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Der Mensch in der globalen Perestroika

Auswertung des 13. Treffens vom 8.5.2011,      Einladung zum Treffen am  23.07.2011

Liebe Freundinnen, liebe Freunde des Forums integrierte Gesellschaft,

beginnen wir heute einmal vom Ende her: Als Ergebnis ihres Treffens haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der zurückliegenden Forums-Runde beschlossen, für das nächste Mal das Buch von Jochen Kirchhoff „Nietzsche, Hitler und die Deutschen – die Perversion des neuen Zeitalters“ zum Ausgangspunkt der kommenden Gesprächsrunde zu nehmen. Kirchhoff analysiert in seinem Buch die Sinnsuche am Anfang des letzten Jahrhunderts, die dem Schock des 1. Weltkriegs folgte, in dem der Mensch sich von der Maschine entwertet sah. Vor diesem Hintergrund skizziert er die heutige Krise und die heutige Sinnsuche als eine Art zweiten Anlauf auf neuem Niveau, ein dejá vue von historischen  Ausmaßen. Er stellt die Frage, ob wir dieses Mal die Antworten finden, die uns den notwendigen Sprung in die Zukunft ermöglichen, statt uns – wie beim ersten Anlauf im letzten Jahrhundert – in den Abgrund von Faschismus und Weltkrieg zu  stürzen. Das Buch ist antiquarisch für wenige Euro zu erwerben.

Die Tatsache, dass dieses Buch bereits 1990 erschien, macht es aber nicht inaktuell, sie unterstreicht vielmehr noch seine Aktualität: es erschien in der Zeit des offenen Umbruchs unserer Nachkriegsordnung, unserer Wertekoordinaten, deren Folgen bis heute andauern. Die Wellen der Veränderung, die von dieser Zeit ausgingen, breiten sich bis heute aus, nehmen immer neue Formen an und verstärken sich mit aktuellen Ereignissen zu neuer, sich beschleunigender Dynamik. Nehmen wir nur die letzten, in den Medien noch meldefähigen Ereignisse: Fukushima – Krise der technischen Moderne; die Arabische Rebellionen – Krise der nach-kolonialen Welt; die Bombardierung Libyens – NATO- und EU-Krise; die öffentliche Exekution Usama Bin Ladens – Offenbarung der ethischen Krise einer kapitalisierten Welt; die unaufhaltsamen Flüchtlingsströme – in deren Zug die „Überflüssigen“ der globalisierten Welt in die Zentren strömen. Jede Woche bringt neue Unruhe, mal als Plätschern, mal als Donnern. Viele Menschen wissen schon nicht mehr, wohin sie zuerst schauen sollen – oder ob sie lieber überhaupt nicht mehr hinschauen und hinhören wollen. Die Sehnsucht nach Auswegen aus der Krise wird immer stärker, die dazu vorgeschlagenen Wege ähneln immer mehr jenen, die auch vor hundert Jahren schon bedtreten wurden: Erneuerung der Gesellschaft, Erneuerung und Verbesserung des Menschen, Suche nach Gesundung in einer neuen Verbindung mit der Natur etc. etc. bis hin zu Heilserwartungen im Jahre 2012, die aus dem Maya-Kalender und ähnlichen Voraussagen abgeleitet werden – sofern aus ihnen nicht umgekehrt nur der endgültige „Crash“ herausgelesen wird.

In dieser Situation scheint es angemessen, den Blick auf die langen Wellen der Geschichte zu richten, die sich in den aktuellen Ereignissen zeigen, um wenigstens ansatzweise eine Orientierung zu behalten, klarer gesagt, wenigstens eine Ahnung zu gewinnen, was mit uns heute geschieht, ob wir mit oder ob wir gegen den Strom schwimmen wollen, was überhaupt „mit“, was „gegen“ bedeutet und was zu tun sein kann.

In diesem Bemühen haben wir beim letzten Treffen des Forums einen Gang durch die Ereignisse der letzten Zeit gemacht. Das soll hier nicht alles referiert werden. Wer dabei war, wird sich erinnern, wer nicht dabei war, wird herzlich eingeladen, sich beim nächsten Treffen einzuklinken. Nur soviel sei zur Orientierung für diejenigen zusammengefasst, die aus unterschiedlichen Gründen vor Ort nicht dabei sein können:  Wir sehen uns heute in einer Entwicklung, welche die von Europa ausgegangene Kolonisierung, durchaus auch auch Zivilisierung der Welt in einer den ganzen Planeten umfassenden Bewegung relativiert. Anders gesagt, Europa verliert seine Rolle als Mitte der Welt in zunehmendem Tempo, in die es Anfang des 13. Jahrhunderts gekommen war, nachdem die damalige Mitte, das muslimische Kalifat Bagdads zusammen mit dem bolgarischen Reich im heutigen Mittelrussland, durch die mongolische Invasion vernichtet worden war, das westliche Europa aber verschont blieb.  Nachdem die Vorherrschaft Europa selbst schon durch den ersten und dann durch den 2. Weltkrieg in Frage gestellt war, verliert auch der Begriff „Westen“ als Synonym für Fortschritt und Zivilisation nach europäischem Vorbild heute seinen Sinn. Diese Umwertung schließt die Krise des US-Imperiums ebenso ein wie vorher schon die der Sowjetunion. Heute bildet sich eine neue Gewichtung heraus.

Salopp formuliert: Perestroika hat globale Ausmaße erreicht. Die Umwandlungen betreffen die demographische Entwicklung ebenso wie die technische und politische. Das „Heer der Überflüssigen“, kann mit Zäunen, ja selbst mit militärischer Gewalt nicht abgewehrt werden, wie die Vorgänge in Nordafrika schon jetzt deutlich erkennen lassen. Letztlich handelt es sich um eine Krise der christlich-abendländischen, nach-kolonialen Werteordnung, die einen leeren Raum entstehen lässt, in den Neues – Migranten der südlichen, ehemals von Europa kolonisierten Welt und ihre Werte – einströmen. Die Aktualität des Islam mit seinem ganzheitlichen Angebot einer Einheit von Gott und Welt, ebenso wie die Ausbreitung des Buddhismus in seinen verschiedenen Formen im Westen, die hilflosen Militärmanöver der westlichen Bündnisse gegen die aufbrechenden Gesellschaften in Afrika und Asien sind Ausdruck dieser Entwicklung – die im Übrigen erst beginnt. Sie wird tiefgreifende Veränderungen der herrschenden Werteordnung nach sich ziehen – auch gegen den Widerstand des „Westens“. Besser wäre es, von Anfang an in den Dialog um die anstehenden Veränderungen miteinander zu gehen.

Die Frage lautet schlicht: Wie kann die neue Welt aussehen, so dass es keine „Überflüssigen“ mehr gibt? Womit und wie kann der Mensch sich gegen eine wuchernde Technik, die ihn zum Erfüllungsgehilfen oder gar Objekt technischer Abläufe degradiert, als Mensch behaupten – sich gar mit Hilfe der Technik als Mensch weiter entwickeln? Das sind Fragen, die heute den g a n z e n  Globus betreffen, jetzt 6.3 Mrd. Menschen, in einer Generation möglicherweise 9 oder 10 Mrd. und nicht mehr nur eine privilegierte westliche Minderheit. Vor diesem Hintergrund – damit sind wir wieder bei dem Buch von Kirchhoff – stellen sich die Fragen dringender als je zuvor: Gibt es Alternativen? Gibt es Erneuerung, gibt es Heilung und wie könnte sie aussehen, wenn sich nicht der Absturz des vorigen Jahrhunderts in rassistische und gewaltsame „Lösungen“ wiederholen soll?