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Globalisierung und Identität

Thesen
Erstmals vorgelegt
anlässlich eines Seminares vom 23.-25.11.20001
der evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern:
„Altai – Wiege der Völker und letzte ökologische Zuflucht?“

1. Mit dem Ende der Sowjetunion ist die polarisierte Welt des 20. Jahrhunderts in Bewegung geraten. 2. Das sah zunächst aus wie ein Siegeszug des Kapitalismus und der sog. westlichen Zivilisation, insonderheit der USA. Tatsächlich ging die Krise der Sowjetunion der Krise des Westens, auch hier wieder vor allem der USA, nur voran.3. Tatsächlich sind im Schoße der vom sog. Westen entwickelten und beherrschten industriellen Zivilisation, besonders heftig auch in der Sowjetunion, Verhältnisse herangewachsen, die auf eine grundsätzliche Umwälzung der herrschenden Modelle der wissenschaftlich-technischen Zivilisation und der sie erhaltenden Machtverhältnisse hinauslaufen. Es ist eine Wachstumskrise, welche die Ablösung einer bloß technischen durch eine moralische und soziale Modernisierung beinhaltet,  die an einer für alle Menschen lebensfähigen ökologisch zu gestaltenden Zukunft orientiert ist – wenn die zur Zeit herrschenden Mächte das zulassen. 4. Die beiden ehemaligen Supermächte unterscheiden sich in ihrer Reaktion auf ihre jeweilige Krise diametral: Die Führung der Sowjetunion akzeptierte in der Person von Michail Gorbatschow die Politik der Transformation als unausweichlichen Schritt in ein „Neues Denken“, nachdem die Niederlage in Afghanistan klar machte, dass die Union das Ende der russisch-sowjetischen Expansion erreicht hatte und ein Übergang zur intensiven Entwicklung, zur Dezentralisierung und Demokratisierung unausweichlich sei. Die USA unter ihrem Präsidenten George W. Bush dagegen sind nicht gewillt, die Krise zum Anlass einer Transformation ihres liberal-kapitalistischen Gesellschaftsmodells zu nehmen, sondern versuchen sie durch neuerliche Expansion zu überwinden. 5. Dabei unterscheidet sich die amerikanische Expansion grundsätzlich von der russisch-sowjetischen: War die russisch-sowjetische entlang der gesamten Entstehung des russsisch-sowjetischen Imperiums im Wesen eine territorial integrierende, so ist die us-amerikanische im Gegensatz dazu im Wesen eine maritim intervenierende – was überseeische Interventionen seitens der UdSSR und territoriale Kolonisation der USA in Mittel- und Südamerika zur Zeit des kalten Krieges nicht ausschloß. Grundsätzlich folgt aber aus dem unterschiedlichen geografisch und historisch bedingtem Herkommen Russlands und der USA offensichtlich nicht nur ein unterschiedlicher Charakter der Kolonisation, sondern auch unterschiedliche Vorstellungen zu Lösung der  gegenwärtigen Krise. 6. Elemente der möglichen neuen Verhältnisse, die aus der Krise hervorgehen könnten, sind  eine multipolare Weltordnung der Völker und Kulturen mit einer zu dieser Ordnung gehörenden sozialen Symbiose zwischen industriellen Produktionsweisen und persönlicher, bzw. familiärer Subsistenz durch die eigene Produktion von Grundlebensmitteln und Mitteln des eigenen Bedarfs. Dies schließt die Tendenz zur Entwicklung von Stadtgärten und handwerklichen Kleinstbetrieben aller Art mit ein, die gegenwärtig nicht nur auf dem Lande und nicht nur in Ländern der ehemaligen dritten Welt, sondern auch in den Metropolen der Industriegesellschaften, auch denen der USA zu beobachten sind. 7. Diese Verhältnisse – global wie lokal – entstehen nicht als Modell, sondern aus unmittelbarer Lebens-, sogar Überlebensnotwenigkeit als Selbsthilfe im Gegenzug gegen die Konzentration des Weltkapitals in immer weniger Händen. 8. Es ist zu hoffen, daß sich diese neue Ordnung, deren Voraussetzungen in den Jahren seit dem ersten und dann verstärkt seit dem zweiten Weltkrieg bereits herangewachsen sind, mit möglichst wenig Widerstand von Seiten der jetzt Herrschenden und mit möglichst wenig Gewalt seitens der Vertreter der herandrängenden neuen Ordnung durchsetzen kann. Durchsetzen wird sie sich so oder so – oder die menschliche Welt wird nicht mehr sein. 7. Die Ereignisse seit dem 11. 9. 2001 bestätigen die Aktualität dieser Überlegungen. Eine bloße kriegerische Antwort der industriellen Welt auf die Herausforderung durch den fundamentalistischen Terrorismus – wo immer er sich artikuliert – wird die herangereiften Alternativen weder ersetzen können, noch entwickeln. Er wird die unvermeidliche Auseinandersetzung darum lediglich in eine Eskalation der Gewalt verwandeln. Nicht nur menschlicher, sondern auch effektiver wäre es, die Debatte und die Bemühungen zur friedlichen und kooperativen Förderung der anstehenden Alternativen in den Vordergrund zu stellen. Kai Ehlers, 22.11.2001www.kai-ehlers.de