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Sieben Kandidaten, aber keine Wahl?

Laut Umfragen ist der Sieg Wladimir Putins gewiß; 70 – 80 % der Befragten sind bereit ihn zu wählen. Von den übrigen sechs Kandidaten rangieren die ersten mit 3.5 % der Stimmen für Sergei Glasjew, 1,4% für Nicolai Charitonnow, 1,1, % für Irina Chakamada. Die restlichen drei Kandidaten vereinigen gerade einmal 1 % der Rating-Stimmen auf sich: 0,4 % für Iwan Rybkin, 0,3 % für Sergei Mironow und ganz am Ende mit 2 % Oleg Malyschin, den Kandidaten Wladimir Schirinowskis.
Warum treten die sechs Kandidaten unter solchen Umständen überhaupt gegen Wladimir Putin an?
Sergei Glasjew gilt als echter Herausforderer. Er war schon in der Dumawahl der Überraschungssieger, dessen neugegründeter Wahlblock „Heimatland“ von Null auf  9.04 %  aufstieg. Auch wenn er jetzt nicht als Kandidat des Blocks aufgestellt wurde, sondern unabhängig kandidiert, prescht er weiter voran: „Das Land steht vor einer Wahl“ so Glasjew. Statt den Oligarchen weiterhin zu erlauben, die Ressourcen des Landes rücksichtslos auszuplündern, müsse dieses Geld für eine neue Konzeption des Staatshaushaltes und eine neue Wirtschaftspolitik eingesetzt werden: Steuern für Superprofite, Verantwortung der Regierung für den Lebensstandard im Lande. Glasjew kritisiert dabei gleichermaßen Regierung wie Kommunisten, die mit Putin paktiert haben. „Wie die Armut zu besiegen ist in einem reichen Land“, lautet eine seiner zugkräftigen Agitationsparolen. 1961 geboren, tritt Glasjew damit nicht als aktuelle Konkurrenz zu Putin an, rechnet sich aber Chancen aus, die Kräfte zu bündeln, die eine Alternative zu Putin wollen, bzw. über Putins kommende Amtszeit bis zur nächsten Wahl im Jahre 2008 vorausdenken.
Für die übrigen Kandidaten liegen die Dinge anders: Nicolai Charitonnow, Kandidat der Kommunisten, tritt einen Pflichtweg an, um für seine schwer  angeschlagene Partei Präsenz zu zeigen. Charitonnow hat nichts vorzuweisen, was sich irgendwie vorteilhaft von den Vorstellungen Glasjews abheben würde: In seinem Programm verspricht er, den Mindestlohn und „die Mindestrente zu erhöhen, die Rechte der Bürger auf Arbeit und Erholung wiederherzustellen, Massnahmen zur Sanierung der Umwelt zu ergreifen, die staatliche Einheit des Landes zu sichern, Kriminalität und Terrorismus zu unterbinden sowie die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu erhöhen und die Autorität der Familie wiederherzustellen.“ Die erforderlichen Mittel möchte er – anders als Glasjew – nicht aus der Besteuerung, sondern aus der Verstaatlichung der natürlichen Ressourcen gewinnen. Damit schrumpft sein Programm, vorgetragen zudem von einem Oberst des Inlandgeheimdienstes FSB und aktuellen Verehrer des stalinschen Geheimdienstchefs Dscherschinski, auf eine Überlebensgeste zur Rettung veränderungsunfähiger Traditionalisten und der Konservierung übriggebliebener alter Parteistrukturen.
Frau Chakamada ist Aushängeschild der Ultra-Liberalen und Oligarchen. Ihr Wahlkampf wird von einem Großaktionär des Yukos Konzerns finanziert. Sie macht Politik offenbar als Provokation: Sie eröffnete ihren Wahlkampf noch vor ihrer Nominierung mit frontalen Angriffen auf Präsident Putin, dem sie vorwarf, bei der Beendigung des Geiseldramas in einem Moskauer Theater im Herbst 2002 keine Rücksicht auf das Leben der Geiseln genommen zu haben. Vielmehr habe er ein gewaltsames Ende der Geiselnahme angeordnet, um sich als Law-and-Order-Präsident zu beweisen. Ebenso decke er die Verwicklungen des Geheimdienstes in den tschetschenischen Terrorismus. Auf ihrer Internetseite beklagt Frau Chakamada nach einem, wenn auch bisher ausgesetzten,  Haftbefehl gegen ihren Wahlkampfsponsor, den Yukos-Aktionär Lenid Newslin das „Anlaufen der Repressionsmaschine“. Offenbar solle sie eingeschüchtert werden. Eine politische Alternative hat Frau Chakamada jedoch nicht anzubieten. Eine neue Welle der Privatisierung, für die sie eintritt, wird von der Bevölkerung definitiv abgelehnt. Die „Union rechter Kräfte“, deren Mitglied Frau Chakamada ist, ist mit den Forderungen ihres Spitzenkandidaten Anatoly Tschubajs nach einer Privatisierung der kommunalen Strukturen bei der Wahl zur Staatsduma im Dezember sang und klanglos gescheitert. Da hilft es Frau Chakamada auch nichts, dass sie als unabhängige Kandidaten auftritt, die nicht von der Partei nominiert wurde. Ihre Angriffe gegen Präsident Putin, erwecken angesichts der Tatsache, dass ihre Partei in der Duma allen Kritiken zum Trotz letztlich Mehrheitsbeschaffer für den Päsidenten war, eher Irritation. Frau Chakamada kann den Verdacht nicht entkräften, nur verbal gegen Putin, praktisch aber mit ihm zu gehen.
Die restlichen drei Kandidaten leisten Schützenhilfe für einen Präsidenten und für ein Regierungssystem, dessen Stabilität dann gefährdet ist, wenn die Bevölkerung so sehr von der Übermacht des jetzigen Präsidenten überzeugt ist, dass sie zu 50% nicht zur Urne geht. Was den Dauer-Provokateur Schirinowski dazu bewogen hat, an Stelle seiner eigenen Person wie bei den vorherigen Präsidentenwahlen seinen ehemaligen Leibwächter  als Kandidat zu benennen, bleibt sein Geheimnis.