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Aus der Not eine Tugend machen. Exemplarische Entwicklungsimpulse aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus

Die Tatsachen sind schon tausende Male benannt: Idee und Praxis des auf Lohnarbeit aufgebauten Sozialstaates befinden sich in einer existenziellen Krise. Widerstand gegen materielle und geistige Verelendung ist notwendig. Alternativen müssen her. Aber welche? Vor allem: Wie sieht die soziale Form aus, in der sie entwickelt werden können? Alle immanenten Auswege sind verstellt: Die Verteidigung des Sozialstaats durch traditionelle gewerkschaftliche Lohn- und Tarifkämpfe führt nur tiefer in die Krise der Lohnarbeitsordnung, wenn dabei, wie es geschieht, die Lohnarbeitslosen ausgegrenzt oder gar illegalisiert werden, sei es im eigenen Lande, sei es im globalen Maßstab. Das Glücksversprechen der modernen Industriegesellschaft, wie es nach dem Offenbarungseid der sowjet-sozialistischen Utopie von der „einzig verbliebenen Weltmacht“ und ihren Parteigängerinnen im Namen des Kapitalismus noch einmal in die Welt hinausposaunt wurde, ist für viele nicht einlösbar. Stattdessen entwickelt sich eine weltweite soziale Differenzierung, traditionell formuliert: eine neue Klassenbildung, die über jene Teilung von Kapital und Arbeit hinausgeht, die von Karl Marx und Friedrich Engels im kommunistischen Manifest als letzte zu erwartende Klassenteilung der Geschichte definiert wurde.

Heute zeichnet sich eine neue Klassenlinie zwischen Verwaltern und Inhaberinnen von Arbeitsplätzen auf der einen, und Menschen, die aus der Lohnarbeit abgedrängt werden auf der anderen Seite ab. Millionen Menschen, die von einem wuchernden, nur auf Selbstvermehrung orientierten Kapital auf diese Weise marginalisiert werden, haben keine andere Wahl, als sich vom Staat versorgen zu lassen. Das wird für sie in dem Maße zur existenziellen Bedrohung, als auch die nationalen Staaten auf Grund der globalen Konzentration des Kapitals immer weniger eigene Mittel zur Verfügung haben. Wollen die Menschen weder von den Sparprogrammen ihrer Staaten niedergehalten werden, noch verelenden oder verhungern, dann haben sie nur eine Alternative: aus der Not der Marginalisierung eine Tugend zu machen, das heißt, sich in Ergänzung zur oder gänzlich unabhängig von der Lohnarbeit die notwendigen Bedingungen für eine eigene Versorgung selbst neu zu schaffen. Dies gilt für die materiellen Mittel des Lebens ebenso wie für die generelle Lebensperspektive.

Sich unabhängig von der Lohnarbeit und dem heute daran gekoppelten sozialen Versorgungs-System zu machen, bedeutet aber, aus dem herrschenden Paradigma der Lohnarbeits-Gesellschaft, das heißt, aus dem Kreislauf von Produktion für mehr Produktion, Geld für mehr Geld, Haben für mehr Haben auszusteigen, neue Formen der Arbeitsteilung, neue Beziehungen von produktiver und nicht-produktiver Arbeit, genauer, von Arbeit als Teil der industriellen Produktion und Arbeit außerhalb davon, von Produktion und Konsumtion, also prinzipiell neue Versorgungsstrukturen zu entwickeln. Es bedeutet neben einer ethischen Neuorientierung schließlich auch, die sozialen Strukturen zu entwickeln, in denen sich eine allseitige Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten verwirklichen lässt. Ohne den Aufbau solcher Strukturen werden mögliche Perspektiven bis in alle Ewigkeit nur unverwirklichte Möglichkeiten bleiben.

Der Charakter der Krise

Ein Aufbruch zu dieser Reise setzt allerdings die Einsicht in den finalen Charakter der heutigen Krise, und damit in die Unvermeidlichkeit des grundlegenden Umbruchs der heutigen Verhältnisse voraus, der daran deutlich wird, wie die Organisation der Grundversorgung der Menschen mit Lebensmitteln sich im Laufe der Geschichte von einem Aufbruch mit unendlichen Möglichkeiten zu einer die Existenz der Menschheit in Frage stellenden globalen Krise entwickelte. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen, möchte ich drei wesentliche Phasen dieses Prozesses skizzieren, in dessen dritte wir gerade eintreten:

Da ist erstens die Phase unterschiedlichster Formen der individuellen oder auch der gemeinschaftlichen Selbstversorgung, die sich über Jahrtausende herausgebildet haben. Beschaffung von Lebensmitteln und Lebenszweck, Produktion und Konsumtion standen in den Gesellschaften dieser Phase noch in einem engen Zusammenhang. Auch heute gibt es solche Gesellschaften noch; ihre Existenz ist jedoch durch die weltweite Industrialisierung bedroht.

Da ist zweitens die Phase der Entwicklung der industriellen Lohnarbeit seit Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Ergebnis der Fremdversorgung der Lohnarbeitenden, die als solche keine eigenbestimmte Beziehung mehr zu ihren Produkten haben, in dem Maße, wie jene Produkte zunehmend nicht mehr der Versorgung, sondern allein der Erhaltung und Steigerung der Produktion dienen.

Da ist drittens die Krise der Lohnarbeitsordnung, wie wir sie heute erleben, also die Verwandlung der Lohnarbeit in Beteiligungsgehälter derer, die in einer sich konzentrierenden Produktion (noch) Beschäftigung finden, bei gleichzeitiger Zurückdrängung einer lohnarbeitslosen Mehrheit der Weltbevölkerung in die Selbstversorgung – dies aber geschieht, nachdem die früheren Grundlagen und die traditionelle Vielfalt der Selbstversorgung weitgehend zerstört sind, materiell wie auch mental.

Was wir heute erleben, eröffnet also nicht etwa einen Weg zurück in eine vor-industrielle bäuerliche, nomadische, handwerkliche oder irgendwie naturhafte Romantik, sondern zwingt uns voran auf den Weg einer Symbiose von entwickelter industrieller Groß-Produktion und Selbstversorgung im individuellen wie im kommunalen Bereich. Symbiose bedeutet dabei nicht etwa Verschmelzung, sondern gemeinsame Existenz durch gegenseitiges Aufeinander-Angewiesen-Sein, durch wechselseitige Ergänzung und Unterstützung auf Basis von Gegenseitigkeit.

Die skizzierte Entwicklung war begleitet von einer schrittweisen Entfremdung der Menschen vom Bauerntum, vom nomadischen Leben, vom Handwerk, von der individuellen und lokal begrenzten Nutzung von Naturenergien wie der von Tieren, wie Wind, Wasser usw. Der Übergang von der Pferdestärke zur Dampfmaschine, zur Elektrizität, zur Automobilisierung und neuerdings zur Computerisierung beschleunigte diesen Prozess. Er führte zu einer Teilung der Gesellschaft in atomisierte Arbeitsprozesse und zu einer Reduzierung des Menschen auf seine Arbeitskraft als Ware. Dies alles ist schon zu Beginn dieser Entwicklung von Marx, Engels und anderen ausreichend analysiert worden. Wir können und müssen dem heute allerdings die Erkenntnis hinzufügen, wie dies geschah; nämlich durch den ersatzlosen Raubbau, durch schlichte Verbrennung der fossilen Rohstoffe Kohle, Öl, Gas, während die sich selbst versorgenden unmittelbar Produzierenden gleichzeitig in von der Basis der Selbstversorgung vollkommen losgelöste Konsumierende von industrieller Massenware verwandelt und diese Basis zerstört wurde. Ergebnis dieser Entwicklung ist die tendenzielle Vernichtung aller natürlichen Versorgungsgrundlagen der Menschheit.

Ihr aktueller Stand ist die Aussicht auf eine Krise der fossilen Energieversorgung, die sich aus dem absehbaren Ende abbaufähiger Öl-, Gas- und Kohlevorkommen in ca. 30 bis 40 Jahren wie auch durch die Aufheizung der Atmosphäre durch vom Menschen produzierte Treibhaus-Gase ergibt. Diese Krise verlangt kategorisch nach einem Übergang zu alternativen Wegen der Energieversorgung. Das Vordringen zu einer Nutzung von erneuerbaren Naturenergien auf zeitgemäßer technischer Basis ist heute eine Überlebensfrage der Menschheit. Das entscheidende Stichwort dafür ist seit der Klimakonvention von Rio de Janeiro 1992 gegeben. Es lautet: „solare Revolution“.

Der Begriff der „solaren Revolution“ lenkt die Aufmerksamkeit zugleich auf die sozialen Strukturen, die mit den zuvor skizzierten Phasen der Versorgungsgeschichte verbunden sind, insofern die Nutzung von solaren Energien dezentrale Strukturen der individuellen und kommunalen Eigenversorgung mit Energie auf dem Niveau der heutigen technischen Entwicklung nach sich zieht.

Für die Phase der Selbstversorgung sind das die Dorfgemeinschaft, die Allmende und die nomadische Zeltgemeinschaft, allerdings auch die frühe städtische Kommune, wo die Verbindung der Menschen untereinander im Wesentlichen noch durch Gemeineigentum und unmittelbaren Tausch und erst in Ansätzen durch Geld vermittelt ist.

Für die zweite Phase der so genannten Moderne ist die bestimmende Sozialstruktur der Markt der industriellen Massenproduktion, auf dem die Lohnarbeiter/innen und Gehaltsempfänger/innen als individuelle Käufer/innen einem anonymen Verkäufer gegenüberstehen, ohne direkte Beziehungen mit ihm oder miteinander einzugehen.

Unter dem Druck einer wachsenden Lohnarbeitslosigkeit zeichnet sich heute schließlich die Entstehung von Versorgungsgemeinschaften ab, deren Lebensprinzip die Symbiose von Lohnarbeit und Selbstversorgung, von geldvermitteltem Markt und unmittelbarem Tausch ist.

Kurz gesagt: Die so genannte industrielle Revolution mit ihrer Teilung der Gesellschaft in Kapital und Arbeit erweist sich als eine Übergangserscheinung, die im Zuge ihrer Entwicklung die Grundlagen der Selbstversorgung ebenso wie die fossilen Ressourcen einem vernichtenden Verbrauch zuführte und dies zur Zeit noch weiter beschleunigt. Diese Feststellungen gelten für den „Kapitalismus“ ebenso wie für den „Sozialismus“. Diese Entwicklung steigert sich in einer Spirale der puren Selbstverwertung des Kapitals, das am Ende auch die in diesen Prozess hineingezogenen Arbeitskräfte wieder in die Selbstversorgung zurückschickt; allerdings nachdem es diese aller eigenen Versorgungsmöglichkeiten und -kenntnisse beraubt und die natürlichen Ressourcen vernichtet hat. In dieser Lage vermögen die solcherart auf sich selbst Reduzierten jedoch nicht mehr zu existieren – es sei denn, sie können auf traditionelle Erfahrungen und noch bestehende soziale Strukturen jenseits eines vom Geld regulierten Marktes zurückgreifen, um sich in Anknüpfung daran auf dem Niveau der heutigen wissenschaftlich-technischen Entwicklung neue Möglichkeiten der Selbstversorgung zu eröffnen.

Was auf diese Weise entsteht, muss sich von der jetzt herrschenden Gesellschaftsordnung notwendigerweise prinzipiell unterscheiden. Die Natur kann in ihr nicht Gegenstand hemmungslosen, vernichtenden Verbrauchs sein, sondern muss zur Partnerin werden, um deren ständige Erneuerung die Menschen sich im eigenen Interesse bemühen müssen; Arbeit kann darin nicht nur der für einen Lohnempfang notwendige Verkauf von genormten und verkrüppelten Teiltätigkeiten sein, sondern muss die variable Entfaltung der gesamten Schaffenskraft der Menschen bedeuten. Dass dies nicht nur eine andere Arbeits- und Sozialordnung als die jetzt herrschende, sondern auch prinzipiell andere ethische Kategorien beinhaltet, versteht sich – fast – von selbst. Erich Fromm forderte bereits in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts den Übergang von einer Gesellschaft des „Habens“ zu einer des „Seins“. „Sein statt Haben“ lautete die von ihm entwickelte ethische Linie für eine über den Industrialismus hinausweisende Gesellschaft. In der rauen Wirklichkeit der heutigen Umwälzungen könnte sich das noch etwas realitätsferne „Haben oder Sein“ auch in einer leichter realisierbaren Form, nämlich als ein „Haben durch Sein“ verwirklichen.

Die Voraussetzungen für eine solche, sprechen wir es aus: ökologische Annäherung an die Versorgungsprobleme der Menschheit sind im Schoße der industriellen Gesellschaft herangereift, ähnlich wie seinerzeit das Proletariat im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft herangereift war. Die wachsende Zahl unversorgter Menschen lässt einen existenziellen Druck zur Entwicklung von Selbsthilfe entstehen, lokal und global. Er mündet in Resignation oder hilflosen Terrorismus, wo er keine Organisationsmöglichkeiten findet. Wo er sie aber findet, und sich mit den Ideen einer ökologisch orientierten Versorgung verbinden kann, entstehen Impulse für eine gesellschaftliche Erneuerung, die über das bisherige „Kapitalismus oder Sozialismus“ hinausweisen. Das gilt für die westliche ebenso wie für die sowjetische Variante der Industriegesellschaft und ihre ehemaligen Einflussgebiete. Die sowjetische Variante, die den Anspruch erhob, eine Alternative zum Kapitalismus zu sein, praktisch aber dessen staatskapitalistisches Spiegelbild wurde, hinterlässt in der heutigen Krise des Industrialismus jedoch neben dem bloßen Einschwenken auf den Kapitalismus auch noch einen zukunftsweisenden Impuls, nämlich eine Hinwendung zur Selbstversorgung auf breiter Front.

Das Beispiel und die Rolle Russlands

Am Beispiel des nach-sowjetischen Russland kann die soziale Struktur, die sich in der heutigen Übergangssituation zeigt, besonders deutlich beobachtet und studiert werden. Das Ende der Sowjetunion hat ja nicht nur die sozialen und politischen Strukturen des eigenen Landes aufgebrochen und eine Situation von „nicht mehr sozialistisch, aber noch nicht kapitalistisch“ hinterlassen, wie es häufig skizziert wird, sondern es hat die Stagnation der bi-polaren Ordnung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg eingestellt hatte, insgesamt beendet. Das Ende des sowjetischen Modells zieht eine generelle Neubewertung des Sozialen, des Sozial-Demokratischen, des Sozialistischen überall in der Welt, eine neue Organisation der Arbeitsteilung, eine Erneuerung der Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft nach sich; schließlich, aber nicht zuletzt ergibt sich aus ihm auch ein mächtiger Impuls für eine neuerliche Hinwendung zu einem Leben aus der Selbstversorgung und für einen neuen Umgang mit den natürlichen Reichtümern der Erde. Das gilt für Russland selbst, aber auch darüber hinaus. Aufs Ganze gesehen aktualisierte und konkretisierte die Auflösung der Sowjetunion die schon 1972 vom Club of Rome vorgelegten Erkenntnisse über die „Grenzen des Wachstums“, deren allgemeine Wahrnehmung in den Jahren zuvor noch an den Grenzen der Systemkonkurrenz hängen geblieben war.

Aber weshalb soll gerade das transformationskranke Russland beispielhaft für die heutige Übergangssituation, ja gar für sich möglicherweise entwickelnde Alternativen sein? Die Antwort auf diese Frage ist so einfach, dass sie oft übersehen wird: weil in Russland die Utopie des wissenschaftlich-technisch planbaren Fortschritts einer egalitären Gesellschaft in der Gestalt des autoritären Fürsorgestaates ins höchste Extrem getrieben wurde – und dort am tiefsten stürzte.

Hinzu kommt, dass der Versuch, die nach-sowjetische russische Krise durch die Einführung des Kapitalismus zu heilen, nach wenigen chaotischen Jahren eingestellt werden musste. An der unheilbar krisenhaften, das heißt, nicht nach westlichen Modellen kapitalisierbaren nach-sowjetischen Entwicklung wurde deutlich, dass Kapitalismus keine Alternative zum Sowjetismus ist, sondern nur die andere Seite desselben Industrialismus, der sich seinerseits in der Krise befindet, und dass es ebenso wenig „den“ Kapitalismus gibt, wie es „den“ Sozialismus gab.

Auf diese Weise tritt drittens die Transformation unserer heutigen globalen Gesellschaft in Russland besonders deutlich, besonders schroff, in starken Polaritäten und mit enormer Geschwindigkeit zutage, sodass die sozialen Mischformen, die daraus hervorgehen, unmittelbar im Zustand des Entstehens beobachtet, analysiert und als Erfahrung andernorts genutzt werden können. Dabei gibt es Rückfälle ebenso wie mögliche Alternativen. Russland ist unfreiwilliger Pionier der weltweit anstehenden sozialen Neuorientierung. Für die russischen Menschen ist dies streckenweise mehr als unangenehm. Russische Nationalistinnen und Nationalisten sprechen deshalb auch davon, es werde „wieder einmal auf dem Rücken Russlands experimentiert“. Nur wissen sie den Leiter des Experimentes nicht zu nennen. Tatsache ist vielmehr, dass der Konflikt zwischen industrieller Wachstumsgesellschaft und einem ökologisch ausgeglichenen Leben von und mit den natürlichen Reichtümern der Erde in Russland am schärfsten ausgetragen wird, weil sich hier die hoch gefahrene Industrialisierung und eine ebenso hoch entwickelte Selbstversorgung, verbunden mit einer über Jahrhunderte gewachsenen Gewöhnung an die Unerschöpflichkeit natürlicher Ressourcen des Landes, für deren Nutzung es anscheinend keiner besonderen industriellen Anstrengung bedarf, in extremer Polarität gegenüberstehen. Bis zur Oktoberrevolution von 1917 war die Mehrheit der Bevölkerung, also ca. 80% der russischen Menschen, in gemeinwirtschaftlichen Dorfgemeinden organisiert. Sie lebten von dem, was ihnen nach Abgaben an ihre Herrschaften bzw. seit der Bauernbefreiung von 1861 abzüglich der Zinsleistungen an Banken und individuelle Geldverleiher aus der ergänzenden Familienwirtschaft blieb. Die stürmische Industrialisierung Russlands in den Jahren von der Bauernbefreiung 1861 bis zu den Revolutionen von 1905 und 1917, die danach einsetzende, teils mit militärischen Mitteln durchgesetzte Zwangsindustrialisierung, die dabei vollzogene Verwandlung der bäuerlichen Gemeinschaften in industrielle Agrar-Kollektive und die Ausweitung der kollektiven Arbeitsorganisation auf die entstehenden Produktionsbetriebe führten zwar zu extremen Konflikten zwischen diesen traditionellen Formen der Selbstversorgung und dem Anspruch auf Durchsetzung der industriellen Lohnarbeit als Norm. Doch dies alles geschah, ohne die soziale Grundstruktur der Dorfgemeinschaft, also die Gemeinwirtschaft mitsamt ihrer familienwirtschaftlichen Ergänzung aufzuheben. Im Gegenteil: Hofgarten ebenso wie Datscha, also ein Stück Land, das den Städtern als Schrebergarten und den Dorfbewohner/innen zur eigenproduktiven Zusatz-Versorgung hinter dem von ihnen bewohnten Haus zur Verfügung stand, entwickelten sich unter dem Zwang der staatlichen Kollektivierung zum individuellen und familiären Ventil gegenüber dem wirtschaftlichen und politischen Druck von oben. Im Hofgarten wie auf der Datscha hatte man sein eigenes Reich, jedenfalls einen Ansatz dazu. Alle Versuche der sowjetischen Führung, den „Anarchismus“ der so genannten ergänzenden Familienwirtschaft unter Kontrolle zu bekommen, schlugen letztlich fehl: Hofgarten und Datscha waren der private Fluchtweg aus der kollektiven Bewirtschaftung der Sowjetunion, materiell wie ideell. Man war öffentlich arm, privat aber gut versorgt. Schwieg man in der Öffentlichkeit, so blühte in den Familienküchen und der Datscha eine „zweite Kultur der Kommunikation“. Nicht zuletzt aus den Hofgärten, den Datschen und den mit ihnen verbundenen Küchen speiste sich jene soziale Dynamik, die in den 1970er und 1980er Jahren eine Perestroika, das heißt die von Gorbatschow eingeleitete Befreiung persönlicher Initiative möglich machte.

Auch in der industriell organisierten Sowchose , ja selbst in den großen Industrie-Betrieben blieb die Lohnarbeit immer einem System direkter Vergütung untergeordnet. Die sowjetischen Gemeinschaftsbetriebe (Sowchosen ebenso wie große und kleine Industriebetriebe) bildeten eine Pyramide kollektiver Wirtschaft, in der der Geldverkehr nur einen Bruchteil des Wirtschaftsablaufes bestimmte. Der größte Anteil des Wirtschaftslebens einschließlich der Vergütung von innerhalb der Betriebstore geleisteten Arbeiten blieb – einem Eisberg im Wasser ähnlich – unterhalb der Geldgrenze: Die in Familienverbänden lebenden Mitglieder einer Sowchose, Kolchose oder auch eines Industriebetriebes erhielten Hof (im Dorf), Wohnung (in der Stadt), Garten oder Datscha, Heizung, Gas, Wasser, Straßennetz und andere infrastrukturelle Leistungen, soziale Versorgung, Kindergarten, kulturelle Aktivitäten, Begräbnis etc. aus dem Vergütungsfonds des Betriebes, in dem sie ihre Arbeitskraft einsetzten. Der Betrieb war das Zentrum des sozialen Lebens. Sie erhielten die Leistungen aber nicht etwa „umsonst“; dieses Wort spiegelt nur das westliche, von der Geldwirtschaft geprägte Unverständnis für die Organisation des Lebens in der Sowjetunion. Die Menschen erhielten ihren Anteil am Wirtschaftsergebnis nur eben nicht in Geld, sondern vielmehr in Sach- und Versorgungsleistungen. Nur ein geringer Teil wurde auch in Geldform abgegolten. Ältere bzw. junge Mitglieder der Familie, die nicht in Lohnarbeit standen, konnten ihre Kräfte – soweit nicht durch öffentliche Aufgaben beansprucht – der privaten Zusatzversorgung widmen; das bedeutete Arbeit im Hofgarten, auf der Datscha oder im Rahmen diverser Nebentätigkeiten. Bei der Auflösung der Sowjetunion und beim Versuch der Privatisierung der sowjetischen Lebens- und Wirtschaftsstrukturen blieben daher die unterschiedlichsten Formen von privater Nebenwirtschaft als Ansätze für eine sich breit entwickelnde Subsistenzwirtschaft zurück. Nicht etwa eine private Bauernschaft, wie von den russischen Reformern und ihren westlichen Beratern 1990/91 erträumt, kein Volk von Kleinkapitalistinnen und -kapitalisten, wie von ihnen versprochen, waren das entscheidende Ergebnis der Privatisierung, sondern – abgesehen von der Verteilung der Großbetriebe unter wenige Oligarchen – eine boomende, das ganze Land erfassende Hof-, Datschen- und Kleinstgartenkultur, die bis heute gut 60% des Nahrungsbedarfs der russischen Bevölkerung deckt.

Warum Russland nicht verhungert

Angesichts der existenziellen Krise der nach-sowjetischen Transformation, die nach den Absichten der Radikal-Reformer seit 1991 zunächst keinen Stein der alten Gesellschaft auf dem anderen lassen, sondern die Wirtschaft durch Liquidierung der kollektiven Strukturen effektivieren sollte, stellte sich den Auslandsbeobachterinnen und -beobachtern die Frage, wieso die russische Gesellschaft angesichts der durch die Reformen entstandenen Desorganisation der Wirtschaft nicht im allgemeinen Chaos versank und keine Hungerkatastrophen ausbrachen.

Der Grund für diese erstaunliche Überlebensfähigkeit der russischen Gesellschaft liegt eben in der besonderen Geschichte und der Aktualität ihrer Gemeinschaftsstrukturen: der traditionellen gemeinwirtschaftlich organisierten Bauerngemeinschaft (russisch: Obschtschina; im Deutschen der Allmende vergleichbar). Vom Zarismus wurde sie über Jahrhunderte als Grundeinheit der Reichsorganisation aufgebaut, besaß aber zugleich das Recht der Selbstverwaltung. Trotz wiederholter Versuche, diese Strukturen zugunsten privater Bauernwirtschaften aufzulösen, hat sich die traditionelle russische Bauerngemeinschaft über die Oktobberrevolution von 1917 hinaus erhalten. Mehr noch: Durch die Oktoberrevolution, endgültig dann durch Stalin, wurde die Obschtschina zur Grundeinheit der sowjetischen Arbeits-, Lebens- und Staatsorganisation. Heute feiert sie als geschlossene Aktiengesellschaft, als Genossenschaft oder auch ohne besonderes Organisationsstatut ihre Wiederentstehung als marktorientierte Versorgungsgemeinschaft. Diese Gemeinschaften sind – wie einst die traditionelle Obschtschina und später die Sowchose – auch heute nur zu einem kleinen Teil, sozusagen lediglich an ihrer Spitze, mit der allgemeinen Geldwirtschaft verbunden. Der größte Teil der Wirtschaft vollzieht sich als selbstorganisierter, unmittelbarer Austausch von Arbeit und Vergütung innerhalb der Grenzen der Gemeinschaft; mitunter sogar zwischen den Gemeinschaften. Obwohl die Gemeinschaften in ihren Spitzen in der Regel über Geldverkehr verbunden sind, kommt es doch auch hier recht häufig zu produktgebundenen Austauschbeziehungen.

Keineswegs alle ehemaligen agrarischen oder industriellen Arbeitskollektive haben die Privatisierung in dieser Weise überstanden. Es mag ein Drittel sein, das auf diese Weise nicht nur funktioniert, sondern ihren Mitgliedern ein ausreichend akzeptables Leben sichert; ein weiteres Drittel kränkelt halb desorganisiert, halb individualisiert vor sich hin, der Rest ist gänzlich aufgelöst und versinkt im unorganisierten „Sich-Irgendwie-Durchschlagen“. Doch selbst dieses „Sich-Irgendwie-Durchschlagen“ folgt noch den gleichen Gesetzen der Gemeinschafts-Tradition. Denn das Überleben von Familien und anderer Gemeinschaften beruht auch in diesen Fällen auf Gegenseitigkeit, auf Tauschbeziehungen zwischen Land- und Stadtbewohnern. Diese – im Fall funktionierender Aktiengesellschaften gut, im Fall der bankrottierenden oder gänzlich aufgelösten Kollektive und Betriebe schlecht bis gar nicht organisierte – Form der Selbstversorgung ist die Basis des Überlebens für eine Bevölkerung, deren Geldkreislauf (der Produktion, Lohn und Konsum umfasst) nicht in der im Westen bekannten Weise entwickelt ist, anders gesagt: innerhalb derer die Struktur der Lohnarbeitsgesellschaft nur nominell entwickelt wurde.

Die herrschende westliche und die am westlichen Fortschrittsverständnis orientierte russische Politökonomie – sogar in ihrer sowjetischen Ausprägung – konnte diese Tatsache bisher nur als Rückständigkeit begreifen. Die russische Politik hatte ja in den zurückliegenden beiden Jahrhunderten die westliche Entwicklung in immer neuen Modernisierungsschüben einzuholen versucht. Den letzten großen Versuch dieser Art machten die Bolschewiki und der darauf folgende sowjetische Staat. Faktisch ist der Umstand, dass Russland die gemeinwirtschaftlich organisierte Vergütungswirtschaft, auf deren Basis die Sowjetunion dann die betriebszentrierte Gemeinschafts- und Planwirtschaft entwickelte, aber keineswegs nur eine Frage der Rückständigkeit, sondern Ausdruck eines anderen historischen Entwicklungsweges. In dessen Verlauf wurde die Allmende nicht aufgelöst, sondern über mehrere Wandlungsstufen zum Zentrum des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens entwickelt. Hieraus resultiert sowohl die Krassheit wie auch der exemplarische Charakter der heutigen russischen Krise. Denn diese gewachsenen Gemeinschaftsstrukturen können weder bruchlos noch vollständig in eine Marktwirtschaft westlichen Typs umgewandelt werden, auf dem die Menschen im Wesentlichen nur noch über das Geld miteinander verbunden wären. Angesichts der weltweiten Krise des Industrialismus stellt sich zudem die dringende Frage, ob eine Umwandlung in „pure Marktwirtschaft“ überhaupt wünschenswert wäre.

Über mehrere Jahre entzogen sich die heute neu entstehenden sozialen Mischformen der polit-ökonomischen Definition. Lange Zeit galten sie allenfalls als Notbehelfe, die sich normalisieren würden, wenn die Krise vorbei sei, wobei unter „Normalisierung“ das Einschwenken auf den westlichen Weg einer „entwickelten kapitalistischen Gesellschaft“ verstanden wurde und von vielen auch noch immer so verstanden wird. Rund zwanzig Jahre nach den ersten Maßnahmen Gorbatschows von 1984/1985 haben sich inzwischen jedoch familiäre wie auch größere Notgemeinschaften als Dauereinrichtungen etabliert und Teile der Produktion stabilisiert. Es gibt mittlerweile auch Ansätze, diese Entwicklung begrifflich zu erfassen. Einen solchen Ansatz verfolgt etwa Theodor Schanin, Professor der Ökonomie in Manchester und Rektor einer „Hochschule für Wirtschaft und Soziales“ in Moskau, der für die in Russland zu beobachtenden Lebensformen den Begriff der „extrapolaren Ökonomie“ geprägt hat. Extrapolar bedeutet schlicht, dass sich die Definition dieser Wirtschaftsweise den gängigen Alternativstellungen von „Sozialismus oder Kapitalismus“ und von „Liberalismus oder Dirigismus“ entzieht. Kern der Betrachtungen Theodor Schanins ist die Familienwirtschaft, die sich im Rahmen einer mehr oder weniger großen Gemeinschaft, in einer Mischung von Geld- und Tauschwirtschaft und in Ergänzung zur Großproduktion vollzieht. Alexander Nikulin , Leiter von Forschungsprogrammen der genannten „Hochschule für Wirtschaft und Soziales“, konkretisiert die heute zu beobachtenden sozialen Strukturen begrifflich als eine Symbiose zwischen dem Großen und dem Kleinen, zwischen der Gemeinschaftsproduktion und der individuellen Familienwirtschaft. Sie stützen und ergänzen sich gegenseitig, indem die Gemeinschaftsproduktion den Rahmen für die Familienwirtschaft abgibt und die Subsistenzproduktion der Familienwirtschaft die Gemeinschaftswirtschaft von überflüssigem Geldverkehr entlastet.

Neue Arbeitsteilung:
Von der Familie zur selbst gewählten Gemeinschaft

Die wichtige Rolle der Familie in der Vermittlung zwischen Eigenversorgung und kollektiver bzw. industrieller Produktion wirft die Frage nach dem zukünftigen Charakter der Familie, nach einer neuen Arbeitsteilung zwischen Alten und Jungen, zwischen Kopf- und Handarbeiterinnen, insbesondere aber natürlich zwischen Männern und Frauen auf. Von ihrer Entwicklung hängt letztlich ab, ob die bisherigen Verhältnisse sich restaurieren, gar verfestigen oder tatsächlich tief greifend verändern können.

Erste Elemente einer neuen Entwicklung können wir heute erkennen. Die äußeren Anzeichen erscheinen eher banal: Der Eintritt der Frauen in die industrielle Produktion als Ergebnis des Ersten und des Zweiten Weltkrieges hat sie zwischen Herd und Arbeitsplatz gestellt. Das führte zu einer nachhaltigen Lockerung traditioneller Familienstrukturen, insbesondere jener der familiären Eigenversorgung und der traditionellen Frauenrolle darin. Heute schicken sich die Frauen an, die Männer in ihrer Rolle als Familienernährer abzulösen, oder jedenfalls mit ihnen gleich zu ziehen.

Nicht von ungefähr stoßen diese von den Industrieländern des Westens ausgehenden Lebensformen in traditionellen Gesellschaften und auch in traditionell orientierten Gesellschaftsschichten jener Industrieländer, in denen der Lebensunterhalt der Familien trotz aller Tendenzen zu einer Durchkapitalisierung der Gesellschaft noch zu größeren Teilen aus der Selbstversorgung gewonnen wird, auf Ablehnung. Es ist aber unübersehbar, dass die Veränderung der Familienstrukturen in Richtung auf offene Lebens- und Versorgungsgemeinschaften auch diese sozialen Schichten erreicht hat. Das geschah zunächst in der wenig erfreulichen Form einer Vernichtung der traditionellen Basis der Selbstversorgung durch Einführung billiger industrieller Produkte und Herstellung von Lohnabhängigkeit, was zunächst in den heutigen Industrieländern geschah, später aber in wachsendem Maße auch durch Export in die so genannten Entwicklungsländer. Männer und zunehmend auch Frauen zogen in die Städte, um dort Arbeit zu suchen. Ergebnis war die Zerstörung der traditionellen Familienstrukturen, die nicht zuletzt auf der in aller Regel von den Frauen getragenen Subsistenztätigkeit begründet waren.

Eine halbe Emanzipation könnte man diesen Vorgang nennen, der mehr und mehr Frauen in die industrielle Produktion zog, sie aber gleichzeitig der sozio-ökonomischen Basis beraubte, die ihnen ihr traditioneller Platz in der Familie gegeben hatte. Die jetzige Situation unterscheidet sich, wie gezeigt, diametral von der Ausgangslage jener halben Emanzipation: Inzwischen sind die Strukturen, Ressourcen und Kenntnisse der früheren Selbstversorgungswirtschaft weitgehend zerstört. Im Prozess der Neubewertung der Arbeit und einer Neuorganisation der Arbeitsteilung, der heute im globalen Maßstab stattfindet, wird die auf halbem Wege stecken gebliebene Emanzipation gewaltsam zurückgeführt, indem die Menschen – vor allem die Frauen – wieder in die Selbstversorgung gedrückt werden, ohne dass deren Basis wiederhergestellt wäre. Die Alternative dazu lautet: Die halbe Emanzipation muss sich zu einer ganzen entwickeln. Das würde nichts anderes bedeuten, als den Bereich der Selbstversorgung bewusst neu zu entwickeln, dies aber nicht auf Basis der ehemaligen Rollenverteilung, sondern ausgehend von jener Stellung der Frau, die sie durch die Industrialisierung erhalten hat.

Das ist keine Utopie, sondern harte Realität. Denn für jene Art von Arbeit, welche die Industrie und Wirtschaft heute zunehmend anbietet – Feinmechanik, Elektronik, Computertechnologie, chemische und biologische Produktion, Technologie der Kommunikation usw. – sind häufig so genannte weibliche Fähigkeiten gefordert, sodass es auch die Frauen sein können, die den Lohn in die Familie bringen. Statistische Angaben, wonach die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern sich in Deutschland auf über 50% gesteigert hat , und Modelle einer „doppelten Berufskarriere“ oder Formen von gemeinsamer Teilzeitarbeit bzw. „Job-Sharing“ an die Stelle der klassischen Arbeitsteilung von berufstätigem Mann und kinderbetreuender Frau treten , belegen diese Entwicklung. Im Zuge der weiteren Intensivierung industrieller Produktion und der Minimalisierung von Industrieprodukten wird diese Tendenz noch zunehmen. Dass „weibliche“ Fähigkeiten gefordert sind, heißt nicht unbedingt, dass allein Frauen diese Tätigkeiten ausführen müssen. Es bedeutet aber zum einen, dass sie es können und zum anderen, dass die Männer solche Fähigkeiten entwickeln müssen, wenn sie auf gleichem beruflichem Niveau wie bisher bleiben wollen.

Für die Familie – in welcher Form auch immer – bedeutet die heutige Situation, dass erstens nicht mehr alle arbeitsfähigen Familienmitglieder auch Lohnempfänger sind, dass zweitens im Zweifelsfall nicht unbedingt die Männer der Familie die Ernährer sind, und dass drittens innerhalb der Familie in gemeinsamer Beratung entschieden werden muss und auch entschieden werden kann, wer am effektivsten den Part der Lohnarbeit übernimmt, wer sich um die Eigenversorgung kümmert, wie lange diese interne Regelung erhalten bleibt, ob man sich ablöst, wechseln kann. Sie führt zur Frage, in welchem Verhältnis und in welchen Rhythmen Lohnarbeit und Arbeit für die Eigenversorgung bzw. für die soziale und kulturelle Gestaltung in der jeweils gegebenen Lebensgemeinschaft aufgeteilt werden.

Historisch gesehen bedeutet das, dass die am Privateigentum organisierte patriarchale Familie, in welcher der Mann als Eigentümer oder Lohnempfänger das Haupt der Familie war, in eine gemeineigentümlich organisierte übergehen wird. In ihr haben Männer keine Vorrechte auf Grund der bestehenden Eigentums- bzw. Einkommensverhältnisse, sondern müssen sich mit den Frauen je nach ihren Lebensumständen absprechen. Eine solche Gemeinschaft sprengt zwangsläufig auch den Rahmen der heute üblichen Kleinfamilie. Sie organisiert sich vielmehr als selbst gewählte Versorgungsgemeinschaft. Man könnte sie auch als Wahlfamilie bezeichnen.

In Russland, wo die traditionellen Gemeinschaftsstrukturen heute so radikal in Frage gestellt werden, dass kein Stein auf dem anderen bleibt, und wo sich die Familie in nur einem Jahrhundert von der traditionellen Großfamilie über die radikale Emanzipation der „freien Liebe“ zur Dogmatisierung der Kleinfamilie als Zelle des Staates bis zur Wiedergeburt der Großfamilie in Gestalt der jetzigen Not- und Versorgungsgemeinschaften entwickelte, lässt sich der Wandel, dem die Familie heute weltweit unterworfen ist, besonders gut beobachten. Denn auch dieser Wandel vollzieht sich dort in extremen Formen und sozusagen im Schnellkurs.

Russlands Sonderrolle beendet?

Man könnte meinen, mit dem Ende der Sowjetunion sei die Sonderrolle Russlands ausgespielt und alles könne nun seinen „kapitalistischen Weg“ gehen, auf dem auch Russland sich einfinden werde, „wie alle zivilisierten Staaten“. Der Einwand liegt nahe, ist üblich und verständlich, nur hält er der geschichtlichen Dialektik nicht stand: Zweifellos wird Russland selbst wohl noch lange mit einer Dynamik der Individualisierung konfrontiert sein, denn trotz der heute dort entstehenden Mischformen ist die während der letzten siebzig Jahre mit Gewalt erzwungene Verstaatlichung und die damit einhergehende Diskreditierung der kollektiven Traditionen nicht einfach abzuschütteln. Ebenso zweifellos aber bringen die westlichen Gesellschaften durch ihre schon seit langem fortschreitende ökonomische Atomisierung und soziale Anonymisierung eine aktuelle wirtschaftliche Notwendigkeit und ein tiefes kulturelles wie mentales Bedürfnis nach Zusammenschluss, nach gegenseitiger Hilfe der aus dem Produktionsprozess Ausgestoßenen, das heißt nach Wiederanschluss an einen gemeinschaftlichen Prozess der Herstellung der Lebensgrundlagen hervor. Der globale Privatisierungsschub, der dem Zusammenbruch der Sowjetunion sowie dem Zerfall der westlichen linken und im weiteren Sinne sozialdemokratischen Bewegungen folgte, verstärkt diese Tendenz. Gleichzeitig entfiel der immerhin über mehrere Generationen bestehende Zwang zur Abgrenzung vom sowjetischen Modell. Dies alles führte in den letzten Jahren in ehemals dem globalen „Westen“ zugeordneten Gesellschaften zu einem Boom von Gemeinschaftsbildungen der vielfältigsten Art. Diese Entwicklung hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht.

Auch die Gegenbewegungen in Russland selbst sind sehr komplexer Natur: Während von Staats wegen ein Privatisierungskurs gefahren wird, äußert sich in der sozio-ökonomischen Substanz von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft eine an die kollektiven Traditionen gebundene Resistenz gegen dessen praktische Konsequenzen, die faktisch zu einer Stabilisierung gemeinwirtschaftlicher Strukturen führt. Ganz abgesehen davon, dass das russische Budget heute zu 60% aus den Einnahmen der endlichen Rohstoffe Gas und Öl resultiert und die Ernährung der Bevölkerung, wie schon erwähnt, zu ebenfalls 60% auf der regenerativen familiären Zusatzwirtschaft basiert. Diese Tatsachen lassen erkennen, wohin Russland sich – ungeachtet des ideologischen Drangs nach westlichen Formen der Modernisierung – auf Dauer bewegt.

Zweifellos ist dieser zeitliche Übergangsbereich nicht auf den geografischen Raum der ehemaligen Sowjetunion beschränkt und sicherlich vollzieht sich dieser Prozess nicht geradlinig. Keineswegs sind alle sozio-ökonomischen Zwischenformen, die wir in Russland oder anderswo heute entstehen sehen, gleich auch gelungene Zukunftsentwürfe. Es wird viele Experimente und manche Irrwege geben, die lediglich Altes wieder aufwärmen und über kurz oder lang verworfen werden. Man muss schon sehr genau hinschauen, um zukunftsfähige Gemeinschafts-Ansätze von vorübergehenden Gelegenheitszusammenschlüssen, bloßen Ellbogen-Vereinigungen oder gar rechten Pressure-Groups unterscheiden zu können.

Der Spielraum der Versorgungsgemeinschaft

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, lautet die Essenz in Schillers „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Ich denke, Emanzipation von der Lohnarbeitsgesellschaft ist da erreicht, wo dieser Satz ohne Diskriminierung ausgesprochen und auch gelebt werden darf. Den Raum dafür muss die Versorgungsgemeinschaft schaffen.

Letztlich ist die Krise der Lohnarbeitsgesellschaft als Chance zu begreifen, endlich zu einem Zusammenleben zu gelangen, wie nicht nur Schiller es sich erträumt hat. Ansätze, Möglichkeiten und lebendige Beispiele gibt es allerorten. Dies ist mit der Aufforderung gemeint, aus der Not eine Tugend zu machen. Heute geht es nicht mehr darum, neue Utopien zu formulieren, sondern zu konkretisieren, was lange schon als notwendig erkannt ist, und die vielen Ansätze, die es zu dessen Verwirklichung bereits gibt, ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Um auch jene aufzurütteln, die den Ernst der Lage noch nicht verstanden haben und denen Mut zu machen, die glauben, sie könnten nichts ändern, weil sie allein stünden. Dieser Weg ist – wie Elmar Altvater richtig formuliert hat – kein „Sturm auf den Winterpalast“ , er ist vielmehr ein lang andauernder Prozess der kulturellen Umbewertung und Umwälzung. Dazu gibt es aber keine Alternative. Der Gewinn liegt in einer unmittelbaren Erhöhung der Lebensqualität, jedenfalls sofern man darunter etwas anderes versteht, als einen sich selbst auf immer höherer Stufenleiter reproduzierenden Konsum, nämlich Freude am eigenen Leben und an der Lebensfreude anderer.

Erscheint als Buch
Herausgegeben von Attac Österreich im Herbst 2005

 

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de