein anständiger Mensch zu sein. Davon spricht die ganze russische Literatur, die ganze russische Folklore, die ganze russische Kultur. Wenn wir heute unsere Macht sehen, die korrumpiert ist, dann ist das nicht russisch, für Russland geht es nicht an, sich derartig aufzuführen. Das ist nicht akzeptabel für Russland.“

…nelsja sebja westi.“

Erzähler:

Für die dritte Säule, die Gemeinschaftstradition, russisch: Obschtschinost, lassen wir einen der vielen Intellektuellen sprechen, auf die Igor Tschubajs sich bezieht, wenn er von der entstehenden „Schule der Priemstwo“ spricht, die sich von unten entwickelt.

Boris Kagarlitzki – als scharfzüngiger radikaldemokratischer Analytiker der Perestroika-Generation einer romantischen Verklärung der alten Geschichte nicht verdächtig, erklärt zu Russlands Entwicklungschancen in der aktuellen Krise:

O-Ton 9: Boris Kagarlitzki, Analytiker                                   1.38.01

Regie: Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Sdjes mi widim…

„Hier sehen wir natürlich einige Elemente der Obschtschtina-Tradition, die – wie paradox auch immer – gerade heute in Russland anwächst. Sie wird transformiert. Die Obschtschina-Tradition fährt fort sich zu entwickeln, sie passt sich dem Markt an, sie bildet ihre eigenen, quasi-marktwirtschaftlichen Beziehungen heraus usw. Die Privatisierung hat die russische Wirtschaft in einen Zustand zwischen früherem Dirigismus und privatkapitalistischen Produktionsformen gebracht. Um sich zu entwickeln, brauchen wir neue Formen der Beteiligung und darin kann die russische Obschtschina Tradition ganz sicherlich eine positive Rolle spielen. Nicht im Sinne Szuganows, also Obschtschina als autoritäre Struktur, sondern anders. Die Obschtschina ist im Wesen ja doppelwertig; in ihr liegt ein autoritäres Potential und ein demokratisches. Das Paradoxon der russischen Obschtschina liegt eben in diesem Doppelcharakter und diese Doppelwertigkeit hängt vom sozialen Kontext ab, in dem die Obschtschina sich befindet. Warum war die Obschtschina früher autoritär? Weil sie in einem autoritären Staatsystem aufbaut worden war. Wenn wir diese Obschtschina in einem demokratischen Umfeld und unter anderen sozialen Prioritäten aufbauen, dann kann sie ihr demokratisches Potential entwickeln. Dafür muss man sich aber von den politischen Illusionen des Szuganowschen Typs lösen.“

..schuganowskawa Typa.“

Erzähler:

`Sich von den politischen Illusionen Szuganowschen Typs lösen´, das bedeutet, sich von den Illusionen eines volkstümelnden, hurra-patriotischen Kommunismus zu lösen. Nur dann, darin stimmt Boris Kagarlitzki mit Igor Tschubajs überein, können Tradition und Moderne sich miteinander zu neuen sozialen Impulsen verbinden.

Athmo 3: Verblenden, Musik kurz stehen lassen,                        1.12.10

unter Erzähler allmählich abblenden

Erzähler:

Hart grenzt Igor Tschubajs sich auch von Intellektuellen des rechten Lagers ab, die dasselbe Vokabular benutzen wie er, die wie er von Akzeptanz, Kontinuität und Aktualisierung traditioneller Werte sprechen, damit aber die Rückkehr zur Expansionspolitik des Imperiums verbinden. Einer dieser Leute ist Alexander Dugin, Gründer einer aus der Umgebung des Präsidenten Putin finanzierten euro-asiatischen Bewegung. Er möchte Russland als euroasiatische Führungsmacht in einem globalen Kampf gegen die USA etablieren. Dugin, zu Hochzeiten der Persteroika als nationalistischer Radikaler marginalisiert, war im Jahr 2001Initiator von Konferenzen zum Islam, zur Rolle der Kirche und weiterer Themen, die vom Präsidenten-Apparat, von der Duma und der Kirche unterstützt wurden; seine Schriften in Zeitschriften und Büchern über die notwendige globale Konfrontation zwischen Russland und den USA liegen unter den Kopfkissen der wichtigsten Führungsfiguren des staatlichen, insbesondere geheimdienstlichen und militärischen Apparates.

Zu Alexander Dugins Aktivitäten befragt, antwortet Igor Tschubajs:

O-Ton 9: Igor Tschubajs                                                      1.15.00             

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Ja dumaju…

„Ich  denke, dass die Idee der ´Priemstwo´, die Idee der Verbindung mit dem historischen Russland, eine Idee ist, die nicht ausgedacht, nicht künstlich ist; sie liegt in der Luft, sie kommt vielen in den Kopf, deshalb ist sie nicht nur mir in den Kopf gekommen, sondern auch Dugin, und einer Reihe weiterer Leute. Darin sehe ich etwas Positives; es zeigt: Wenn diese Idee etwas sehr Subjektives wäre, würde ich kaum jemand finden, der ihr zustimmte. Er ist dahin gekommen, ich bin dahin gekommen, andere sind dahin gekommen, das heißt, in dieser Vorstellung liegt etwas Rationales. Wenn aber Dugin und seine Parteigänger von „ Priemstwo“ sprechen, so wollen sie, so weit ich das verstehe, in vielem das alte Russland wieder herstellen, das damals existierte. Aber das zu bewirken ist nicht möglich und nicht nötig. Denn Russland war ein Imperium, Russland war mit Eroberungen befasst, Russland betrieb eine expansive Politik bei gleichzeitiger Vereinheitlichung, das ist heute absolut unnötig und unmöglich.“

…absolutna nje nuschna.“

Erzähler:

Und drastisch setzt Igor Tschubajs noch einmal nach:

O-Ton 10: Igor Tschubajs                                                    0.40.00

Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Übersetzer:

„Tak, wot, setschas…

„Also, sich jetzt mit der Expansion zu befassen, im 21. Jahrhundert! Das war im 19. Jahrhundert gut – im 21. Jahrhundert ist das sinnlos. Das ist, wie einen Zwanzigjährigen zu säugen. Das ist ein Irrenhaus. Das geht nicht. Das ist eine Krankheit. Wir leben in einer anderen Zeit, in einer anderen Situation, in einer anderen Kultur unter anderen Regeln; sich heute mit der Expansion zu befassen, ist eine Katastrophe.“

eta katastrofa.“

Erzähler:

Erfolge auf dem Wege der Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses für sein Land erwartet Igor Tschubajs nur, wenn alle Kräfte auf den inneren Ausbau konzentriert werden. Hoffnungen dafür gibt es. Im Sommer 2001 hat ihn das Ministerium für Bildung beauftragt, Lehrbücher für die Ausbildung an russischen Lehranstalten nach den von ihm entwickelten Vorstellungen zu erarbeiten. Entsprechende Kommissionen  für die Bereiche Geschichte, Sprache, Literatur und Philosophie sind bereits unter Leitung von Igor Tschubajs  tätig.

Athmo 4:  O.Ton allmählich kommen lassen,                      0.37.00

nach Erzähler hochziehen, ausblenden

Erzähler:

Was davon verwirklicht wird, hängt allerdings nicht alleine von Igor Tschubajs und dem Stab ab, den er um sich versammeln kann, sondern von den, wie Igor Tschubajs es ausdrückt, Unwägbarkeiten der  Macht und der allgegenwärtigen Bürokratie. Russland ist nämlich, das wird hier deutlich, nicht nur in vier nebeneinander liegende Zeitepochen gespalten, wie Igor Tschubajs es beschrieb, also alte,  das sowjetische, das demokratische und das aus allem zusammengemischte Russland. Neben der zeitlichen Spaltung des Landes existiert vielmehr noch eine weitere, die vielleicht noch tiefer geht: Es ist die zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Bürokratie und lebendigen Menschen. Diese Spaltung aufzuheben dürfte die größte Aufgabe sein, welche die „Schule der Priemstwo“ zu bewältigen hat, um Russland auf denem Weg zu sich selbst zu führen.

Regie: Musik hochziehen, ausklingen lassen