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Der Mythos vom Blitzsieg

Der Sieg im Blitzkrieg, wie die US-Führung das Ergebnis ihrer Invasion in den IRAK ohne Scheu vor historischen Parallelen nennt, beginnt schon jetzt zum Mythos zu werden. Fronten verwischen sich. Der schnelle Sieg und die angeblich saubere Kriegsführung, nicht zuletzt auch die zu erwartenden Gewinne führen bisherige Gegner der Invasion an die Seite der USA, andere entwickeln ihren Zorn jetzt daran, daß das nächste Ziel, diesmal Syrien, bereits im Visier des Weißen Hauses erscheint und auch die bekannten Fernziele, Iran , Libyen uam. schon wieder ins Gespräch gebracht werden. Grund genug gibt es ja, bei solchen Tönen aufzumerken, nachdem es den USA nicht gelang Bin Laden zu fangen, und auch nicht Saddam Hussein, dafür aber sehr wohl, die beiden zu einem unsterblichen Saddam Usama zu verschmelzen.

Der Mythos des Blitzkrieges verbindet sich mit dem des gerechten Widerstandes zu einer Eskalation von Terror und Gegenterror. Die Presse lässt zudem erkennen, daß dieses Gift, darin den ABC-Waffen vergleichbar, keine Parteien mehr kennt: In einem US-kritischen Artikel schrieb ein israelischer Journalist namens Uri Avnery: „Nach dem Ende der Kämpfe wird die Welt mit zwei entscheidenden Faktoren konfrontiert sein: Erstens, die unermessliche Übermacht der amerikanischen Waffen kann jedes Volk in der Welt schlagen, so stark es auch sein mag. Zweitens, die kleine Gruppe, die diesen Krieg initiiert hat, – eine Allianz von christlichen und jüdischen Fundamentalisten – ist groß rausgekommen und von jetzt an wird sie Washington ohne Grenzen kontrollieren.“ Die Panik ist unüberhörbar. Aber gleich, ob aus kritischer Distanz oder aus einer zustimmenden Sicht heraus formuliert, die Botschaft lautet: Der Machtentfaltung der USA kann in Zukunft niemand mehr widerstehen.

Übersehen wird dabei selbst von US-Kritikern, dass die USA einen WEHRLOSEN Gegner vernichtet haben, der fast nur noch Worte zu seiner Verteidigung hatte. Die behauptete Hochrüstung, ganz zu schweigen von Waffen der Massenvernichtung, erwies sich als Propagandablase. Ein ähnlicher Sieg mag auch noch über Syrien möglich sein, für einen Kim Jong Il, hinter dem China steht, reicht dieser Ansatz nicht mehr, vermutlich auch nicht für den IRAN und erst recht nicht für Russland oder, noch weit entfernt, aber schon denkbar, für einen Konflikt mit Europa; erst recht nicht, wenn sich Allianzen zwischen diesen Machträumen bilden.
Sehr wohl aber besteht die Gefahr, dass die von den USA ausgehende Bedrohung zu einem Rüstungswettlauf ungeahnten Ausmaßes führt, der unkontrollierbare globale Eskalationen in Gang setzt. Statt die Bedrohung in mystische Bereiche hochzurechnen, die ihrerseits die Mystik von Terror und Gegenterror in Gang setzt, muss man die Schwäche der USA erkennen, die ihre Vormachtstellung nur mit Gewalt aufrechterhalten kann.
Ein weiteres Element des mentalen Giftes, das gegenwärtig verbreitet wird, liegt in der Behauptung, der siegreiche Weg der US -geführten Ordnungskräfte habe bereits mit der Intervention im Kosovo begonnen, sich erfolgreich in der Zerschlagung der Taliban-Herrschaft fortgesetzt und seine vorläufig letzte Bestätigung in der Niederlage des Irakischen Diktators gefunden. Schritt für Schritt seien die USA dabei, Ordnung in der Welt wiederherzustellen, die nach dem Ende der Sowjetunion und durch das Aufkommen des islamischen Terrorismus zusammengebrochen sei, während andere, vor allem die Europäer, kraftlos beiseite stünden.
Wir wissen, dass weder im Kosovo, noch in Afghanistan bisher von Demokratie die Rede sein kann, nicht einmal von Ordnung. Im Falle des Kosovo mag es noch am ehesten Hoffnungen für eine solche Entwicklung geben, einfach deshalb, weil dort die Europäer in eigenem Interesse investieren. Der demokratische Aufbau Afghanistans dagegen ist nur ein Jahr nach dem Krieg auf das geschrumpft, was die einheimischen Kabulistan nennen – auf die Hauptstadt Kabul. Aber selbst in Kabul hat Präsident Karzai nur Hoheitsgewalt, soweit die internationale Schutztruppe Isaf sie ihm verschafft – während US-Spezialtruppen im Lande weiter Krieg führen und die afghanischen Warlords sich neue
Machtkämpfe liefern.
Im IRAK zeichnet sich schon jetzt ab, daß die Zerschlagung der zwar gewaltsamen, aber säkularen Ordnung Saddam Husseins nicht Demokratie nach westlichem Vorbild, sondern religiös aufgeladenen antikolonialen Fundamentalismus hervorbringt. Da hat der israelische Kollege recht: Der christlich-jüdische Fundamentalismus der US-Kriegspartei provoziert unvermeidlich islamistische Massenbewegungen im IRAk, welche bisher schon existierende islamistische Bewegungen des arabischen Raumes, einschließlich des Staates Iran, und nicht nur dort, radikalisiert, statt Impulse für ihre Säkularisierung und zu Demokratisierung zu geben.
Praktisch hat die Blitz-Invasion die Armee Saddam Husseins in den Untergrund getrieben, die Schiiten drückt sie in ein Bündnis mit dem Iran und islamistischen Fundamentalisten drückt und die Kurden in eine neue Runde ihrer Befreiungskämpfe.
Sicher ist bei alledem bisher nur eines: Von der Intervention in den Kosovo bis zum jetzigen Krieg gegen den IRAK zieht sich die Spur einer eskalierenden militärischen Prävention, deren logische Folge nur in ihrer weiteren Steigerung liegt. Die nächsten Kriege sind schon angekündigt. Die überlegene Wirtschafts- und Militärmacht der USA agieren nicht als behutsamer Förderer neuer Partner im globalen Geschehen, sondern als Mittel zur gewaltsamen Aufrechterhaltung der alten Ordnung, genauer der Widerbelebung der untergegangenen europäischen Imperialordnung im globalen Maßstabe.
Von einem Sieg dieser imperialen Ordnung kann trotzdem keine Rede sein: Niemals in der Geschichte hat eine imperiale Macht eine solche Gegenbewegung gegen ihren Machtanspruch provoziert wie heute die USA: Rom, das mongolische Weltreich, selbst der europäische Imperialismus zerfielen von innen, eine umfassende Front von außen gegen sie gab es nicht. Auch die USA kranken heute von innen, aber in ihrem Falle sieht sich ein Imperium, das die ganze Welt umspannen will, erstmals auch einer weltweiten Front gegenüber.
Die Bush-Doktrin des lang andauernden Krieges provoziert das Wachstum dieser Front mit jedem Tag: Die unmittelbar Geschlagenen der kolonisierten Länder treibt sie in den terroristischen Untergrund; sie versammeln sich unter dem Mythos der Saddam Usamas und anderer; die Kritiker der neo-liberalen US-Globalisierung in den Industrieländern selbst treibt sie in den Widerstand; die herrschenden Eliten der Industriestaaten, das heißt, ihre realen und potentiellen Konkurrenten, drängt sie in Bündnisse gegen die hegemoniale Politik Washingtons.
Die verschiedenen Ebenen des Widerstandes werden sich gegenseitig in ihren Wirkungen verstärken, es sei denn, daß es den USA-Ideologen gelänge, Kritik an ihrer Politik total mit dem Terrorismus zu identifizieren. Dies aber ist schon deswegen nicht zu erwarten, weil die Mehrheit der Kritiker/innen, auch in den USA selbst, nicht bereit ist, sich von den USA als Terroristen definieren zu lassen, nur weil sie nicht damit einverstanden sind, dass allein am amerikanischen Wesen die Welt genesen solle.
Darüber hinaus schwindet die Autorität der USA als Garant einer demokratischen Zukunft und Verteidiger der Menschenrechte mit jedem weiteren Schritt ihres imperialen Alleingangs. Die schnelle Invasion der USA in den IRAK, weit entfernt davon ein Sieg der USA zu sein, von den Engländern ganz zu schweigen, ist eine weitere Etappe auf dem Weg der Entzauberung der USA als Garant der Demokratie. Die Verwandlung des IRAK in ein US-Protektorat beschleunigt nur diese Entwicklung.

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Kai Ehlers
Transformationsforscher und Publizist

www.kai-ehlers.de