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Organisation und Verteilung in der Grundeinkommensgesellschaft oder auch: Begriffe neu denken

Die Debatte um die Krise der Lohnarbeitsgesellschaft hat eine neue Intensität erreicht. Dabei rückt die Forderung nach Einführung eines Grundeinkommens als mögliche Lösung des Problems zunehmend in den Vordergrund. Der Kongress, der im Oktober 2005 in Wien zu diesem Thema stattfand, hat Menschen aus verschiedenen Lagern zusammengeführt. Das wundert nicht, ist die Aktualität des Themas Grundeinkommen doch so offensichtlich wie die dahinter stehende Krise der Gesellschaft und die daraus resultierende aktuelle Regierungskrise . Auch zur ökonomischen Machbarkeit des Grundeinkommens und den aus seiner Einführung zu erhoffenden Impulse der Entbürokratisierung sind bereits reichlich Anstöße gegeben worden, nicht zuletzt der interessante Vorschlag, das benötigte Finanzvolumen aus einer einzigen, nämlich der Konsumsteuer zu gewinnen. Das muss an dieser Stelle nicht alles wiederholt werden Das Gleiche gilt für Kritiken, die die Forderungen nach einer Einführung des Grundeinkommens als „falschen Traum vom Schlaraffenland“ verwerfen. Ohne Umschweife kann dieser Text sich daher auf die Frage konzentrieren, unter welchen Umständen die Einführung eines Grundeinkommens einen Sinn hätte, wie eine Gesellschaft mit eingeführtem Grundeinkommen konkret aussehen könnte und wie dorthin zu gelangen wäre.

Konkret zu werden heißt natürlich nicht konkretistisch zu werden, deshalb sei trotz scheinbarer Klarheit doch noch Einiges vorausgeschickt: Armutsbekämpfung in der gegenwärtigen Situation des Sozial-Abbaus ist wichtig, unerlässlich und schon aus Gründen der Solidarität geboten, aber Armutsbekämpfung allein, selbst der Kampf für Umverteilung, wenn sie bei der bloßen Forderung nach gerechter Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums stehen bliebe, wäre dazu verurteilt, die Verhältnisse zu stabilisieren, die für die Krise ursächlich sind. Die Rede ist von der so genannten Wachstumsgesellschaft, die heute allseits als Ausweg aus der Krise beschworen wird, denn klar ist ja, dass sich hinter der Ideologie von der Wachstumsgesellschaft nichts anderes verbirgt als die ungebremste Selbstverwertung des Kapitals. In dieser Gesellschaft dient die Produktion nicht mehr der Befriedung von Bedürfnissen, sondern Bedürfnisse werden produziert, um die Selbstverwertung des Kapitals zu ermöglichen, während eine zunehmende Anzahl von Menschen als überflüssig aus dem Produktionsprozess und damit aus der Gesellschaft hinaus gedrängt werden. Der Staat, seit der französischen Revolution ohnehin mehr und mehr zum geschäftsführenden Ausschuss der Wirtschaft geworden, wird heute in zunehmenden Maße zum bloßen Handlanger dieses Prozesses. Das viel beschworene Wachstum, weit entfernt davon eine Lösung der Krise sein zu können, erweist sich als deren Quelle. Wir befinden uns in einer Wachstumskrise. Eine Überwindung dieser Krise, die zu einem zukunftsfähigen sozialen Organismus führen soll, resultiert daher nicht aus einer staatlich garantierten Grundsicherung allein, mag sie nun Mindestlohn, Bürgergeld oder bedingungsloses Grundeinkommen genannt werden. Eine zukunftsfähige Lösung muss die Diktatur der Selbstverwertung des Kapitals mit seiner Ideologie des Wachstums um des Wachstums willen grundsätzlich hinter sich lassen, wenn sie nicht zu einer allgemeinen Almosenzuteilung verkommen soll, die die bestehenden Verhältnisse fixiert, statt sie zu verändern. Eine soziale Struktur muss entstehen, die die Schere zwischen dem Anwachsen der Produktivität in der industriellen Produktion und einer relativ dazu sinkenden Zahl bezahlter Arbeitsplätze so organisiert, dass die frei werdenden Kapazitäten der Arbeit mehr und nicht weniger Freiheit und Lebensqualität bringen und zwar für die gesamte Gesellschaft nicht nur für einzelne ihrer Glieder. Eine solche Entwicklung aber geht über bloßes Wachstum, wie es von den herrschenden Kreisen heute gepredigt wird, hinaus; sie zielt auf Verhältnisse, in welcher Staat und Gesellschaft nicht mehr identisch sind mit einer Produktion, welche die materiellen Grundlagen und traditionellen Fähigkeiten zur Selbstversorgung zerstört und sie durch industrielle Produkte ersetzt, sondern in der auf dem Niveau des heutigen technologischen Standes eine neue Symbiose von Produktion und gemeinschaftlicher Selbstversorgung sowie deren Vermittlung miteinander entsteht und bewusst gefördert wird. Damit knüpft die heutige Entwicklung an vorindustriellen Verhältnissen an, die sie auf dem Niveau der technisch entwickelten Moderne wieder aufgreift. Generell gesprochen, verwirklicht sich darin die ökologische Orientierung unserer Zeit.
Konkret werden in der Frage der möglichen Einführung eines Grundeinkommens bedeutet deshalb zunächst einmal die Beziehung von Wirtschaft, Staat und geistiger Orientierung neu zu denken, zweitens bedeutet es, gezielt nach Keimen von Alternativen zu suchen und drittens mögliche Schritte jetzt und hier gemeinsam setzen.

Begriffe neu denken

Zunächst ein paar Klarstellungen zur Wirtschaft, die noch einmal benennen, was eigentlich schon längst bekannt ist, aber doch immer wieder übersehen wird: Die Krise der Lohnarbeit ist kein Betriebsunfall des Kapitalismus; Lohnarbeitslosigkeit ist dem Kapitalismus immanent; sie ist eine Bedingung seines Funktionierens, insofern die Lohnarbeitslosen als industrielle Reservearmee den Preis der Arbeitskraft als Ware drücken. Die neuere Entwicklung in Deutschland stellt zunächst nur diesen Normalzustand des Kapitalismus wieder her, der durch die deutsch-deutsche Ausnahmesituation verdeckt war. Darüber hinaus jedoch ist das aktuelle Ausmaß der Lohnarbeitskrise ein Signal dafür, dass die Entwicklung des Kapitalismus ein neues Stadium erreicht hat. Sie lässt erkennen, dass durch die Zunahme der Produktivität über die notwendige Arbeit hinaus frei verfügbare Arbeits-Potenzen entstehen, die für die soziale und moralische Entwicklung der Gesellschaft genutzt werden können – wenn die Lohnarbeitslosen nicht als Gefangene gehalten, sondern frei gelassen werden. Man mache sich doch noch einmal klar: Unsere deutsche Gesellschaft ist heute in der Lage, sich fünf, die statistisch versteckten mitgerechnet, sieben Millionen Lohnarbeitslose zu leisten, ohne dabei zusammenzubrechen, nicht gerechnet diejenigen, die ohnehin auf den Arbeitsämtern nicht erfasst sind wie Hausfrauen, Alte, Kinder usw. Das ist ein ungeheueres Potential, das der Gesellschaft in pflegerischer, sozialer und kultureller Weise zugute kommen, auch in den notwendigen ökologischen Umbau und in aktive internationale Projekte eingehen könnte, wenn die Gesellschaft, heute repräsentiert durch den Staat, bereit wäre, die Lohnarbeitslosen frei zu lassen. Die Forderung nach der Einrichtung eines Grundeinkommens für alle weist in die richtige Richtung; es muss aber klar gesagt werden, dass die damit verbundene Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums auf eine zwar tendenzielle, aber doch grundsätzliche Umwälzung der gesellschaftlichen Organisation hinausläuft. Darüber hinaus muss der Empfang eines Grundeinkommens mit einer Anbindung des Einzelnen an einen sozialen Körper gekoppelt sein, über die Grundabsicherung sich mit der nach wie vor notwendigen Lohnarbeit, mit den neu zu entwickelnden Elementen der gemeinschaftlichen Selbstversorgung und der Versorgung anderer in sozialer Verantwortung verbinden kann. Dafür braucht es eine andere soziale Grundorganisation als die heute herrschende.

Im Kern bedeutet das, den Staat neu zu denken: Dabei geht es nicht nur um weniger Staat, wie es sich bei Einführung eines Grundeinkommens aus dem Abbau der gegenwärtigen Reglementierung der sozial Bedürftigen, insbesondere der Lohnarbeitslosen, aus der Vereinfachung des Steuersystems usw. erwartungsgemäß ergeben könnte, vielmehr geht es um einen anderen Staat. Die Krise der Lohnarbeitsgesellschaft ist ja zugleich die Krise des Sozialstaates, der die Versorgung seiner Mitglieder nicht mehr garantieren kann, obwohl die Produktivität des Wirtschaftslebens es mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit erlauben würde; stattdessen wandelt sich der Staat zunehmend zum Instrument einer privilegierten Minderheit, die das Leben einer wachsenden Zahl von Menschen einschränkt, illegalisiert und sogar existenziell gefährdet. Statt eines Rückzuges des Staates, der durchaus zu begrüßen wäre, wenn es darum ginge, autoritäre Auswüchse des Fürsorgestaates bismarckscher, faschistischer oder auch sowjetischer Prägung weiter abzubauen, erleben wir den Ausbau des Staates zu einem sich tendenziell totalisierenden Sicherheitsstaat, der privilegierte Minderheiten vor dem Protest einer marginalisierten und unterprivilegierten Mehrheit im nationalen, im europäischen und globalen Rahmen schützen soll. Der Forderung nach einem allgemeinen Grundeinkommen muss daher der ergänzende Einsatz für einen Funktionswandel des Staates zur Seite stehen. Zu fordern ist eine Entstaatlichung der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Abbau repressiver Kontrollen, Dezentralisierung und Förderung von Selbstorganisation, Unterstützung von Selbstbestimmung und Selbstversorgung. Am Ende eines langen Weges kann so ein anderer Staat stehen, auch wenn die zur Zeit herrschenden Kräfte dies mit Gewalt zu verhindern trachten werden.

Damit sind wir beim dritten Element, das es neu zu denken gilt, dem ethischen Um- und Aufbruch: Die Krise der Lohnarbeitsgesellschaft und die Krise des Sozialstaats verbinden sich in der Sinnkrise der modernen Gesellschaft, die sich daraus ergibt, dass viele traditionelle ethische Grundsätze keine Verbindlichkeit mehr haben und noch vorhandene ethische Schutzräume durch die Globalisierung der Kommunikation aufgerissen werden. Der aktuelle Terrorismus – antistaatlicher wie staatlicher – ist der schärfste Ausdruck dieser Entwicklung. Er fordert durch sein wütendes Bestehen auf Vorhandenem, herkömmlichen Traditionen wie herrschenden Verhältnissen, eine ethische Neubesinnung heraus, die von bisherigen Leitsätzen der Art: ‚Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ zu einem ‚Liebe Deinen Nächsten und die Welt um Dich herum wie Dich selbst’ fortschreitet. Das neue Verständnis entspricht dem Stand des heutigen globalen Bewusstseins von der Erde als lebendigem Teil der kosmischen Ordnung. Für die Einbeziehung solcher ethischer Fragestellungen in die Suche nach Alternativen muss man heute öffentlich eintreten, um die in der Erziehung, in der Bildung, in der Wissenschaft, ebenso wie in der Politik geltenden staatsideologischen Tabus und die heute übliche platte Ökonomisierung des Lebens aufzubrechen und den wirtschaftlichen sowie den staatlichen Kategorien die ethischen gleichberechtigt zur Seite zu stellen.

In der Konsequenz bedeutet dies alles, dass Wirtschaft, Staat und geistige Orientierung der Gesellschaft wie die des Einzelnen in eine neue Beziehung zueinander gebracht werden müssen. Es darf nicht einem dieser drei Elemente gesellschaftlichen Seins die Priorität vor den anderen beiden eingeräumt werden, bzw. weiter eingeräumt bleiben, wie es sich in unseren heutigen Gesellschaften darstellt, die entweder von der Wirtschaft oder vom Staat oder vom Klerus in hierarchischer, autoritärer, nicht selten diktatorischer Weise dominiert werden. Es muss vielmehr einer Entwicklung zum Durchbruch verholfen werden, in der die drei genannten Elemente in einen gleichberechtigten Austausch bei gegenseitiger Kontrolle kommen – wobei klar ist, dass keins der drei Elemente – Wirtschaft, Staat, geistige Orientierung – in reiner Form existiert. Elemente des einen sind immer auch in den anderen enthalten, aber es muss ein gesellschaftlicher Organismus angestrebt werden, in dem sich die drei Elemente in einem dynamischen Gleichgewicht halten.
Die Form, in der dieses Gleichgewicht an der Basis der Gesellschaft EINGEÜBT werden kann, ist die selbst gewählte Versorgungsgemeinschaft, in welcher industrielle Produktion und gemeinschaftliche Selbstversorgung, Lohnarbeit und frei bestimmte eigene Tätigkeit, Geld- und Tauschverkehr, individuelle und gemeinschaftliche Emanzipation auf dem Niveau der heutigen technischen Entwicklung eine Symbiose eingehen und sich im Konsens der Mitglieder der Gemeinschaft miteinander ausgleichen können. Die Versorgungsgemeinschaft schließt dabei alle bisher entwickelten Formen des Zusammenlebens ein und hebt sie auf die Ebene einer arbeitsteilig organisierten gemeinsamen Versorgungs- und Lebensbasis. Das schließt Beziehungen zwischen Stadt- und Landbewohnern mit ein, ebenso wie die pflegerischen, die kulturellen, die künstlerischen und die wissenschaftlichen Arbeiten, die unter solchen Umständen nicht mehr dem Lohndiktat allein und tendenziell überhaupt nicht mehr unterworfen sind, sondern in wachsendem Umfang aus der Kapazität frei verfügbarer Arbeitskraft einer Gemeinschaft entwickelt werden können. Form und Größe der Versorgungsgemeinschaften können sehr unterschiedlich sein; es gibt Unter- und Obergrenzen. Darüber ist gesondert zu reden. Letztlich sind sie experimentell zu ermitteln; das gilt auch für die Netzwerke, in denen die Gemeinschaften sich miteinander organisieren.

An den heutigen Staat ist die Forderung zu stellen, die Bildung solcher selbst gewählter Versorgungsgemeinschaften zu unterstützen, indem die Auszahlung des personengebundenen Grundeinkommens über die gemeinsame Ökonomie der Versorgungsgemeinschaften abgewickelt wird statt – wie jetzt – das Zusammenleben mit Partnerinnen oder Partnern, die Lohneinkommen haben, zum Grund eines Ausschlusses aus der sozialen Unterstützung zu machen und die Bürokratie zum Kontrolleur über die Einhaltung dieser Bestimmungen zu ermächtigen. Über die Forderung nach aktiver Unterstützung von Gemeinschaften kann auf eine schrittweise Verwandlung des Staates in Richtung seiner neuen Funktionen als Förderer eines Netzwerkes von kleinen und größeren Versorgungsgemeinschaften hingewirkt werden. Wer keiner Versorgungsgemeinschaft angehören möchte, muss sich selbst um die Auszahlung seines Grundeigentums kümmern. Niemand soll jedoch zur Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft gezwungen werden, nur weil er sonst vom Bezug eines Grundeinkommens ausgeschlossen wäre; es ist aber offensichtlich, dass eine Versorgungsgemeinschaft mit der Summe der Grundeinkommen aller ihrer Mitglieder wirtschaftlich und von der Lebensqualität her besser dasteht als eine Einzelperson.

Ergänzend zur finanziellen Form des Grundeinkommens wäre jedem Mitglied der Gesellschaft im Übrigen ein unkündbares Nutzungsrecht an Grund und Boden bei der Geburt mitzugeben, das gegen Grund und Boden an anderen Orten (in anderen Gemeinschaften oder zur Bildung von Gemeinschaften, auch Stadt-Land-Beziehungen) getauscht, aber nicht gegen Geld oder Ware veräußert werden kann. Einzelpersonen werden nie mehr Land zur Verfügung haben als ihr ursprüngliches Nutzungsrecht ihnen mitgibt; ihr Grundrecht befähigt sie zur Unterhaltung eines Stadtgartens oder einer gärtnerischen Parzelle auf dem Lande; landwirtschaftlich nutzbare Großflächen ergeben sich dann aus der Bildung von Gemeinschaften, wobei die Form der Gemeinschaft sehr variabel, auch ortsübergreifend (z.B. Stadt/Land) sein kann. Entscheidend ist allein, dass die Versorgungsgemeinschaft eine Symbiose aus Lohnarbeit und kollektiver Selbstversorgung herstellt, die sich im Rahmen der Gemeinschaft so ausgleichen, dass die entstehenden freien Kapazitäten den Einzelnen wie der Gemeinschaft zugute kommen.

Nach Keimen von Alternativen bewusst und gezielt suchen

Keime des oben skizzierten sozialen Organismus sind heute bereits allseits erkennbar. Sie können sich zu zukunftsfähigen Strukturen entwickeln, wenn der spontane Prozess bewusst ergriffen und gefördert wird. Mehrere Entwicklungsschübe sind bereits zu unterscheiden:
– In der ersten großen Krise nach dem 2. Weltkrieg (zwischen 1960 und 1970) entstanden neue kommunale Lebensformen im Zuge der aus den USA kommenden New age, danach in der europäischen APO- und Kommunebewegung. Nicht wenige der damaligen Kommunen haben physisch bis heute überlebt: ihr eigentliches historisches Ergebnis war aber vor allem der geistige Impuls für eine andere Lebensweise. Dies war interessanterweise nicht nur in im Westen so, sondern hatte seine Entsprechung auch im „sowjetischen Frühling“.
– In der zweiten Krise, die aus dem Zusammenbruch, besser gesagt, der Öffnung des sozialistischen Innenraums, noch genauer des sowjet-sozialistischen Fürsorgestaates resultierte, ging ein weiterer Impuls der Erneuerung für die globale Gemeinschaftsbildung aus. Widersprüchlich in sich selbst ging dieser Impuls zunächst als Liberalisierungs-, Individualisierungs- und Privatisierungsschub um die Welt und tut dies immer noch. In seinem Gefolge fördert er jedoch zunächst im russischen Raum, aber darüber hinaus überall in der Welt die Bildung von Überlebens- und Notgemeinschaften, die jenseits von Sozialismus oder Kapitalismus eine Symbiose von Produktion und Selbstversorgung herausbilden. Die heutige russische Entwicklung bietet die anschaulichsten Beispiele für diese Entwicklung.
– Inzwischen kommen wir in die dritte Phase, in der der Sozialstaat westlichen Typs in einen Sicherheitsstaat überzugehen droht, der die Welt aufteilt in die, die von ihm versorgt und die, die von ihm ausgegrenzt werden. (siehe Hartz IV, Nordafrika etc. pp.) Im Gegenzug entstehen Ansätze zu Not- und Überlebensgemeinschaften, die nach alternativen Wegen der Versorgung und des Zusammenlebens suchen.

Die drei genannten Bereiche sind historisch voneinander getrennt; die Trennung hat zu eingeschränkter Wahrnehmung der Generationen voneinander und auch der Gruppen innerhalb der Generationen geführt. In der Folge existieren Notgemeinschaften, Kommunen, Versorgungsgemeinschaften aus den drei Phasen und aus verschiedenen Gegenden und Ländern unverbunden neben- und nacheinander – in Deutschland, in Europa wie auch global. Zum Einen ist das Ausdruck ihres basisorientierten, informellen, nicht-staatlichen Charakters und insofern gut und richtig, weil es dem herkömmlichen Staatsverständnis eine plurale Realität der Selbstorganisation von neuen Gemeinschaften entgegensetzt, andererseits ist die neue soziale Realität, die sich in den Gemeinschaftsbildungen andeutet, als eine die Zukunft gestaltende Kraft noch nicht zum öffentlichen Bewusstsein gekommen. Dieser Schritt steht jetzt an; die aktuelle Krise fordert dazu auf.
Ein wesentliches Element aktueller Aktivitäten dürfte die bewusste Wahrnehmung der spontan sich entwickelnden Ansätze, deren gezielte Vernetzung miteinander und die Darstellung in der deutschen, der europäischen und darüber hinaus in der internationalen Öffentlichkeit sein. Die Debatte um die mögliche Einführung eines Grundeinkommens gewinnt in diesem Zusammenhang ihre Bedeutung. Ohne diesen Zusammenhang, der ja auch beinhaltet, dass bisherige Abhängigkeiten vom repressiven Fürsorgestaat in operativer Weise Schritt für Schritt durch selbst bestimmtes Handeln abgebaut werden, besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft durch die Einführung eines Grundeinkommen in eine Ansammlung von passiven Individuen zerfällt, die nur noch durch den Empfang der Staatsknete zusammengehalten werden. Das aber liefe auf eine Fortsetzung der jetzigen Verhältnisse unter wachsender staatlicher Kontrolle hinaus, in der sich wirtschaftliche, staatliche und politisch-ideologische Definitionsmacht, genereller gesprochen geistige Führung zu einem Monstrum der Herrschaft verbänden, hinter dem Orwells Großer Bruder als Zwerg zurückbliebe.

Eine besondere Rolle, dies sei zum Schluss noch einmal ausdrücklich betont, spielen die nach-sozialistischen, insbesondere die russischen Formen von Gemeinschaftsbildung, weil sie – im Maßstab eines ganzes Landes, genauer, der Hälfte der vorher systemgeteilten Welt – nicht mehr sozialistisch, aber auch nicht mehr kapitalistisch sind – sondern über diese Polarisierung hinausgehen. Dabei können sie zudem noch auf Gemeinschaftsstrukturen zurückgreifen, die über hunderte von Jahren gewachsen sind. In der daraus resultierenden Entwicklung zeigt sich die entstehende neue Symbiose von Industrieproduktion und modernen Formen der Selbstversorgung am klarsten; in ihr wird ein Zukunftspotential erkennbar, das sich in anderen Ländern erst andeutet, weil dort die Zerstörung der traditionellen Selbstversorgungsstrukturen weiter, teils bis zur fast vollständigen Vernichtung vorangeschritten ist.

Konkrete Schritte

Zum Abschluss vor allem eins: Die Entwicklung der oben skizzierten Gesellschaft ist kein einmaliger gewaltsamer Akt der Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse nach dem Muster früherer Revolutionen. Ein solcher Akt würde nur die Vorzeichen vor den weiter bestehenden Grundverhältnissen ändern. Die Entwicklung vollzieht sich vielmehr als Ergebnis eines grundsätzlichen kulturellen Umdenkens und konkreter Schritte an der Basis des alltäglichen Lebens. Wahrnehmung der spontanen Ansätze zu Alternativen, Learning by doing, Erweiterung der Voraussetzungen durch die Praxis, ständige Überprüfung der Entwicklung durch systematische Analyse des Erreichten bezeichnen dabei die Hauptlinie, an der die Entwicklung sich notwendigerweise ausrichten muss. Im Vordergrund muss dabei die Kritik des Wachstumsdiktats und die sachliche Beweisführung stehen, dass andere als die zur Zeit üblichen Wege der Versorgung und der Organisation des Lebens auf Grundlage der heute gegebenen Produktivität unserer technisch-industriellen Zivilisation möglich sind. Marxistisch gesprochen ist nachzuweisen, dass der erreichte Stand der Entwicklung der Produktivkräfte andere als die bisher geltenden Produktionsverhältnisse nicht nur ermöglicht, sondern sogar fordert; man muss ihnen nur zum Leben verhelfen, dann werden Entwicklungen möglich, die unter der Fessel der alten Verhältnisse undenkbar schienen. Das gilt vor allem für die neue Symbiose von Produktion und Selbstversorgung und die damit verbundene Weiterentwicklung der Beziehungen von Wirtschaft, Staat und geistiger Orientierung des Einzelnen in der Gesellschaft.
Unbedingter Bestandteil dieser Orientierung ist daher, im eigenen Handeln die Entflechtung, wie auch die gegenseitige Befruchtung und Kontrolle von Wirtschaft, Staat und geistiger Führung experimentell anzulegen, auszuprobieren und vorzuleben, das heißt, sich selbst auf allen Ebenen, auf denen sich Möglichkeiten dazu bieten, zu Versorgungsgemeinschaften der unterschiedlichsten Art zusammenzufinden, die Symbiose von Lohnarbeit und gemeinschaftlicher Selbstversorgung aktiv zu entwickeln, die entstehenden Gemeinschaften zu vernetzen und Förderungen für die Entwicklung von Gemeinschaften aus den jetzigen staatlichen Strukturen einzuholen.
Die Forderung nach Einführung eines Grundeinkommen muss zudem mit einer unmissverständlichen Kampagne gegen die Illegalisierung der Lohnarbeitslosen verbunden, die Einführung einer ökologisch orientierten Gemeinschaftsethik als Unterrichtsfach in Schulen, Universitäten und sonstigen Bildungsstätten gefordert und gefördert werden. Ignoranz, Diffamierungen, Behinderungen, Störungen, Gegenmaßnahmen, aktive und auch gewaltsame Versuche der Unterbindung der skizzierten Entwicklung seitens der Nutznießer der gegenwärtigen Verhältnisse werden nicht ausbleiben. Antworten darauf müssen, soweit irgend möglich, aus der ethischen Orientierung, durch sachliche, sprich ökonomisch vorführbare Überzeugung und durch die Demonstration von Lebensqualität gegeben werden, die sich aus einer anderen, ökologisch orientierten Organisation des Lebens ergibt, wenn diese andere Organisation glaubhaft werden und die Zahl der Opfer auf dem Weg dorthin so niedrig wie möglich gehalten werden soll. Es gibt noch viel, was konkretisiert werden muss, aber das muss einem nächsten mal überlassen bleiben, wenn einiges schon wieder klarer geworden ist.

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Verlag Pforte, 100 Seiten, erscheint im April 2005, Preis: 9,50 €

Erotik des Informellen -
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aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus
Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation
Alternativen für eine andere Welt, „edition 8“/ Zürich, ISBN 3-85990-049-8 192 Seiten, Preis: 17 Euro

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de