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Eine andere Sarrazin-Debatte

Drittes Treffen des “Forum integrierte Gesellschaft” – Unser Thema war: „Wie konnte sich eine europäische Hegemonie gegenüber dem hochstehenden muslimischen Kulturraum entwickeln, der die Zeit vom 7. bis 13. Jahrhundert bestimmt hat?  Und was bedeutet das für die heutige Auseinandersetzung mit dem Islam?“ Die Frage erwies sich als außerordentlich komplex – und konfrontierte uns mit einer Reihe von Lücken in unserem historischen Weltbild. Das betrifft zum einen die  i n n e r e n  Gründe für Wachstum und Zerfall des islamischen Kulturraumes, der für gut 600 Jahre den christlichen kulturell überstrahlte und als Imperium politisch überragte. War die Expansion wie auch der Keim des späteren Zerfalls im Wesen des Islam angelegt, der Religion und Politik missionarisch verknüpft, sich dabei in seinem zugleich praktizierten pragmatischen Pluralismus im Endeffekt aber überdehnt hat? Bemerkenswerter Weise hat die islamische Welt – außer dem Koran selbst – kein verbindliches, zentral kontrolliertes Dogma entwickelt, selbst nicht zu Hochzeiten des islamischen Kulturraumes unter Harun al Raschid. Und selbst der Koran existiert in mehreren parallelen Versionen. Als Kalif war Harun als Raschid zwar der Nachfolger Mohammeds – aber schon Mohammed war nicht Stifter eindeutiger Glaubenssätze, sondern politischer Führer einer nach und nach von ihm entwickelten islamischen Mission. Dieser Charakter des Islam wird deutlich im Unterschied zum  Christentum, dass von der Lehre her auf eine Trennung von Politik und Religion orientierte (ungeachtet späterer Verknüpfungen von Staat  und Kirche, die aber auch wieder überwunden wurden). Und kann man vor diesem Hintergrund sagen, dass die inneren Gründe für das zeitweise Zurückbleiben des christlichen Entwicklungsraumes darin zu finden sein könnten, dass das Christentum sich in seinen Ursprüngen nicht mit, sondern gegen Staat und Politik definierte, zunächst also keine politische Expansionskraft entfaltete – dies dann aber mit den Kreuzzügen (entgegen der urchristlichen Botschaft) in massiver Form tat?

Kurz, die Frage, wie sich das Verhältnisses von Religion und Staat, von Glaube und Welt auf die Entwicklung ausgewirkt hat, trat als eine Kernfrage aus unserem Gespräch hervor.

Zu den inneren traten aber auch noch eine Reihe ä u s s e r e r Faktoren, die genauerer Betrachtung bedürfen, so, wie uns scheint, als bisher kaum aufgearbeitetes Ereignis die Einwirkung der asiatischen Reitervölker auf den nachrömischen mittelmeerischen und späteren europäischen Raum. Das steigert sich mit den Mongolenstürmen des 13. Jahrhunderts, die den Niedergang des islamischen Imperiums beschleunigten, wenn nicht gar direkt verursachten – während Westeuropa trotz der vernichtenden Niederlage der vereinigten westlichen Ritterheere 1241 bei Liegnitz von einer Eroberung der siegreichen Mongolen verschont blieb. Und auch bei diesen äußeren Ereignissen spielt die Art der Beziehung von Politik und Religion eine entscheidende Rolle: mit der politischen Eroberung des islamischen Kulturraumes durch asiatische Reitervölker veränderte sich – verhärtete sich – auch der religiöse Gehalt des Islam. Mit der Nicht-Eroberung des westlichen Europa öffnete sich andererseits der Raum für eine tendenzielle (wenn auch in widersprüchlichen Sprüngen erfolgende) Trennung von Religion und Politik, Staat und Glaube; Ergebnis letztlich unsere säkularisierte Welt.

Soweit gekommen, liebe Freundinnen und Freunde, ereilte uns die Zeit und wir beschlossen, ungeachtet vieler noch anzuschauender offener Fragen, uns bei unserem nächsten Treffen mit jener Frage zu befassen, die als entscheidende hervorgetreten war, dem Verhältnis von Religion und Politik nämlich, und zwar allgemein, als prinzipielle Frage, wie  h e u t e  die Frage der Beziehung von Glaube und Welt zu beantworten ist.

Thema unseres nächsten Treffens lautet also:

In welcher Beziehung stehen für uns Glaube und Welt heute? Welche Rolle spielen dabei die Religionen – die monotheistischen wie auch andere?

Das Treffen findet am 2.10. 2010 wie üblich in der Jurte statt.

Wir sammeln uns ab 15.00 Uhr zu vorbereitendem Plausch und Schmaus.

Ab 17.00 Uhr schreiten wir zum thematischen Gespräch.

Zur Vorbereitung wiederhole ich die Leseempfehlung vom letzten Mal:

- das Referat „Islam – Signal für eine andere Welt?“ auf der Eingangsseite meiner Website sowie das kleine Büchlein „Islam und die moderne Welt“ (Verlag Pforte/Entwürfe) von Peter Norman Waage zu Hilfe zu nehmen.

- Im Anhang zur Einladung findet Ihr außerdem ein Interview mit einem muslimischen Geistlichen, das uns Uwe zum Thema reingereicht hat.

Und zu Guter letzt:

Kommt selbst; bringt Eure Freunde und Freundinnen mit, die den Begegnungsraum suchen und am Thema heiß ist. Wie oben gesagt: die andere Sarazin-Debatte!

Herzlich, Kai

Schlagwörter: Christentum, Dialog, Ethik, Integrationskonflikt, Islam, Mongolei, Religion