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„Konsumterror“ 68 – Konsumoffensive im heutigen Russland

Skizze zu einem immer wieder ausgegrenzten ZusammenhangReferat auf der Konferenz: „1968 – Eine globale Revolte und ihre Bilanz“

Was hat die 68er Parole „Kampf dem Konsumterror“ mit Konsumoffensive im heutigen Russland zu tun? Zunächst scheinbar nichts außer dem Wort „Konsum“. Der tiefere Zusammenhang erschließt sich jedoch, wenn beide Vorgänge nicht als begrenzte nationale oder örtliche Ereignisse, sondern als Ausdruck eines Kulturbruchs begriffen werden, dessen Kern die weltweite Transformation der industriellen ineine nach-industrielle Gesellschaft seit dem 2. Weltkrieg ist und deren äußerer Ausdruck das ist, was wir gemeinhin heute Globalisierung nennen.

Mehrere Schübe der industriellen Modernisierung führten in den späten 50er und 60er Jahren dazu, dass Länder und soziale Schichten in den Verwertungsprozess der Industriegesellschaften mit hineingezogen wurden, die bis dahin davon verschontgeblieben waren. Das betraf die Intelligenz, die lernende Jugend und Teile des selbstständigen Mittelstandes in den Metropolen ebenso wie Länder der ehemals von Europa kolonisierten Welt. Die großen Unruhen, „Aufbrüche“ und Revolten Ende der50er, Mitte und Ende der Sechziger waren Ausdruck dieser Tatsache. Unter dem Druck der ideologischen Systemteilung der Welt nahmen die Unruhen in Ost und West scheinbar gegenläufigen Charakter an und konnten getrennt voneinander integriert, bzw. unterdrückt werden. Von ihrem Grundimpuls her waren jedoch sowohl die westliche Revolte der 60er Jahre und später ebenso wie der sowjetische „Frühling“ unter Chruschtschow und spätere Reformversuche in Ungarn und der Tschechoslowakei von Protesten gegen die Zwänge des jeweiligen „Systems” und vomVerlangen nach Verteidigung, bzw. Erweiterung der persönlichen Bewegungsfreiheit getragen.

Hier wie dort siegte die jeweilige Systemlogik über den Impuls seiner Erneuerung und setzte mit seiner Festigung die Anforderungen der Modernisierung durch, wobei sich das westliche Lager am Ende als integrationsfähiger, vielleicht auch nur als geschickter erwies. Der Zusammenbruch des sowjetischen (bzw. nacheinander des chinesischen, dann des sowjetischen und seines Einflussbereiches) ließ im Westen die Illusion eines endgültigen Sieges des Kapitalismus gegenüber seinem sozialistischen Alter Ego entstehen. Die Kapitalisierung der Welt nach westlichem Muster konnte nun als einziger, quasi naturgegebener Weg der menschlichen Entwicklung erscheinen. Tatsächlich war die Auflösung des sozialistischen Lagers, insbesondere der Zusammenbruch der Sowjetunion am Ende des kalten Krieges nur der Startschuss für die Entgrenzung der zuvor innerhalb der Systemgrenzen aufgestauten Transformationsenergien der spätindustriellen Gesellschaften ihrer globalen Gesamtheit. Als „Globalisierung“ ging diese Entgrenzung nach der Auflösung der Sowjetunion um die Welt.

Was sich vielen Menschen zunächst nur als Krise des Sozialismus darstellte, erwies sich sehr bald als generelle Krise des Industrialismus, bei welcher der Offenbarungseid des Staatskapitalismus dem des Privatkapitalismus nur voranging. Die globale Transformationskrise des Industrialismus ist durch den weltweit wachsenden Widerspruch von voranschreitender Produktivität und dahinterzurückbleibenden Produktionsverhältnissen gekennzeichnet. Das gilt, wenn auch in spiegelverkehrter Weise, für das westliche wie das östliche System. Im Osten entwickelte sich die bürokratische Verwaltung des Kapitals zur Bremse individueller Qualifikation und Initiative. Im Westen intensivierte sich der gesellschaftliche Charakter der Produktion rasant, während die Aneignungsform derProduktionsergebnisse privat blieb und die Weiterentwicklung der Produktivkräfte in Richtung einer gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Nutzung behindert wurde.

Mit dem Ende der Systemkonfrontation waren beide Bremsen gelockert. Eine hemmungslose Welle der Privatisierung verband sich mit einer ebenso hemmungslosen Automatisierung und Intensivierung der Produktion zu einer weltweiten widersprüchlichen Explosion der vorher gestauten Produktivkräfte. Automation und Intensivierung drängen – trotz gleichzeitiger Ausweitung – mit großer Beschleunigung eine wachsende Zahl von Menschen als „überflüssig“ aus der unmittelbaren Produktion, während die verbleibenden Menschen, deren Initiative undWissen gebraucht werden, noch stärker belastet werden. Die Zahl der „Überflüssigen“ wird durch das exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung noch erhöht. Das Heer der „Überflüssigen“ drückt auf die Löhne der noch Beschäftigten. Zugleich wird Bildungzu einem Selektionsprogramm zur Aufzucht von Spezialisten und Facharbeitern. Es entwickelt sich eine weltweite Differenzierung in eine elitäre Minderheit von Kapitaleignern einschließlich hochqualifizierten industriellen Bedienungs- und ienstleistungspersonals einerseits und der sich weiter beschleunigendenProletarisierung einer wachsenden Mehrheit der Weltbevölkerung andererseits – deren physische Arbeitskraft selbst nicht mehr benötigt wird. Der entfesselte Kapitalismus, scheint es, bestimmt die Spielregeln der globalen Entwicklung.

Der vermeintliche globale Siegeszug des Kapitalismus erweist sich jedoch als kurzlebige Illusion. Dies tritt mit besonderer Schärfe aus der Entwicklung des nachsowjetischen Russland hervor. Dessen Überführung von einer „sozialistischenKommandowirtschaft“ in eine „freie Marktwirtschaft“ brachte nicht das Ergebnis, das von den Betreibern der „Schocktherapie“ erwartet wurde. Das kapitalistische Modell der „freien Marktwirtschaft“ konnte die ihm zugedachte Rolle eines Reparaturkonzepts für den kranken Sozialismus nicht erfüllen, weder in seineramerikanischen, noch in seiner europäischen, japanischen oder sonstigen Variante, vielmehr tritt „der“ Kapitalismus selbst als reparatur- und umwandlungs- und differenzierungsbedürftig aus dieser Entwicklung hervor: Die Verwandlung der Planwirtschaft in eine freie Marktwirtschaft ist auch nach zwanzig Jahren Transformation in Russland nicht etabliert, Wirtschaft und Gesellschaft Russlandsfolgen bis heute nur zu Teilen dem Prinzip der Selbstvermehrung des Kapitals; der größere Teil der russischen Wirtschaft realisiert sich bis heute durch den Verkauf von Ressourcen, ergänzt durch familiäre und gemeinschaftliche Selbstversorgung, die sich in Russland im Laufe der Jahrhunderte, und noch einmal verstärkt durch die Sowjetzeit anders als im Westen zum tragenden Bestandteil der Volkswirtschaftentwickelt hat. Zwischen kapitalintensiven Großbetrieben und Ressourcenbewirtschaftung, bzw. Strukturen gemeinschaftlicher Selbstversorgung gibt es im Russland von heute zudem keinen marktwirtschaftlich“ produzierenden eigenständigen Mittelstand. Viele Großbetriebe sind bis heute in staatlicher oder kommunaler Hand. Was so in Russland entstanden ist, ist keine Rückkehr zu „sozialistischen Strukturen“; es sind aber auch keine „kapitalistischen“; es ist irgendetwas dazwischen.

Ein markantes Beispiel für diese Zwischenformen ist der Monopolist Gasprom. Als staatlich gelenkter, privatrechtlich organisierter Energiemulti steht Gasprom im globalen Finanzwesen, an der Basis seiner vielgliedrigen Einzelbetriebe vor Ort bezieht erjedoch immer noch die familiäre und gemeinschaftliche Selbstversorgung in seinebetriebswirtschaftlichen Kalkulationen mit ein, indem z.B. die Entlohnung darauf eingestellt wird, dass Möglichkeiten der Selbstversorgung bestehen oder solche sogar in Form von Datschengelände vom Betrieb aus gestellt werden. „Mit dem Kopf inder Globalisierung, mit den Füßen im Garten“, nenne ich das.1 Was für Gasprom im Großen gilt, gilt für zahllose kleinere Betriebe Russlands im Mittleren und im Kleinen.

Zur Zeit versucht die russische Politik mit Macht eine „Monetarisierung“ gegen diese Grundorganisation der Gesellschaft durchzusetzen. Die Monetarisierung solldurch Privatisierung der kommunalen und sozialen Dienste, der Bildung, der Landwirtschaft sowie der privaten Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcenerreicht werden, nachdem die großen Betriebe in den letzten Jahren bereits privatisiert wurden. Es zeigt sich jedoch, dass diese Strategie auf tiefes Unverständnis, ja sogar auf offenen Widerstand jener Teile der Bevölkerung stößt,die nach wie vor trotz, bzw. gerade wegen der Ergebnisse der bisherigen Privatisierung, die sie als Raub am Gemeinschaftseigentum und als Einbruch der sozialen Sicherheit erleben, an Strukturen der familiären und darüber hin
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Zugleich, so paradox das erscheinen mag, verbreitet sich der Supermarkt als Symbol desFortschritts im Lande. Es bleibt sogar nicht bei Super-, sondern schreitet fort zu Mega- und Gigamärkten – ohne das jedoch eins das andere abgelöst hätte.Kurz gesagt, es entwickelt sich eine undefinierbare Mischung aus Elementen einer auf Fremdversorgung orientierten Konsumwirtschaft kapitalistischen Typs, die krasse Züge eines „Konsumterrors“ trägt, und einer nach wie vor bestehenden verbrauchsorientierten, familiären, gemeinschaftlichen, lokalen oder regionalen Selbstversorgung und Eigenproduktion, die den von der gegenwärtigen Regierung gewünschten Geldkreislauf relativiert und unterminiert. Auf dem Niveau der Gesamtwirtschaft wiederholt sich dieses Muster als Symbiose von Ressourcenhandel und Industrieproduktion, bei der Russlands Verkauf der Ressourcen das Einkommen durch die Industrieproduktion bei Weitem übersteigt. Dabei ist die nach wie vor tief in der Gesellschaft verankerte Beziehungswirtschaft noch nicht erwähnt, die häufig leichtfertig mit Korruption gleichgesetzt wird. In einer ernsthaften Analyse sind Methoden der bürokratischen Wirtschaft, der Korruption, der Mafia und derBeziehungswirtschaft sauber voneinander zu unterscheiden.

Wie auch immer im Detail: Die Wirtschaft, die bisher nach Auflösung der Sowjetunion entstanden ist, wird von russischen Analytikern wie z. B. von Tatjana Saslawskaja als „Hybrid“, bezeichnet, nicht kapitalistisch eben, aber auch nicht sozialistisch.Von Frau Saslawskaja ging seinerzeit die Nowosibirkser Schule aus, die Gorbatschowtheoretisch abstützte. Andere Analytiker wie der Leiter der „Moskauer Hochschule für Wirtschaft und Politik“, Prof. Theodor Schanin sprechen von „Expolarer Wirtschaft“, die sich irgendwie zwischen den Polen von „Kapitalismus“ und „Sozialismus“ bewege, die ohnehin nur als Modelle zu verstehen seien, während die Wirklichkeit im einen wie im anderen Modell weitgehend von informellen Strukturen bestimmt werde. Was in Russland heute entsteht, ist jedenfalls, so viel lässt sich bisher sicher sagen, kein Durchmarsch „des“ Kapitalismus, sondern eine bisher noch keineswegsausreichend erkannte Mischform zwischen privatwirtschaftlicher kapitalistischerProduktionsweise westlichen Typs und Elementen dessen, was Karl Marx seinerzeit die „asiatische Produktionsweise“ nannte: eine bürokratisch gelenkte Wirtschaft auf der Basis gemeineigentümlicher Selbstversorgung. Gemeinschaftseigentum undIndividualeigentum, heißt das, traditionelle Wirtschaftsverwaltung und persönliche Initiative, automatisierte Industrieproduktion und familiäre wie auch gemeinschaftliche Selbstversorgung gehen eine neue Verbindung miteinander ein.

Möglicherweise werden in der russischen Transformation Keime für eine Wirtschaftsweise sichtbar, die – allen gegenwärtigen kurzfristigen Tendenzen einer Hyperprivatisierung und Mega-Kapitalisierung in Russland selbst zum Trotz –exemplarische Hinweise und Lösungsansätze dafür enthält, wie die „Überflüssigen“ zukünftig in die gesellschaftliche Entwicklung integriert werden können, indem sie sich – aus dem allgemeinen Bruttosozialprodukt einer produktiven Gesellschaftrundum grundversorgt – in Würde einer eigenen kreativen Tätigkeit im sozialen, kulturellen, ethischen oder auch eigenproduktiven wirtschaftlichen Bereich widmen können, die auch der Gesellschaft insgesamt nützt. Die bedingungslose Grundversorgung jedes einzelnen Menschen auf Grundlage der allgemeinenProduktivität der Gesellschaft – ob durch Geld oder durch Vergütung, das sei hier 1 Siehe dazu das angegebene Buch „Erotik des Informellen“offen gelassen – ist allerdings die unverzichtbare Bedingung für die Entwicklung eines solchen neuen, freien Verhältnisses zur Arbeit.

Die Symbiose von Industrieproduktion und gemeinschaftlicher Selbstversorgung, die in Russland heute als möglicher Weg hervortritt, auch wenn russische Politik selbst dem historischen Pendelschlag folgend zur Zeit von einer Grundversorgung nichtswissen will und diese Idee vermutlich erst aus dem Westen wieder nach Russland zurückkehren wird, zwingt uns, unser Verständnis von „Kapitalismus“ und„Sozialismus“ zu entmystifizieren und den Blick für die Entwicklungen zu schärfen, die das Prinzip der Selbstvermehrung des Kapitals heute in Frage stellen. Dabei ist der Horizont durchaus auch über Russland hinaus zu öffnen, ohne relativieren zu wollen, daß Russland, aus der historischen Konfrontation von Sozialismus und Kapitalismus kommend, heute der extremste Umschlagsraum für die anstehendenWandlungen ist. Ansätze von Alternativen zur herrschenden Wirtschafts- und Finanzpolitik werden aber auch in der Herausbildung eines islamischenWirtschaftsmodells erkennbar, in dem der Kreditherrschaft des IWF und der Weltbankdas aus der Scharia hervorgehende Verbot der Zinsnahme bei gleichzeitigen Gebot der Solidarität entgegensetzt wird. Malysia probt seit der Asienkrise ein entsprechendes Modell. Auch in Südamerika deuten sich mögliche neue Formen derSolidarwirtschaft an. In der EU, in Deutschland entwickelt sich die Auseinandersetzung um Mindestlohn und Einführung eines Grundeinkommens, um die Herausbildung von Produktions- und Konsumgemeinschaften, generell um neue Produktionsverhältnisse, die der Intensivierung der Produktivkräfte entsprechen.Unsere Aufgabe ist es, alle diese sich zum Teil überkreuzenden Entwicklungen vorurteilslos wahrzunehmen und zu analysieren, Chancen und Gefahren abzuwägen, um Keime für eine lebensdienliche Wirtschafts- und Lebensweise finden und fördern zu können.Kai Ehlerswww.kai-ehlers.de

Veranstalter: Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Mitveranstalter: Marx-Engels-Stiftung Wuppertal, MASCH Hamburg (Marxistische Abendschule), sowie die
Zeitungen und Zeitschriften ‚junge Welt’, ‚Lunapark 21’, ‚Marxistische Blätter’, ‚scharf-links’, ‚SoZ’ -
Sozialistische Zeitung, ‚UZ’ – unsere Zeit, ‚avanti’.

Vertiefende Arbeiten von mir zum Thema sind u.a.:

Bücher:
- „Erotik des Informellen – Impulse für eine andere Globalisierung aus der
russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation“, edition 8, Zürich 2004
- „Aus der Not eine Tugend machen . Exemplarische Entwicklungsimpulse aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus“, in „Losarbeiten, arbeitslos, Unrast 2005
- „Grundeinkommen für alle – Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“, Pforte, 2007/2008

Texte:
- Weltmacht im Wartestand: Angst vor Russland – warum?
- Russland nach der Wahl – vor einer zweiten Welle der Privatisierung?
Weitere Texte unter dem Suchwort: „Symbiose“ auf meiner Website
Demnächst erscheint:
Russland – Herzschlag einer Weltmacht“, Pforte, Eine Analyse der nach-sowjetischen, russischen Entwicklungskräfte.