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Kontroverse: Das bedingunlsose Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen

Kontroverses Gespräch mit Kai Ehlers und Lars Grünewald
Gespräch im Hamburger “Hinweis”, November 2009

Kann das bedingungslose Grundeinkommen unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen? Immer wieder gibt es dazu engagierte und emotionale Diskussionen, im September wurde in etlichen Ländern eine Woche des Grundeinkommens veranstaltet und Vielen scheint es ein Ausweg aus einer prekären Lebenssituation zu sein. Deutschland ist reich wie nie zuvor, aber die Schere von sozialer Bedürftigkeit einerseits und hochproduzierender Gesellschaft andererseits klafft immer weiter auseinander. Wie kann das vorhandene Geld auf sinnvolle Weise verteilt werden? Das folgende Gespräch zeigt Hintergründe, mögliche Konsequenzen und auch, wie umfassend die Diskussion über das Grundeinkommen angelegt sein muss, wenn ein wirklich gesellschaftlicher Fortschritt damit verbunden sein soll. (Manche Aussagen im Interview beziehen sich auf Ausführungen von Götz Werner. Dazu gab es im HINWEIS 11/2006 und 12/2006 jeweils einen Leitartikel, der im Internet-Archiv einzusehen ist unter: www.treuhandstelle-hh.de/hinweis.php)

Interviewpartner: Lars Grünewald, geb. 1962, Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften, danach autodidaktisches Philosophiestudium mit den Schwerpunkten Deutscher Idealismus und Anthroposophie. „Mich interessiert besonders die Verknüpfung des reinen Denkens mit den grundlegenden sozialen Problemen, die wir heute in unserer Gesellschaft haben. “ Er ist tätig in der Erwachsenenbildung mit Seminaren und Vorträgen, z. B. Einführung in das reine Denken (Hegels „Wissenschaft der Logik“), Grundlagen der Sozialgestaltung, zwischenmenschliche Beziehungen, Kommunikationsmethodik, Astrologie etc.; in Hamburg hauptsächlich in der Forum-Initiative.

Kai Ehlers, 1944 in Brüx bei Prag geboren. Er studierte Deutsch, Publizistik, Theaterwissenschaft, beendete aber sein Studium 1968 zugunsten von Gemeinschaftsexperimenten. Ab 1970 war er als politischer Journalist in der außerparlamentarischen Opposition (APO) und ihren Organisationsnachläufern tätig. „Als Transformationsforscher – Schwerpunkt: Nachsowjetische Wandlungen und deren Folgen für die soziale Entwicklung des Sozialen – beschäftige ich mich heute damit, welche Auswirkungen die Krise auf unser Leben hat. Und da spielt die Frage nach dem Grundeinkommen eine entscheidende Roe.“ Diverse Veröffentlichungen, u.a. zu dem Thema Grundeinkommen

Christine Pflug: Kai Ehlers, welche gutenGründe gibt es für die Einführung des Grundeinkommens?

Kai Ehlers: Wir leben in einer Zeit, in der die ohnehin zunehmend prekären Lebenssituationen vieler Menschen durch politische Maßnahmen noch weiter eingeschränkt und bedroht werden. Dem, was sich bei uns in Deutschland einerseits durch Hartz IV, Agenda 2010 und ähnliches entwickelt hat, stehenauf der anderen Seite eine große Produktivität und enorm hohe Gewinne der Industrie gegenüber. Da muss man sich fragen: Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite geht es vielen Menschen zunehmend schlechter, sie werden aus der Arbeit ausgegrenzt, marginalisiert, sind psychisch und physisch in einer tendenziell verelendeten Situation, auf der anderen Seite ist das Land so reich wie nie zuvor – man kann es selbst im „Spiegel“ nachlesen. Man muss einen inneren Zusammenhang herstellen, um das zu verstehen. Die hohe Produktivität könnte uns eigentlich in die Lage versetzen, die gesamte Bevölkerung, auch die, die nicht in Lohnarbeit steht, ohne Probleme zu ernähren. Das geschieht im Prinzip ja tatsächlich, insofern diejenigen, die keine Arbeit haben, ihre Sozialleistungen bekommen, also von denen mitgetragen werden, die Lohnarbeit haben. Die hohe Produktivität könnte die Basis sein, mehr an sozialer Gerechtigkeit herzustellen, das geschieht aber nicht, weil große Teile dieser Produktivität für Dinge abgezogen werden, die für das soziale Leben nichts bringen, stattdessen in die Unterhaltung der Bürokratie fließen, die Harz IV umsetzt und die Einhaltung der Vorschriften kontrolliert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Da das Geld vorhanden ist und sowieso an diejenigen verteilt werden muss, die aus der Produktion, aus gesellschaftlichen Arbeitsprozessen und an den Rand gedrängt wurden, – warum gibt man es ihnen dann nicht in freier Weise? Warum müssen sie sich dafür bücken, warum kontrolliert werden? Mit dem Thema der Kontrolle stellt sich auch die Frage der Freiheit. Warum sperrt man die Kreativität ein, die durch die freigesetzte Arbeitskraft entstünde, wenn man die Menschen frei handeln ließe? Das genau geschieht nämlich bei Hartz IV: die Möglichkeit, neue Ideen, neue Aktivitäten, sich selbst zu entwickeln, kreativ zu sein, wird unterbunden. ….

weiter im “Hinweis” November 2009

http://alt.kai-ehlers.de/wp-content/uploads/2009-10-23-Hinweis-Nov-Archiv.pdf