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Pussy Riot – ein Mythos entsteht

Zwei Jahre Lagerhaft, die U-Haft von 5 Monaten wird angerechnet. Eine Berufung ist möglich. Das war das vorläufige Ergebnis des Prozesses gegen die drei Frauen der Aktionsgruppe „Pussy Riot“, die im Zusammenhang mit den Frühjahrsprotesten gegen die Wiederwahl Wladimir Putins den Altarraum der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau gestürmt hatten, wo sie in einem „Punk-Gebet“ die Mutter anflehten Putin zu vertreiben.

Eine Abmilderung des Urteils im Revisionsverfahren ist wahrscheinlich; das Signal aber ist gesetzt. Der Staat zeigt Härte, der Widerstands dagegen ist programmiert. „No paseran“, sie werden nicht durchkommen lautet die Parole, die „Pussy Riots“ der Welt präsentieren.

Die westliche Öffentlichkeit zeigt sich empört über den Prozess. In Rußland sorgt das Urteil gegen die drei Frauen der Band für heftige Irritationen, die die Gesellschaft spalten, genauer gesagt, die eine tiefe Spaltung der Gesellschaft sichtbar machen. Umfrageergebnisse zu dem Ausgang des Prozesses schwanken wie üblich. Sie liegen zwischen fünfzig- und siebzigprozentiger Zustimmung seitens der Bevölkerung zu dem Urteil. Als unübersehbare Tatsache aber darf man annehmen, daß mindestens die Hälfte, wenn nicht die Mehrheit der Bevölkerung das Urteil gutheißt; fünfzehn bis zwanzig Prozent sind dagegen, der Rest unentschieden. Anders als die westliche Berichterstattung suggerieren will, ist dies aber nicht etwa  das Ergebnis einer Gehirnwäsche der ländlichen Bevölkerung durch die Putin-Administration, die zu einer blockartigen Konfrontation der Art „dumpfe Provinz“, aufgeklärte Städte geführt hätte, sondern das Pro und Contra zieht sich durch alle gesellschaftlichen sowie geographischen und ethnischen Schichtungen des Landes. Selbst aus den Amtsstuben russischer Bürokraten kamen Solidaritätsbekundungen für die Angeklagten.

Die Positionen, die in Rußland gegenüber dem Kirchen-Auftritt der Gruppe eingenommen werden, reichen von „geschmacklos“, aber „eher zu vernachlässigen“ bis zu schroffer Ablehnung, die in der Aktion einen Angriff auf die moralischen und religiösen Grundwerte einer zivilisierten Gesellschaft sieht, gegen den mit aller Härte vorgegangen werden müsse. Dem stehen Einschätzungen gegenüber, die Aktion richte sich gegen die Tendenz einer „Iranisierung“ der russischen Gesellschaft, die durch die „Männerfreundschaft“ zwischen Putin und dem Moskauer Metropoliten der orthodoxen Kirche, Kyrill I. betrieben werde. Die beiden wollten einen autoritären Gottesstaat, basierend auf nicht überwundener sowjetischer Nostalgie errichten. Die Aktion sei daher als notwendige Selbstbefreiung von den noch nicht überwundenen Sowjetfesseln zu verstehen, als Signal für den überfälligen wahrhaften revolutionären Aufbruch des Landes. Staat und Kirche, Putin und Kyrill I. sind das Feindbild.

Andere Stimmen – und dies interessanterweise durchaus aus der „Provinz“ -  lehnen zwar die provokative Form der Aktion, ebenso wie die dahinterstehenden feministisch-anarchistischen Positionen der „Pussy Riots“, wie überhaupt jede auf Aufruhr zielende öffentliche Aktivität ab, sind aber dennoch der Meinung, daß „die Mädchen“ vor einem überreagierenden, plump und dümmlich regierenden Staatsapparat geschützt werden müßten.

Ein Blick auf das Selbstverständnis von „Pussy riot“ gibt all dem Nahrung – je nachdem von wo aus man auf sie schaut. Seit ihrem ersten Auftreten im Oktober 2011 machte die Gruppe im Zusammenhang mit den gegen Putin entstehenden Protesten durch provokative Auftritte von sich reden, durch Besetzung von Plätzen, durch eine öffentliche Aktion „Küßt die Polizei“, in deren Verlauf ihre Aktivistinnen auf öffentlichen Plätzen, in der Metro und sonstwo küssend über männliche und weibliche Polizisten herfielen, nicht zuletzt auch durch ein „love in“, bei dem sie öffentlich kollektiven Geschlechtsverkehr demonstrierten. Sie verstehen ihre Aktionen in der Tradition der amerikanischen „Riot Grrrl“ als grundsätzlichen Protest gegen eine patriarchal verknöcherte  Gesellschaft, die sie aufbrechen wollen.

Kurz gesagt, um es für deutsche Leser leichter faßbar zu machen, die Gruppe Pussy Riot ist heute in Rußland ungefähr das, was Fluxus, was Happening-Aktivisten und was schließlich die Kommune I, Kommune II und andere im Rahmen der außerparlamentarischen Oppposition, kurz APO, in der Bundesrepublik der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts waren: Radikale Vertreter einer jungen Generation, für die der aktionistische Tabubruch das Mittel war, „Den Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ aus den Universitäten, der Gesellschaft und aus dem Staat zu vertreiben.

Man erinnere sich daran, mit welcher autoritären Schwere die etablierte deutsche Gesellschaft seinerzeit auf diese Provokationen reagierte, bevor sie es schaffte, die Welle dieser antiautoritären Proteste als „Kunst“ und als sozialdemokratische und grüne Erneuerung zu integrieren. Nicht nur Aktionisten der Kommune 1 wie Karl Pawla, der seine Notdurft im Gericht besorgte, wie Fritz Teufel, der ein „Attentat“ auf den US-Vizepräsidenten verübte, indem er ihn mit Pudding bewarf und andere mehr wurden inhaftiert, es wurde von staatswegen auch ein Klima der Hetze, der Verfolgung und der Konfrontation erzeugt, das über den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, das Attentat auf Rudi Dutschke bis hin zum Quasi-Krieg mit der RAF führte. Er kostete Dutzenden von Menschen auf beiden Seiten das Leben bis hin zu den unaufgeklärten Todesfällen in deutschen Gefängnissen.

Rußland ist nicht Deutschland; Geschichte wiederholt sich nicht, schon gar nicht in verschiedenen Ländern. Eines aber kann der Vergleich zeigen: So wie der Aufbruch der jungen Generation in Deutschland 20 Jahre nach dem Faschismus zu schroffen, für große Teile der Gesellschaft unannehmbaren Formen des Protestes führte, so ereignet sich heute Ähnliches, nur noch wesentlich schroffer in Rußland. Dessen Umbruch ist heute ein doppelter. Nicht nur der Stalinismus muß überwunden werden, sondern zugleich die aus dem globalisierten Kapitalismus resultierende Krise. Neue Angriffe auf die Lebensgrundlage der russischen Bevölkerung stehen zudem mit dem Beitritt Rußlands zur WTO unmittelbar bevor. Aus diesem doppelten Umbruch ist die Maßlosigkeit der gegenwärtigen Ereignisse in Rußland zu verstehen – solcher Aktionen wie denen der „Pussy riots“, ebenso wie die der Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft und des Staates. Es ist auch durchaus noch mehr dergleichen zu erwarten. Nur einen Tag nach der Urteilsverkündung haben die „Pussy Riots“ bereits ein neues Schmählied herausgebracht, um nicht zu sagen auf dem Markt. Nachfolgegruppen schießen wie Pilze aus dem Boden. Man kann nur hoffen, daß Wege der Integration gefunden werden – bevor eine Eskalation entsteht, die, wenn sie entsteht, einen deutschen Herbst leicht übersteigen könnte.

 

Kai Ehlers

www.kai-ehlers.de

 

Zum besseren Verständnis, was das Russische an Rußland ist:

Kai Ehlers, Rußland – Herzschlag einer Weltmacht. Deutsch-russischer Dialog mit dem Schirftsteller Jefim Berschin. Collagen von Herman Prigann, Pforte, 2009  

Schlagwörter: Aktionismus, Christentum, Deutscher Herbst, Feminismus, Gottestaat, Kulturkrise, Protestformen, Putin, russisch orthodoxe Kirche, Russische Justiz, Russland, Sinnkrise, Stalin, Tabubruch