Hinweis: Diese Seite ist auch auf russisch verfügbar. Klicken Sie hier, um zur russischen Seite zu gelangen.

Vom radikalen Ich zum Wir

Auswertung des 15. Treffens vom 26. 02.2012   Einladung zum Treffen am  17.03.2012

Liebe Freundinnen, liebe Freunde des Forums integrierte Gesellschaft,

tja, das war eine aufregende Tour „Vom radikalen Ich zum Wir“. – Um es gleich zu sagen: Wir haben das radikale Ich zwar umkreist, sind aber unvermeidlich beim „Du“ zwischen „Ich“ und „Wir als  nächstem Schritt angekommen, weil offenbar kein anderer Weg zum Wir führt, jedenfalls nicht zu einem freien, selbstbestimmten Wir.

Das wird also auch unser nächstes Thema sein, ganz schlicht: „Das Du zwischen Ich und wir“

Absehbar ist wohl auch schon, daß das Thema des darauf folgenden Treffens das „Wir“ sein wird, das dem selbstbestimmten Ich und ebenbürtigen Du hervorgeht – und auf diese zurück wirkt. Mehr soll jetzt aber noch nicht verraten werden – wir wollen doch auch die Spannung wahren…!

Was das Gespräch betrifft, so sei zur Zeit nur das mitgeteilt, was auch denen, die nicht dabei waren, den Einstieg in die zweite (und vermutlich dritte) Runde dieser Fragestellung ermöglicht:  Das Gespräch entwickelte sich auf der Basis eines einleitenden Kurz-Referates über Marx Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“, ein Werk, das seit seinem Erscheinen Empörung, Mißverständnisse und falsche Zustimmungen en Masse hervorgerufen hat. (Billig bei Reclam zu besorgen) und in einem Wechselbad von Zustimmung und Schaudern innerhalb von ein paar Tagen durchaus zu bewältigen. Stirner führt schlicht gesagt, die  Linien der Aufklärung und der französischen Revolution bis ins Radikale – aber nicht wie Marx/Engels in die klassenbezogen Revolution, sondern auf der Seite Nietzsches ins konsequent, radikal zuende gebrachte Individuelle. Eine äußerst interessante Konfrontation!

Ich zitiere hier nur den letzten Satz aus Stirners Einleitung, der programmatisch ist:

„Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache ‚des Menschen’. Meine Sache ist weder des Göttliche, noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw. sondern allein  das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!“

Die öffentliche Auseinandersetzung mit Stirner blieb sehr – vorsichtig gesprochen – verhalten: Praktisch alle bedeutenden Denker seiner Zeit haben sich nachweislich mit ihm beschäftigt, besonders hervorzuheben Marx, Engels, Nietzsche, aber nichts zu ihm veröffentlicht. Es blieb Rudolf Steiner vorbehalten sich zu dem Ich-Verständnis Stirners zu bekennen und dem „Ich“ den Platz als „Ebenbild des Weltengrundes“ zuzuweisen.

Heute geht durch dieses Steinersche Ich nicht nur die radikale aufklärerische Vernunft, sondern der ganze Mensch – Gefühle, Glaube, Erkenntnis, Handeln…

 

Von diesen radikalen Positionen zum Ich ausgehend, tastete sich unser Gespräch zu der Frage vor, was denn dieses Ich sein mag, wie es zustande kommt, wo seine Grenzen liegen. Das will ich hier nicht alles wiederholen. Da gilt, was immer für unsere kleinen Protokolle gilt: mit dabei sein ist die beste Protokollierung! Nur soviel: Eine interessante aktuelle Grenze der Ichfindung trat uns mit der der virtuellen Welt der „gamer“ entgegen. Beschränken die Computerspiele (aller möglichen Art) die Ichbildung – oder erweitern sie sie?

Dies führte zunächst zu der Frage, wo die Ich-Bildung beginnt – sammeln, ordnen, die Welt begrifflich erfassen, den eigenen Ort als sich selbst und niemandem anderen gehörend definieren. Aber dann gleich die nächste Frage, wo das Ich sich verliert – schon bei der Bewußtlosigkeit, bei fortschreitender Demenz, in geistiger Behinderung oder Einschränkungen? Ist das Ich auch ein Gefühlsraum? Unstreitig schien uns, das das Ich der Ort der beständigen Wechselwirkung von Welt und Geist ist – bewegt und beständig zugleich.

Die Frage der „gamer“ führte aber auch zum Problem des Gegenübers, des DU, ohne das ein Ich seine Grenzen nicht definieren kann. Aber was ist das Du? Nur ein anderer Mensch? Oder auch die Welt in ihren verschiedenen Facetten?

Hier stehen wir also mit vielen offenen Fragen und laden Euch herzlich ein, Euch am Fortgang dieses Findungsprozesses zu beteiligen. Das Ziel? Wir möchten gern genauer erkunden, was es mit der Möglichkeit auf sich hat, ebenbürtige Beziehungen zwischen den Menschen herzustellen und zu leben und welche Formen es dafür geben kann.

Seid also alle herzlich eingeladen zur nächsten Runde:„Das Du zwischen Ich und Wir“

Herzliche Grüße, im Namen des Forums integrierte Gesellschaft

Kai Ehlers