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Auf den Spuren Attilas – Die Wiederentdeckung eines historischen Mythos. (Text)

Attila war der Zertrümmerer Roms. Vor ihm erzitterte Byzanz; er trieb die Germanen vor sich her, die ihrerseits die Völker des heutigen Westeuropa überrannten und erst haltmachten, als die Mauern Roms nicht mehr standen. Kein Limes konnte die Gewalt aufhalten, die da aus den Steppen des Ostens herangestürmt kam, nicht die heldenhaften Burgunder, später bekannt als die Nibelungen, nicht die frühen Franken, welche die Eroberung von Paris durch Attilas Reiter erdulden mußten.
Aber Attila war auch der,  an dem Europa zum erstenmal eine eigene Kontur gewann. Mit der Schlacht auf den katalaunischen Feldern in Südfrankreich im Jahre 451, die Attila weiteres Vordringen nach Westen stoppte, beginnt die eigenständige Geschichte Europas.
Die Reste der hunnischen Scharen ziehen sich in die südrussische Steppe zurück. Dort gründen sie das bolgarische Reich. Es erlebt seine größte Blüte am Ende des 7. Jahrhunderts. Nach seiner Zertrümmerung durch die Chasaren, einem weiteren asiatischen Volk, gründet ein Teil der Bolgaren  das donaubolgarische Reich, ein anderer Teil das wolgabolgarische. Beide Reiche werden im dreizehnten Jahrhundert von den Mongolen und den mit ihnen verbündeten Völkern  zerschlagen, die damit ihre eigenen, seßhaft gewordenen Vorfahren überrannten.
Viele Mythen, Legenden und Sagen unserer europäischen Kultur ranken sich um diese Völkerzüge und Kämpfe,. Es ist die Zeit der Helden, die Jugendgeschichte Europas. Es ist die Zeit der Nibelungen, die Zeit der Rache Kriemhilds, welche die Ihren an den Hof Attilas lockt, um sie dort niedermetzeln zu lassen. Die westliche Seite dieser historischen Mythe ist uns allen bekannt. In ihr spielt Attila die Rolle eines Erfüllungsgehilfen für Kriemhild, den Hintergrund für die Heldentaten der Nibelungen. Wer aber kennt ihre östliche Variante?
Ja, es gibt auch eine östliche Variante des Nibelungenliedes. Besser gesagt, es gibt ein östliches Heldenepos, das die Taten  und das Leben Attilas und sein Zusammentreffen mit den Völkern des Westens besingt. Lange Zeit war es so gut wie verloren,  war erst durch die mongolische Eroberung, nach der Zurückdrängung der Mongolen durch Moskau dann durch die russische, später durch die sowjetische, insgesamt durch die westliche Geschichtsschreibung auf die Nachtseite der Geschichte gedrängt. Jetzt, nach dem Ende der Sowjetunion, taucht  – wie so vieles – auch das fast vergessene Epos von Attila wieder auf: Mitten im Herzen Rußlands, am russischsten aller Flüsse, der Wolga, lebt ein Volk in einer autonomen Republik, die nach diesem Volk autonome Tschuwaschische Republik heißt. Dieses Volk, mit ca. 3 Millionen Menschen in der heutigen russischen Föderation seiner Größe nach an dritter Stelle nach den Russen und den Tataren zu nennen, leitet seine Geschichte über die Wolgabolgaren direkt von den Hunnen ab. In diesem Volk wird seit „urdenklichen Zeiten“  das Epos von „Atil und Krimkilte“ erzählt. Es ist eine moralische Geschichte darüber, wie Attila unter seinen aus dem Westen stammenden Gefangenen die schöne Kriemhilde entdeckt, sich in sie verliebt und an ihr zugrundegeht.
Bis  ins 18. Jahrhundert wurde dieses Epos nur mündlich weitergeben. Im 18. Jahrhundert wurde es von dem tschuwaschischen Dichter Petraw erstmals aufgeschrieben, jedenfalls ist das die einzige erhaltene schriftliche Fassung. Um die Jahrhundertwende erlebte das tschuwaschische Volk eine kulturelle Renaissance, nachdem es in seiner Identität als eigenständiges Volk erst durch die Mongolen im dreizehnten Jahrhundert, in den folgenden Jahrhunderten durch die russische Ostkolonisation fast ausgelöscht worden war. Wladimir Iljitsch Lenin, der Begründer der Sowjetunion, stammte aus Simbirsk, einer der Kultstätten des tschuwaschischen Volkes. Er war selbst zu einem Drittel Tschuwasche, er unterstützte die Renaissance der tschuwaschischen Selbstständigkeit und versuchte sie solange wie möglich auch gegen Stalins Angriffe zu schützen. Spätestens mit Lenins Tod aber war es auch mit der tschuwaschischen Eigenständigkeit vorbei. Die tschuwaschische Sprache wurde auf die Dörfer verbannt,  das Epos verschwand in privaten Archiven und Truhen.
In einer dieser Truhen entdeckte ich es, als ich 1992 mit dem tschuwaschischen Schriftsteller, Sammler von Legenden und Mythen seines Volkes, Mischa Juchma, in der Hauptstadt der tschuwaschischen Republik Tscheboksary zusammentraf. Da saßen wir uns unvermittelt gegenüber, ein Nachfolger der Hunnen und ein Nachfolger westlicher Völker, verwundert darüber, daß der eine von der Existenz eines Epos der jeweils anderen Seite bis dahin nichts wußte; Mischa Juchma kannte die Nibelungensage nicht und ich nicht das Epos „Atil und Krimkilte“. Soviel aber war sofort klar: Beide Epen berichten  über denselben historischen Zeitraum,  denselben Attila und dieselbe Krimhilde,  atmen denselben Geist der Helden – nur hier aus östlicher, dort aus westlicher Sicht. Über diese Entdeckung berichtet dieses Stück.

Kai Ehlers

Ankündigung im Programmheft des Bayerischen Rundfunks, Schulfunk

Siehe: Auf den Spuren Attilas unter Feature