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Ein hunnisches Nibelungenepos – hat es sich müdlich erhalten bís 1956?

Überlegungen zu einem neu erschienenen Buch

von Werner Keinhorst,  25.02.2012

 

Inhalt

TEIL 1

Das Epos „Attil und Krimkilte“  (2)

Das Epos als traditionelle Dichtung  (3)

Weitere Sagenmotive   (3)

 

Zur Geschichte der Tschuwaschen  (6)

Ihre Abstammung von den Hunnen (6)

Die religiösen Verhältnisse bei den Tschuwaschen  (7)

Religion und Übernatürliches im Attil-Epos  (8)

Zwischenergebnis (10)

 

TEIL 2

Zum Alter des Epos’  (10)

Das Alter der 1956 aufgezeichneten Fassung   (11)

Die Geschichte des Epos vor den Brüdern Wassjanka und Pitraw (12)

Hinweise aus 2 anderen Fassungen des Erzählstoffs (12)

 

TEIL 3

Gab es eine einheimische Überlieferung seit dem 5. Jh ? (13)

Zusammenfassung (16)

 

Noch zwei Anmerkungen:

a) Zur Musik (17)

b) Zur schriftlichen Überlieferung  (17)

Literaturverzeichnis (17)

 

Das Thema der Überschrift führt sofort zu der Frage: Sensation oder Schwindel ? Man kann sich ja kaum vorstellen, daß so eine Heldendichtung nun aus der Versenkung auftaucht. Dennoch erschien im April 2011 ein Buch, in dem in tschuwaschischer Sprache und deutscher Übersetzung ein solches Epos veröffentlicht wird.

Es wird verantwortet von Mischi Juchma, dem Präsidenten des tschuwaschischen Kulturzentrums und der tschuwaschischen Abteilung der Internationalen Akademie für Information, zugleich Träger der goldenen Uno-Medaille wegen seines Engagements um die Wiedergeburt der Kultur der kleinen Völker. Diese Stellung gewährleistet zwar noch nicht Alter und Echtheit des abgedruckten Epos’, dürfte aber doch Anlaß sein, sich näher damit zu beschäftigen. Zunächst zu den Tschuwaschen: sie sind die rund 4 Millionen Köpfe umfassende Titularnation der russischen Teilrepublik Tschuwaschien (an der Wolga), von denen allerdings die Hälfte in anderen Republiken wohnt. Nach eigenem Anspruch, der zwar nicht unproblematisch ist, aber manches für sich hat, gehen sie auf die nach Attilas Tod in den Osten zurückgewanderten Hunnen zurück (s. u. S. 6).

Bevor der Frage nach Alter und Echtheit des abgedruckten Epos’ nachgegangen wird, soll dieses untersucht werden, nicht zuletzt, weil das Werk selbst die Grundlage ist für alle Diskussion um seinen Wert.

 

TEIL 1 

Das Epos „Attil und Krimkilte“

Das Epos gliedert sich in 12 „Gesänge“. In der tschuwaschischen Originalfassung sind es etwa 1728 Verse. Da jede Strophe im Schnitt 4 Verse hat, ergäben sich 432 Strophen. Das ist aber nur ein Durchschnittswert, weil manche Strophen kürzer sind. Nur zum Vergleich: das Nibelungenlied hat rund 2500 Strophen und das Grönländische Atlilied, das längste der Edda, 102 Strophen. Außerdem gehören zum Epos noch kürzere Prosastücke, die die Verse ergänzen sowie 2 vorgeschaltete „Loblieder“ und ein angehängtes „Nachlied“. Alle folgenden Ausführungen betreffen nur die deutsche Übersetzung.

Die Handlung wird getragen von 6 benannten Personen, die sich nach verbreiteter Übung in mündlicher Überlieferung in Dreiergruppen gliedern, jeweils mit 1 Hauptperson, einem Freund und einem Gegner (BERNER 45, S. 24ff). Hier sind es 2 „Triaden“. Mittelpunkt der einen ist Attil, „Zar“ (= Khan) der Tschuwaschen in ihrer alten Heimat. Neben ihm steht sein treuer Feldherr Markka und der (später) ungetreue Ajtaman. Mittelpunkt der anderen Dreiergruppe ist Krimkilte, die Tochter Tschupajreks, des Zaren der Tschuchen, der feindlichen Nachbarn der Tschuwaschen. Zu ihrem Vater hat Krimkilte ein gutes Verhältnis, ihre Gegnerin ist ihre Rivalin Herkka, die Frau Attils.

Die Handlung ist gegliedert durch 3 Schlachten und 3 Folgezeiten, also die Zeiten nach jeder dieser Schlachten:

1. Schlacht: Attil, unter besonderer Mithilfe seines Feldherrn Ajtaman, besiegt die Tschuchen und nimmt deren verwundeten Zaren Tschupajrek und dessen Tochter Krimkilte gefangen.

1. Folgezeit: Der mit Herkka verheiratete Attil (sie haben 3 Söhne, die aber nie auftreten) verliebt sich unsterblich in Krimkilte. Weil sie ihn zurückweist, verfällt er in Stumpfsinn und vernachlässigt seine Regierungsgeschäfte. Als ihm sein Feldherr Markka Vorwürfe macht, verbannt er ihn aus seinem Reich.

2. Schlacht: Der genesene Tschupajrek, von Attil wegen seiner Tochter freigelassen, sammelt ein Heer aus seinen Tschuchen und 5 weiteren Stämmen, zusammen also 6 Stämme, weil er gehört hat, daß Markka nicht für Attil kämpfen kann und greift an. Attil hat auch nicht die Hilfe seines anderen Feldherrn Ajtaman, weil dieser krank ist.

Die Schlacht bleibt unentschieden.

2. Folgezeit: Krimkilte erklärt sich nun bereit, Attil zu heiraten. Die Vorwürfe Herkkas weist sie zurück. Zum großen Fest werden alle eingeladen, auch die Tschuchen. In der Hochzeitsnacht stirbt Attil auf unklare Weise. Sein Feldherr Ajtaman, auch ganz verzückt von Krimkiltes Schönheit, flieht mit ihr zu den Tschuchen.

3. Schlacht: An der Spitze des tschuchischen Heeres überfällt Ajtaman seinen eigenen Stamm. Die führerlosen Tschuwaschen stehen vor der Vernichtung, als Markka zurückkommt. Unter seiner Führung siegen sie. Atjaman und Krimkilte werden gefangengenommen.

3. Folgezeit: Markka verzichtet auf ihre Hinrichtung, jagt sie aber entehrt in die Wildnis. Weil die Tschuwaschen in ihrer alten Heimat nicht mehr sicher sind, wandern sie unter Markkas Führung in die neue Heimat an der Wolga, wo sie bis heute leben.

 

Das Epos als traditionelle Dichtung

Traditionelle mündliche Dichtung zeichnet sich dadurch aus, daß sie mit Sagenmotiven arbeitet, die sich zu Motivketten (auch: narrative Schablonen u. ä.) verbinden. Nur mit einer solchen Struktur kann eine mündliche Dichtung dauerhaft weitergereicht werden. Will man so ein Werk verstehen, muss man diese Struktur aufdecken. Damit kann man ziemlich zuverlässig wirklich traditionelle Dichtung von individueller unterscheiden. Zwar könnte auch ein moderner Dichter außerhalb einer Tradition diese Struktur nachmachen, aber dazu sind eher wenige in der Lage.

Abgesehen vom äußeren Aufbau, der oben dargestellt wurde, entwickelt sich die Handlung in folgenden 6 Schritten:

1) Ein Herrscher bringt gewaltsam eine Frau aus der Fremde in seine Macht. 2) Das bringt ihm Schaden, weil er ihrer Schönheit verfällt. Er kann nicht mehr regieren und vertreibt seinen getreuen besten Heerführer. 3) Als sie ihn erhört und ihn heiratet, ist das sein Tod. 4) Nun verfällt auch sein 2. Heerführer dieser Frau, wird zum Verräter an seinem Volk und vernichtet es beinahe. 5) Der unschuldig verfolgte getreue Heerführer rettet sein Volk im letzten Augenblick. Ihm steht sein Glück/ Heil zur Seite, als er darauf verzichtet, die beiden zu töten, denn dann würde ihn die Rache (ihrer Geister/ der Toten als Wiedergänger o.ä.) treffen. Indem er beide in die Wildnis treibt, werden sie auch umkommen, aber die Rache trifft nun die Geister der Wildnis (bei den Nordgermanen: die Landvättir/ Landwichte). 6) So kann er sein Volk in eine neue endgültige Heimat führen.

Dieses Sagenschema erinnert deutlich an die Nibelungensage. Trotz des Namens, der an Krimhild anschließt, hat Krimkilte die Rolle Brunhilds. Ein König und sein Helfer, Gunther und Sigfrid gewinnen mit Kampf (und Täuschung) eine fremde Frau für den König wie Attil mit Hilfe Ajtamans. In der germanischen Sage führt das zuerst zum Tod des Helfers (Sigfrid), in der Tschuwaschensage zum Tod des Königs (Attil). Später sterben auch der Helfer (Ajtaman) und die Frau. Im Norden tötet sich Brunhild selbst und der König kommt außerhalb seines Reiches um. [Kriemhild hat als Feindin Brunhilds insoweit in der Handlung die Rolle Herkkas (dagegen ist sie in der Familienstruktur nicht Gunthers 1. Frau, sondern seine Schwester).]

Ein 2. Sagenschema schließt sich mit der Wanderung an: Der Zug der Nibelungen zu den Hunnen (ohne Wiederkehr), wobei Hagen der eigentliche Führer ist, ist mit dem Zug der Tschuwaschen an die Wolga zu vergleichen. Markka, der Bezwinger des Helfers Ajtaman, hat insofern die  Rolle Hagens, des Bezwingers (Mörders) des Helfers Sigfrid. Diesem 2. Sagenschema entspricht der 2. Teil des Nibelungenlieds.

Auch in der Tschuwaschensage könnte es u. U. so gewesen sein, daß die Geschichte Attils und die der Wanderung ursprünglich vielleicht getrennt waren (5. bzw 7. Jh).

Obwohl es Namensähnlichkeiten gibt (Kriemhild – Krimkilte, Attil – Etzel, Helche – Herkka, Tschupajrek – Chilperich/Helferich ?) entsprechen sich in diesem Sagenschema Rollen und Namen nicht ! Das bedeutet, dass wir in Bezug auf dieses Sagenschema keinen genetischen Zusammenhang (gleicher Ursprung) haben, sondern nur einen typologischen, d.h., es wird dieselbe Sagenschablone verwendet. Die Frage, ob es auch einen genetischen Zusammenhang gibt, wird weiter unten behandelt.

 

Weitere Sagenmotive

Die eben behandelten Sagenschablonen betreffen die Handlung des Epos’ als ganzes. Das Epos enthält aber noch weitere Sagenmotive, die zu seinem Verständnis besprochen werden müssen.

a) Es geht hier zunächst um „Die dämonische Verführerin“. Unter dieser Überschrift wird das Thema von Elisabeth Frenzel in ihrem Werk „Motive der Weltliteratur“ 4. Aufl. Stuttgart 1992 behandelt. Gleich einleitend heißt es: „Unter den verschiedenen Rollen, die eine Frau bei einer Liebesbeziehung spielen kann, hat die Literatur auch diejenige zu einem traditionsbildenden Schema ausgeformt, die der Frau eine unwiderstehliche Anziehungskraft und einen magisch-dämonischen Charakter zuschreibt, durch den sie den Mann nicht nur erotisch an sich bindet, sondern ihn auch von seinen höheren Interessen und Aufgaben ablenkt, seine Moral untergräbt und ihn meist ins Unglück stürzt.“ (Hervorhebungen von mir)

Untätigkeit wegen übergroßer Liebe“ findet sich z. B. im Artusroman von Erec bei Chretien de Troyes und seinem deutschen Bearbeiter Hartmann von Aue. Allerdings gibt es nur eine punktuelle Übereinstimmung. Als Erec in der Fremde die überaus schöne Enide zur Frau gewonnen hat, kehrt er in sein Erbreich zurück und widmet sich nur noch der Liebe zu ihr. Dabei versäumt er alle Pflichten. Als sie ihn darauf hinweist, beendet er dieses „verliegen“ sofort. Außerdem ging es hier nicht um Liebeskummer, sondern Liebesgenuß

Anders ist das in der Geschichte von Ala Eddin Abu Schamat in 1001 Nacht. Der Emirssohn Habsalam ist rückhaltlos in die Sklavin Jasmin verliebt, die auf dem Sklavenmarkt an einen anderen verkauft wurde, der im Auftrag des Kalifen handelte. Habsalam wird so krank, daß seine Mutter seinen Tod befürchtet. Durch eine Intrige kann sie Jasmin in ihren Besitz bringen. Diese droht aber, eher sich und Habsalam zu töten, als ihm zu gehören. Er stirbt bald „vor Liebesgram“(Band 2, S. 314).

Dieser Fall zeigt zum einen die weltweite Verbreitung dieser Problematik, andererseits aber auch Unterschiede. Die geliebte Sklavin läßt sich mit der gefangenen Krimkilte vergleichen und der Tod des verliebten Habsalam mit dem des verliebten Attil. Unterschiedlich ist aber der Todesgrund. Habsalam stirbt, weil er die Frau nicht bekommt, Attil bekommt sie, stirbt aber trotzdem (aus unklarem Grund). Eine solche Abweichung ist typisch für traditionelle Erzählungen, die nichts gemein haben, außer dass dieselben Motivbausteine verwendet werden.

b) Der Fall des Todes des Verliebten muss näher untersucht werden, weil das Motiv „Tod des Mannes in der Hochzeitsnacht“ für unser Problem zentral ist. Der Zusammenhang des Attil-Epos mit der Nibelungensage kann sich abgesehen von den Personennamen vor allem auf die Gemeinsamkeit des Todes in der Hochzeitsnacht zwischen dem historischen Attila gemäß Pricus/ Jordanes (nicht der Nibelungensage !) und Attil stützen.

Das Motiv ist als allgemein bekannter Sagenbaustein vorhanden, aber unterscheidet sich erheblich von seinem Gebrauch im Attil-Epos, weil es wohl immer mit Übernatürlichem verbunden ist, was beim historischen Jordanesbericht verständlicherweise fehlt, aber eher überraschend auch in unserem Epos (Indiz für Ursprung aus Jordanes statt der Sage ?). Die Rolle, die das Übernatürliche hier spielt, muss allerdings ohnehin noch untersucht werden (s. u.).

Attil wurde offenbar vergiftet. Krimkilte sagt: „Aber Kenntnis hatte ich nicht, daß etwas beigemischt war …“ (S. 97). Die Tatsache der Beimischung bezweifelt sie also nicht. Etwas später sagt sie: „Ich liebte Attil, aber man mordete ihn.“ (S. 98) Auch für die Tschuwaschen ist das klar: „Mörder sind sie! … Gift gaben sie!“

c) Zwei teilweise vergleichbare Fälle sollen hier noch angeführt werden. Den Gattenmord haben wir bei Alboin (siehe d), den Tod in der Hochzeitsnacht in dem um 1300 entstandenen deutschen Reimpaarepos „Peter von Staufenberg“. Zum Inhalt:

Der Held ist ein allen überlegener Ritter, der auch durch seine Freigiebigkeit weithin beliebt ist. Als er vor den Augen des Kaisers ein Turnier gewinnt, bietet ihm dieser seine junge Verwandte zur Frau an mit dem Herzogtum, dessen Erbin sie ist. Verschmäht der Held sie, beleidigt er den Kaiser. Dessen Ehre zu wahren ist aber seine höchste Verpflichtung als Ritter. So heiratet er sie, obwohl er weiß, dass das sein Tod sein wird am 3. Tag nach der Hochzeit. – Er hat nämlich die Liebe einer wunderbar schönen, aber unsichtbaren Frau angenommen, die ihm Liebe, Ruhm und Reichtum verschaffte, ihn aber zugleich – bei Androhung des Todes – verpflichtete, niemals zu heiraten.

Auch hier haben wir wieder die gleichen Motive in verschiedener Reihenfolge. Peter ist zuerst mit der schönen Fremden zusammen und gewinnt erst danach seine Ehefrau. Attil ist zuerst mit Herkka verheiratet. Beide sterben, als sie heiraten, mal weil sie die Verbindung mit der Schönen durch Heirat zu eng gestalten (?), mal weil sie durch die Heirat die Verbindung aufheben. Die Tatsache des Todes in der Hochzeitsnacht, gegenüber 3 Tage später, ist wahrscheinlich ohne  besondere Bedeutung.

Abschließend sei noch erwähnt, daß die Dichtung „Peter von Staufenberg“ die Familiensage des Geschlechts der Diemringer auf der Burg Staufenberg verkörpert, verfaßt vom Ritter Egenolf von Staufenberg. Auch das Attil-Epos ist eine Sage des Ubi-Stammes der Tschuwaschen.

d) Paulus Diakonus berichtet in seiner Langobardengeschichte (spätes 8. Jh.) folgendes zum Jahr 571: In einer Schlacht hatte der Langobardenkönig Alboin den Gepidenkönig Kunimund getötet und dessen Tochter Rosamunde als Gefangene mitgenommen und dann geheiratet. Nachdem er die Langobarden nach Italien geführt hatte, kam es zufällig dazu, daß  er sie  öffentlich beleidigte (sie sollte aus dem in   Gold gefaßten Schädel ihres Vaters trinken). Sie verband sich mit Helmichis (Helmgisel), dem königlichen Schwertträger und ließ den ins Schlafzimmer, wo Alboin im Bett lag. Weil sie alle Waffen unbrauchbar gemacht hatte, konnte der König ermordet werden. – - Helmichis wollte König werden und heiratete Rosamunde, aber beide wurden zu den Römern vertrieben. Weil deren Statthalter Longinus Rosamunde heiraten wollte, reichte sie ihrem Mann Helmichis den Giftbecher. Er trank, erkannte aber ihre Tat und zwang sie, den Rest zu trinken. So starben beide.

Diese Geschichte ist wieder vielfach aus denselben Motiven wie das Attil-Epos aufgebaut. Die Rollenentsprechungen Attil – Alboin, Rosamunde – Krimkilte, Tschupajrek – Kunimund, Ajtaman – Helmichis sind leicht zu erkennen. Die Übereinstimmung Markka – Longinus ist nur teilweise als Töter des mörderischen Paares gegeben. Die Rolle des Wanderführers teilt Markka mit Alboin.

Die Übereinstimmungen dieser Langobardensage mit dem Tschuwaschenepos sind größer als mit jeder anderen Überlieferung. Allerdings ist diese sicher nur typologisch, nicht genetisch. Es werden also dieselben Rollen und Sagenmotive verwendet, aber teilweise in abgeänderter Reihenfolge und z. T. unterscheidet sich die Verteilung der Motive auf die Rollen.

Übereinstimmende Motive, zT in anderer Reihenfolge

(1) Der Heldenkönig (Alboin/ Attil) besiegt einen Nachbarkönig, der getötet (Kunimund) bzw verwundet (Tschupajrek) wird.

(2) Seine Tochter (Rosamunde/ Krimkilte) wird gefangengenommen.

(3) Der Heldenkönig heiratet sie bald (Rosamunde) bzw. später (Krimkilte).

(4) Die Heirat bringt dem Heldenkönig den Tod in seinem Bett, wobei seine Frau und ihr Partner die Täter sind (Rosamunde und Helmichis) bzw als Täter verdächtigt werden (Krimkilte und Ajtaman).

(5) Der Tod erfolgt in der Hochzeitsnacht (Attil) bzw. später (Alboin): (ein Unterschied !), aber im ehelichen Schlafgemach.

(6) Der Helfer der Frau will neuer Herrscher werden (Helmichis) bzw soll es werden

[10. Gesang, 2. Strophe, S. 88: „Da wollen Fürsten und Feldherren Chane und TarChane und die Mutigen alle, Ajtaman zum großen Heerführer und Zaren ernennen“], aber er wird mit der Frau vertrieben (Helmichis) bzw flieht von sich aus (Ajtaman).

(7) Der Partner (Ajtaman) bzw neue Ehemann der Frau (Helmichis) flieht mit ihr zum Landesfeind, den Tschuchen bzw. Römern.

(8) Die Frau tötet ihren (1. bzw 2.) Ehemann mit Gift bzw wird dessen beschuldigt.

(9) Die Frau und ihr neuer Ehemann/ Partner kommen in die Gewalt eines Machthabers (Markka bzw. Longinus), der mittelbar beider Tod verursacht.

(10) Das Volk wandert in seine neue endgültige Heimat (Wolgagebiet/ Italien) nach der Heirat seines Heldenkönigs mit der feindlichen Königstochter, – aber im einen Fall vor seinem Tod (Langobarden) im anderen danach (Tschuwaschen).

Demgegenüber sind die fehlenden Motive von deutlich geringerer Bedeutung, obwohl sie teilweise weit verbreitet sind: Liebesleid und Untätigkeit des Königs, der Streit der Prinzessin mit der (anderen) Frau des Königs, der weitere Heerführer und Wanderführer, der wegen des früheren Todes des Königs in der Tschuwaschensage erforderlich ist. Es gibt auch nur eine große Schlacht, nicht drei. Die in der Langobardensage fehlenden Motive finden sich aber überwiegend bei den Nibelungen (s.o. „Das Epos als traditionelle Dichtung“).

Wir kommen damit zu dem Ergebnis, daß das Attil-Epos aus internationalen Sagenmotiven zusammengestellt ist, wie das für eine traditionelle mündliche Sagendichtung zu erwarten ist. – Zu diesem Untersuchungskomplex gehört eigentlich noch die Frage nach der Rolle der Religion bzw. des Übernatürlichen im Attil-Epos. Das setzt aber voraus, daß zunächst die Geschichte der Tschuwaschen in religiöser Hinsicht geklärt wird und dies kann nicht ohne ihre Geschichte allgemein geschehen, in die dann auch die Frage des Zusammenhangs der Tschuwaschen mit den Hunnen gehört.

Die Behandlung unseres Epos’ als traditionelle Dichtung muß also unterbrochen werden.

 

Zur Geschichte der Tschuwaschen

Es ist allgemein anerkannt, daß es sich bei den Tschuwaschen um den überlebenden Teil des Volks der Wolgabulgaren handelt. Der neue Name wird das erste Mal genannt 1469 in der Landesbeschreibung des Khans Ibrahim von Kasan (S. 175). Da die Wolgabulgaren Teil des Gesamtvolks der Bulgaren sind, ist zunächst deren Geschichte kurz zu verfolgen und dann die Frage nach dem Zusammenhang der Bulgaren mit den Hunnen aufzuwerfen.

Die bulgarische Geschichte beginnt mit der Gründung des Großbulgarischen Reiches durch Kubrat um 630 im Bereich vom Asowschen Meer bis zum Kuban. Nach seinem Tod teilten seine Söhne das Reich. Asparuch/ Isperich zog nach Südwesten, wo er das Reich der Donaubulgaren errichtete, das im heutigen Bulgarien, wenn auch völlig slawisiert, fortlebt. Bajan/ Batbajan gründete das Reich der Wolgabulgaren.  Im Jahr 922 nahmen sie offiziell den Islam an. 1236 wurden sie von Batu Khan, einem Enkel Dschingis Khans, dem mongolischen Weltreich einverleibt. Als dies in Teile zerfiel, gerieten sie unter die Herrschaft der Goldenen Horde und dann unter das Khanat Kasan, das 1552 von Iwan dem Schrecklichen dem russischen Reich eingegliedert wurde.

 

Ihre Abstammung von den Hunnen

Im Lexikon des Mittelalters wird Kubrats Onkel Organas, als dessen Nachfolger Kubrat  seine Reichsgründung begann, ohne Einschränkung als Hunnenfürst bezeichnet (Stichwort Kubrat). Unter „Bulgaren“ werden dort genannt: „einzelne protobulgarische Stämme : Kutriguri, Utriguri, Onogunduri usw.“. Diese Stämme werden gewöhnlich als die Überlebenden der Hunnen bezeichnet. Genaueres schreibt René Grousset in dem Standardwerk „Die Steppenvölker“ (S. 128): „Andere Hunnenclans überdauerten den Fall des Attila-Reiches nördlich des Schwarzen Meeres in zwei Horden, den Kutriguren, die nordwestlich des Asowschen Meeres nomadisierten, und den Utur-guren oder Utriguren, die im Mündungsgebiet des Don lebten.“

Die Onogunduren, auch Onoguren oder Hunuguren werden schon für die Zeit um 400 von Agathias als einer der hunnischen Stämme genannt (Maenchen-Helfen S. 297). Bei Scharlipp lesen wir: „Einen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen den sogenannten ogurischen Stämmen und den Bolgaren gibt es schon um das Jahr 480 bei Johannes von Antiochia, der für die Onoguren die Bezeichnung Bulgaroi verwendet.“ (S. 76) Die Byzantiner hetzten Utriguren und Kutriguren in „einen Kampf, in dem sich beide Verbände nahezu aufreiben. (…) Die Kutriguren, die nicht mit den Awaren zogen, bilden später einen Teil des großbolgarischen Reiches.“ (S. 77)

Es scheint also, daß Kubrats Bulgaren im Kern aus dem Rest der Kutriguren und den Onoguren bestanden, die ihren Zweitnamen Bulgaren beitrugen. Dazu kamen Reste der Utriguren, sodass sich hier Überlebende der Hunnen in neuer Verbindung zusammenfanden.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei  Attilas Sohn Ernak/ Irnik. Wie in früheren Generationen die Hunnen von zwei Brüdern geführt wurden, bis der eine starb (Ruga und Oktar, Attila und Bleda) waren es jetzt Ernak und Dengizik. Nachdem letzterer bei einem Einfall ins römische Reich 469 getötet worden war, zog Ernak mit seinen Scharen nach Osteuropa ab. An dieser Stelle ist noch eine ganz besondere Quelle zu nennen, die „Bulgarische Fürstenliste“, deren hoher Wert allgemein anerkannt ist. „Nach den mythischen Herrschern Avitohol und Irnik, in denen wohl die Erinnerung an Attila und seinen Sohn Ernak steckt, folgt Gostun, der ,Statthalter’ aus dem Geschlecht Ermi, der nur zwei Jahre regierte; darauf Kurt für 60 Jahre, Bezmer für drei Jahre und Esperih für 61 Jahre, mit dem die Reihe der donaubulgarischen Fürsten beginnt;“ (Pohl S. 271) „Der Name Kuvrats ist in der Fürstenliste als ,Kurt’ überliefert; der Wolf, türkisch ,böri’ oder ,qurt’, aber war das türkische Wappentier.“ (Pohl, S. 273) Der Esperih der Liste ist natürlich Asparuch, der Gründer der Donaubulgaren.  Für uns ist wichtig, daß trotz der häufigen Neugruppierungen der Stämme die Unterstämme oder Clans meist zusammenblieben und auch ihre Traditionen bewahrten.

So gab es also bei den Bulgaren eine Attila-Überlieferung !

 

Die religiösen Verhältnisse bei den Tschuwaschen

Mischi Juchma, der Herausgeber unseres Attil-Epos’ teilt uns mit, daß erst sein Urgroßvater als erster der Familie Christ wurde (S. 109), was in die 2. Hälfte des 19. Jhs.  führt. Welche Religion die Familie vorher hatte, erfahren wie leider nicht. Nach den Angaben über die Wolgabulgaren müßten sie Moslems gewesen sein. Es wäre dann von Bedeutung, daß unser Epos keinerlei Spuren davon enthält, so daß man mit einer tiefgreifenden Bearbeitung rechnen müßte, bei der jeder Hinweis getilgt wurde.

Andererseits lesen wir bei Benzing (S. 842): „Es kann auch damit gerechnet werden, daß die Bolgaren, soweit sie den Islam annahmen (angeblich 922), sich sprachlich den Kiptschaken anglichen (und heute „Tataren“ sind), und daß die heidnisch gebliebene Waldbevölkerung, die Vorfahren der heutigen Tschuwaschen, auch in alter Zeit nicht lesen und schreiben konnte. (…) Dem entspricht auch die Aussage von Tschuwaschen noch in der Mitte des 19. Jh. (…) erst seit etwa 1740 wurden sie unter mehr oder weniger großem Druck zum russisch-orthodoxen Christentum bekehrt. Nur ein geringer Teil des Volkes hielt am Heidentum fest, und es gibt auch heute (d.h. 1964, W.K.) noch Tschuwaschen, deren Vorfahren nie Christen gewesen sind.“

Über ihr Heidentum findet sich eine Angabe in dem Werk „Orenburgische Topographie“ von 1762, das die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Expedition von 1734 bis 1737 enthält, mit der die Zustände der nichtrussischen Völker erforscht werden sollten: „Sie haben keine Religion, doch bekennen sie sich zu einem Gott, den sie Tor nennen und dem sie Pferde, Kühe und Schafe opfern. Zu diesem Zweck schlachten sie die Tiere, kochen das Fleisch und essen es, wobei sie nicht versäumen, ihren Gott Tor anzurufen. Ihr Gebet besteht meistens aus den zwei Worten >Tor Serlag<, das heißt >Gott errette mich !< oder >Gott sei mir gnädig !<. Statt der Priester haben sie Wahrsager und Wahrsagerinnen, die Bohnen besprechen und daraus weissagen.“ (S. 88) Bei Tor denkt man natürlich sofort an den Thor (dt Donar) der Wikinger. Ob die aus Schweden kommenden Rus den mitbrachten ? Vermutlich ist die Übereinstimmung reiner Zufall und Tor gehört zu Tangar (S. 122f).

 

Religion und Übernatürliches im Attil-Epos

Es ist sinnvoll, zwischen den Göttern und anderem Übernatürlichen zu unterscheiden. Ferner muß konkreter Götterglaube von eher allgemeinen Redewendungen getrennt gehalten werden.

1) a) Als Attil das erste Mal Krimkilte erblickt, fragt er: „Bist du (…) vielleicht eine Göttin ?“ (S. 41) – Später sagt Markka zu ihr: „Außen Schönheit, innen Dämon!“

b) Gleich danach Tschupajrek zu Attil: „Der Himmel hat dir wohl heute geholfen.“

c) Herkke zu Attil: „Offenbar segnen die Götter dich nicht!“  und am Ende derselben Rede: „ Ach, Tangar, rette uns!“ (S. 47f)

d) Der 3. Gesang beginnt: „Der Himmel stöhnt, Mutter Erde erzittert,“ (S. 51)

e) Der Schmerz der Alten: „Ach, Tangar! Ach, ihr Götter!“ (S. 87)

f) „Ach, Du, Ajtaman! Offenbar gaben die Götter dir keine Ehre, du hast dein Volk verraten,“ (S. 93)

g) „Unsere Götter im Himmel haben uns immer geholfen.“ (S. 95)

h) Krimkilte: „O Götter, wofür habt ihr mir Schönheit geschenkt ?!“ (S. 98)

i) „Einen Menschen zu töten, heißt, die Götter beleidigen.“ (S. 99)

j) „Von bösen Geistern verwirrt verliefen die Menschen im Dickicht sich und im Wald.“  (S. 101)

Alle diese Redewendungen sind eher allgemeiner Art, ohne typisch zu sein für eine bestimmte Religion. Trotzdem ist schon hier der Unterschied zu Christentum oder Islam deutlich. Es fällt der Göttername Tangar und es ist öfter von einer Mehrzahl von Göttern die Rede, auch wird Krimkilte mit einer Göttin verglichen, was aber sicher nur besagt, dass Göttinnen überirdische Schönheit zugesprochen wird.

Immerhin bezeugen diese Reden, dass die Götter Segen und Hilfe spenden konnten und in Ver-bindung mit dem Himmel gedacht waren. Demgegenüber wurde den Menschen von Dämonen bzw bösen Geistern Schaden zugefügt.

Es ist aber hieraus noch nicht zu erkennen, ob diese religiösen Vorstellungen noch ernst genom-men wurden.

2) Deshalb sind nun die spezielleren Fälle zu untersuchen.

a) Als die Tschuwaschen von 6 Stämmen angegriffen werden, lautet ihre Wehklage: „Ach, Ach, Tangar ist weit, Hilfe brauchen wir aber jetzt! Ach Tangar, Tangar verspätet, zu spät wird geschriehen! (…) Hilf, Tangar, Kräfte zu finden (…), Hilf, Tangar, uns, unserm Volke.“

b) „Die ganze Erde, Alle Flüsse hat nicht der Mensch, sondern Gott Tangar gemacht.“ (S. 66)

c) „Tangar straft uns durch Gericht,“ Kurz danach Ajtaman: „Am Tod des Zaren trifft mich keine Schuld (…) Ich bin rein vor den Göttern.“ Darauf antwortet Markka: „Du bist schuldig vor den Göttern.“ (S. 96)

d) „Auf weitem Feld beten zu Tangar die Ältesten …“ (S. 100)

e) „Der Weiße Wolf – Pichambar kam zu den Tschuwaschen als Tangars Geschenk. Der Gott kam als Retter zu Hilfe.“ (S. 101)

Der Polytheismus zeigt sich an der Nennung weiterer Götter, so gerade Pichambar, laut Anmer-kung der Gott, der die Tiere schützt. Weitere sind:

f) „Vorwärts! Tönt es ringsum, Chajar! Rufen alle, der Kriegsgott mit uns!“ (S. 61)

g) „Nun tröstet uns Kilesch, Gott des Friedens mit Hoffnung.“ (S. 67)

h) Im Trauerlied des ganzen Volkes werden 9 verschiedene Götter genannt, darunter Tangar mit Frau und Tochter und das Götterehepaar Esrel und Esrechun.

Manche Wendungen geben Erläuterungen: „Warum haben die Götter sich gewandt gegen uns! Selbst Tangar zürnt uns. (…) Wir haben Tangar nicht beleidigt, Wir haben Hajar (= Chajar) Geschenke gebracht…(…) vernichten sie uns. Sie ziehen uns in die andere Welt.“ (S. 89)

Diese Fälle zeigen, daß die Götter sehr ernst genommen werden und die Macht haben, die Menschen aus großer Not zu retten, aber auch zu vernichten. Die Menschen wenden sich deshalb mit Gebeten und Geschenken an sie. Tangar hat die Welt gemacht, hält aber auch Gericht über den Einzelnen.

3) Neben den Göttern spielen noch die Ahnen eine kleine Rolle. a) Im Trauerlied heißt es auch: „Warum haben die Ahnen uns im Elend verlassen?“ (S. 89)

b) „Nach langer Rede (…) entschieden sich die Tschuwaschen, in Abstimmung mit den Ahnen, neues Land sich zu suchen,“ (S. 100)

4) Häufiger genannt wird der Irbis (Schneeleopard), das Stammestotem (S. 35, 48, 60, 63, 100) aber mehr in bildlichen Redewendungen. Als es um die Frage der eigenen Identität geht „Wer sind die Tschuwaschen?“ (S. 37f) werden die Heiligtümer des Volkes und seine Urgeschichte – in der Regel als Mythos zu verstehen – genannt.

Aus all dem folgt, daß Religion und Übernatürliches die Rolle spielen, die man bei einem traditionellen Epos erwarten sollte. Es bleibt aber bemerkenswert, daß jeglicher Einfluß einer Hochreligion fehlt, obwohl die Tschuwaschen bzw. ihre Vorfahren doch mit Zoroastrismus, Islam und Christentum Kontakt gehabt haben. Selbst Spuren eines Gut-gegen-böse-Dualismus im Bereich des Übernatürlichen sind nicht zu entdecken. Das Trauerlied (S. 89) zeigt vielmehr menschenfreundliche und -feindliche Götter in vollem Einklang.

Hier lohnt es, kurz auf das altrussische Igorlied einzugehen. Dort stehen Christliches und Heid-nisches ungetrennt nebeneinander (zB die Winde, Enkel des Stribog;  Korsun, der Götze von Tmutorakan neben den Glocken zur Frühmesse in der heiligen Sofia von Polozk). Erwähnenswert ist schließlich, daß weder zu den Tschuchen noch den anderen genannten Stämmen ein religiöser Unterschied erwähnt wird. Diese religiöse Einheitlichkeit des Epos ist also auffällig. 

Damit ist nur klar, daß der Dichter seinen Helden den Tangar-Glauben zugeschrieben hat, noch nicht, dass er und seine Hörer ihn teilten. So eine Spaltung in eine Religion der Dichtung und eine andere der Wirklichkeit wäre keineswegs einmalig. Noch im 13. Jh. wurden im seit dem frühen 11. Jh. christlichen Island Lieder über die heidnischen Götter gedichtet und einer der führenden Politiker des Landes, Snorri Sturluson, schrieb ein Dichterlehrbuch, die Jüngere Edda, um das auch weiterhin möglich zu machen.  Das portugiesische Nationalepos des 16. Jhs., Die Lusiaden, verherrlicht die Entdeckungsfahrten, die offiziell der Ausbreitung des Christentums dienen sollten, indem es den griechisch-römischen Göttern einen bestimmenden Anteil an der Handlung gibt.

Vielleicht können die Rahmendichtungen des Epos hier Aufschluß geben. Im „Ersten Loblied“ heißt es: „Nicht jeder hat Glück in der Liebe. Vielleicht hat er seine Nächsten beleidigt, vielleicht auch Püchelse.“ laut Anmerkung die Schicksalsgöttin und Frau Tangars. Aber diese Äußerung hat sehr den Anschein einer allgemeinen Redensart. Das paßt gut  zum „Nachlied des Pitraw“ (S. 105): „Wisset um Attil, dann werden die Götter Euch gnädig sein. Das weiß ich, Pitraw.“

Hier spricht mit Pitraw, dem Onkel Mischi Juchmas, ein Mensch des 20. Jhs., der in der Sowjetunion lebte, in der alle Religionen verpönt und bedeutungslos waren.

Es fällt aber auch auf, daß jeder Einfluß der kommunistischen Ideologie ebenfalls fehlt. Weder gibt es irgendeine Distanzierung vom Übernatürlichen, noch Bedenken, die Erschaffung der Welt Tangar zuzuschreiben oder auf seine Gerechtigkeit und Hilfe in der Not zu vertrauen.

 

Zwischenergebnis

Man wird deshalb die religiösen Bestandteile des Epos nur so verstehen können, dass die Überlieferung auch diesen Bestandteil des Volkstums bewahrt hat. Damit hat sich das obige Zwischenergebnis (Seite 6) bestätigt, dass das Epos in einer noch lebendigen Tradition erschaf-fen worden ist. Aus dem Epos selbst ist nun nicht mehr viel zu entnehmen und deshalb ist jetzt auf die Überlieferungsgeschichte einzugehen, um die Frage des Alters des Epos zu klären.

 

TEIL 2

Zum Alter des Epos’

Professor Tafajew fragt (S. 127): „Wann ist dieses Epos entstanden ? (…) Wer weiß, vielleicht entstand das Epos schon im fünften Jahrhundert, gleich nach dem Tode Attils.“ Hier zeigt sich das erste Problem. Das Epos, das 1956 aufgezeichnet wurde, kann schon aus sprachlichen Grün-den nicht aus dem 5. Jh stammen. Gleiches gilt für Mischi Juchmas Aussage (S. 137): „Wenn man alle Realitäten in Betracht zieht, die in dem Epos selbst erscheinen, dann kann man annehmen, daß es in der gegebenen Form am Ende des siebten Jahrhunderts, Anfang des achten entstanden ist, …“. (Unterstreichung von mir) Auch die Sprache des 7/ 8.Jhs kann nicht die des 20. Jhs. gewesen sein.

Wichtig sind die anschließend gegebenen Begründungen (a. a. O.): „ … als ein Teil der Hunnen-Bulgaren, nach dem Zerfall des Großen Bulgariens, ins Gebiet der mittleren Wolga und des Ural zogen.“ Hier berücksichtigt Juchma, was Tafajew nicht tut, daß das Epos die Wanderung zur Wolga enthält, was im 5. Jh. niemand wissen konnte.

Juchma fährt fort: „Allem Anschein nach ist das heutige Epos ein Fragment eines großen Gedichtes über Attila und die Hunnen, welches in der Epoche des Zerfalls des großen hunnischen Reiches entstand – als Erinnerung an die Epoche Attilas. Wenn es so ist, dann ist nur der letzte Teil des Epos von den Nachkommen der Hunnen-Bulgaren am Ende des siebten, Anfang des achten Jahrhunderts zusammengestellt worden. Das Epos selbst entstand am Ende des fünften Jahrhunderts …“

Diese ausführlichen Zitate wurden gebracht, um die Vorstellung des Überlieferungskenners Mischi Juchma verstehen zu können. Aus kritischer Sicht können sie so nicht übernommen werden. Die Meinung, es sei in ferner Vergangenheit die Geschichte des Hunnenreiches Gegenstand eines großen Epos gewesen, entspricht der Vorstellung des finnischen Überlieferungskenners und -sammlers Elias Lönnrot, der im 19. Jh. die gesammelten Lieder zum Kalewala zusammenfügte, in dem Glauben, das Epos wiederherzustellen. Der Forschung ist inzwischen klar, daß es ein solches Epos nie gegeben hat. Auch Juchma kann für seine Ansicht keine Gründe vorbringen, aber es ist wahrscheinlich, daß seine Vorgänger, Pitraw, Wassjanka usw diese Sichtweise teilten.

Sie dürfte sogar einen gewissen wahren Kern enthalten. Man weiß inzwischen, daß Völker für ihren Zusammenhalt ein „kulturelles Gedächtnis“ (Jan Assmann) benötigen, das sich bei den Germanen in „Stammessagen“ (vgl oben zu den Langobarden) verkörperte. Die Vorstellung, daß diese Überlieferungen in gereimter Form bewahrt wurden, hat durchaus etwas für sich. Hier ist etwa an den altenglischen Widsith (7. Jh ?) zu denken, in dem die Angelsachsen  ihre Erinnerung an ihre festländischen Vorfahren bewahrten. Diese Merkversdichtung von 143 Versen  ist trotz ihres europaweiten Blicks, und sogar darüber hinaus, kein Epos. Es könnte aber durch eine nicht überlieferte „Begleitprosa“ (vgl DER BERNER 45, Mai 2011, S. 18ff) stark erweitert gewesen sein. Etwas derartiges auch bei den Tschuwaschen hat viel für sich.

Jedenfalls zeigen Juchmas Äußerungen, daß man sich darüber klar war, daß sich ein Epos veränderte, u. a. durch Ergänzung späterer Ereignisse wie die Wanderung zur Wolga. Auf Seite 107 stellt er des weiteren fest, daß von dem  Epos „drei verschiedene Versionen überliefert (sind).“ Damit ist klar, daß hier die große Gefahr besteht, an einander vorbei zu reden. Auch wenn Juchma vom Epos „in der gegebenen Form“ spricht (S. 137), meint er damit nur den Inhalt oder Erzählstoff. Für die konkrete Dichtung benutzt er (in der deutschen Übersetzung auf Seite 107) den Begriff „Version“. Diese Unterscheindung muss unbedingt gewahrt werden. Ich möchte die Begriffe „Fassung“ und „Erzählstoff“ bzw. „Inhalt“ verwenden.

 

Das Alter der 1956 aufgezeichneten Fassung  

Auf Seite 107 unterscheidet Juchma 3 überlieferte Fassungen, darunter die 1913 aufgezeichnete seines Großvaters Wassjanka und die 1956 von ihm selbst niedergeschriebene von dessen Bruder Pitraw, um deren Alter es hier geht. Diese Fassung wurde offenbar von Pitraw nicht nur diktiert, sondern auch selbst gedichtet.

Am Anfang des 2. Gesangs heißt es: „Attil, Attil, Attil, wer an die Vorfahren denkt, den segnet Pitraw.“ Im „Nachlied“ (S. 105): „Wisset um Attil, dann werden die Götter euch gnädig sein. Das weiß ich, Pitraw, der ich Geschichte in Gesängen gesammelt.“ Auf Seite 106: „Bewahrt meine Erzählung, Freunde ! (…) Nach mir soll diese Sage, meine alte-uralte Sage, erzählen und singen mein tschuwaschischer Nachfahr.“

Pitraw war der jüngere Bruder (S. 112) des 1869 geborenen Wassjanka. Auf Seite 9 schreibt Ehlers: „gut vierzig, wenn nicht gar siebzig Jahre lag das Epos (…) nahezu vergessen im Untergrund…“  Leider erläutert er diese Daten nicht. Geht man von der 1. Herausgabe 2001 (S. 12) aus, bezieht sich das auf die Zeit um 1960 und 1930, meint er 1956, wären das um 1916 und 1886. Die 1913 aufgezeichnete Fassung seines Bruders entstand noch im Zarenreich. Es wäre interessant zu erfahren, ob Pitraws nach der Revolution von 1917 gedichtet wurde.

Bemerkenswert ist, daß es im „Ersten Loblied“ heißt: „Wer Attil war, ist heute kaum bekannt. Von den Tschuwaschen ist er fast vergessen. Doch damit können wir nicht einverstanden sein.“  Noch 1956 wußte Juchmas erzählkundige Großmutter „nicht vollständig“ (S. 112) von Attil. Andererseits schreibt Lomonossow (S. 125): „In den dreißiger Jahren hat die tschuwaschische Intelligenz beim Studium der alten Geschichte ihres eigenen Volkes bedeutende Erfolge erzielt. Damals hat man sehr viel über das Epos der Epoche Attils gesprochen.“ Es  hat deshalb einiges für sich, dass Pitraw seine Fassung nach 1917 bis etwa 1930 gedichtet hat.

Zur Zarenzeit wäre ein völliges Weglassen aller Hinweise auf das Christentum und die  uneingeschränkte Rühmung heidnischer Helden vielleicht bedenklich gewesen. Vgl. dazu Benzing (S. 846): „O. Romanovs (1903 geschriebene) Skizze „Tschuwaschen in Konstantinopel“ scheint die Hoffnung auszudrücken, daß durch die Beseitigung des klerikalen Drucks eine freie nationale Entfaltung des Lebens der Tschuwaschen eintreten würde.“  Angesichts dessen ist bemerkenswert, daß Pitraws Epos so frei ist von jedem Hinweis auf das Christentum: galt das auch schon für die Fassung seines Bruders von 1913 ?

Interessant ist der Vergleich mit den erhaltenen Resten der Fassung seines Bruders. Weil diese von den beiden ersten Seiten der Niederschrift von 1913 stammen, ist auffällig, dass der Text der 1. Seite dem  Beginn von Pitraws  2. Gesang (S. 45) entspricht und der der 2. Seite bei Pitraw an Seite 46 unten und 47 oben erinnert. Offenbar hat Pitraw das Epos vollkommen neu gedichtet und nur ein paar Wendungen der Fassung des Bruders an geeigneten Stellen eingebaut.

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der die Frage stellen lässt, ob die Brüder möglicherweise stärker die Überlieferung umgestaltet haben könnten. 1908 erschien der „Klassiker der tschuwaschischen Literatur“, das „erste Meisterwerk ihrer Literatur“(dazu Benzing S. 847f), das inoffizielle Nationalgedicht der Tschuwaschen  (Enzyklopädie des Märchens, „Tschuwaschen“): Narspi von Konstantin V. Ivanov. Darin wird Narspi, die Tochter eines Großbauern, gegen ihren Willen einem Reichen des Nachbardorfes zur Frau gegeben. Sie wehrt sich lange gegen ihr Schicksal, denn sie liebt den Waisenjungen Setner. „Schließlich vergiftet sie ihren Mann und gründet mit Setner einen gemeinsamen Hausstand.“

Es fragt sich, ob dieses auch mündlich verbreitete Werk Einfluß auf das Attil-Epos ausgeübt haben könnte. Die Giftmordbeschuldigung gegen Krimkilte und Atajman ist jedenfalls eine auffällige Übereinstimmung. Oder ging die Beeinflussung in umgekehrter Richtung ?

 

Die Geschichte des Epos vor den Brüdern Wassjanka und Pitraw

Der einzige Hinweis, daß das Epos im 19. Jh. schon existierte, ist – abgesehen vom verbreiteten Glauben an sein Alter – die Feststellung Sträßners auf Seite 148, wonach „schon von den tschuwaschischen Entdeckern im 19. Jahrhundert“ eine Herkunft des Epos von Jordanes oder dem Nibelungenlied diskutiert wurde. Leider deutet Sträßner mit keinem Wort an, woher er diese Information hat und was ihr genauer Inhalt war. Jedenfalls müssen das gebildete Leute gewesen sein, völlig verschieden von dem schreibunkundigen Dorfältesten Wassjanka.

Ansonsten muss man sich an die Mitteilung Juchmas halten, daß selbst seine erzählkundige Großmutter den Stoff „nicht vollständig“ kannte, weil sie nicht vom Stamm der Ubi war (S. 112). Wenn Pitraw am Beginn des 1. Loblieds beklagt, daß die „Tschuwaschen“ Attil kaum kannten, so hatten sie ihn wohl nicht vergessen, sondern außerhalb der Ubi seit jeher nur vom Hörensagen gekannt. Wenn Pitraw sich an alle Tschuwaschen wendet, entspricht das wohl den kulturellen Verhältnissen nach 1917, als man die Überlieferungen auf Volksebene, nicht nur Stammesebene pflegen wollte.

 

Hinweise aus 2 anderen Fassungen des Erzählstoffs

A) Auf Seite 113f berichtet uns Juchma von einer Prosaerzählung des Matjucha, die sein Gewährsmann „vor vielen Jahren“ (vor 1966) von diesem „Märchenerzähler“ gehört hatte. Die Unterschiede sind teilweise erheblich.

Die Vorgeschichte von Attils Bruder Palat und dessen Tod, der Attil angelastet wurde, erinnert verdächtig an die Geschichte von Attilas Bruder Bleda bei Jordanes, wenn auch mit umgedrehter Tendenz. Gegner sind nur anonyme „Verleumder“. Solche mit dem Rest der Erzählung nicht zu-sammenhängenden Episoden sind der Volksdichtung im allgemeinen fremd. Sträßners Argument (S. 148), die anderen Namen bei Jordanes würden fehlen, setzt voraus, daß der gesamte Stoff von Jordanes kommt. Wenn eine schon vorhandene Geschichte nur angereichert wurde, ist verständlich, daß nur Einzelzüge entlehnt wurden.

Schon der Beginn „Im Altertum nannte man uns Hunnen, später Bulgaren.“ entspricht einem Geschichtsbericht, nicht einer Volkserzählung.

Auffällig ist auch das völlige Fehlen von Markka, der bei Pitraw der eigentliche Held ist, aber bei Jordanes kein Gegenstück hat. Hier gibt es keinen drohenden Untergang, vor dem Markka sein Volk retten muss und keine Wanderung in die neue Heimat.

Dafür hat Krimkilte eine aktiv böse Rolle (und Herkke wurde entsprechend gehoben, Ajtaman dagegen zu einem Fluchthelfer herabgesetzt): als Rächerin erinnert sie an die nordische Gudrun und die geplante Flucht tatsächlich an Waltharius. Das kommt sicher nicht aus einer hunnischen Sage, die die Flucht irgendwelcher Geiseln nicht zum Thema gemacht hätte. Wenn das hier mit Attils Tod verbunden ist, ist das aus hunnischer oder tschuwaschischer Überlieferung nicht zu erklären !

Diese Verbindungen sind eigentlich nur verständlich, wenn  die bekannten westlichen Überlieferungen über Attila, also Jordanes, Waltharius, Nibelungenlied und Edda mit einem tschuwaschischen Attil in Beziehung gesetzt wurden. Das alles macht stark den Eindruck, aus Diskussionen hervorgegangen zu sein, wie sie Sträßner für das 19. Jh und Lomonossow für die Jahre bis 1936 andeuten.

Hier spricht nichts für eine ältere Volkssage von Attil, was nicht schon bei Pitraw steht.

B) Ferner haben wir noch die „Legende“, die Matwejew „einmal“ (vor 1993) von dem „alten Mann“ Anatolij Alexandrow gehört hat.

Während Markka in der vorigen Fassung ganz fehlte, steht er hier wieder im Mittelpunkt. Die Reihenfolge ist umgekehrt: seine Verbannung hat mit Krimkilte nichts zu tun. Aktiv tätig sind „Neider“ bzw. „unehrliche Menschen“, die auch die Gefangene aufhetzen, Attil zu verführen. Attils Tod bleibt völlig unerklärt. Ebenso erfährt man nicht, woher die äußeren Feinde der Tschuwaschen kommen. Eine Verbindung mit der (nicht von Attil) Gefangenen wird nicht angedeutet. Das ganze macht den Eindruck, ein verstümmelter Auszug aus einer Überlieferung wie von Pitraw zu sein. Typisch ist, daß nicht einmal Krimkiltes Name fällt, erst recht nicht der von Attils Frau oder der „Neider“. Diese Überlieferung hilft deshalb nicht weiter.

 

TEIL 3

Gab es eine einheimische Überlieferung seit dem 5. Jh. ?

Hier ist der Punkt erreicht, an dem die Frage gestellt werden kann, ob das Attil-Epos in ununterbrochener hunnisch-bulgarisch-tschuwaschischer Überlieferung auf den Attila des 5. Jhs. zurückgeht. Es sind verschiedene Antworten möglich:

a) Diese Frage ist mit ja zu beantworten.

b) Die deutsche Nibelungensage ist im Mittelalter zu den Tschuwaschen gekommen.

c) Eine ungarische Nibelungensage kam an die Wolga

d) Im 19. Jh übermittelten Wolgadeutsche die Erzählungen des Jordanes, des Nibelungenliedes, der Edda (und des Waltharius?) den Tschuwaschen.

e) Es gab bei den Tschuwaschen ein altes Attil-Epos, das von Wolgadeutschen mit den eben ge-nannten Quellen in Verbindung gebracht wurde und dazu führte, die einheimische Überlieferung mit fremden Namen und/ oder Erzählmotiven anzureichern.

Zu a: Überlieferung seit dem 5. Jh

Diese Frage könnte leicht verneint werden, wenn Benzing recht hätte, der „das völlige Fehlen der epischen Dichtung als Gattung der Volksliteratur“ (1964, a.a.O., S. 843) annimmt. Er beruft sich auf den finnischen Sprachforscher August Ahlquist (1826-1899), der 1859 schrieb: „Was die Poesie der Tschuwaschen betrifft, so ist diese weder sehr reich noch besonders schön. Epische Gesänge habe ich bei ihnen gar nicht entdeckt…“ Auch das Standardwerk der Erzählforschung, die „Enzyklopädie des Märchens“ bekräftigt noch 2010 unter dem Stichwort „Tschuwaschen“ diese Ansicht. So bleibt nur anzunehmen, daß ausländische Forscher davon keine Kenntnis erhielten, weil diese Gesänge als interner Besitz z. B. der Ubi galten.

Davon abgesehen kann diese Frage wegen des Fehlens aller Quellen vor 1913 nicht beantwortet werden. Es kann nur durch die Behandlung der anderen Möglichkeiten eine Annäherung versucht werden.

Zu b: Übernahme im Mittelalter

Wollte man diese Möglichkeit bejahen, müßte eine nennenswerte Übereinstimmung der Namen, der Rollen und der Erzählmotive gegeben sein. Wie oben Seite 3 festgestellt wurde, gibt es für 3 bis 4 der 6 Personennamen solche Übereinstimmungen. Auch die beiden Sagenschemata finden ihre Entsprechung. Das gilt aber nur, wenn auch der Sigfrid-Teil der Nibelungensage mit einbezogen würde. Für den fehlt aber jede Namensübereinstimmung und das abstrakte Schema ist alleine nicht aussagekräftig. Hinzu kommt der wichtige Gesichtspunkt, daß die Namen nicht Träger derselben Rollen sind.

Da die Namen auch viel später in die Überlieferung gekommen sein könnten, sprechen keine überzeugenden Argumente für eine Übernahme der Nibelungensage im Mittelalter.

Zu c: Übernahme der ungarischen Sage

Diese ist v.a. durch Simon Keza (13. Jh) überliefert. Im Kern erzählt sie, daß Attila von beiden Frauen Söhne hatte, die sich nach seinem Tod bekämpften. Krimhilds Sohn erhielt die Hilfe Dietrichs von Bern. Attilas Tod in der Hochzeitsnacht ist damit unvereinbar bzw. er kann von Krimkilte keinen Sohn haben. Damit ist auch der Rolle Dietrichs als Helfer des Sohnes der 2. Frau der Boden entzogen. Ein Zusammenhang mit der ungarischen Sage muß daher ausgeschlossen werden.

Zu d: Wolgadeutsche Überlieferung im 19. Jh

„Die ersten Veröffentlichungen von Material aus der tschuwaschischen Volksliteratur verdankt man wohl Alexandra A. Fuchs (1840);“ (Benzing, S. 844) Im folgenden Jahr gab sie das z. T. auch deutsch heraus: Alexandra Fuchs, Briefliche Nachrichten über die Tschuwaschen und Tschere-missen des Gouvernements Kasan, in Ermans Archiv 1, 1841. (Benzing, S. 855). Einschlägige Kontakte waren also frühzeitig gegeben.

Die Übereinstimmung der Namen, insbesondere Krimhilds, der  bei Jordanes fehlt und andererseits der  Tod in der Hochzeitsnacht, den keine Sagenfassung hat, sprechen – gerade wegen ihrer Verbindung – erheblich für diese Möglichkeit. Das wird noch verstärkt durch die „Legende“ des Anatolij Alexandrow, die sehr stark in diese Richtung weist.

 

Andererseits darf auch hier nicht übersehen werden, daß die Namen nicht die Rollen ihrer angeblichen Vorbilder innehaben. Sehr wesentlich ist auch, daß die Motivkette von Pitraws Epos – von geringfügigen Abweichungen abgesehen – der der Langobardensage (oben S. 4f) entspricht. Das besagt aber, daß die Wanderung der Tschuwaschen in ihre jetzige Heimat ein ganz wesentlicher Teil dieser Überlieferung ist.

Rein vom abstrakten Schema her gibt es da zwar Verbindungen zur Fahrt der Nibelungen zu Etzel im Nibelungenlied, aber der eigentliche Gehalt (Untergang gegenüber Gewinnung einer neuen Heimat) ist völlig verschieden. Wie auf Seite 11 schon angeführt, sind traditionelle Gemeinschaften ohne „kulturelles Gedächtnis“ nicht möglich. Deren Bestandteil ist fast immer auch ein Bericht darüber, wie die Vorfahren die gegenwärtig bewohnte Heimat erreichten.

Hier finden wir ein ureigenstes Interesse der Tschuwaschen an diesem Erzählstoff. Gewöhnlich gehört dazu eine Schilderung der Vorgänge in der alten Heimat und eine Begründung, warum diese verlassen wurde. Oft gehört in diese Erzählung ein mächtiger Herrscher, oft als Vertreiber. Bei den Israeliten war das der Pharao, bei den Goten/ Amelungen Ermenrich (gegen den Dietrich die Heimat wieder gewann), bei den Isländern Harald Schönhaar usw. Die Besonderheit hier ist, dass durch den Tod des mächtigen Attil der nötige Schutz entfällt, was dann die Wanderung erzwingt.

Aus diesem Inhalt ergibt sich, dass das Epos unverzichtbare Bedürfnisse des kulturellen Gedächtnisses der Tschuwaschen erfüllt, so dass ein fremder Ursprung des Inhalts als Ganzem sicher ausgeschlossen werden kann.

Zu e: Anreicherung eines einheimischen Epos mit fremdem Stoff

Unter „Stoff“ sind hier sowohl fremde Namen wie Erzählmotive zu verstehen. Der Name Attil dürfte ebenso wie Markka und Ajtaman alter Bestandteil sein. „Markka“ war nach Juchma (S. 118) auch Ortsname. Pitraws Urgroßvater Janmarsa/ Janmorsa hieß wie ein Dorf (S. 108, 2. Abs.). Ein neues Dorf nannte man „nach dem Vornamen des Sohnes von …“ (S. 108, letzte Zeile). – Insofern fragt sich, ob Attils Name etwas zu tun haben könnte mit dem Fluß Atil, an dem die gleichnamige große Stadt lag, die Ibn Fadlan besuchte (Wiesner, Die Kulturen der eurasischen Völker, 1968, S. 178).

Auch Tschajparek läßt sich mit Chilperich wohl nur in Verbindung bringen, wenn eine Überlieferung seit dem 5. Jh angenommen wird, ist also keine junge Übernahme. Problematisch sind die Namen der beiden Frauen.

Hier ist zu bedenken, daß Herkka für die Handlung ziemlich nebensächlich ist. Es verstärkt zwar den Eindruck von Attils Gier nach Krimkilte, wenn er schon Frau und Kinder hat, aber wie die Kinder namenlos sind, könnte das auch die Frau sein. Wenn ihr Name in der deutschen Sage bewahrt wurde, so deshalb weil ihre Söhne in der Rabenschlacht und Krimhilds Sohn beim Burgundenuntergang eine Rolle spielten. Da all das für das Tschuwaschenepos nicht gilt, wäre die Bewahrung des Namens Herkka erstaunlich.

Für den Namen Krimkilte gilt das natürlich weniger. Dieser Name und der Tod in der Hochzeitsnacht (verbunden mit dem Namen Attil, aber nicht dieser alleine) sind die beiden Hauptkriterien für die Frage, ob wir diesen Erzählstoff mit erheblicher Wahrscheinlichkeit ins 5. Jh zurückführen können oder eine Anreicherung durch Schriftquellen im 19. Jh annehmen müssen. Dabei ist zu beachten, dass „Tod in der Hochzeitsnacht“ als traditionelles Erzählmotiv zwar nicht ganz fehlt (s. o. S. 4 „Peter von Staufenberg“), aber sehr selten und in der Regel mit Übernatürlichem verbunden ist. Sein Fehlen spricht eher für eine Übernahme aus Jordanes.

Selbstverständliches wird üblicherweise nicht erklärt. Wenn sich im 1. Gesang Attil und Krim-kilte über ihren Namen unterhalten, dürfte das bedeuten, daß von der Behauptung „Krimkilte ? Ein schöner Name, klingt ganz tschuwaschisch!“ (S. 42) genau das Gegenteil richtig ist und der Name den Tschuwaschen bis dahin völlig unbekannt war. Ich wüßte jedenfalls kein anderes Epos, in dem sich die Helden über die Herkunft eines Namens unterhalten. Hier scheint moderner Schulunterricht durchzuklingen. Die angebliche Bedeutung laut Anmerkung 37 „der Mensch zuhause“ hört sich nach einer Verlegenheitserklärung an, nicht einem traditionellen Frauennamen. Offenbar kennt auch Juchma keine andere Frau, die jemals so hieß.

 

Zusammenfassung

Die Quellenlage erlaubt Aussagen nur für die von Pitraw wohl in den 1920ger Jahren gedichtete Fassung. Die Reste der Fassung seines Bruders zeigen, daß Pitraw von ihr anscheinend einzelnes übernommen hat, dies aber an anderen Stellen seines Textes einbaute. Die Version Wass-jankas könnte – wie das Igorlied – eine Mischung christlicher und heidnischer Elemente aufgewiesen haben. Ferner ist denkbar, daß Pitraw von dem „inoffiziellen Nationalgedicht“ Narspi beeinflußt wurde, was für Wassjanka aus zeitlichen Gründen eher unwahrscheinlich ist.

Die Hauptfrage ist aber, ob das Epos einen Erzählstoff verarbeitet, der in ununterbrochenem Zusammenhang auf den Hunnenkönig Attila zurückgeht. Hier besteht ein Problem: ist das Epos zu nah an den Geschichtsquellen, insbesondere Jordanes, spricht das für eine Übernahme von daher, ist es zu weit entfernt, ist offen, ob überhaupt ein Zusammenhang besteht. Zwischen diesen beiden Polen muss die Untersuchung ihren Weg finden.

Für einen Ursprung im 5. Jh. sprechen die 3 Namen Attil, Krimkilte und Herkka sowie 4. Attils Tod in der Hochzeitsnacht mit Krimkilte und 5. die anschließende Wanderung des Volkes nach Osten. Alle 5 Punkte könnten aus Jordanes (die Namensform Krimkilte aus dem Nibelungenlied) übernommen sein.

Am wenigsten ist dies für die Wanderung anzunehmen. Ein entsprechendes Interesse der Tschuwaschen, im Sinn des kulturellen Gedächtnisses, ist schon für die Zeit vor dem 19. Jh., d.h. vor dem westlichen Einfluß, anzunehmen und damit auch das Vorhandensein entsprechender Überlieferungen. Diese Vermutung wird dadurch gestärkt, daß Pitraws Epos in seinem Aufbau sehr der Langobardensage entspricht, die Abweichungen aber doch deutlich machen, daß keine Übernahme von dort vorliegt. Es ist auch kaum vorstellbar, dass ein Dichter sich den gruselig-romantischen Zug hätte entgehen lassen, die Frau zu zwingen, aus dem Schädel ihres Vaters zu trinken. Von einer alten Sage mit Wanderung ist also auszugehen. Sie muß Personennamen enthalten haben. Nichts spricht gegen Attil, Markka, Ajtaman und Tschupajrek.

Eine Sage dieses Inhalts einschließlich der Personennamen muss aber mit dem 5. Jh nichts zu tun gehabt haben. Da Namen offenbar sowohl für Personen wie Örtlichkeiten verwendet werden konnten, könnte Attil auf Stadt oder Fluß Atil oder ähnliches zurückgehen.

Die besonders aussagekräftigen Namen Herkka und Krimkilte sind aus den auf der vorigen Seite genannten Gründen einer Übernahme aus fremden Quellen sehr verdächtig. Das gilt ebenfalls für den Tod in der Hochzeitsnacht. Diese Überlegungen führen dazu, die Lösungsmöglichkeit e) der Seiten 15 als die weitaus wahrscheinlichste anzusehen.

Die Übernahme westlicher Überlieferungen dürfte aber vor Pitraw erfolgt sein. Allerdings wäre noch zu klären, wie ein analphabethischer Dorfältester wie Wassjanka (oder dessen Vater ?) an solche Überlieferungen kam und was ihn dazu brachte, sie in die Überlieferung seines Ubi-Stammes einzubauen. Hier wäre wieder näheres Wissen über Sträßners Andeutungen zu Diskussionen im 19. Jh. hilfreich.

Die Frage vom Anfang dieses Aufsatzes wäre also so zu beantworten, daß es Anhaltspunkte für „Schwindel“ nicht gibt, daß für eine „Sensation“ aber doch der Nachweis fehlt, daß dieser Erzählstoff  wirklich auf die Hunnen zurückgeht und nicht Jahrhunderte später entstand.

Dennoch bleibt das Epos ein höchst interessantes Werk und man kann für seine Veröffentlichung in Deutschland nur dankbar sein. Vielleicht bringen künftige Untersuchungen ja noch wichtige neue Erkenntnisse.

Noch zwei  Anmerkungen:

a) Zur Musik: Juchma erinnert sich (S. 112), als er zuerst von seinem Onkel über Attil hörte: „Seine Erzählung bestand zum größten Teil aus Liedern.“ Und zu 1956: „Da erinnerte ich mich daran, wie Onkel Pitraw das Märchen (!) über den altertümlichen Zaren Attil singend erzählt hatte.“ „…erzählte er mir mit großer Begeisterung singend von dem Zaren Attil …“

Man hätte gerne mehr darüber erfahren. Wie war die Melodie ? War es vielleicht eine Art Sprechgesang ? Gab es ein Instrument ? Wie wurde so ein Epos vorgetragen, wenn es nicht zu sozusagen wissenschaftlichen Zwecken diktiert wurde ? Wurde es überhaupt außerhalb der engeren Familie vorgetragen ?

Benzing vermerkt: „… entstand zunächst (um 1880), dem sangesfreudigen Charakter des Volkes entsprechend, eine tschuwaschische Dichtung, die sich der volkstümlichen Metrik bediente und noch lange Zeit die volksliedhafte Art beibehielt.“ (S. 854)

b) Für eine schriftliche Überlieferung des Erzählstoffes über Attil durch die Jahrhunderte spricht aus dem Epos Pitraws nichts. Dennoch wären Aufzeichnungen nicht von vorneherein ausgeschlossen. Wiesner behauptet (in: Die Kulturen der eurasischen Völker, 1968, S. 177): „Wenn die Tschuwaschen, die finno-ugrischen Nachfolger der Wolgabulgaren, überliefern, daß ihre heiligen Bücher einst auf Birkenrinde geschrieben waren, so mag sich darin eine Erinnerung an das Schreibmaterial jener alttürkischen, vorislamischen Schrift erhalten haben.“ Leider nennt Wiesner keine Quelle. Man denkt an das „Goldene Buch“ (Anm. 27), aber ansonsten passt das wenig zur tschuwaschischen Kultur.

Benzing berichtet („Die Anfänge der Schriftsprache“ S. 842f), dass erst „durch die bahn-brechende Leistung“ von Ivan Jakovlevic Jakovlev (1848-1930) nach jahrzehntelangen vergeblichen Versuchen eine der tschuwaschischen Sprache angemessene Schrift geschaffen werden konnte. „Die neu geschaffene tschuwaschische Schriftsprache kam zunächst der kirchlichen Missionsarbeit zugute. (…) Von den 564 tschuwaschischen Büchern, die bis zur Oktoberrevolution gedruckt worden sind, waren mehr als die Hälfte religiöse Schriften.“ (S. 843).

Ehlers erwähnt diese Entwicklung als „nationale Wiedergeburt“ bzw. „erste Rückbesinnung“ auf die am Ende der Sowjetunion eine zweite folgte (S. 10). In der ersten entstand wohl Wassjankas Epos und wurde es aufgezeichnet, als Ergebnis der zweiten wurde Pitraws Fassung veröffentlicht.

 

LITERATURVERZEICHNIS

Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis, München 1977

Benzing, Johannes: Die tschuwaschische Literatur, in: Philologiae Turcicae Fundamenta, Hrsg Louis Bazin u.a., Seiten 841ff, Aquis Mattiacis (=Wiesbaden?) 1964

Der BERNER 45, Mai 2011, W. Keinhorst, Die Merowech-Childerich-Quelle, S. 16ff

Enzyklopädie des Märchens, Berlin, Band 13, „Suchen – Verführung“, 2010

Frenzel, Elisabeth. Motive der Weltliteratur, 4: Aufl. Stuttgart 1992

Grousset, René: Die Steppenvölker, Essen 1975

Das IGOR-Lied, Eine Heldendichtung: In der Übertragung von Rainer Maria Rilke, zweisprachig, 4. Aufl. Frankfurt 1989

Maenchen-Helfen, Otto J.: The World of the Huns, Berkeley 1973

Paulus Diaconus: Geschichte der Langobarden, Historia Langobardorum, Herausgegeben und übersetzt von Wolfgang F. Schwarz, Darmstadt 2009

Pohl, Walter: Die Awaren, München 1988

Rytschkow, Pjotr: Orenburgische Topographie – oder ausführliche Beschreibung des Gouverne-ments Orenburg aus dem Jahre 1762, Leipzig 1983

Scharlipp, Wolfgang-Ekkehard: Die frühen Türken in Zentralasien, Darmstadt 1992

Tausend und eine Nacht, übs. von Gustav Weil 1865, Nachdruck Wiesbaden 1978

Wiesner, Joseph: Die Kulturen der frühen Reitervölker, in: Handbuch der Kulturgeschichte, 2.Abt. Kulturen der Völker, 10. Band: Die Kulturen der eurasischen Völker, 1968